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Zigeunerleben
Stefanie Hellge

Bullerbü lässt grüßen: In den französischen Vogesen werden Planwagentouren angeboten, die Urlauber und ihre Vierbeiner auf eine unvergessliche Reise schicken. Das Tempo: ein PS


Die erste begegnung mit fougeuse ist ein Schock. Das Pferd, das uns die nächsten Tage durch die Vogesen ziehen soll, ist riesig. Es ist so groß, dass keiner von uns seine Ohrenspitzen berühren kann, selbst wenn wir auf Zehenspitzen stehen und uns richtig strecken, und seine Hufe sind gigantisch. François, der Pferdewirt der Zigeunerwagen-Station, warnt: "Immer auf die Füße schauen. Wenn Fougeuse euch oder den Hund versehentlich tritt, tut das verdammt weh." Während sich unsere Labrador-Weimaraner-Hündin Pauline vorerst in Sicherheit bringt, versuchen wir gleichzeitig auf unsere Füße zu achten, zum ersten Mal in unserem Leben ein Pferd aufzuzäumen und die Ratschläge von François zu verstehen, der zwar feinstes Französisch, aber leider kein Wort Englisch oder Deutsch spricht.
Pferde spielten in unserem Leben bislang keine Rolle. Aber weil Pauline als Landhund an Tiere gewöhnt ist und sogar dann ruhig bleibt, wenn eine ganze Schar aufgeregter Hühner an ihr vorbeitrippelt, hatten wir uns im Vorfeld keine Sorgen gemacht, dass unser neues vierbeiniges Familienmitglied auf Zeit unserem Hund irgendwelche Probleme bereiten könnte. Auch die Kinder machten uns keine Sorgen, die lieben alles außer Insekten, und ein Urlaub mit Pferd konnte nur ein voller Erfolg werden. Doch jetzt stehe ich mit klopfendem Herzen neben dem Riesenpferd. Mir schwant: Meine eigene Vorstellung von einer altmodischen Pferdekutschentour war möglicherweise etwas zu sehr von Romantik geprägt, das hier wird ein echtes Abenteuer. Aber besser als jeder Vier-Sterne-Urlaub.
Der Anfang unserer Zigeunerwagentour ist die pure Idylle: Gemächlich zockeln wir durch die letzten Ausläufer des Orts Fontenois-la-Ville.


Es blühen Blumen am Wegesrand, alte Steinhäuser stehen inmitten von urwüchsigen Apfelbäumen, und in der Ferne fließen goldene Kornfelder über den Horizont. Pauline scheint im Hundehimmel, stromert witternd durchs Unterholz und läuft vorweg, als stolze Anführerin unseres kleinen Trecks. Thomas hockt auf dem Kutschbock und kann plötzlich Französisch: "Allez Fougeuse, ma belle, allez!" Die Kinder sitzen zu seinen Füßen und lassen die Beine baumeln. Es ist der totale Bullerbü-Traum.


Gegen Mittag steuere ich unseren Wagen auf eine leicht abschüssige Wiese am Wegesrand, und wir machen Rast unter einem ausladenden Apfelbaum. Wir befreien Fougeuse von ihrem Geschirr und binden sie mit einem langen Seil an unseren Wagen. Sie beginnt sofort zu grasen und frisst Fallobst vom Boden. Pauline ist ständig mit dabei, läuft zwischen Wagen, Pferd und Wassernapf kreuz und quer, und dann werden wir Zeugen eines einzigartigen Liebesaktes:
Fougeuse beugt sich langsam über unseren Hund, beschnuppert ihn und beginnt vorsichtig an Paulines Nacken zu knabbern. Pauline steht geduckt und ganz still, die blanke Panik in den Augen. Aber sie bleibt stehen, schließlich kann sie ihren Stock nicht kampflos diesem Pferd überlassen. Als sie beginnt, die Zähne zu fletschen, rufen wir sie zu uns. Ein Biss in Fougeuses Nüstern hätte für die zarte Freundschaft zwischen uns und dem Pferd sicher fatale Folgen.


Doch es bedarf weit weniger, um das Leben mit Pferd kompliziert zu machen. In unserem Fall beginnt die Komplikation mit dem Reißen von Fougeuses Leine. Das Seil zerfasert in mehrere Teile, die sich beim besten Willen nicht mehr zu einer brauchbaren Leine zusammenknoten lassen. Das bedeutet: Wir können Fougeuse nirgendwo festbinden. Aber zum Glück sind wir Hundebesitzer, und Pauline findet, dass Fougeuse eine Leine viel besser steht als ihr.


Vorerst zockeln wir weiter durch die unfassbar schöne Landschaft, erfüllt von einer beflügelnden Gefühlsmischung aus Stolz und Spannung.
Wir haben alles unter Kontrolle. Laut Wegbeschreibung, die in mäßigem Deutsch die Streckenführung zwischen den einzelnen Bauernhöfen erklärt, wo man neben einem Nachtplatz für den Pferdewagen auch ein Essen serviert bekommt, sollen wir durch den nächsten Ort und dahinter am Friedhof rechts. Leider steht nicht dabei, ob wir vor oder hinter dem Friedhof abbiegen sollen. Wir entschließen uns für die erste Möglichkeit, und ich lenke das Pferd nach rechts. Doch Fougeuse hat ihren eigenen Plan. Während ich rechts am Leinen- Zügel zerre, versucht sie den Wagen weiter geradeaus zu ziehen. Wir liefern uns einen absurden Kampf, der Wagen ächzt und quietscht.


Thomas packt Fougeuse am Halfter und versucht sie zu schieben.
Die Kinder haben plötzlich Angst, ein Auto kommt aus der Ferne und Pauline steht mitten auf der Straße und kaut seelenruhig an einem Ast. "Pauline, hierher", rufe ich, während ich gleichzeitig versuche, Fougeuse unter Kontrolle zu kriegen. Mein Gott, ist dieses Pferd stark. Alle rufen durcheinander, Pauline kommt auf unsere Straßenseite, Fougeuse macht einen absurden Schlenker über eine kleine Anhöhe, und der Zigeunerwagen gerät ins Wanken. Innendrin rutschen Geschirr und Gepäckstücke durcheinander, ich versuche gleichzeitig Lennart und Lucie hinter mir einzuklemmen und mit meinem Körper den Wagen ins Gleichgewicht zu bringen. Doch dann stabilisiert sich unser Gefährt und steht plötzlich wieder in der Spur. "Mama, ich mag nicht, wenn der Wagen so wackelt", sagt Lennart. Auch ich bin eher gut asphaltierte Straßen gewöhnt, aber beruhige ihn mit einem "Das ist doch nicht so schlimm." Es dauert ungefähr eine halbe Stunde, bis wir merken, dass wir falsch abgebogen sind und Fougeuse sich aus gutem Grund gewehrt hat, nach rechts zu fahren. Wir lernen die erste Lektion: Höre auf dein Pferd, es kennt den Reiseweg viel besser als du! Ausnahmen bestätigen die Regel: Als Fougeuse am Ende dieses Tages energisch nach links über eine kleine Brücke zieht, wehren wir uns nicht. Fougeuse wird schon wissen, was sie tut. Doch nach etwa 100 Metern endet der Weg im Nichts, und Fougeuse beginnt zu grasen. Die zweite Lektion lautet also: Dein Pferd will nicht unbedingt das Gleiche wie du! Wie heißt "Kehrt marsch, Fougeuse" auf französisch?


Der nächste Morgen ist ein Traum. Die Sonne scheint, der Tau glitzert und Lennart ist schon seit sieben Uhr mit Pauline unterwegs. Sie sind beide fünf Jahre alt und haben exakt die gleichen Bedürfnisse: alles angucken, beschnüffeln und erforschen, und im Hintergrund ein liebendes Rudel, bei dem sie sich hin und wieder eine Krauleinheit abholen. Das Größte für beide: gemeinsames Schlafen mit dem kompletten Rudel. Vermutlich würden beide ohne Zögern sofort für immer in diesen Zigeunerwagen umsiedeln. Am Vorabend waren wir alle früh auf die Pritschen im Wagen gekrochen, völlig erschöpft.


Fast zwei Stunden hatte es gedauert, bis wir Pferd und Wagen wieder auf dem richtigen Weg hatten, und bei unserer Ankunft auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik, in der sich heute mehrere Künstlerateliers befinden, war es schon fast dunkel.


Doch jetzt vor der Kulisse dieses wunderschönen Gebäudes, Milchkaffee trinkend und Baguette mit Marmelade essend, sind die Strapazen des Vortags vergessen. Pauline frisst Trockenfutter aus unserem mitgebrachten Reisefutternapf, und auf dem Platz vor der kleinen Auberge, die in einem Flügel der Fabrik untergebracht ist, spielen die Hunde von Brigitte, der Herbergsmutter. Brigitte ist kein Mensch der Worte, schon ein gemurmeltes "Bonjour" scheint zu viel, aber ihre Hunde Nici, ein wunderschöner Berner Sennenhund, und Aka, eine Australian-Shepherd-Hündin mit traurigen Augen, sind zutraulich und suchen unsere Nähe. Bei Thomas und Aka ist es Liebe auf den ersten Blick. Völlig ineinander versunken tauschen sie Zärtlichkeiten, bis Pauline Thomas nachdrücklich an ihr Vorrecht als Familienhund zu erinnern versucht.


Wir ziehen den Morgen in die Länge, zögern den Zeitpunkt hinaus, wo wir Fougeuse aus dem Stall holen und vor den Wagen spannen.
Aber die Kinder wollen los, haben das Pferd längst schrecklich lieb und kein Verständnis für weitere Schalen Milchkaffee. Auch Pauline wartet schon am Tor, im Maul der obligatorische Stock. Wir fügen uns und spannen Fougeuse vor den Wagen. Inzwischen ist das fast Routine, und das Pferd tut brav, was es soll.
Der Vormittag gleitet ruhig dahin. Es gibt kaum Kurven, und Fougeuse trottet gleichmäßig über die Landstraße. Die Kinder sitzen friedlich auf dem Boden des Wagens, sind sich selbst genug und betrachten in ungekannter Ausgeglichenheit die Landschaft. Wenn wir uns einer Steigung nähern, feuern sie das Pferd mit "Fougeuse, Fougeuse!" an. Das Reisen macht Spaß, und unser Treck hat ein neues Mitglied: Aka. Die Hündin begleitet uns schon seit Stunden, wahrscheinlich hofft sie, dass Thomas sie adoptiert. Pauline duldet die Rivalin, nur wenn Aka sich ihr nähert, stellen sich ihr fast unmerklich die Nackenhaare auf.


Mittags machen wir Rast an einem Waldsee. Hier herrscht der totale Frieden, nur Natur und absolute Stille. Da sich die Hundeleine doch als unbrauchbar erweist, binden wir Fougeuse mit einer Wäscheleine am Wagen fest. Wir pick nicken am See, Lennart und Pauline stromern gemeinsam durchs Gehölz, und Lucie macht im Zigeunerwagen ihren Mittagsschlaf. Nur Fougeuse hält sich mal wieder nicht an die allgemein verordnete Idylle. Beim Grasen hat sich die dünne Wäscheleine unter einem ihrer Hufeisen festgeklemmt. Jetzt ist die Leine zweimal komplett um ihre Beine gewickelt. Wir bemerken das Missgeschick erst, als sie nur noch auf drei Beinen steht.


Thomas läuft zu ihr und versucht das mehrere hundert Kilo schwere Tier zu stützen. "Los", ruft er, "mach die Leine ab!" Aber der Knoten ist zu fest. Schließlich hole ich eine Nagelschere und zerschneide die Leine. Fougeuse ist frei, in jeder Hinsicht, und sie nutzt die neue Freiheit sofort: Ganz gemütlich verschwindet sie im Wald, schlägt einen Bogen und trottet auf der Straße davon.


Es ist eine Weile ganz still. Dann nehmen Thomas, Pauline und Aka die Verfolgung auf. Ich bleibe bei den Kindern und kann überhaupt nicht mehr aufhören zu lachen. Ich lache mich halb tot, aber Lennart weint schon, und Lucie ist aufgewacht und stellt trocken fest: "Fougeuse weg." Es dauert etwa eine Stunde, bis Thomas mit Fougeuse zurückkommt. Pauline und Aka sind ganz aufgeregt, sie halten Pferde-Einfangen für ein tolles neues Spiel. Wir spannen unseren flüchtigen Vierbeiner vor den Wagen und machen uns auf den direkten Weg zu unserem Nachtquartier in Peu. Unser Bedarf an Pferdeabenteuern ist für heute gedeckt.


Angekommen in Peu, rufe ich Brigitte an, die ihre Hündin Aka abholt, nach der sie den ganzen Tag gesucht hat. Thomas und ich fantasieren über gemütliche Federbetten, ein heißes Bad und gutes Essen. Aber roter Landwein, selbst gegrillte Merguez (scharfe Lammwürstchen) und eine warme Fleecejacke sind ja auch nicht schlecht, und langsam entspannen wir uns. Fougeuse grast friedlich auf der Koppel. Wir sind gewappnet für all die Abenteuer, die uns in den nächsten Tagen erwarten, sehr viel schwieriger kann es jetzt nicht mehr werden. Und wir haben viel dazugelernt. Als Stadtmensch braucht man eben seine Zeit, um sich in der Natur wieder zurechtzufinden. Aber ein Blick auf Kinder und Hund, die gemeinsam über den Hof toben, zeigt:
Die drei haben hier sicher den besten Urlaub ihres Lebens.


Kasten:
INFO HUNDE Vierbeiner sind auf allen Übernachtungsstationen gern gesehene Gäste.
Ihr Hund sollte das Laufen in der Natur gewohnt sein und nicht bei jeder Kaninchenwitterung überreagieren, denn es gibt sehr viele Tiere in der unberührten Natur dieser Region. Denken Sie daran, Futter mitzunehmen, Sie haben unterwegs kaum die Möglichkeit, welches zu kaufen.
MENSCHEN Die Tour führt zwar durch romantische Natur, ist aber nichts für verwöhnte Gemüter. Rudimentäre Französischkenntnisse sind nötig, weil hier niemand Deutsch oder Englisch spricht! Mitreisende Kinder sollten über 4 Jahre alt sein, Kleinkinder brauchen eine zweite Betreuungsperson, wenn die erste mit Pferd und Wagen zu tun hat. Wichtig: Proviant und eine Taschenlampe!
PFERD&WAGEN Erfahrung mit Pferden ist zwar keine Voraussetzung, aber unbedingt empfehlenswert. Der Umgang mit Pferd und Wagen ist für Unerfahrene nicht immer einfach und außerdem körperlich relativ anstrengend.
BUCHEN Über den Veranstalter ReNatour kostet eine Woche (ohne Anreise) im Zigeunerwagen für vier Personen zwischen 600 Euro (Nebensaison) und 850 Euro (Hauptsaison), Hunde kosten 8 Euro. Leihfahrräder, die Sie hinten am Wagen befestigen können, für 40 Euro pro Woche, Reitpferd 350 Euro. Tel.: 09 11-89 07 04, www.renatour.de.
Abendessen/Frühstück bei den französischen Gastfamilien am Nachtrastplatz kann jeweils am Abend vorher dazugebucht werden und kostet etwa 12 Euro pro Person. Allerdings sind die angebotenen Speisen je nach Familie sehr unterschiedlich: mal Würstchen zum Selbergrillen, mal ein französisches Vier-Gänge-Menü am Familientisch der Gastgeber.
FÜR WENIGER ABENTEUERLUSTIGE ReNatour bietet ähnliche Zigeunerwagentouren auch in der Altmark, dem nördlichsten Teil Sachsen-Anhalts, an (um 730 bzw. 930 Euro pro Woche).