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Sylt
Penny Ward-Moser

Als ich den Raum betrat, wußte ich sogleich: Das gibt Ärger. Da lagen doch  tatsächlich  drei nackte  Männer  auf dem Rücken, Seite an Seite trieben sie in kleinen Becken mit kaltem Wasser. Nur ihre Gesichter,  ihre  Zehen  und  ihre  Wingle­Wangles tauchten auf. Ich versuchte, in meinem dezenten schwarz-rosa  Badeanzug ganz entspannt auszusehen. Schließlich bin ich eine moderne verheiratete Frau mittleren Alters. Ich lächelte und  nickte ihnen nonchalant zu. Dann  machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte ganz schnell raus.


Ich war verwirrt. Ich wollte nur in die Sauna. Jetzt musterten  mich alle. Ich war verloren. Ich konnte  kein Wort lesen. Ich konnte mit niemandem sprechen. Ich war der  einzige Mensch  mit Badeanzug.  Als ich endlich die Sauna fand, erstarrte ich im Türrahmen. Nackte Männer stierten mich von unten an. Das muß die falsche Abteilung sein, schoß  es mir durch  den Kopf. Aber dann, gerade wollte ich mich umdrehen und fliehen, sah ich zwei volle Brüste von der oberen Etage baumeln. Ich war al­ so richtig, nur falsch angezogen. Well, ich holte tief Luft, pellte mich aus dem Badeanzug  und  stürzte  entschlossen in  eine Sauna voller nackter Deutscher.


Ich war eine Amerikanerin auf Sylt. Keine reiche Amerikanerin. Keine Amerikanerin, die in Monaco oder Sankt Moritz abhängt. Aber ein echter Yuppie der Babyboom-Generation. Ich male mir das Gesicht rot und gold an (die Farben meines Teams), fahre im Geländewagen zum Football-Spiel und finde das wunderbar. Meine Vorfahren kamen aus Deutschland - vermutlich auf der Flucht vor Labskaus, aber davon später -, trotzdem wußte ich über dieses Land so viel wie über den Mars. Anyway, ich  hatte  versucht,  mich auf Sylt vorzubereiten. Mit Hilfe meines Sony­Walkmans und einer Sprachkassette  hatte ich zwei Wochen lang Deutsch gelernt. Ich beherrschte  jetzt so unentbehrliche Wendungen  wie »Ich  hätte gern etwas Aal in Gelee«, »Wieviel kostet ein großer Hering?« oder »Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe«. Das ist doch was. Damit bewaffnet und mit einer beinahe perfekten Aussprache von » kartoffien salat mit speck« - das hatte ich von meiner Oma - fuhr  ich  eine  Stunde  Auto,  flog zehn Stunden, fuhr drei Stunden Bahn und er­ reichte eine Insel, von der die meisten Amerikaner  noch nie etwas gehört haben. Ich hatte nur gehört, daß dieses Sylt ein total heißer Badeort  sei, mit mehr Jaguars pro Kopf als irgendwo  sonst  in Europa: Daß es ein wundervoller Ort für Naturliebhaber sei. Daß irgendetwas namens Labskaus ein kulinarischer Geheimtip sei. Und daß überall alle nackt seien.


Was mir am ersten Morgen auf Sylt fehlte, war Kaffee. Und  Frühstück  im Auto. Um die besondere Bedeutung eines Sylter Frühstücks für Amerikaner  zu verstehen, müssen Sie wissen, daß unsere Vorfahren - » viele interessante Kulturen, die zusammenkamen, um sich in einem großen Schmelztiegel zu vermischen bla bla bla« ­ einige entscheidende Dinge beim Sprung über den großen Teich vergaßen. Eines davon ist, gottlob, Labskaus, aber wie gesagt, davon später. Auch zivilisiertes Frühstück gehört dazu. Wenn wir ehrlichen Yuppies also heutzutage aufwachen, tun wir ein bißchen Kaffeepulver und ein bißchen Milchpulver auf eine Tasse heißes Wasser, werfen uns die Klamotten  über, putzen gründlich Zähne und steigen in unsere Autos, die serienmäßig  kleine Ringe für die Kaffeetasse in der Konsole haben (der Kaffee ist normalerweise längst kalt). Wir rollen dann in Limousinen  und Kleinlastern - viele von uns fahren auch in der Stadt gerne  Kleinlaster  - zu einem  Drive-in­Fastfood. Wir drücken auf den Knopf, bestellen eingewickeltes Junk-Frühstück (wird umgehend durchs Seitenfenster geschleudert), noch mehr lauwarmen Kaffee und frühstücken,  während wir ganz relaxed über den Highway gleiten.


Frühstück auf Sylt dauerte  ungefähr dreimal so lange wie meine Hochzeit. Nicht, daß die Bedienung langsam wäre. Deutsche Serviererinnen servieren sehr prompt. Es gibt einfach Unmengen zu essen; dieses Frühstück wurde mit einem sage und schreibe einundzwanzigteiligen Service aufgetischt. Ich fühlte mich verpflichtet, entsprechend lange zu essen. Außerdem fand ich es großartig, beide Hände frei zu haben. Die Deutschen können sich überhaupt  nicht vorstellen, wie schrecklich das ist: An einer roten Ampel bremsen und runterschalten und dabei eine Waffel mit Sirup und einen Becher mit kalten Kaffee unter Kontrolle behalten.
Als ich mich in den Miet-Audi schwang, fand ich zivilisiertes Frühstück o.k. Ich konnte die  Insel erkunden und mußte nicht mit den Ellenbogen lenken.


Besonders  groß  ist es ja nicht,  dieses Sylt. Mal gerade 38 Kilometer lang und zwei bis dreizehn breit. Die Nordsee beißt jedes Jahr ein Stück ab. Audi und ich schafften die Strecke von einem Ende zum anderen  - von Hörnum  im Süden  nach List im Norden  - in einer schlappen  halben Stunde. Aber die Insel hat so viele Besonderheiten, daß sie mir schon bald wie ein eigenständiger  Staat vorkam.


Zum Beispiel Fuchsjagd  in Keitum.  Keine ganz große Sache, wie mir versichert wurde. Da ich weder eine Fuchsjagd noch Keitum kenne, setzte ich Audi auf das neue Ziel an, parkte ihn und machte mich auf den Weg durch ein Dorf mit malerischen Straßen, aber ohne Kaffee in Pappbechern.  Ich fand mich damit ab und entdeckte die Jagdgesellschaft. Ich würde Ihnen gerne mehr darüber erzählen, aber ehrlich gestanden, ich habe so wenig Ahnung von Fuchsjagden, daß mir keine einigermaßen intelligente Frage einfiel, als ich endlich einen englischsprechenden Dänen traf. Was ich sah, waren an die hundert erwachsene Männer und Frauen, herausgeputzt wie die britische Königsfamilie und im Begriff, auf riesige Pferde zu klettern. Ich erfuhr, daß solche Pferde bis zu 50 000 Dollar kosten, und da viele mit Range Rovern hergezogen worden waren, ging ich davon aus, daß dies keine armen Leute waren. Die Damen sahen auch ganz o.k. aus in ihren heißen Reithöschen. Die Männer fand ich merkwürdig. Ganz klar: Machos vom Härtesten. Aber auf Amerikaner wirken Männer, die sich mit kleinen Hüten, Reithosen und Rüschenhemdehen kostümieren, immer tendenziell schwul.
Als ich so dastand  und dachte, daß ich jetzt für einen  Kaffee immense  Summen Deutschmark hergäbe, ließ jemand eine Horde häßlicher Hunde los. Sie rannten irre kläffend zu den Pferden, hoben in schöner Choreografie je ein Bein und hockten sich zwecks gemeinsamer Verrichtung des Geschäfts hin. Abschließend  beschnüffelten sie wechselseitig und mit Inbrunst ihre Hinterlassenschaften. Als sich dann noch eine Gruppe kostümierter Männer zusammenfand, um auf runden Silberhörnern zu tuten, ging mir endlich auf, wie eine Fuchsjagd funktioniert: Der Fuchs sieht das  und  fällt vor  Lachen  tot  um. Doch dann erfuhr ich, daß überhaupt kein Fuchs teilnimmt;  die Hunde  hetzten einfach einer  Spur  Schweinepisse   hinterher. Ich setzte meine Inseltour lieber fort.


Keitum ist ein stattliches Dorf mit historischen Friesenhäusern und Eigenheimen, die auf Historisch gemacht sind. Wie überall auf der Insel ist es blitzsauber. Eines können Deutsche wirklich besser als Amerikaner - alles sauberhalten.  Keine Graffiti, keine Bierbüchsen  auf den Straßen. Und  überall wachsen  Blumen. Keitum war nicht nur hübsch, es roch auch nett, nach Seeluft und Blütenduft.
Die »Insel  der Reichen und der Nackten« sollte das also sein. Die Reichen hatte ich gesehen, fehlten die Nackten. Ich war nervös. Amerikaner  gehen nicht nackt an den Strand. Wir besitzen, einschließlich Alaska, 14 2 610 Kilometer Küste. Aber fast überall, wo man nackt an den Strand geht, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit festgenommen. Wenn man in Alaska nackt an den Strand geht, wird man eingeliefert. Ich  wollte einen  Nacktbadestrand sehen, die hier ja wohl FKK-Strand heißen, Free Body Culture also. Ich war mir nicht ganz sicher: Bin ich schon so weit? Kann ich es selbst tun? Ich wollte nicht, daß man mich für pervers oder voyeuristisch  hält. Also fuhr ich ganz vorsichtig an ein kleines Kliff über einem Strand, und wie ein Perverser oder Voyeur glotzte  ich  auf  die Nackten unten im Sand.


Surprise, surprise - ein  ganzer Strand Amerikaner  sitzen  einfach nur so da und frieren im Wind, während der Sand auf der Haut schmirgelt. Aber die hier hatten, very smart,  hübsche  Körbchen  mit gepolsterten Sitzen und kleinen Schubladen für alles, was beim Nacktsein  stört. Unten am Wasser schritt  eine dicke Nackte  bedeutungsvoll den Strand ab. Ein alter Nackter ging im Kreis und kickte Zehenladungen Sand in die Luft. Viele von denen, die da durch die Gegend liefen, hatten was an. Ich ging runter,  um auch  durch  die Gegend zu  laufen.  Man  hatte  mir  erzählt, daß die Strandläufer wunderschöne Burgen bauen, aber ich hatte es hier wohl mit einer nicht  besonders  eifrigen Gruppe  zu tun. Korb an Korb saß man einfach nur so da, Seite an Seite, splitternackt, mit versteinerter Miene. Ich versuchte, niemandem hinterherzustieren,  aber  manchmal   konnte ich die Augen einfach nicht im Zaum halten. Eine arme Seele bummelte langsam den Strand hinunter, nackt bis   auf einen unförmigen, kratzigen Wollpullover.
Nicht weit entfernt lief ein nackter Mann allein gegen den Wind ; hingebungsvoll las er sich die Sandkörner vom Hintern. Er sah sehr ernst aus. Im Nachbarkorb sortierte eine Frau mit versteinerter Miene ihre dicken Brüste. Sie drapierte sie jedesmal neu, wenn sich die Position im Korb veränderte. Sonst zeigte keiner irgendeine Regung.


Ich stand unter Kulturschock. Mir kamen die Deutschen einfach nicht glücklich vor. Amerikaner sind Strahlemänner und Zuwinker. Wir sprechen auf der Straße mit Fremden. Wir sitzen auf Treppenstufen und trinken Bier und hängen rum. Wir interagieren. Wir lachen. Aber mal angenommen, ich stünde nackt im Nordseewind, mit kratzigem Pulli, würde mir Sand vom Hintern pulen oder meine widerspenstigen Titten zähmen – vielleicht würde ich dann auch nicht besonders glücklich aussehen. Dann, nicht weit vom Strand, las ich Werbung für deutsche Therapeuten. Einer bot einen Kurs gegen »Angst und Depressionen« an. Ein anderer hatte sich auf etwas spezialisiert, das »Autogenes Training« hieß und Angst und Neurosen bekämpfte. Ein dritter versprach, er könne mir die Liebe zeigen. Sofort fühlte ich mich wieder ganz zu Hause. Wir Amerikaner widmen uns mit Inbrunst unseren Ängsten, Neurosen und unserem Mangel an Liebe. Ganze Industrien leben davon. Wir haben Fernsehshows, da befreien religiöse Führer jedweder Couleur (von denen viele unter Anklage stehen) für eine Kreditkartennummer von jedem nur denkbaren Leiden. Wir suchen geistigen Beistand per Telefon; der Preis wird gleich auf der Fernmelderechnung ausgedruckt. Auf dem Weg nach List merkte ich, daß Deutschland das am besten ausgeschilderte Land der Erde ist – 17 Kilometer, 76 Verkehrsschilder. Die meisten warnen davor, den Seitenstreifen zu befahren oder irgendwo unbefugt zu halten. Wir Amerikaner sind große Seitenstreifenbefahrer. Wir halten einfach, um uns ein bißchen zu recken und zu strecken, uns zu kratzen oder smallzutalken. Natürlich werden dabei viele von uns vom nachfolgenden Verkehr getötet, aber ich kann mich an kein Schild in den Staaten erinnern, das uns davor warnt. Die Deutschen kommen mit Schildern und Signalen viel besser klar als Amerikaner. Wenn ein Verkehrszeichen »stop!« signalisiert, halten sie an. Wenn es »weiterfahren!« signalisiert, fahren sie weiter. »Geh!«, und sie gehen.

 

»Stehenbleiben!«, und sie bleiben stehen. Die meisten Amerikaner nehmen solche Signale als Hinweis auf eine möglicherweise bessere Alternative. Und doch geben die Deutschen dem Autofahren einen ganz besonderen Thrill. Sie befolgen buchstabengetreu jede Anweisung, fahren auf die Autobahn und bringen sich gegenseitig mit 180 Sachen um. Crazy. Direkt neben meinem Hotel gab es ein Therapiezentrum, wo Leute hingingen, um zu »kuren«. Ich litt an nichts, aber da es nur ein paar Schritte waren, ließ ich mich prophylaktisch ein bißchen kurieren. Mit Unterwasserübungen fing ich an. Nach meinen Erfahrungen in der gemischten Sauna war ich mächtig erleichtert, daß wir beim Unterricht Badeanzüge tragen durften. Ich nahm die mir zugewiesene Position an der Stange ein, richtete meine volle Aufmerksamkeit auf den Lehrer und befolgte die Anweisungen genau. Nach etwa zwanzig Minuten erklärte der Lehrer etwas, das ich nicht verstand. Jedenfalls verließen alle das Becken und begaben sich im Gänsemarsch zu einem kleineren Becken. Wir kletterten hinein. Ich nehme an, das war therapeutisches Wasser oder so, aber ich kriegte nicht besonders viel Therapie ab, weil viele meiner Mitschüler so umfangreich waren, daß alles Wasser herausschwappte, als wir hineinstiegen. Wir saßen dann da wie die Sardinen in einer Büchse.

Das war aber immer noch unendlich viel angenehmer als die nächste Kur, Kneipp genannt. Verwirrt wie immer, fand ich mich in einem hellerleuchteten, gefliesten Raum splitternackt vor einem netten Mann, der meinen schlanken Körper ohne zu Zögern mit heißem Wasser abspritzte. Als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, verpaßte er mir einen Stoß Eiswasser. Das legte umgehend mein Atmungssystem lahm und ließ meine Knie zittern. Die Prozedur wurde so lange wiederholt, bis ich mich an eine in die Wand eingelassene Stange klammerte und betete, es möge aufhören. Beten schien sinnvoll, da das Kneippen nach einem alten Priester benannt ist, der es mutmaßlich als Folter für arme Sünder erfunden hat. Und dennoch, Jesus Christ, Kneippen war nichts gegen die Kur des folgenden Tages, die in einem eineinhalbstündigen Fußmarsch durch kalten Schlamm bestand. Was ich nicht ahnen konnte: Beides war immer noch besser als Labskaus. Man hatte mir gesagt, daß der neunzigminütige Barfußmarsch durch die Modderebene halb Naturerlebnis, halb Physiotherapie sei. Audi und ich erschienen Freitagmorgen pünktlich neun Uhr dreißig nicht weit vom Rantumbecken, einem deutschen Kleinod. In einer Welt, die den Lebensraum unserer Vögel immer weiter beschränkt, ist diese fünf Quadratkilometergroße Gezeitenzone nur der Natur überlassen. Etwa 25 Leute hatten sich für den »Kurmarsch« angemeldet, geleitet von einem greisen ortsansässigen Naturfreund. Es war ein kalter, windiger Morgen, wir waren ausgerüstet wie Polarwanderer, nur eben barfuß. Nach einem viertelstündigen Vortrag auf Deutsch – langsames Deutsch, so daß ich hier und da ein paar Worte aufschnappen konnte – stiegen wir in den Matsch.



Meine kleinen Füße sanken tiefer und tiefer in den kalten Schlamm. Der Mann fing an zu reden, ich glaube über Muscheln. Mein Zeh juckte, aber no chance zu kratzen, dort unten  igendwo tief im Watt. Wir liefen wieder ein Stück. Jetzt kam es mir so vor, als ob er über Algen sprach. Ich suchte den Horizont nach Vögeln ab, sah aber nur Möwen, die über uns lachten. Einige Leute, die auf ihre Gummistiefel nicht verzichten wollten, zogen und zerrten jetzt daran herum; der Schlamm versuchte sie zu verschlingen. Man hatte mir eingeschärft, immer bei der Gruppe bleiben, das Watt könne gefährlich werden. Das heißt also, da bezahlen Leute vier Deutschmark für den Spaziergang, bleiben zurück und werden nie wieder gesehen. Mir wurde immer kälter. Der Mann sprach über Würmer. Babys – deutsche wie amerikanische Yuppies meinen immer, alle Erfahrungen mit ihren Babys teilen zu müssen – weinten. Wir marschierten weiter. Der Mann sprach jetzt, glaube ich, über Vogeldreck als Hauptbestandteil des Matsches, in dem wir gerade standen. Ich fror. Die Babys schrien. Der greise Naturfreund schien fest entschlossen, mit uns nach Holland zu waten. Ich blickte zurück, ich wollte es riskieren. Ich wartete, bis der Naturfreund auf den Horizont zeigte und versuchte, mich ganz leise Richtung Audi zu schleichen. Schlürf, pitsch, schlürf, glitschte ich durchs Watt. Ich hörte jemanden rufen. Ich sah mich nicht um. Ich erinnerte mich an einen Horrorfilm, den ich vor dreißig Jahren als kleines Mädchen gesehen hatte. Zwei Männer versuchten die Okefenokee-Sümpfe in Georgia zu durchqueren. Den einen verschlang der Morast. Es war ein langsamer, qualvoller Tod. Ich glitschte und schlurfte schneller. Meine Leiche würde nie gefunden werden. Nur meine Wollmütze würde noch auf der Wasseroberfläche treiben. Und in der Woche darauf würde der greise Naturfreund die Deutschen an meiner Mütze vorbeiführen und feststellen: »Ein US-Yuppie gehört zu den Hauptkomponenten dieses Wattabschnitts.« Am nächsten Morgen erwachte ich in der Gewißheit, daß die Nordseegötter mich haßten. Jeden Tag Wärme und Sonne, nur heute, als ich endlich allen Mut für FKK zusammenhatte, war es 15 Grad kalt, Windstärke fünf bei gelegentlichen Schauern. Aber es gab kein Zurück. Angezogen für eine Polarexpedition, vertraute ich Audi meine beiden Handtücher an und fuhr zur Buhne 16, dem berühmtesten Nacktbadestrand. Man hatte mir gesagt, daß dort die Hardcore-Nudisten sind, sommers wie winters, bei Regen und Sonnenschein.

Das stimmte nicht. Ich befand mich an diesem letzten Tag auf Sylt inmitten lauter Deutscher, die sich im Eskimodress in ihre Körbe gekuschelt hatten. Ich setzte mich und dachte nach. Wenn ich jetzt nicht nackt ins Meer liefe, würde ich es nie tun. Meine Freunde würden fragen, und ich müßte sagen: Ich bin ein Feigling. Die Lungenentzündung würde erst zu Hause ausbrechen., Also tat ich es einfach.
Ich zog meinen Daunenparka aus. Dann meine wattierten Hosen. Dann meine langen Unterhosen, meine Socken und Schuhe. Ich versicherte mich, daß nach wie vor alle Gesichter ausdruckslos waren. Ich kletterte in meinen Korb und entledigte mich der letzten Kleinigkeiten. An mein Handtuch geklammert, das mir im Hotel viel größer vorgekommen war, rannte ich runter zur Nordsee. Splitternackt sprang ich hinein. Mein gesamter Organismus wurde in den Orbit geschossen. Ich fühlte algenbedeckte Steine, ich ließ Salzwasser gegen meine nackte Haut klatschen. So laut ich konnte schrie ich gen Westen: »Amerika – ich liebe dich! «


Am späten Abend, den Koffer gepackt, ging ich hinunter ins düstere Restaurant. Außer mir war niemand da; nicht gerade eine Empfehlung. Die Kellnerin, eine streng aussehende Frau, trat an meinen Tisch. »Labskaus«, sagte ich, als hätte ich es ein Leben lang so gesagt. Lange saß ich da und nippte an meiner Coca-Cola. Labskaus braucht Zeit, dachte ich.


Labskaus kann gar nicht lange genug brauchen. Nach etwa 25 Minuten erschien die Bedienung und tischte etwas auf, das ich nie zuvor gesehen hatte. »Bon appétit«, grummelte sie. Ich war sprachlos. Wie konnte es sein, daß wildfremde Menschen in einem Land auf der anderen Seite der Erde auf einem einzigen Teller alle Speisen vereinen, die ich leidenschaftlich hasse? Vor mir lag, um eine dieser grauenhaften kleinen Essiggürkchen gewickelt, ein glitschiger Fisch. Ein paar Eier, zur Schuhsohle verbraten, bedeckten eine breiige rosa Masse. Weitere Essiggurken waren scheibchenweise um das ganze Zeug herumdekoriert, und gekrönt war es – my god – von Rote-Bete-Scheiben.

Ich probierte das breiige Zeug. Es war salzig. Die Essiggurken waren bitter. Der Fisch war zweifelsfrei tot, aber als ich ein Stück abbiß, spürte ich ihn in meinem Magen zu neuem Leben erwachen. Ich sah mich um. Wohin mit dem Essen? Vielleicht unter die Heizung. Nein, sie würden mich erwischen. Wo war der Hund unter dem Tisch, wenn man ihn brauchte? Ich probierte noch ein paar Happen. Ich rührte im Teller herum, damit es so aussah, als hätte ich gegessen. Ausweglos, keine Chance. Aber da mich im Hotel wahrscheinlich eh alle für verrückt hielten und außer mir gerade kein Mensch im Raum war, könnte ich doch ... Ich konnte. Und dann, mit einer schnellen Armbewegung  über die Schulter, tat ich etwas ganz Schreckliches, stand auf und floh.

Am nächsten Tag im Flugzeug ließ ich meine Abenteuer auf Sylt Revue passieren. Ich hatte gekneippt. Ich war barfuß durch kalten Matsch marschiert. Ich war nackt ins Meer gerannt. Und weit hinter mir, im düsteren Restaurant eines Hotels auf einer winzig kleinen Insel, steht eine unschuldige Begonie, die ihre Blätter gnädig über einen Stapel Rote-Bete-Scheiben breitet, rosa Brei auf ihren Wurzeln.
Sie wird inzwischen gestorben sein.