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Verbotene Liebe
Felix Hutt

Ein Mann fühlt sich zu Männern hingezogen. Das Dumme ist: Er lebt in einem Dorf im Chiemgau, in dem das Leben eines Bauern vorbestimmt ist. Heiraten, Kinder zeugen, den Hof erhalten. All das tut er – und liebt heimlich, jahrzehntelang. Erst den Hans, dann den Fritz. Bis die heile Welt zerbirst.

Kaspar Niederhauser ist 19 und Jungfrau, als ein Mann aus Wolfenbüttel die Sünde zu ihm nach Schleching bringt. Hier am Fuße des Geigelsteins, wo Bayern an Tirol grenzt, steht der Bauernhof der Niederhausers, gleich hinter der Kirche. Vier Fremdenzimmer, 20 Kühe, zu allen Seiten Alpenpanorama. Dem Kaspar gefällt, was der Urlauber mit ihm anstellt. Aber am nächsten Morgen meldet sich sein Gewissen, macht er sich Vorwürfe. „Ein Schwein bist du, eine Drecksau!“ Es wird viele Jahre dauern, bis er akzeptiert, dass ihm Sex mit Männern gefällt. Ohne schlechtes Gewissen.


Über ein halbes Jahrhundert ist die Nacht jetzt her, in der er seine Unschuld verlor. Zu verlieren hat der 73-Jährige heute nichts mehr: seine Familie, sein Ruf, sein Hof, sein Geld, alles weg. Mit seinem Freund Fritz Rieperdinger, 65, bewohnt er ein Haus, das ihnen ein Bekannter mietfrei überlassen hat, in einem Weiler namens Tabing in der Nähe vom Chiemsee. Sie leben inmitten fremder Möbel, von einer kleinen Rente und der Hoffnung, dass der liebe Gott ihnen noch ein paar gemeinsame Jahre gönnen möge. Um seinen Hof streitet sich Niederhauser mit seiner Familie, es sieht nicht gut aus. Zu Hause ist er nicht willkommen, auch das hat er verloren.


Als der Urlauber aus Wolfenbüttel abreist, bleibt Niederhauser verwirrt zurück. Er weiß jetzt, dass er nicht so ist wie die anderen Burschen im Dorf, auch wenn er die gleiche Tracht trägt und sonntags dieselbe Messe besucht. Wie er sich verhalten soll, das weiß er nicht. Irgendwann heftet er die Nacht mit dem Touristen als Ausrutscher ab.


Niederhauser möchte Koch werden, kein Bauer, in Frankreich findet er eine Lehrstelle. Doch das Schicksal lässt ihn nicht ziehen. Sein Vater, ein Kriegsversehrter, schafft die Arbeit auf dem Hof nicht mehr. Niederhausers älterer Bruder soll übernehmen. Aber der leidet an einer grausamen Migräne, für die sich keine Kur findet, und erschießt sich. Niederhauser sagt seine Lehre ab und bleibt. Im Frühjahr treibt er das Vieh auf die Alm, im Herbst wieder herunter.


„Du brauchst ein Weib, eine Bäuerin, die dir hilft“, sagen die Eltern. „Ihr habt recht“, sagt Niederhauser. Im Gasthof zur Post, zwei Minuten vom Haus, arbeitet die Marianne. Dunkles Haar, gute Figur. Sie kommt aus dem Nachbardorf und ist auch auf einem Hof aufgewachsen. Eine Bäuerin. Sie spült, bedient, von morgens bis in die Nacht, fleißig ist sie, also die Richtige. Sie träumt von einem Mann mit Hof, von Tieren, einer Familie, den einfachen Dingen. Ihr gefällt, dass er Manieren hat, freundlich grüßt, nicht so viel säuft wie der Rest. Seine Fingernägel sind geschnitten, sein Hemd ist gebügelt, und einen anständigen Arsch in der Lederhose hat er auch.


Im April 1965 heiraten sie, die Marianne wird Frau Niederhauser und zieht zu ihm auf den Hof. Zur Hochzeit trägt sie ein handgenähtes Dirndl, sie trägt es nur dieses eine Mal, weil der Tag für sie so besonders ist. Auf den Fotos vom Fest sehen die Niederhausers glücklich aus.


Sie schenkt ihm zwei Töchter, ein drittes Kind stirbt vor der Geburt, es sollte der ersehnte Sohn werden. Sie reden nicht viel darüber, sie reden überhaupt nicht viel. Auf dem Hof ist genug zu tun. Nach der Arbeit spielt er gern mit seinen Töchtern. Von der Nacht mit dem Mann aus Wolfenbüttel erzählt er seiner Frau nicht.


 Neun Jahre verläuft ihr Leben, wie es für eine Bauernfamilie auf dem bayerischen Land vorgesehen ist: Stall, Kühe, Kinder, Kirche. Bis Nieder-hauser am Vormittag des 27. November 1974 in die Kreisstadt fährt, nach Traunstein. Er muss auf dem Amt etwas erledigen. Wie immer, wenn er das Haus verlässt, macht er sich schick. Rasiert sich, setzt seinen Hut auf, weil es kalt ist und regnet.


Er trägt Trachtenmantel, grüne Manchesterhose und braune Haferlschuhe, seine Ausgehkleidung. Als er den Amtstermin hinter sich gebracht hat, sieht er auf der Straße einen Trachtler, angezogen wie er. „Ja so ein fesches Mannsbild“, denkt Niederhauser. Dem anderen scheint er auch zu gefallen. Der folgt ihm ins Klohäuschen.


Sie stellen sich nebeneinander vor die Rinne, öffnen ihre Hosen, es gibt nichts zu deuten. Zwei Ständer, ein Wunsch. „Wo bist’n her?“, fragt der andere. „Aus Schleching“, sagt Niederhauser. „Das passt. Ich wohne im Nachbardorf“, sagt der Fremde. Sie küssen sich nicht, fassen sich an, es geht sehr schnell, dann fahren sie etwas essen.


Sie reden. Der andere heißt Hans L.*, hat zwei Söhne und eine Frau. Ein Schicksalsgenosse. Niederhauser erzählt Hans von der Nacht mit dem Mann aus Wolfenbüttel, von seinen Gefühlen, die er nicht einordnen kann, von seiner Lust, die nicht dem entspricht, was als normal verstanden wird. „Du brauchst dich nicht genieren“, sagt Hans, „so wie wir sind viele auf dem Land. Wir dürfen es bloß nicht zeigen.“ Von Niederhauser fällt eine Last ab. Er weiß jetzt, dass er ein schwuler Bauer ist. Und damit nicht allein. Sie trinken noch ein Radler. Dann fragt Hans: „Fährst mich heim?“ „Okay, aber wenn deine Frau uns sieht?“ „Das macht nichts“, sagt Hans. „Treffen wir uns wieder?“, fragt er, bevor er aussteigt. „Geht denn das?“, fragt Niederhauser.


Es geht, 26 Jahre lang. Wenn Niederhauser mit der Arbeit auf dem Hof fertig ist, ruft er bei Hans an. „Hast du Zeit?“ „Ja, komm.“ Hans ist Epileptiker, nimmt starke Tabletten, kann viele Arbeiten am Haus nicht mehr ausführen, und so gibt es immer einen Grund für Niederhauser, ihn zu besuchen. Mal verputzt er die Wände, mal geht er ins Holz, mal repariert er eine Leitung. Niederhauser fühlt sich in Hans’ Haus wohler als in seinem eigenen, weil er sich hier weniger verstellen muss. Er versteht sich mit den zwei Söhnen, Hans’ Frau ist warmherzig und offen, sie stellt keine Fragen. Hans hatte schon vor Niederhauser Männer mitgebracht. Das Ehepaar redet nicht darüber, aber sie weiß, dass er Sex mit Männern dem Sex mit einer Frau vorzieht. Sie erzählt keinem davon, macht das mit sich selbst aus. Sie schlafen schon lange nicht mehr miteinander. Anfangs halten die Männer ihr Liebesleben fern vom Haus, sie fahren mit dem Auto dahin, wo sie niemand sieht. Er brauche seinen Freiraum, sagt Hans, und sie lässt ihn ihm. Ahnt, wie er den nützen könnte, will es aber nicht zu genau wissen. Es ist ja auch so, dass sie den Niederhauser braucht, weil der ihren Mann im Zaum halten kann, wenn der seine epileptischen Anfälle hat. Das bekommt sie allein nicht hin. Sie hat schnell begriffen, dass sie den Hans nur halten kann, wenn sie ihn gehen lässt. „Ihr könnt im Ehebett schlafen“, sagt sie eines Tages, „ich nehme das Bügelzimmer.“
Für Marianne Niederhauser ist das nicht so einfach. Sie will nicht wahrhaben, was läuft. Ihr wird mit der Zeit klar, dass ihr Mann mit dem Hans mehr machen muss als Bier trinken und schafkopfen. Aber was? Vielleicht amüsieren sie sich mit anderen Frauen? Oder stimmt es, was die Leute im Dorf tuscheln? Die anderen Frauen erzählen ihr immer wieder, dass sie den Kaspar und den Hans jede Woche sehen, wie die zusammen ins Auto steigen und wegfahren, und wer weiß, was die da treiben. Aber nein, denkt Marianne Niederhauser, das kann einfach nicht sein. Sie wahrt die Fassade, spricht nicht über ihre Ungewissheit, weder mit den Leuten aus dem Dorf noch mit ihrem Mann.


Sie schweigt, wenn er nachts von Hans nach Hause kommt und sich neben sie ins Ehebett legt. Sie schweigt, wenn der Hans sie besucht und kocht und ihr Kaspar mit der Zunge schnalzt, weil so ein toller Mann so leckeres Essen serviert. Sie schweigt, wenn ihr Mann ihr sagt, dass er mit ihr nicht ins Wirtshaus will, weil sie aussehe wie ein Bauerntrampel. Aber dann kommt der Tag, an dem sie nicht mehr schweigen kann.


Da kehrt ihr Mann mal wieder abends heim vom Hans, das Unterhemd voller Flecken, die keinen Zweifel mehr lassen. Sie weint, wirft ihm das Hemd auf das Bett. „Was soll das?“, schreit sie, „du brauchst nicht glauben, dass ich nichts merke.“ Sie holt kurz Luft, sagt leise: „Der oder ich!“ Niederhauser zögert keine Sekunde: „Der!“


Für ihn ist Hans längst viel mehr als guter Sex. Er ist die einzige Liebe seines Lebens. Wenn er einen schlechten Tag hat, ihm eine Kuh von der Alm gestürzt ist, dann treffen sie sich abends, schlafen nicht miteinander, sondern reden und hören sich zu. Wenn Hans von Problemen bei seiner Arbeit erzählt, von Kollegen, die ihn nerven, dann beruhigt Niederhauser seinen Freund, was ihm das Gefühl des Gebrauchtwerdens gibt.


Sie mögen schlichtes bayerisches Essen, Schweinebraten, Knödel, Kaiserschmarrn. Beim Alkohol halten sie sich zurück, der geht schließlich auf die Potenz. Sie besuchen gern Trachtenfeste. Einmal im Jahr fahren sie gemeinsam in den Urlaub. Hans’ Frau packt die Koffer, schmiert die Brote, Niederhauser fährt, Hans zahlt. Im grauen Golf geht es nach Italien, nach Kroatien, nach Monaco, immer in ihrer Tracht, egal, wie die Leute schauen. Am liebsten reisen sie an den Wolfgangsee, wo sie um den See spazieren oder auf die Postalm wandern und zum Ausklang in ihren Lederhosen beim Zitherabend im Hotel sitzen. Mehr brauchen sie nicht, sie haben ja sich. Und wenn man sich eigentlich gar nicht haben darf, dann ist das ziemlich viel.


 Die Ernüchterung folgt stets,  wenn Niederhauser wieder nach Hause kommt. Hier ist er gezwungen, ein Doppelleben zu führen. Einen schwulen Bauern gibt es in Schleching einfach nicht. Ein paarmal im Jahr ist Heimatabend im Gasthof zur Post, alle kommen in Tracht, aber keiner aus dem Ort setzt sich zu ihm und seinem Freund. Nur die Touristen. Die Almnachbarn, die seit Jahrzehnten mit Niederhauser befreundet waren, grüßen nicht mehr. Wenn er an ihrer Alm vorbeikommt, ziehen sie sich in die Hütte zurück. Am Stammtisch im Gasthof zur Post sitzen der Sepp und der Muck, die den Niederhauser seit der Kindheit kennen, und nennen ihn jetzt eine „schwule Sau, die sich hier nicht mehr blicken zu lassen braucht“. Das erfährt Niederhauser von einem Bekannten, ins Gesicht sagt ihm das keiner. „Du kannst dein Leben ändern, aber niemals dein Dorf“, sagt Niederhauser.


Er hat sich damit abgefunden. Sein Leben zu ändern, das mag ihm aber noch nicht so richtig gelingen. Es gilt, den Schein zu wahren, auch wenn seine Familie unter der Situation leidet. Die Töchter werden älter, stellen Fragen, „warum ist der Vater so oft mit dem Hans weg?“ Mit ihnen fährt er nie in den Urlaub so wie die anderen Väter mit ihren Familien. Er fährt immer nur mit dem Hans.


Sie bekommen die Gerüchte mit, dass zwischen ihrem Vater und seinem Hans mehr sein soll als eine Männerfreundschaft. Sie schlagen sich auf die Seite der Mutter, die nur noch arbeitet. Wenn Niederhauser mit Hans unterwegs ist, bleibt sie mit der Verantwortung für den Hof und die Familie allein zurück. Er spürt die Ressentiments, die Verachtung. Unterdrückt, nicht offen ausgetragen, eine Aussprache hält die Familie in all den Jahren nicht. Er schläft neben einer Frau, die er nicht liebt. Die ihn auch nicht mehr liebt, aber sich nicht scheiden lassen will. Damit würde sie vor den Leuten endgültig ihr Gesicht verlieren. Sie spielen ihre Rollen, so gut es geht. Er gibt den strammen Bauern, obwohl er oft viel lieber mit dem Hans nach München fahren würde, in die Oper zum Beispiel. „Ich halte es nicht mehr aus, bin es leid. Ich ziehe weg!“, sagt er einmal zu Hans. „Spinnst du?“, antwortet der, „das macht doch nichts besser. Wo willst du denn hin?“ Weg. Niederhauser will nur weg aus der Enge des Achentals. Und bleibt doch.


Es ist das erste und letzte Mal, dass sich die zwei Männer nicht einig sind. Wenig später ist ihre Zeit zu Ende. Hans’ gesundheitlicher Zustand wird über die Jahre immer schlechter, er hat seine Anfälle, muss häufig ins Krankenhaus. Am 13. Oktober 2000 bekommt Niederhauser auf der Alm einen Anruf. Hans’ Sohn ist dran. „Du, Kaspar, der Papa ist gestorben“, sagt er. Niederhauser sagt nichts. Legt auf. Treibt die Kühe von der Alm. Weint.


Die Beerdigung ist groß, jeder Verein, bei dem Hans Mitglied war, schickt seine Leute. Hans war im Theater-, Schützen- und Trachtenverein, er war trotz der Gerüchte um seine Sexualität sehr beliebt. Bei dem Begräbnis traut sich keiner, das Thema anzusprechen, in der ersten Reihe stehen Hans’ Frau und Söhne.
Niederhauser stellt sich in die letzte Reihe und läuft weg, als sie den Sarg in die Erde lassen. Er kann die Lobeshymnen nicht ertragen, die nun die halten, die sich über den Toten und ihn das Maul zerrissen haben. Er kommt fix und fertig auf den Hof zurück, wo er in Wahrheit längst nicht mehr zu Hause ist. Seine Frau sagt ihm, sie glaube nicht, dass seine Krankheit, wie sie seine Homosexualität nennt, mit dem Tod -seines Liebhabers kuriert sei.


 Niederhauser fällt in ein Loch. Ihm fehlt Hans, ihm fehlt der Grund, Schleching zu verlassen. Er ist jetzt 62 Jahre alt, für ein neues Leben in der Stadt fehlen ihm das Geld und der Mut.


Bei einem Freund trifft er drei Jahre nach Hans’ Tod den Fritz, der ein wenig wie Alfred Biolek aussieht. Auch Fritz Rieperdinger ist verheiratet, hat Kinder und ist schwul. Auch er lebt auf einem Hof mit seiner Familie, die mit ihm leben muss. Für die beiden Männer ist der andere nicht die große Liebe, aber eine große Chance: Zusammen können sie der Einsamkeit im Alter entkommen. Sie klopfen ihre Interessen ab, beide gehen gern in die Berge, beide mögen Tracht, beide haben nichts mehr zu verlieren.


Ihre Beziehung ist ein Zweckbündnis, das stört sie aber nicht. Immer noch besser als der Terz bei ihren Familien. Für Niederhauser kann es sowieso nur eine Liebe geben, und die ist tot.


Im Wohnzimmer eines Freundes sei der Kaspar gesessen, erzählt Rieperdinger vom Tag, an dem sie sich kennenlernten, und er habe nicht viel mit ihm anfangen können. „Ich bin immer weiter von ihm weggerutscht, bis die Bank zu Ende war. Als der Kaspar vom Klo zurückkam, hatte diese Schlammsau die Hose offen.“ „Ich hab mich dann ganz nah an ihn ran gesetzt“, sagt Niederhauser. „Und dann nahm er mein zartes Pfötchen und hat es sich da hingelegt“, sagt Rieperdinger und zeigt auf seinen Schritt. „Dann ist er angesprungen“, sagt Niederhauser. Seitdem ist klar, wie es zu laufen hat: Rieperdinger kocht und bäckt, und Niederhauser gibt an, ob es schmeckt. „Ich bin kein Schmuser“, sagt er.


Wenn sie sich auf dem Sofa in ihrem geliehenen Zuhause ihre Leben von der Seele reden, dann berühren sie sich nicht. Sie reden schnell und ohne Pause, wollen sich mit krassen Anekdoten überbieten, wirken wie eine gefüllte Badewanne, die lang darauf gewartet hat, dass man ihr den Stöpsel zieht. Alles fließt. Sie benutzen dabei eine Sprache, deren Vokabular derb erscheint. Aber ihre Welt ist eine Macho-Welt. Wer kann am meisten saufen, wer hat den schönsten Gamsbart, wer den längsten?


Rieperdinger kommt nach ihrem Kennenlernen sehr häufig auf den Hof der Niederhausers, wo neben Marianne mittlerweile auch die jüngere Tochter mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebt. Die Männer geben sich wenig Mühe, ihre Beziehung vor der Familie zu verstecken. Rieperdinger bezieht bald ein Zimmer im ersten Stock, manchmal steht Niederhauser mitten in der Nacht auf und verlässt das Bett, das er noch mit seiner Frau teilt.


Die fühlt sich gedemütigt. Immer wieder. Zum Beispiel, als ihr Mann auf dem Bett liegt und die Füße wegzieht, als sie sich auf die Kante setzt. „Geh weg, ich will mit dem Fritzi alt werden“, sagt er. Ein anderes Mal möchte sie nach der Stallarbeit duschen, trifft die beiden im Bad, nackt, die Tür war nicht verriegelt.


Im Frühjahr 2008 verlassen Rieperdinger und Niederhauser den Hof und ziehen auf die Alm unter dem Gipfel des Geigelsteins. Sie gehört zum Familienbesitz, dort oben wird Käse gemacht und mit den Wanderern Geld verdient, die vorbeikommen und sich bewirten lassen.


Die beiden Männer verbringen die Tage auf der Alm wie die Cowboys im Hollywood-Drama am Brokeback Mountain. Hüten das Vieh, schlagen Butter, Fritz bäckt Kuchen und Hefezopf für die Touristen. Wenn die am Abend wieder absteigen, legen sich die beiden zwischen die Kühe auf die Weide und schauen der Sonne beim Untergehen zu. Hier oben sind sie frei.


 Als der Almsommer 2008 durch frühe Schneefälle ein abruptes Ende findet, sie wieder zurück auf den Hof wollen, kommt es zum Eklat. Die Ressentiments, die sich über Jahrzehnte aufgestaut haben, brechen heraus. Die Tochter und der Schwiegersohn erwirken ein Hausverbot gegen die beiden. Es gibt Morddrohungen, Niederhauser enterbt seine Familie, Sodom und Gomorrha in Schleching, es ist nicht schön. Niederhauser verlässt seinen Geburtsort. Alles, was er mitnimmt, sind seine Tracht und sein Freund Fritzi.


Seit er denken kann, wacht Niederhauser um halb fünf Uhr morgens auf. Der Fritz schläft dann noch. Diese Stunden sind für Niederhauser die schönsten des Tages. Wie einen Film lässt er sein Leben Revue passieren. Sucht sich die Episoden aus, die er besonders gern sieht. In jeder spielt Hans die Hauptrolle. Mit offenen Augen erlebt er die glücklichste Zeit seines Lebens noch einmal.


Seine Familie kommt selten vor in seinen Filmen. Die Frau, die Töchter, die Enkel, die alle nichts mehr von ihm wissen wollen. Wenn er an sie denkt, taucht ganz kurz das schlechte Gewissen auf, weil er es ihnen schließlich auch nicht leicht gemacht hat. Aber das bleibt nie lange.