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Suchen & Finden: Bin das ich?
Otje van der Lelij; Anne Otto

Sich selbst finden? Das klingt irgendwie schwammig. Denn oft sucht man ja überhaupt nichts. Dennoch haben wir manchmal das ungute Gefühl, etwas ändern zu müssen. Aber was? In diesem Fall ist es nützlich, zu wissen, wer man ist und was einen antreibt.


„Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?“ Diese Frage reizt den Lehrer Raimund Gregorius in dem Roman Nachtzug nach Lissabon – daraufhin reißt er das Ruder radikal herum. Er reicht seine Kündigung ein, kauft ein Zugticket nach Portugal und verschwindet. Weg aus seinem alten Leben, auf der Suche nach neuem Glück. Was für ein anderer Mensch könnte er sein? Was will er wirklich im Leben?


HINDERNISSE UND ALTE ROLLEN


Wer kennt das nicht: Eigentlich hat man das eigene Dasein ziemlich gut auf der Reihe, einen netten Freundeskreis, einen Beruf, vielleicht eine Beziehung – und plötzlich schlägt der Zweifel zu. Will man das überhaupt, ein Haus aus den 30er-Jahren mit einem Trampolin für die Kinder im Garten? Oder passt ein minimalistisches Apartment in der Stadt nicht doch besser zu einem? Und hat man von diesem Bürojob geträumt? Wäre es nicht schöner, als Entwicklungshelfer zu arbeiten? Viele Menschen schlagen sich mit solchen Fragen herum. Sie führen ein ruhiges, angenehmes Leben, aber innerlich nagt die Ungewissheit. Doch drastisch mit dem alten Leben zu brechen, wie Gregorius es tut, wagt kaum jemand. Bei den meisten bleibt es bei dem Gedanken im Hinterkopf: War das alles? Sollte ich nicht mehr aus dem Leben herausholen? Der Psychologe Lex Mulder glaubt, dass uns vor allem eigene Überzeugungen davon abhalten, aktiv etwas zu ändern. „Wenn man darüber nachdenkt, was man anders oder mehr haben möchte, steigen sofort verschiedene hemmende Gedanken auf. Man würde gern auf einem Bauernhof in Südfrankreich wohnen, spricht aber kein Wort Französisch. Oder man träumt von einem eigenen Restaurant, aber dann müsste man Beruf und finanzielle Sicherheit aufgeben.“ Unsere träumende Seite, die sich ein besseres Leben herbeifantasiert, wird schnell von der Pflichtseite überschattet, die bei jedem neuen Gedanken mit der lähmenden Phrase „Ja, aber“ parat steht. Mulder: „Um diesen Mechanismus zu durchbrechen, rate ich, sich etwas weniger zu bremsen. Es ist gut, ab und zu ungehemmt zu fantasieren – fernab der Realität.“ Angenommen, man wäre gern Pianist. Was stellt man sich dabei vor? Welche Aspekte sprechen einen an? Wünscht man sich, kreativ zu sein? Ist man auf der Suche nach einem Ventil? Oder träumt man vom anerkennenden Applaus? In der Antwort verbirgt sich oft das, wonach man sich sehnt. Es ist auch sinnvoll, den eigenen Lebenslauf kritisch unter die Lupe zu nehmen. Unsere Handlungen sind größtenteils die Summe unserer Erziehung und der Rollen, die wir aus unserer Familie kennen. Das beginnt bereits in der Kindheit. Eltern überfrachten ihren Nachwuchs bewusst oder unbewusst mit verschiedenen Erwartungen. So kann ein Kind das Gefühl entwickeln, dass Vater oder Mutter es lieber mögen, wenn es ihre Erwartungen erfüllt. Die Mutter strahlt vor Stolz, wenn die Tochter in einem Ballettkostüm durchs Haus tanzt, reagiert aber verhalten, wenn sie zum Judo möchte. Also nimmt die Tochter Extraballettstunden, lässt Judo fallen. Ein Sohn studiert Wirtschaft, weil es für seinen Vater ein wichtiger Wert ist, dass man viel Geld verdient – obwohl er selbst insgeheim lieber auf die Kunstakademie gegangen wäre. Wer über solche Mechanismen reflektiert, lernt zu erkennen, dass manche Entscheidungen eher die der Eltern als die eigenen waren.

 

HILFE VON NIETZSCHE


Um festzustellen, ob man im Leben etwas verändern muss, hilft das Gedankenexperiment „Die ewige Wiederkunft des Gleichen“ des Philosophen Friedrich Nietzsche: Stell dir vor, du müsstest bis in alle Ewigkeit das Leben, das du jetzt führst, noch einmal leben, wieder und wieder. Wie würde dir das gefallen? Würdest du dieselben Entscheidungen noch mal treffen? Oder dein Leben anders einrichten? Wenn dich der Gedanke der ewigen Wiederkunft eher heiter stimmt oder dir sogar gefällt, ist das ein Zeichen dafür, dass du zufrieden bist mit dem, was du tust. Du bist auf dem guten Weg und machst, was zu dir passt. Wenn dir der Gedanke aber zutiefst widerstrebt, ist es höchste Zeit, einen anderen Kurs einzuschlagen und etwas zu verändern. Eine so tiefe Selbstkonfrontation, wie Nietzsche sie vorschlägt, wagen wir meistens erst, wenn uns etwas Schlimmes widerfahren ist. Im Krankenhaus denken viele Menschen plötzlich intensiv über ihr Leben nach. Doch auch wenn wir älter werden und das Ende naht, reflektieren wir oft ernsthafter als vorher über unseren Lebenslauf. Oder, wie es so schön in Nachtzug nach Lissabon beschrieben wird: „Ich wurde wach und wusste plötzlich: Auf diesem Flügel zu spielen, so wie er es verdient, liegt nicht mehr in der Reichweite meines Lebens … Der Flügel – seit heute Nacht erinnert er mich daran, dass es manches gibt, was ich nicht mehr rechtzeitig werde tun können. Dabei geht es nicht um oberflächliche Vergnügungen und flüchtige Genüsse. Es geht um Dinge, die man zu tun und zu erleben wünscht, weil sie es sind, die das eigene, das ganz besondere Leben ganz machen würden, und weil ohne sie das Leben unvollständig bliebe, ein Torso, ein bloßes Fragment.“


ORIENTIERUNG UND SELBSTERKENNTNIS

 

Die großen Philosophen haben oft betont, dass man nicht zu lange damit warten sollte, über die Richtung seines Lebensweges nachzudenken, so wie die Romanfigur Gregorius. Besser sollte man damit beginnen, solange man noch jung ist und etwas ändern kann. Das wichtigste Hilfsmittel dabei ist die Entwicklung von Selbsterkenntnis – oder wie schon Sokrates sagte: „Erkenne dich selbst.“ Menschen, die sich selbst noch nicht gut kennen, sind schneller verunsichert und können oft nicht das Leben führen, das wirklich zu ihnen passt“, sagt Eike Lietzow, die als Coach in Berlin arbeitet. „Um beruflich oder persönlich passende Wege zu finden, ist es gut, wenn man weiß, wer man ist.“ Dies erfordere eine besondere Art der Besinnung, nämlich Selbstreflexion. Ein solches bewusstes Leben führt auch zu einem buchstäblich selbstbewussten Leben. Die Aufmerksamkeit ist dann in gewissem Sinne mehr nach innen gerichtet: Wie habe ich bis jetzt gelebt, was hat mich gehemmt und verstärkt, und was kann ich daraus lernen?“ Selbsterkenntnis bedeutet laut Lietzow, dass man die richtigen Antworten auf eine Reihe von Fragen sucht. Wie war ich als Kind? Was sagt meine Herkunft über mich aus? An welchen Stellen habe ich immer wieder die gleichen Fehler gemacht? Welche Stärken und Schwächen habe ich?


Manchmal hilf es, die eigene Lebensgeschichte oder Erkenntnisse zu Papier zu bringen. Sprache ordnet die Gedanken, Schreiben wirkt wie eine Art Psychoanalyse, man reflektiert sich selbst. Und wenn man dies gründlich tut, steigen verborgene Seiten an die Oberfläche, durch die man besser erkennt, wer man ist, was einen antreibt und ob man das Leben führt, das zu einem passt. Hätte man den griechischen Philosophen Aristoteles gefragt, was zu einem guten Leben führt, hätte er wohl geraten, seine Talente zu entwickeln. „Dort, wo dein Talent und das Bedürfnis der Welt einander überschneiden, liegt deine Berufung“, erklärt Aristoteles. Wer seine Talente entwickelt, zieht mehr Befriedigung und Freude aus dem Leben. Überlege also, was dir leichtfällt. Du weißt es nicht? Dann frage eine Freundin oder einen Kollegen. Manchmal sind wir komplett blind für unsere verborgenen Fähigkeiten. Auch psychologische Studien zeigen, dass andere Menschen uns oft besser kennen als wir uns selbst. Ein besonderes Talent muss übrigens nicht immer etwas Groß artiges, Schillerndes sein. Jeder hat Talent. Dazu gehört alles, was einem keine große Mühe bereitet. Vielleicht ist man hoffnungslos unmusikalisch, aber dafür eine gute Gastgeberin. Oder man wird von allen wegen seiner Engelsgeduld bewundert und kann gut erklären. Was auch immer es ist: Laut Aristoteles liegt in diesem Talent auch immer das eigene Glück verborgen.

 

PLANEN ODER LEBEN?

 

Eine andere hilfreiche Erkenntnis von Aristoteles ist die These von „Poiesis und Praxis“. Das sind zwei Arten, etwas zu tun. Bei der Poiesis dreht sich alles ums Resultat, um ein begehrtes Ziel in der Zukunft. Nehmen wir etwa den Hausputz. Es geht dabei nicht ums Saubermachen, sondern um die Wohnung, die danach ordentlich aussieht. Das Ziel des Kochens besteht für die meisten darin, dass ein Essen auf dem Tisch steht, und nicht darin, Gemüse zu schnippeln oder in einem Kochtopf zu rühren. Ganz anders ist es, wenn man sich im Modus der Praxis den Dingen nähert. Dann geht es nicht um das Resultat, sondern um die Handlung. Wenn ein Künstler ein Bild malt, ist er oft weniger an dem Gemälde interessiert, das später an der Wand hängen wird, als am Malprozess selbst. Und eine Sportlerin, etwa ein Tennisass, wird zwar auch gewinnen wollen, der Grund, warum sie aufs Feld geht, ist aber die reine Freude an der Bewegung, am Schlagen des Balls. Die Ausführung selbst macht sie bereits glücklich.


Wer mit einer ausschließlich auf ein Zielgerichteten, poietischen Einstellung an die Arbeit herangeht, dem liegt vor allem am Resultat. Man strebt danach, Deadlines einzuhalten, Geld zu verdienen, befördert zu werden.


Es ist natürlich gut, ehrgeizig zu sein und Ziele zu haben, doch wer seine Karriere nur mit dem poietischen Blick betrachtet, wird nicht glücklich, denn man schiebt das Glück vor sich her („Erst wenn ich dies oder das erreicht habe, bin ich glücklich“). Wenn der große Moment dann kommt, hat man bereits ganz neue Ziele, das Glück wird wieder aufgeschoben. Daher sollte man Aristoteles zufolge lieber eine Arbeit verrichten, die von sich aus und in der alltäglichen Praxis schon angenehm oder befriedigend ist.


Ein anderes wohlbekanntes Problem, dem sich viele Suchende gegenübersehen, ist die Qual der Wahl. Wir wollen zu viel, deswegen halten wir uns alle Wege offen. Solche Geschichten kennt jeder: Eine junge Frau würde gern in der Werbeagentur aufsteigen, in der sie arbeitet. Nebenbei besucht sie einen Kurs für kreatives Schreiben, weil sie einen Roman schreiben will. Sie hilft ehrenamtlich im Tierheim, besucht am Wochenende ihre kranke Großmutter. Sie will alles aus dem Leben rausholen, deswegen reist sie viel, wechselt häufiger den Partner, träumt von einer Familie. Es ist nicht zu übersehen, dass sie sich vierteilen müsste, um alle Sehnsüchte zu erfüllen. Laut Schriften des kanadischen Philosophen Charles Taylor, Experte für das Thema Identität und Gesellschaft, kann das nicht klappen. Wie talentiert man auch ist, man kann nicht alles werden. Alles aus dem Leben herauszuholen klingt toll, doch man erreicht das Gegenteil dessen, was man anstrebt. Man sollte sich lieber entscheiden, statt sich mit zu vielen Aufgaben zu belasten, die man dann nur zur Hälfte erledigt.


WÜNSCHE HINTER DEN TRÄUMEN

 

Selbst mit einer gehörigen Dosis Selbsterkenntnis und dem Treffen einer Wahl ist es noch nicht getan. Man muss auch aktiv werden. Eike Lietzow: „Wenn man sich besser versteht, hat das eine Art Rumpelstilzchen-Effekt. Man kann benennen, wie man tickt, kann selbstbestimmter handeln. Um dem neuen Kurs, den man gefunden hat, zu folgen, ist aber nicht nur Erkenntnis, sondern auch Tatkraft gefragt.“ Außerdem entdeckt man oft erst während des Machens und Ausprobierens, ob etwas wirklich passt. Häufiger ist es einfacher als gedacht, etwas zu ändern. Denn meistens sind schon kleine Veränderungen ausreichend, um glücklicher zu werden. Schließlich braucht man keine komplett andere Person zu werden. Damit man ein richtiges Maß an Veränderung findet, hilft es, sich klarzumachen, welche Wünsche hinter den großen Lebensträumen stecken. Wer von einem Bauernhof in Frankreich träumt, kommt durch Selbstreflexion vielleicht dahinter, dass er im Alltag auf der Suche nach Freiheit ist. Vielleicht bringt einem dann das Schreiben eines Romans – ganz egal, ob er verlegt wird oder nicht – die Freiheit, nach der man lechzt. Wer gern kreativer wäre, braucht nicht gleich den Job zu wechseln, sondern kann auch in einem Zeichenkurs oder einem Kurs in Modedesign einen Teil seiner Sehnsucht ausleben. Und steht man gern im Rampenlicht, ist eventuell die örtliche Theatergruppe geeignet.


Das Leben zu führen, das man sich wünscht, ist oft also schon mit kleinen Veränderungen umzusetzen. Wenn man weiß, wo die eigenen Leidenschaften liegen, ist dies schon ein Rezept für Glück und weniger Stress, wie Untersuchungen, etwa von Daniel Gilbert von der Harvard-Universität zeigen. In seinem Buch Ins Glück stolpern warnt der Psychologe davor, zu viel Energie in große Zukunftsträume zu stecken, also etwa in ein eigenes Haus oder den scheinbar perfekten Job. „Menschen können über eine so lange Zeitspanne oft gar nicht einschätzen, wie sie sich fühlen werden, wenn sie ihr Ziel erreicht haben“, erklärt Gilbert. Auch er empfiehlt deshalb, genau zu gucken, welche Sehnsucht hinter einem großen Ziel steckt, und diese dann im Alltag zeitnah und in kleinen Schritten umzusetzen. Wenn das gelingt, ist man nicht nur zufriedener, sondern wird auch für andere attraktiver. Denken wir einfach an die Freundin, die mit glänzenden Augen von ihrer Leidenschaft für Gartenarbeit schwärmt. Oder an den versponnenen Onkel, der begeistert über Einzeller spricht. Psychologe Lex Mulder fügt noch hinzu, dass kleine Kurskorrekturen viel positive Energie bringen. „Menschen, die auf dem falschen Weg sind, weil sie nicht das tun, was zu ihnen passt, wollen eigentlich auf zwei Beinen laufen, hüpfen aber immer nur auf einem Bein voran. Das kostet viel Energie. Tut man dagegen, was gut zu einem passt, bewegt man sich geschmeidiger durchs Leben.“ Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, schlummernde Sehnsüchte zu verwirklichen. Vielleicht wird man kein vollkommen neuer Mensch, doch man kommt seinem ursprünglichen Wesen immer näher.

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MORAL HOLIDAY


Was will ich? Wer bin ich? In welche Richtung will ich gehen? Manche Menschen beschäftigen sich fortwährend mit solchen Lebensfragen. Laut dem amerikanischen Philosophen und Psychologen William James (1842 —1910) sollte man sich ab und zu eine Denkpause gönnen. Er taufte diese Philosophie „Moral Holiday“. James rät, sich regelmäßig zu besinnen und Momente einzulegen, in denen man gründlich über sich selbst und das Leben, das man führt, nachdenkt. Doch anschließend sollte man wieder loslassen und auf die Antworten vertrauen, die man bis dahin gefunden hat. Diese moralische Entspannung sorgt für neue Energie und verhindert, dass man in Grübeleien versinkt.