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Zuletzt schlugen sie mit der Machete zu
Marc Goergen

Sie werden verstümmelt, vergewaltigt, verstoßen. Tausende Frauen und
Mädchen sind Opfer marodierender Rebellen, die seit Jahren den Osten
des Kongos terrorisieren. Für einige der Frauen ist ein Krankenhaus in Bukavu
die einzige Zuflucht.

Zuerst war es nur eine böse Ahnung. Was wusste Emiliana mit ihren 13 Jahren schon von den Vorzeichen neuen Lebens? Dann begann sich ihr Bauch zu wölben, ihre kleinen Brüste schwollen an, und aus Ahnung wurde Angst. Emiliana wollte nichts mehr essen, versagte dem Kind in ihrem Leib alle Kraft und Liebe. Doch der Spross war zäh. Seine Füße begannen ihren Bauch zu treten, seine Finger formten sich zu kleinen Fäusten. Am 5. Januar 2007 morgens um fünf wurde er geboren.


Er, Moïse, die Frucht von drei Wochen Gewalt.


Heute, fast ein Jahr später, sitzt Emiliana Asemaki auf einem Bett des Panzi-Krankenhauses in Bukavu und hält Moïse in den Armen. Der Blick ihrer großen Kinderaugen wandert von ihrem Sohn auf den Boden, dann wird er unscharf. Fast scheint es, als ob sie ihr altes Leben suchte, das sie in den Wäldern verloren hat. Hier hofft sie auf ein neues.


Bukavu liegt inmitten einer paradiesischen Landschaft am östlichen Ende der Demokratischen Republik Kongo. Die Halbinseln der 250 000-Einwohner-Stadt reichen weit in den Kiwusee hinein, manche Wohnviertel haben die Hügel erklommen, neblig-grün schieben sich am Horizont die Bergketten übereinander. Das Klima ist günstig. Mais gedeiht hier, Bananen, Maniok, Kartoffeln, der See ist voller Fische, und Gorillas durchstreifen noch immer die Wälder, nur ein paar Kilometer von der Stadt entfernt.


Doch im Garten Eden herrscht der Terror, ein Krieg gegen die Schwächsten – die Frauen. 13 000 Vergewaltigungen zählten die Vereinten Nationen im vergangenen Jahr im östlichen Kongo, oder besser: schätzten. Es dürften Tausende mehr sein. Tage-, wochen-, manchmal monatelang werden Frauen von Rebellen in die Wälder verschleppt, ihre Männer erschossen, ihre Kinder erschlagen; werden sie vergewaltigt, allein, in Gruppen, mit Ästen, Messern, keine Fantasie scheint zu pervers, als dass sie den Peinigern nicht in den Sinn käme, um ihre Opfer systematisch an Leib und Seele zu vernichten.


Letzte Hoffnung für viele ist das Panzi-Krankenhaus in Bukavu. Hier versuchen Gynäkologen verstümmelte Geschlechtsorgane zu retten und zerbrochene Seelen zu kitten. Manche Frauen kommen aus Dörfern viele Hundert Kilometer entfernt.

Manche haben schon ein Dutzend Enkel.
Und manche sind erst 13.


Emilianas Kindheit endete am 20. März 2006 in ihrer Heimatstadt Shabunda, 200 Kilometer westlich von Bukavu. Ein Morgen wie Hunderte zuvor. Emiliana packt die Plastiktüte mit den Schulbüchern, verabschiedet sich von der Mutter. Vor dem Haus trifft sie Rose von nebenan. Rose ist ihre beste Freundin. Jeden Morgen gehen die beiden gemeinsam zur Schule. Emiliana ist gut in Mathe, Rose besser in Französisch. Beide besuchen die vierte Klasse. Um zwölf Uhr ist Schulschluss. Mit vier Freundinnen machen sich die Mädchen auf den Heimweg, doch sie kommen nur ein paar Meter weit. Hutu-Rebellen fangen sie ab, die einstigen Völkermörder aus Ruanda. Sie sagen: Tragt unsere Taschen, nur bis zum Wald, dann dürft ihr wieder gehen. Sie zeigen den Kindern Handgranaten unter ihren Jacken.


Verängstigt gehen die Mädchen den Soldaten voran. Sie tragen die Taschen voller Mais, Bananen und Fleisch, alles Diebesgut. Keine traut sich ein Wort zu sagen, selbst als sie den Wald erreichen. Immer weiter treiben die Männer die Kinder hi-
nein, immer dichter schließen sich die Bäume über ihnen. Äste zerkratzen Arme und Beine, sie stolpern über Wurzeln, fallen, rappeln sich wieder auf. Irgendwann, nach vier, vielleicht auch acht Stunden, stoppen die Männer.


„Ausziehen!“, befiehlt einer der Männer. Ein Mädchen nach dem anderen streift sich das Kleid vom Körper. Verschämt versuchen sie, mit ihren Armen die Blöße zu bedecken. Dann legen die Soldaten ihre Waffen beiseite. Ein Mädchen beginnt zu schreien, will die Männer mit Händen und Füßen von sich fernhalten. Als es nicht aufhört, schneidet ein Milizionär ihm die Kehle durch.


Nach einer Ewigkeit graut der Morgen. Die erste Nacht ist vorbei. Emilianas Leben als Sklavin hat begonnen.


Auf dem Bett in Bukavu gibt Emiliana dem Sohn die Brust. Wie eine zu große Puppe liegt Moïse in ihren Armen. Moïse –den Namen haben ihm die Schwestern gegeben. Ihr selbst war es egal. Während der jungen Mutter Tränen über die Wangen rinnen, beginnt das Kind zufrieden zu saugen.


Emiliana teilt ihr Zimmer mit einer weiteren Mutter. Insgesamt 20 Frauen leben in dem Haus, einer Art Auffangstation der Klinik für alle, denen mit chirurgischer Kunst allein nicht zu helfen ist. Sie alle können nicht mehr zurück in ihre Dörfer. Weil sie sich schämen, weil es keine Familien mehr gibt, weil es keine Dörfer mehr gibt. Sie lernen nähen und Körbe flechten, um sich und den ungewollt empfangenen Nachwuchs irgendwann selbst ernähren zu können. Es ist eine vergleichsweise heile Welt.


100 Meter weiter liegt das eigentliche Krankenhaus. Ein Dutzend Flachbauten, davor Menschen mit Verbänden, Cola-Verkäufer, Mofa-Taxis. Die Ärzte in
Bukavu behandeln auch Knochenbrüche und Blinddarmentzündungen, doch die meisten Patienten sind vergewaltigte Frauen. Mehr als 300 werden jeden Monat in die gynäkologischen Trakte eingewiesen: große Säle, in der Luft eine Melange aus Schweiß, alter Bettwäsche, Desinfektionsmitteln und eitrigen Wunden. Wie in Trance laufen manche Patientinnen dort umher. Andere kauern auf den Betten. Ein paar plaudern.


„Die Frauen werden systematisch zerstört“, sagt Chefarzt Denis Mukwege, „die Rebellen vergewaltigen sie nicht aus sexuellem Trieb, sondern weil sie wissen, dass sie so ganze Familien, das ganze Land vernichten. Jede Gruppe hat sogar ihre eigene Methode. Das ist viel effektiver, als mit Waffen zu kämpfen.“


Mukwege ist Gründer des Krankenhauses. Ein groß gewachsener Mann von 52 Jahren, die Stimme heiser, die Tränensäcke dunkel. Manchmal gähnt er mitten im Satz. Noch immer übernimmt er selbst fünf Operationen pro Tag. In der Anfangszeit der Klinik waren es bis zu 20. Meist sind es Fisteln, Durchbrüche zwischen Darm und Blase oder Scheide, hervorgerufen durch Äste, die Rebellen den Frauen gewaltsam einführten. Andere benutzen dazu die Läufe ihrer Gewehre. Wiederum andere drücken auch ab.


1999 begann Mukwege mit finanzieller Unterstützung aus Schweden, die ersten Frauen zu behandeln. Seine Hilfe sprach sich herum, und immer längere Schlangen warteten morgens vor dem Tor. Heute arbeiten hier 12 Ärzte und 30 Schwestern. Gingen die Frauen früher Tage oder Wochen zu Fuß, gibt es mittlerweile Jeeps, die in regelmäßigen Abständen die Dörfer abfahren: stundenlange Touren über holprige Pisten, in den Krankenstationen warten dann oft mehr als 100 Frauen auf die Ärzte. Einfache Fälle werden heute gleich vor Ort behandelt, komplizierte mitgenommen. Das System hat sich eingespielt.
„Am Anfang hab ich mir noch jeden Fall angehört, aber das hat mich selbst traumatisiert“, sagt Mukwege. „Ich bekam panische Angst um meine Töchter. Ich wollte sie überhaupt nicht mehr aus dem Haus lassen. Heute versuche ich, nur noch die körperlichen Schäden zu sehen, das Operationsfeld. Sonst kann man diesen Job nicht machen. Nicht bei diesen Geschichten.“


Für die fünf Mädchen im Wald wird es Morgen, wird es Abend, wird es wieder Morgen. Meist marschieren sie viele Stunden pro Tag, schon längst hat Emiliana keine Ahnung mehr, wozu und wohin. Wenn sie rasten, werden sie vergewaltigt. Wenn sie sich beklagen, werden sie vergewaltigt. Wenn sie nichts sagen, werden sie vergewaltigt. Immer wieder verschwinden ein paar Soldaten, um auf irgendjemanden zu schießen oder um etwas zu essen zu besorgen. Manchmal besteht das Essen aus getöteten Bauern oder Soldaten.


Die Männer halten die Mädchen nackt – damit sie nicht weglaufen. Nachts müssen sie getrennt voneinander auf dem Boden kauern – damit sie nicht miteinander reden. Morgens erwachen sie zitternd vor Kälte. Sie ernähren sich von Wurzeln und Früchten, ans erbeutete Menschenfleisch will keine ran. Manchmal schafft es Emiliana, sich leise in ihrem Dialekt mit Rose zu unterhalten. Über die Schule, ihr altes Leben, ob sie überleben werden.


Am Ende der dritten Woche flüstert Emiliana Rose zu: Wir müssen fliehen. Die lassen uns nie gehen. Doch Rose hat Angst. Sie erzählt den Männern von Emilianas Plänen. Abends werfen die Soldaten sie auf den Boden. „Du willst weglaufen?“, schreien sie. „Dann lauf doch!“ Dann treten sie Emiliana, in den Bauch, ins Gesicht. Als sie aufhören, ist sie fast ohnmächtig.


Als alle schlafen, schleicht Emiliana auf allen vieren tiefer in den Wald. Allein. Nach ein paar Hundert Metern richtet sie sich auf. Vom Lager ist nichts mehr zu
hören. Nur das Zirpen, Schreien und Rascheln des nächtlichen Urwalds. Sie hat keine Ahnung, wo sie ist.


In ihrem neuen Leben, im sicheren Zimmer, wird Emilianas Stimme leiser. Bald ist sie nur noch ein Flüstern. Ihr Kinn senkt sich langsam, bis es fast auf der Brust aufliegt. Dann schweigt sie für ein paar Minuten. Dass sie überhaupt von ihrem Schicksal berichtet, gilt den Psychologinnen der Klinik als großer Erfolg.
„Am Anfang hat sie nur still vor sich hin geweint“, erinnert sich Cécile Kamwanya-Mulolo, eine der beiden Psychologinnen. „Und sie wollte auf keinen Fall das Kind bekommen. Sie wollte es abtreiben. Aber das ist im Kongo illegal. Am Ende mussten wir sie fast zwingen, dass sie überhaupt etwas isst.“ Wie Chefarzt Mukwege sieht auch die Psychologin hinter den Vergewaltigungen eine perfide Strategie. „Die Gewalt gegen die Frauen zielt letztlich gegen die Männer. Die Milizen wollen sie brechen und gefügig machen, indem sie die Familien zerstören. Das ist bei allen gleich. Und daran hat sich in all den Jahren nichts geändert.“
Der Terror begann 1994. Hutu-Milizen suchten nach dem Völkermord in Ruanda Zuflucht in den dichten Wäldern Ostkongos. Die ruandische Regierung schickte Truppen hinterher. Diese verbündeten sich kurzerhand mit Rebellen und stürzten Diktator Mobutu Sese Seko. Rebellenführer Laurent-Désiré Kabila wurde Präsident, doch kaum im Amt, mutierte auch er zum Diktator. Seine einstigen Helfer wandten sich gegen ihn, und Krieg und Elend begannen von Neuem. Söldner von Angola bis Simbabwe, Truppen von Burundi bis Uganda, ja halb Afrika strömte ins Land – im Auge die immensen Bodenschätze.


Laurent-Désiré Kabila wurde 2001 ermordet, seitdem ist sein Sohn Joseph Präsident. 2002 wurde offiziell Frieden geschlossen, aber im fernen Osten des Kongos spürt man davon wenig. Noch immer gibt es die Milizen der Hutu und die ihrer Feinde, der Tutsi, dazu marodierende Einheiten der regulären Armee und auch Kämpfer wie jene vom Stamm der Mai-Mai, die sich für unverwundbar halten – der Krieg ist längst zum Selbstzweck geworden. Zwar haben die Vereinten Nationen eine Friedenstruppe von 17 000 Mann entsandt, doch die Soldaten verschanzen sich meist nur in ihren Lagern. Schon allein den chaotischen Verkehr in Bukavu zu regeln überfordert manche Blauhelme. Die Soldaten aus Pakistan oder China bleiben den Kongolesen fremd. Schlimmer noch: Einige wurden selbst sexueller Übergriffe bezichtigt.


So sind Orte wie das Panzi-Krankenhaus Inseln der Stabilität. Auch deshalb wollen viele Frauen aus Bukavu überhaupt nicht mehr in ihre Dörfer zurück und haben sich in der Nachbarschaft niedergelassen. Einige, wie Jeannette Vumilia, leben hier seit vielen Jahren.


Ihre Geschichte gleicht der Hunderter anderer. 1996 stürmten Hutu-Milizen in ihr Dorf. Jeannette Vumilia flüchtete mit ihrem drei Monate alten Sohn in den Wald, doch schon nach wenigen Metern erwischten sie die Milizen. Sie entrissen ihr das Kind, prügelten es mit Gewehrkolben vor ihren Augen zu Tode. Dann vergewaltigten sie Jeannette. Zuletzt schlugen sie ihr mit einer Machete beide Hände ab. Die rechte Hand nahmen sie als Souvenir mit.


Ihr Mann fand Jeannette spät am Abend. Sechs Monate blieb sie in einem
lokalen Krankenhaus. Später kam sie wegen nicht enden wollender Unterleibsschmerzen nach Bukavu. Und blieb hier.


Heute ist sie 30 und bewohnt mit ihrem Mann Thomas und drei Kindern eine einfache Hütte 200 Meter vor den Zäunen des Krankenhauses. Thomas ist eine Ausnahme, die meisten Männer, ja selbst ihre Familien, verstoßen ihre Frauen oder Töchter nach einer Vergewaltigung. Jeden Morgen geht er die fünf Kilometer hinunter ins Zentrum von Bukavu, um Arbeit als Schreiner zu suchen. Meist ohne Erfolg.


Währenddessen versorgt Jeannette Haus und Kinder – so gut es eben ohne Hände geht. Sie streift sich einen Waschlappen über den Armstumpf, um den Sohn zu waschen; ordnet dem Baby auf ihrem Schoß mit dem Mund die Decke; klemmt sich eine Gabel zwischen ihre Unterarme, um zu essen. Kochen und waschen erledigt ihr Mann. Auch beim Anziehen hilft er ihr. Sie sagt: „Unser Dorf ist mittlerweile von den Rebellen ganz besetzt. Meine Familie will mich nicht mehr sehen. Wo sollen wir denn hin?“


April 2006, irgendwo im Dschungel Ostkongos. Einen Tag, vielleicht auch zwei, irrt Emiliana durch den Wald. Sie trifft eine Frau, die Ziegen zum Weiden treibt. Doch die schickt sie fort – Angst vor der Rache der Milizen. Endlich erreicht Emiliana ein Dorf. Eine Familie nimmt sie auf, gibt ihr Kleidung, wäscht sie, lässt sie sich am Feuer wärmen. Sieben Tage bleibt sie in der Hütte der Familie. Schläft. Schweigt. Starrt vor sich hin.


Zum ersten Mal hat Emiliana so etwas wie Glück. Acht Frauen aus dem Dorf, alle mit Schmerzen nach Vergewaltigungen, wollen sich nach Bukavu aufmachen und nehmen Emiliana mit. Begleitet von zwei Ordensschwestern marschieren sie los gen Osten: auf schmalen Pfaden und lehmigen Pisten, über die ewig grünen Hügel. Emiliana hat Schmerzen im Unterleib. Manchmal ist ihr übel. Ein Jeep des Krankenhauses liest sie schließlich nach 30 Tagen auf. Die Ärzte untersuchen sie, geben ihr Medikamente gegen die Malaria, versorgen die Eiterbeulen, die den Körper überziehen. Zum ersten Mal seit Wochen lassen die Schmerzen ein wenig nach.


Da hat ihr Sohn gerade erst zu wachsen begonnen.
Es ist Abend geworden in Bukavu, rasch verdunkelt sich der Himmel vor dem Fenster vor Emilianas Zimmer. Moïse wird quengelig und beginnt zu schreien. Emiliana setzt ihn auf den Boden. Er krabbelt zur Tür hinaus zu den anderen Kindern. Emiliana schaut ihm nach, und ein Lächeln zuckt in ihren Mundwinkeln. Dann sitzt sie wieder da und blickt auf ihre Knie. Eine Mutter von 14 Jahren, die Angst hat, zur eigenen Mutter zurückzukehren. Morgen früh wird sie wieder lernen, zu nähen und zu stricken. Wird dem Kind ihre Brust geben. Wird versuchen, sich irgendwie in diesem neuen Leben zurechtzufinden.
Von ihren Freundinnen aus dem alten hat sie nichts mehr gehört.