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Srebrenica
Wolf Schneider

In ein paar Jahren wird der Name dieser bosnischen Stadt in den Geschichtsbüchern stehen: als besonders schreckenerregendes Beispiel für die ethnischen Säuberungen der Serben während des Balkankrieges. Und als Symbol für das klägliche – oder zynisch kalkulierte – Versagen von Nato, Uno und EU. Keinen Finger rührten deren Vertreter, als serbische Truppen die von UNSoldaten »beschützte« Kommune im Juli 1995 überrannten und anschließend wahrscheinlich 6000 Muslime ermordeten. Zwei Jahre nach dem Fall Srebrenicas hat GEO-Autor Wolf Schneider vor Ort rekonstruiert, wie es zu dem größten Blutbad in Europa seit 1945 kommen konnte – und wer dafür die Verantwortung trägt  

 In diesem Land liebt keiner keinen mehr. Alle Flüchtlinge, Umgesiedelten, Vetjagten, egal woher – das halbe Volk –, sind an ihrem neuen Wohnort unerwünscht, an ihrem alten ein Pfahl im Fleisch, und zwischen Bosniern und Serben schwelen Angst und Haß. Entsetzliches ist geschehen in Bosnien-Herzegowina, Unsinniges ist im Gange – und Schreckliches droht, sobald die der Nato unterstellten Soldaten abgezogen sein werden, wie für Juni 1998 angekündigt. Da brodelt ein Vulkan in Europa, 500 Kilometer südöstlich von Wien.
Inmitten des Desasters steht der Name Srebrenica als Symbol für absurdes Theater, für Massenmord, brutale Strategie und klägliches Versagen. Die mehr als 40 000 bosnischen Muslime, die sich unter die räudigen Fittiche der Uno geflüchtet hatten, waren 1995 der ganzen Welt im Wege: den Serben, den Großmächten und sogar der bosnischen Regierung. In Srebrenica haben Uno, Nato und Europäische Union sich Schande gemacht, und Europa hat sich verabschiedet von dem Traum, es könne Herr in seinem Hause sein.


Heute ist Srebrenica, von umgesiedelten Serben bewohnt, wieder das Sinnbild der Ausweglosigkeit. Alles an ihm ist verwirrend, schon der Name – „Silberstädtchen“ – und der Anblick erst recht: im Tal der Drina hübsch gelegen, in steile grüne Berge eingebettet und trotz der vielen Ruinen freundlich anzusehen.
Ja, auf die Suche nach Touristen haben die serbischen Neubürger sich gemacht, nach Investoren sowieso. Mit wenig Geld könnte man ja die Silbermine wieder auf volle Leistung fahren, schon in römischer Zeit hat sie Wohlstand nach Srebrenica gebracht, und das Hotel und das Ausflugsrestaurant könnte man herrichten in der nahen romantischen Waldschlucht.


Aber auch das neue Srebrenica hat keine Chance. Keine Chance, weil der Name von dem furchtbarsten Massaker besudelt ist, das nach 1945 in Europa stattgefunden hat, von den Anklägern vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag mit Katyn, Oradour und Lidice verglichen. Keine Chance, weil Srebrenica zur Republika Srpska gehört, dem serbischen Teilstaat von Bosnien-Herzegowina, in den nicht eine Mark westlicher Wirtschaftshilfe fließt, da er sich weigert, die in Den Haag angeklagten Kriegsverbrecher auszuliefern.


Und schließlich hat Srebrenica deshalb keine Chance, weil sie alle wieder raus sollen, die 17 000 Serben, die jetzt in der ehemals bosnischen Stadt leben – so sieht es das Friedensabkommen vor, das im November 1995 in Dayton abgeschlossen wurde. Wer sollte in soviel Ungewißheit investieren?
Jeder, der will, darf in sein altes Haus zurück: Darauf haben sich Serbien, Kroatien und die Teilstaaten von Bosnien-Herzegowina unter Anleitung der USA in Dayton geeinigt. Durch diesen beispiellosen Massenumzug soll das Menschenrecht gewahrt, die berüchtigte „ethnische Säuberung“ rückgängig gemacht und jeder künftige Versuch einer massenhaften Zwangsumsiedlung entmutigt werden.
Eine große Idee mit unabsehbaren Folgen – bei über einer Million Geflohenen oder Vertriebenen innerhalb des Doppelstaats und 1,3 Millionen Flüchtlingen im Ausland. Worauf die einen hoffen, das erfüllt die anderen mit Angst. So oder so: Das halbe Volk weiß nicht, wo es morgen wohnen wird, und das trägt dazu bei, daß die Luft im Land dick ist von Mißtrauen, Verstörtheit und dem Wunsch nach Vergeltung.


Wird wieder geschossen werden 1998, wenn die ausländischen Soldaten abgezogen sein werden? Viele Experten in Sarajevo befürchten es. Die einst überlegenen Waffen des serbischen Teilstaats verrotten, dessen Wirtschaft ist vollständig ruiniert – die Bosnier, an Volkszahl ohnehin weit überlegen, könnten sich stark genug fühlen, es ihm heimzuzahlen. Dann freilich könnte Belgrad wieder...


Wie im März 1992: Da hatten sich die Serben in Bosnien-Herzegowina zu einem jugoslawischen Bundesstaat erklärt und angefangen, dessen Grenzen mit militärischer Gewalt zu ziehen, alsbald von Belgrad unterstützt. Sie verjagten alle Bosnier aus ihrem Machtbereich.


Im April nahmen sie auch Srebrenica ein, zu 75 Prozent von Bosniern bewohnt. Schon im Mai konnten bosnische Milizen Srebrenica zurückerobern – jedoch um den Preis, daß die Serben die Stadt einschlossen und dann versuchten, sie durch Aushungern zur Kapitulation zu zwingen.


So begann die dreijährige Tragödie, die im Juli 1995 in die Katastrophe mündete: ein Drama von Kampf, Leid und Niedertracht, zu der ein holländisches Bataillon das Satyrspiel in Szene setzte. Helden gab es darin nicht – nur Schurken, Heuchler, Hasenfüße, viele tausend Opfer und einen wackeren Mann; und nicht alle Serben waren Schurken und nicht alle Schurken waren Serben.
Naser Orić  hieß der damals 25jährige schwarzbärtige Muskelmann, der im .1 Mai 1992 an der Spitze der bosnischen Milizen Srebrenica den Serben wieder entrissen hatte. Nun begann er seinerseits die serbische Minderheit aus der Stadt zu deportieren, soweit sie nicht geflohen war. Leibwächter ausgerechnet des serbischen Ministerpräsidenten Milosevic war Orić gewesen, serbische Dörfer rund um die Stadt überfiel er nun, teils um Waffen und Lebensmittel zu erbeuten, teils, um die dortigen Serben zu vertreiben – also seinen Beitrag zur „ethnischen Säuberung“ zu leisten, wobei viele Serben gefoltert wurden. Amerikanischen Journalisten führte Orić stolz ein Video vor, das seine Grausamkeiten dokumentierte.


In den Augen der holländischen Blauhelme war Orić schlicht ein Gangster. Als Bosnier wie Holländer später in der eingeschlossenen Stadt im Finstern saßen und froren, residierte er in seinem · strahlend erleuchteten Haus. Als die Blauhelme ihre Lasten schon mit Pferden und Eseln transportierten, kutschierte er immer noch im weißen Mercedes durch die Enklave.


Der eine wackere Mann in dem Drama, das war der französische General Philippe Morillon, Kommandeur der Uno-Truppen in Bosnien – auch wenn die Frauen von Srebrenica ihn erst aufs Pferd heben mußten, damit er sich zu seinem Husarenritt entschloß. Morillon war berüchtigt für den Luxus, den er in Sarajevo entfaltete: Ob geschossen wurde oder nicht – inmitten der Hungernden und Frierenden lud er zu Festbanketten mit befrackten Kellnern.


Am 11. März 1993 aber geschah etwas, das die ganze Welt überraschte: Mit einer kleinen Wagenkolonne und 13 Mann fuhr Morillon auf eigene Faust in die seit zehn Monaten umzingelte Stadt Srebrenica ein, um nach dem Rechten zu sehen. Die Serben forderte er auf, ihre Blockade unverzüglich zu beenden und ihre Angriffe einzustellen.


Zehntausende von Flüchtlingen, teils vor den Serben geflohen, teils von ihnen hineingescheucht, waren in Kellern, Schuppen und Garagen einquartiert oder in den Wohnungen, aus denen die serbische Minderheit in Srebrenica geflohen war. Die Belagerten näluten sich von Wurzeln, Eicheln, Kürbissen und Spreu; Krätze und Läuse hatten „epidemische Ausmaße“ angenommen: wie es in einem Bericht der Uno hieß; Frierende wärmten sich in beizendem Qualm an brennenden Autoreifen und Plastikflaschen; die Leichen der Verhungerten und Erfrorenen wurden von Hunden angefressen.


Daß der General Morillon plötzlich unter ihnen auftauchte, tröstete die Flüchtlinge wenig, denn zu essen hatte er nichts mitgebracht, und die ihn erkannten, beschimpften ihn, denn er galt als Freund der Serben. Neun Tage später aber ernannte die Stadt ihn zum Ehrenbürger. Was war da geschehen? Als der General abreisen wollte, sah er sich plötzlich von Hunderten ausgezehrter Frauen und Kinder umringt, die auf ihn einschrien oder sich vor seinem Wagen in den Schnee warfen – mobilisiert von Naser Orić und der Vorsitzenden der örtlichen Frauenliga, Fatima Huseinovic, die sich sagten: Wenn der Franzose schon hier ist, dann halten wir ihn fest, bis die Uno uns die Sicherheit von Srebrenica garantiert!
Morillon paffte eine Zigarette nach der andem und verhandelte mit den Frauen stundenlang. Dann trat er die Flucht nach vom an, stellte sich auf den Balkon des Postamts und rief der Menge zu: „Ihr steht jetzt unter dem Schutz der Uno-Truppen! Ich werde bei euch bleiben, bis euer Überleben gesichert ist.“ Die Frauen jubelten, auf dem Postamt ließ Morillon die Uno-Flagge hissen, auf dem Fußboden legte er sich schlafen.


Bis 2 Uhr morgens. Da versuchte er zu Fuß zu fliehen, kehrte aber um, als das erwartete Auto nicht am verabredeten Punkt eintraf; vermutlich hatte Naser Orić es abgefangen. Nun blieb Morillon nichts mehr, als eine Geisel zu sein und dabei den Helden zu spielen. Und ein Held wurde er wirklich für die belägerten Bosnier nach acht Tagen, am 19. März: Die Welt konnte es im Fernsehen bestaunen, wie der französische General an der Spitze eines Konvois von 18 Lastwagen mit 175 Tonnen Lebensmitteln und Medikamenten durch dicken Schnee in Srebrenica einfuhr.


Wie hatte Morillon den Konvoi herbekommen, der doch von den Serben wochenlang aufgehalten worden war, 80 Kilometer vor der Stadt? Gefordert hatte er es von den serbischen Offizieren – er, der Vertreter der Völker der Welt und General mit vier Sternen! Und natürlich, auf die Bedingung der Serben hatte er sich eingelassen, daß die Uno keinen Geleitschutz mitschicken dürfe; der Schutz war er selbst.


Im Hauptquartier der Uno raufte man sich die Haare, aber Präsident Mitterrand versicherte Morillon seiner vollen Solidarität mit der „mutigen Aktion“. Was wäre geschehen, wenn auch zwei Jahre später ein solcher Mann in Srebrenica gewesen wäre und nicht ein holländischer Oberstleutnant, dem nichts einfiel, als um Luftunterstützung zu flehen, während seine Soldaten sich von den Serben die Hosen ausziehen ließen?


Der Konvoi nahm Verwundete und Verhungernde ins bosnische Tuzla mit. Auf den offenen Lastwagen drängten sich die Menschen so verzweifelt, daß von einem die Bordwand abbrach und Dutzende hinabstürzten; drei wurden zerquetscht. Zwei Tage später wurden beim Ansturm der Tausende auf die rettenden Räder vier Erwachsene und zwei Kinder totgetrampelt, und wieder färbte der Schnee sich rot.


Sie wollten raus aus dieser verdammten Stadt, und den Serben war das nur recht, nicht aber etlichen Uno-Vertretern und Mitgliedern der bosnischen Regierung. Denn so vollzog sie sich ja, die „ethnische Säuberung“, die Vertreibung aller Bosnier aus jenen Regionen, die die Serben für sich allein haben wollten.
Mehr blieb nicht vom Handstreich Morillons. Schon am 12. Apri11993 gingen wieder serbische Granaten und Raketen auf Srebrenica nieder, 60 Menschen kamen um. Am 16. April griffen die Serben mit Panzern an und durchbrachen die bosnische Verteidigung. Radio Srebrenica schrie in die Welt hinaus: „Im Namen Gottes, tut etwas!“


Und in der Tat, der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen trat noch am selben Tag zusammen und beschloß: Die Enklave Srebrenica wird zur UN-Schutzzone erklärt; die Serben müssen sich zurückziehen, die Bosnier ihre Waffen einer UN-Friedenstruppe übergeben. Gewalt durften die Blauhelme nur zur Selbstverteidigung anwenden. Die Uno war sich darüber im klaren, daß so die Verteidigung der Schutzzone „nicht vollständig garantiert werden kann“; sie liege vielmehr in der Drohung mit Luftangriffen, und sie gehe vom „Konsens der Beteiligten“ aus, also vor allem der Muslime und Serben.


Einigkeit zwischen Muslimen und Serben? Die gerade gab es ja nicht, sondern Feindschaft bis aufs Messer. Wie konnte der Sicherheitsrat sich da auf „Konsens“ berufen? Zum einen, weil er endlich irgend etwas tun wollte – Venezuela, Pakistan und drei weitere nicht ständige Mitglieder aus der Dritten Welt drängten darauf. Zum anderen, weil er nicht mehr tun konnte, denn unter den fünf ständigen Mitgliedern fürchteten die drei westlichen Großmächte, in einen Balkankrieg verwickelt zu werden, während Rußland und China ohnehin mit den Serben sympathisierten.


Was so zustande kam, war, nach dem Urteil der Londoner „Times“, „eine überstürzte Resolution, deren Bedeutung niemand verstanden hat“. Zweieinviertel Jahre lang zahlte Srebrenica seinen schrecklichen Preis dafür.
Zwei Tage später, am 18. April, „erlaubten“ die Serben (obwohl es da nichts zu erlauben gab) 135 kanadischen Soldaten die Durchfalut nach Srebrenica. Mit der Entwaffnung der rund 3000 muslimischen  Soldaten kamen die Blauhelme nicht weit: Gewalt durften sie auch hier nicht anwenden und Häuser nicht durchsuchen.
Eine Zeitlang wurden die Bewohner leidlich versorgt mit Mehl, Zucker, Bohnen, Speiseöl und Fleischkonserven, ein halbes Kilo pro Kopf und Tag. Die Serben zwackten unterdessen mal hier, mal da ein Stück von der Enklave ab; sie umfaßte ja außer Srebrenica den Fabrikort Potočari und ein Dutzend Dörfer in einem bewaldeten Hügelland mit steilen Hängen, 15 Kilometer im Durchmesser, und da war es schwer, die Übersicht zu behalten.


Im Oktober 1994, nach anderthalb Jahren gedämpfter Not – die Kanadier waren inzwischen von 570 Soldaten eines holländischen Bataillons, „Dutchbat“, abgelöst – zogen die serbischen Belagerer die Schraube wieder an und ließen von zwölf Hilfskonvois nur drei durch. 90 Prozent der Bosnier in der Enklave seien extrem unterernährt, teilte die Gesellschaft für bedrohte Völker mit, Gelbsucht, Ruhr und Tuberkulose grassierten.


Was schließlich im Januar 1995 geschah, machte aus der Schreckenskammer ein Tollhaus: Muslimische Soldaten setzten 100 Holländer vier Tage lang fest. Dies sollte die Blauhelme warnen, einen Zipfel der Enklave zu betreten, in dem die bosnischen Milizen unter sich zu sein wünschten.
Die Beschützer im Gewahrsam der Beschützten! Hier schon zeichnete sich ab, in welcher Verstrickung die Uno-Soldaten dann im Juli zappeln würden, als das Tollhaus sich in ein Schlachthaus verwandelte.


Im Februar 1995 ließen die Serben zum letztenmal einen Tankwagen nach Srebrenica durch, im März den letzten Lkw mit frischen Lebensmitteln. Im April war Naser Orić plötzlich verschwunden. Mit 17 Offizieren seiner Miliz schlug er sich nach Tuzla durch. Hatte er Srebrenica aufgegeben?
Hatte die bosnische Regierung in Sarajevo die Enklave abgeschrieben?
Es war der 24. Mai 1995, als der französische General Bernard Janvier, Nachfolger Morillons als Befehlshaber der Uno-Truppen, die Sterbeglocke für Srebrenica läutete.


In New York sagte er vor Botschaftern und Militärs der 35 Staaten, die Blauhelme nach Jugoslawien geschickt hatten: Die Uno-Truppen in Srebrenica seien unzulänglich bewaffnet und in Gefahr, als Geiseln genommen zu werden; die Uno solle die Schutzzone preisgeben. „Seien wir ehrlich, vor allem gegenüber denen, deren Sicherheit in unseren Händen liegt!“ sagte der General. „Wer keinen Blitzableiter hat, soll sich nicht ins Gewitter stellen.“


Die Niederlande, die Türkei, Pakistan, Malaysia und Neuseeland widersprachen dem General. Die Vertreter der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Rußlands schwiegen.


Tags darauf, am 25. Mai, richtete Oberstleutnant Karremans, der Dutchbat-Kommandeur seit Januar, aus Srebrenica an seine Vorgesetzten die Botschaft: Wir haben nicht genug Treibstoff und Munition, wir können unseren Auftrag nicht erfüllen, und ein serbischer Sturmangriff scheint bevorzustehen! Nichts geschah. Gut sechs Wochen hatte Srebrenica noch zu leben.


Schon am 3. Juni griffen die Serben einen vorgeschobenen Uno-Beobachtungsposten an der südlichen Einfallstraße nach Srebrenica an mit einem Panzer und 50 Mann und verjagten die Blauhelme, von denen keiner einen Schuß abgab. Mit diesem Tag, stellte das Verteidigungsministerium in Den Haag später fest, sei die bis dahin überwiegend positive Einstellung der Muslime zu den Blauhelm umgekippt: „ Fünf Wochen hatte Srebrenica noch zu leben.


Am Donnerstag dem 6. Juli 1995, beginnt der schauerbehe letzte Akt. Um 3.15 Uhr morgens eröffnen die Serben das Feuer auf Srebrenica mit Kanonen und Raketenwerfern, und fünf Tage lang hält es an. Zwei Raketen explodieren in der Nähe des holländischen Camps und scheuchen die Soldaten in die Bunker. Oberstleutnant Karremans fordert beim Uno-Kommandeur in Tuzla Luftunterstützung an; der leitet das Gesuch nicht einmal nach Sarajevo weiter, weit eine Liste der Ziele fehle.


Mindestens einer der Posten ist mit einer Panzerabwehrrakete bestückt – sie wird nicht abgeschossen. Als ein holländischer Mannschaftswagen mit sieben Blauhelmen auf seiner Flucht . eine bosnische Straßensperre passiert, fliegt ihm aus den Reihen der wütenden bosnischen . Miliz eine Handgranate entgegen, ein Gefreiter : wird schwer verwundet und stirbt im Lazarett.


So ist schon an diesem 6. Juli das Szenarium ausgeleuchtet: Die Blauhelme verteidigen niemanden, nicht einmal sich selbst – und Tod droht ihnen nicht so sehr von den Serben als von denen, die sie beschützen sollen. „Wenn sie die Wahl hatten, zogen sich die Besatzungen der Beobachtungsposten nun lieber auf serbisches Gebiet als in ihre Camps zurück“, wird es später in einem Bericht des niederländischen Verteidigungsministeriums heißen. „Desertieren“ nannte man das früher.


Freitag, 7. Juli. In der Nacht sind 275 Granaten und Raketen in Srebrenica eingeschlagen. Karremans fordert zum zweitenmal Luftunterstützung an, aber die Uno lehnt ab.


Samstag, 8. Juli, dritter Tag der Beschießung .Ja, und da sind die Nato-Kampfflugzeuge: Im Tiefflug brausen sie über die Bergkuppen - doch das ist alles. Der bosnische Präsident Izetbegovic sagt in Radio Sarajevo, er habe den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland die Botschaft übermittelt: Wenn Srebrenica fällt, wird es ein Massaker geben. Karremans mahnt die Luftunterstützung an.


9. Juli 1995, ein Sonntag. Die Serben rücken bis auf wenige Kilometer an die Stadt heran. 30 Blauhelme nehmen sie dabei gefangen. Das Uno-Hauptquartier in Sarajevo schickt dem Kommandeur der serbischen Truppen, Ratko Mladić, per Fax ein Ultimatum: Falls Sie Ihren Vormarsch nicht augenblicklich stoppen, wird das „ernste Konsequenzen“ haben. Frist 24 Stunden.


10. Juli. Das Ultimatum ist verstrichen, und es geschieht das Gegenteil. Die ersten serbischen Panzer in der Stadt! Am Abend richtet Mladić seinerseits an Karremans ein Ultimatum: Alle Soldaten und alle 40 000 Bewohner verlassen die Enklave binnen 48 Stunden!


UN-General Janvier ruft seine Militärs zusammen. Die sprechen von Luftangriffen, die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen sei in Gefahr. Also los! sagt der holländische Offizier in seinem Stab. Nein, erwidert Janvier, ich muß noch darüber schlafen, wahrscheinlich wollen die Serben die Stadt ja gar nicht besetzen. Die Offiziere sind entgeistert.


So bricht der 11. Juli 1995 an. Es wird ein Tag, als hätte Alfred Hitchcock die letzten Tage der Menschheit inszeniert. Schon die Nacht ist voller Bewegung: Aus Srebrenica beginnen Hunderte von Männern sich davonzuschleichen, die Vorhut eines endlosen Trecks. Sie sammeln sich beim Dorf Šušnjari in den Wäldern im Nordwesten der Enklave.


Beim Aufgang der Sonne liegt noch Nebel überm Tal der Drina. Als er sich verzogen hat, lauschen die Bewohner aus Fenstern und Türen, ob die Düsenjäger kommen. Von Süden her rücken 1500 Serben vor – und treiben alsbald zwei ungeheure Karawanen von Fliehenden vor sich her. Nach den Hunderten, die sich schon in der Nacht aus dem Staub gemacht haben, setzen sich alle 40 000 Muslime aus Srebrenica in Marsch – und es ist nicht leicht zu begreifen, weshalb.
Der eine Strom wälzt sich nach Norden: Tausende von Frauen mit schweren Taschen, schreiende Kinder, schlurfende Greise, Schubkarren mit Gehbehinderten und nur wenige rüstige Männer - die ersten von 25000, die alle auf der heißen, kahlen Straße ins fünf Kilometer entfernte Potočari flüchten, wo die Holländer ein Fabrikgelände zu einem zweiten Camp ausgebaut haben. Doch was bringen fünf Kilometer Flucht? Die nackte Angst treibt die Frauen und offenbar die Hoffnung, die Blauhelme würden ihnen jeden Kontakt mit den Serben ersparen und sie auf bosnisches Territorium evakuieren. Diese Hoffnung wird schrecklich enttäuscht.
Der andere Strom ergießt sich nach Nordwesten durch die Wälder in Richtung Šušnjari, wo sich schon in der Nacht die ersten trafen: mindestens 10000, wahrscheinlich 15 000 wehrfähige Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren, fast alle, die in Srebrenica gelebt haben (siehe Kasten, Seite 112).


Viel ist seitdem darüber gerätselt worden, weshalb das Gros der bosnischen Männer, darunter die etwa 3000köpfige Miliz, Srebrenica verlassen, also auch auf jeden Versuch der Verteidigung ihrer Familien und der Stadt verzichtet hat. Ein paar tausend Maschinenpistolen, Handgranaten und Jagdgewehre hatten sie ja noch, und im Häuserkampf wären das durchaus taugliche Waffen für einen zähen Widerstand gewesen. Davor durften sie natürlich Angst haben – vor dem Marsch durch die serbischen Linien aber hätten sie sich ebenso fürchten müssen. Hatten sie allen Kampfgeist verloren, seit Naser Orić nicht mehr an ihrer Spitze stand? Oder war ihre Flucht gar Bestandteil einer Strategie der bosnischen Regierung?
Um 14.40 Uhr kommen die Kampfbomber der Nato tatsächlich angedonnert. 60 von ihnen sind in Erwartung des Einsatzbefehls fünf Stunden über der Adria gekreist, vier greifen an. Was sie nach Uno-Vorschrift dürfen, ist wenig genug: auf Waffen schießen, die Uno-Soldaten bedrohen.


Was die vier Düsenjäger tun, ist noch weniger: Zwei finden ihr Ziel nicht, die beiden anderen setzen zwei serbische Panzer außer Gefecht – genug immerhin, um General Mladić sofort zu einem neuen Ultimatum zu veranlassen: Aufhören, oder wir bringen die 30 Blauhelme um; die sich in unserem Gewahrsam befinden! Da ist es der niederländische Verteidigungsminister Voorhoeve, der Uno und Nato beschwört, die Luftangriffe einzustellen. „Die Serben haben gewonnen“, sagt er dazu.


Nun, da kein weiterer Düsenjäger heult, beschleunigt sich die Flucht nach Norden bei 36 Grad im Schatten. Vielen Frauen werden die Taschen zu schwer, sie lassen sie am Straßenrand stehen. In die für jeweils 20 Mann eingerichteten holländischen Kettenfahrzeuge, die am frühen Nachmittag ebenfalls nach Potočari aufbrechen, stürmen bis zu 100 Menschen. Sie klettern aufs Dach, stellen sich auf die Stoßstangen, hängen sich an die Außenspiegel.


„Es ist möglich, daß tote oder lebende Flüchtlinge überfahren worden sind“, heißt es später dazu in dem amtlichen Bericht aus Den Haag. Blauhelme von der Besatzung sagen aus, sie hätten mehrfach einen weichen Schlag verspürt. Aber es wird von Zeugen auch behauptet, die Fahrer der Mannschaftswagen hätten sich in Panik einen Weg durch die lahmende Menge gebahnt und eben dabei Fliehende überrollt.


In die mit Stacheldraht umzäunte Ruine der Akkumulatoren-Fabrik in Potočari läßt die durch Abgänge inzwischen auf etwa 400 Mann geschrumpfte Blauhelm-Truppe rund 4000 Flüchtlinge ein und versorgt sie mit Wasser und Eisernen Rationen. Tausende schreien in Todesangst am Zaun, Tausende irren draußen umher. In der Hitze stinken die Fäkalien. Die Serben kommen mit Panzern, Geschützen und 1500 Mann und schließen das Fabrikgelände ein.


Es gibt keinen Widerstand. Wer eine Uno-Uniform trägt, kann auch ein serbischer Soldat sein: Dutzenden von Blauhelmen haben die Serben alles ausgezogen bis auf die Unterwäsche, und so locken sie Flüchtlinge aus den Verstecken und bringen den Hexenkessel zum Sieden.


Um 18 Uhr teilt das niederländische Verteidigungsministerium mit: Srebrenica ist gefallen. Um 18.27 Uhr schnurrt aus dem Faxgerät ein Befehl aus Sarajevo an Oberstleutnant Karremaus: Handeln Sie einen Waffenstillstand aus, ergreifen Sie alle vernünftigen Maßnahmen, um die Zivilisten zu schützen, und verteidigen Sie sich mit allen verfügbaren Mitteln! Karremans faxt zurück: Der Befehl ist nicht ausführbar, jeder bewaffnete Widerstand würde „viele Opfer unter den Flüchtlingen“ zur Folge haben.


Das ist die Kapitulation. Gegen 20 Uhr an diesem 11. Juli 1995 haben die Serben alles in der Hand: die etwa 400 Holländer, die 25 000 Bosnier rund um Potočari und die gesamte Enklave – nur das Gros der wehrfähigen bosnischen Männer noch nicht. Im Schutz der Dunkelheit machen die sich von ihrem Sammelplatz im Wald, rund acht Kilometer westlich von Potočari, in endloser Zweierreihe, der Minen wegen, querfeldein auf den Marsch zum 60 Kilometer entfernten muslimischen Territorium; ihre Frauen, ihre Eltern, ihre Kinder lassen sie endgültig zwischen Holländern und Serben zurück.


Den Serben bleibt der Treck nicht verborgen. Bald beginnt ihre Attacke. Mit Panzern, Mörsern und Maschinengewehren machen sie Jagd auf die Muslime. Die 3000 Soldaten unter den Bosniern schleichen voran und liefern den Serben Gefechte; kurz hinter ihnen können die Serben die Kolonne zerteilen, für fast zwei Drittel der Männer schnappt die Falle zu. Die weiter hinten trotten, sehen Leichen am Trampelpfad und Leichen in Bächen, viele mit durchschnittener Kehle. Die ersten Bosnier erschießen sich, etwa 2000 ergeben sich, oft getäuscht durch gestohlene Uno-Uniformen und den Zuruf „Wir tauschen euch aus!“
Im serbischen Bratunac unweit Potočari nötigt General Mladić die Dutchbat-Offiziere in ein Hotelzimmer, in dem ein lebendes Schwein, an den Beinen aufgehängt, von der Decke baumelt. Ein serbischer Soldat tritt vor und schneidet ihm mit einem Messer die Kehle durch.


Während das Blut spritzt, sagt Mladić zu den Blauhelmen: „Genau das werden wir mit den Muslimen machen.“
Danach drückt er Karremans ein Glas in die Hand, ein Filmteam ist zur Stelle und hält fest, wie der vierschrötige Serbe und der hagere Holländer einander. mit Champagner zuzuprosten scheinen. Zuprosten! „Es war aber nur Wasser“, versichert Karremans später. Vor den Kameras hat er noch etwas gesagt an diesem 11. Juli: Nein, für die Luftangriffe sei er nicht verantwortlich, er habe das nicht zu entscheiden gehabt, und er habe auch nicht darum gebeten.


Das war gelogen. „Es machte die psychologische Herrschaft deutlich, die Mladić rasch über den Bataillonskommandeur gewonnen hatte“, schreiben die holländischen Politikwissenschaftler Jan Willern Honig und Norbert Bothin in ihrem Buch über Srebrenica. Als die Kameraleute gegangen sind, schreit der General den Oberstleutnant an: „Sie sind schuld! Wenn Sie nicht tun, was ich sage, werde ich jeden hier erschießen.“ Wie einen Untergebenen habe der General ihn behandelt, wird Karremans vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag entrüstet sagen.


Wer nun glaubte, die Flüchtlinge hätten den Gipfel ihres Leidens erreicht oder die Holländer – mit dem Sektglas, dem blutigen Schwein und den verlorenen Hosen – den Tiefpunkt der Erniedrigung: Der irrt. Nun erst beginnt mit voller Gewalt das serbische Morden, und die Uno-Soldaten setzen neue Maßstäbe für Peinlichkeit.
12. Juli 1995. In Potočari haben die meisten der 25 000 Bosnier in Schuppen kampiert, gequält von Angst, Hunger, Durst und Schmutz. Gegen Mittag streifen serbische Soldaten mit Schäferhunden zwischen den Lagemden umher und sondern alle Männer zwischen 16 und 60 aus – jene etwa 1000 bis 1200 Bosnier im wehrfähigen Alter, die sich dem großen Treck nach Nordwesten nicht angeschlossen haben.


Mladić erklärt Karremans das mit den Worten: Wir vermuten Kriegsverbrecher unter ihnen, wir müssen sie verhören, alle Gefangenen werden nach der Genfer Konvention behandelt.


Gegen 15 Uhr fahren an die 60 Omnibusse und Lastwagen in Potočari ein, um die Frauen, Alten und Kinder zu evakuieren. General Mladić redet zu den verstörten Flüchtlingen, während eine Kamera läuft: „Allah kann euch nicht helfen – ich kann es! Wir werden alle evakuieren, die diese Kampfzone verlassen wollen. Niemand wird gezwungen.“ An Kinder verteilt Mladić Schokoladenriegel.


Dann fährt das Kamerateam ab – und gezwungen werden alle Zwar findet zunächst ein Ansturm auf die Omnibusse statt, so daß holländische Soldaten mit Duldung der Serben eine Gasse bilden. Noch mehr Bosnier aber wollen offensichtlich nicht verladen werden, und die werden von den Serben „wie eine Viehherde“ in die Busse getrieben, berichtet die deutsche Krankenschwester Christine Schmitz. Die Taschen, die die Flüchtlinge gestern von Srebrenica nach Potočari geschleppt haben, werden teils nach Wertsachen durchwühlt, teils ihnen abgenommen.


Der Abtfansport vollzieht sich „mit unglaublicher Schnelligkeit“, wie Christine Schmitz registriert. Im Eiltempo fahren die Busse hin und her, binnen 28 Stunden ist die ethnische Säuberung radikal vollzogen und „zu krankhafter Perfektion“ getrieben, wie es in der Haager Anklage gegen Mladić heißt.


Die Frauen, die Kinder, die Greise werden 40 Kilometer nordwestlich von Potočari bei dem Städtchen Kladanj, noch auf serbischem Territorium, ausgespuckt und müssen die restliche Strecke nach Bosnien zu Fuß zurücklegen, zwei Stunden Wegs. An der Grenze kommen ihnen bosnische Omnibusse entgegen und schaffen sie ins Uno-Flüchtlingslager nach Tuzla.


Die mehr als 1000 Männer, die sich die Serben in Potočari gegriffen haben, werden nach Bratunac gefahren und dort in ein verfallenes Lagerhaus gequetscht. Im Fußballstadion von Bratunac hocken zudem 2000 Bosnier von dem großen Treck. Die Treibjagd der Serben auf die anderen geht weiter, Mladić mobilisiert den letzten Mann. Die Gejagten traben, schleichen, hinken und verstecken sich. Sie essen Pilze und Beeren, sie trinken aus Bächen und Tümpeln. Sie werden aufgestöbert, viele sterben, andere ergeben sich. So nimmt das Elend seinen Lauf.


Aber die Europäische Union! In einer Erklärung aus Brüssel verurteilt sie aufs schärfste, rügt eklatante Verstöße, fordert sofortige Freilassung. Und der Uno-Generalsekretär! Der Fall von Srebrenica sei „keine Niederlage“, sagt Boutros-Ghali; die Schutzzone müsse durch Verhandlungen wieder eingerichtet werden.


„In Washington dämmert· langsam die Erkenntnis, daß Unsagbares geschehen ist“, schreibt die ,,.New York Times“.
Bei den Holländern aber „gewann das Gefühl Oberhand, daß die Serben die Befreier seien“, wird später der britische „Observer“ vermuten, nachdem der Bericht des Verteidigungsministeriums in Den Haag veröffentlicht worden ist. Ob ‚sie gefangen sind, ist schwer zu sagen: Zunächst patrouillieren sie an diesem 12. Juli noch mit umgehängten Maschinenpistolen, jedoch ohne Munition, später auch ohne Waffen.


Von den 14 gepanzerten Mannschaftswagen der Blauhelme, ihren Mörsern, Maschinengewehren und Handfeuerwaffen „eignen sich die Serben den Hauptteil an“, wie das Ministerium das ausdrückt, und ihre 18 Geländewagen läßt Mladić komplett konfiszieren.


Unter den letzten Bosniern in Potočari verbreiten sich am Abend Gerüchte von Massenhinrichtungen, ein Blauhelm hat sogar Leichen fotografiert: neun Männer in Zivil, ganz in der Nähe des Camps auf dem Bauch liegend, mit Einschüssen im Rücken. Leider, leider ist dieser Film, der Beweis für ein Kriegsverbrechen, beim Entwickeln im niederländischen Verteidigungsministerium kaputtgegangen, „durch menschliches Versagen“.


Aus dem Treck der 15 000 Männer werden unterdessen immer mehr gefangen und in Schulen und Lagerhäusern zusammengetrieben. In mehreren taucht General Mladić auf, ruft „Hallo, Nachbarn!“ und vertröstet oder verhöhnt die Gefangenen. In den überfüllten Räumen ringen sie nach Luft, manche müssen die ganze Nacht lang die Hände hinterm Kopf verschränken. In einen Schuppen schießen die Serben durch die Fenster, machen eine Pause, lachen, schimpfen und schießen weiter, bis sie alle Bosnier für tot halten.


Die meisten der Gefangenen werden mit Lastwagen auf Felder gekarrt, teils mit verbundenen Augen, andere mit dem Befehl: Kopf zwischen die Knie! Auf dem Acker werden sie vom Lkw gezerrt, in Gruppen oder Reihen aufgestellt und mit Maschinenpistolen erschossen. Dann kommt – mehrfach bezeugt – Ratko Mladić und lobt die Mörder, es kommen Bagger und heben Massengräber aus oder schütten Lebende mit Tonnen von Erde zu oder schaufeln die Leichen auf Lastwagen, damit sie zu einem Massengrab gefahren werden können; dann rattern Bulldozer herbei und planieren das Feld.


Der 17jährige Nezad Avdić sieht im Mondlicht eine Wiese voller Leichen. Er muß sich auf den Bauch legen wie die anderen und wird durch zwei Schüsse getroffen – aber er überlebt. Neben ihm schreit jemand. Er sieht einen Stiefel und hört weitere Schüsse, bis die Schreie verstummen. Da bleibt er still. Als die Soldaten gegangen sind, kann er sich im Schutz der Nacht nach Tuzla schleppen.


Der 25jährige Mevludin Orić wird von den Maschinenpistolensalven nicht getroffen, er fällt unter die Leiche seines Vetters, ist von Blut überströmt und gilt als tot. Nach sechs Stunden wird er ohnmächtig. Er erwacht, als die Bagger kommen, und arbeitet sich unter dem Toten vor. Im Mondlicht sieht er Leichen, er schätzt sie auf mehr als , 2000, und Gräben, drei Meter tief. Er läuft zum nächsten Wald und schlägt sich, ausgemergelt, zerlumpt, mit blutenden Füßen, zu den bosnischen Linien durch. Er erreicht sie am 21. Juli, dem zehnten Tag seit der Flucht aus Srebrenica, als einer der letzten jener schätzungsweise 8000 Männer, die den großen Treck überlebt haben.


Gibt es nicht auch serbische Soldaten, die , zögern oder sich weigern? Natürlich, sagt später Drazen Erdemovie vor dem Haager Tribunal – „aber da schrie der Kommandeur: Wenn ich Mitleid hätte, sollte ich mich gleich zu ihnen stellen“. Da habe auch er geschossen und vermutlich 70 Leben ·ausgelöscht. Das Gericht verurteilt Erdemovie im November 1996 zu zehn Jahren Haft, als ersten von bisher 74 Angeklagten.


Am 21. Juli, dem letzten Tag des Trecks, bricht das Gros des holländischen Bataillons nach Zagreh auf. In ihrer letzten Woche in Potočari haben die Blauhelme noch 59 verwundete Bosnier betreut und gegenüber Mladić, der die Uno-Soldaten sofort evakuieren will, immerhin durchgesetzt, daß sie so lange bleiben dürfen, bis die Kranken an die bosnische Grenze transportiert sind. Inmitten des Stöhnens und Gestanks werden sieben Kinder geboren. Die Holländer sehen einen Traktor mit zwei Anhängern vorüberfahren, auf denen etwa 100 Leichen liegen.


Was nun noch folgte, war nicht weniger schrecklich und bizarr. Am Sonntag, dem 22. Juli 1995, traf das Gros der Blauhelme in Zagreb ein, und tags darauf wurden sie gefeiert. Hollands Kronprinz Willern Alexander im Uno Kampfanzug und Ministerpräsident Wim Kok flogen zur Begrüßung in die kroatische Hauptstadt, außerdem zehn Psychologen und eine Militärkapelle, die zur Begrüßurig „It‘s a long way to Tipperary“ spielte. Der Kronprinz überbrachte das Lob seiner Mutter, der Königin.


Dank, Musik und Fröhlichkeit – war das so dringend? fragten in den folgenden Tagen holländische Zeitungen, um so lauter, je mehr sich abzeichnete, daß Regierung und Armee längst Kenntnis von Greueln hatten, von denen die Weltöffentlichkeit erst nach und nach erfuhr. Wie konnten die Spitzen des Staates da noch mit einer Blaskapelle nach Zagreb fliegen?


Hätten sie den Blauhelmen nicht zu verstehen geben müssen: Von den Völkern der Welt im Stich gelassen, wart ihr die schuldlosen Zeugen und die hilflosen Mitvollstrecker eines entsetzlichen Verbrechens. Imposant habt ihr euch dabei nicht verhalten. Nun beichtet, erholt euch, verzeiht uns, wie wir euch verzeihen, und erwartet keine Feiern. Am Tag nach der Musik stellte sich Karremans der Presse. Er habe sich in Srebrenica abgewöhnt, die kriegführenden Parteien · in „good guys and bad guys“ einzuteilen, sagte er. Schon dies war ziemlich provokant, aber Karrernans sagte noch mehr, und damit redete er sich um Kopf und Kragen: Er bescheinigte den Serben „eine hervorragend geplante Militäroperation“, und das holländische Bataillon hätten sie „sehr geschickt ausmanövriert“.


So trug das Verhalten von Politikern und Militärs nach dem Gemetzel dazu bei, daß es nächst den blutrünstigen serbischen Aggressoren vor allem die holländischen Blauhelme waren, auf die die Empörung der westlichen Öffentlichkeit niederprasselte.


Doch das war nicht ganz gerecht. Wer hat denn in Wahrheit die Serben gewähren lassen und warum?
Schuld war der Weltsicherheitsrat, weil er 1993 den Blauhelmen einen unrealistischen, unzumutbaren Auftrag erteilt hatte: die Bosnier zu beschützen, Gewalt aber nur zur Selbstverteidigung anzuwenden.


Schuld waren Washington, London und Paris: Sie wollten Srebrenica preisgeben. Den Krieg in Jugoslawien wollten siebeendet sehen und als Beitrag zum Frieden die Landkarte bereinigen, also die Enklaven von Srebrenica, Žepa und Goražde beseitigen, denn der geplanten Teilung von Bosnien-Herzegowina in einen westlichen bosnisch-kroatischen und einen östlichen serbischen Staat standen sie im Wege. „Mochten die führenden Politiker die Methoden rügen – das Ergebnis unterstützten sie“, schreiben die englischen Journalisten Laura Silber und Allan Little in ihrem Buch „Der Tod Jugoslawiens“.


Daß daraus ein Massenmorden folgen würde, müssen die Großmächte in Kauf genommen haben – nach allem, was über serbische Greuel seit 1992 bekannt geworden war. Madeleine Albright, heute US-Außenministerin, sprach es im Juli 1996 nach dem Besuch eines der Massengräber aus: „Ich kann mich nur schwer mit der Tatsache abfinden, daß eine Menge Leute gewußt haben müssen, was da vor sich ging.“


Und offensichtlich wollte nicht einmal die bosnische Regierung Srebrenica halten. Warum hatte sie im April Naser Orić abgezogen? Und hat sie die Flucht der 15 000 wehrfähigen Männer am Ende selber angeordnet oder angestiftet?
Ja, sagen die Politikwissenschaftler Honig und Both: Durch den Abzug der Wehrfähigen hofften die Bosnier die Uno zu zwingen, sich selber in der Enklave militärisch zu engagieren. Öffentlich nannte General Rasim Delic drei Wochen nach dem Fall von Srebrenica vor dem bosnischen Parlament einen weiteren Grund: „Der erfolgreiche Ausbruch“ so vieler Soldaten habe die bosnische Armee gestärkt.


All die anderen aber sind verblutet auf dem Opferstein der großen Politik, und die Holländer wären die letzten gewesen, die daran etwas hätten ändern können. Ja, indem sie militärisch überhaupt nichts taten, nicht einmal für sich selbst, verhielten sie sich genauso, wie die Uno, die Großmächte und die bosnische Regierung es von ihnen erwarteten. Ihr Leben sollten sie gar nicht in die Schanze schlagen für die, die sie zu schützen hatten. Der britische Uno-Kommandeur Rupert Smith sagte es in seiner Direktive vom 29. Mai 1995 noch deutlicher: „Die Sicherheit des Uno-Personals geht der Ausführung des Auftrags vor.“ Um das Leben der Beschützer ging es folglich, nicht um das der Beschützten – eine in der zivilisierten Welt absolut neuartige Definition des Soldatentums.


Was also bleibt den holländischen Blauhelmen vorzuwerfen? Ihrem Kommandeur allemal sein skandalöses Lob für die Serben; wenn er schon so dachte, hätte man doch von ihm erwarten dürfen, daß er darüber schwieg. Mit dem Sektglas voll Wasser mag er überrumpelt worden sein. Aber dann trat vor dem Tribunal in Den Haag im Juli 1996 eine weitere Merkwürdigkeit zutage.


Ob er sich bei seinen Gesprächen mit General Mladić nach dem Schicksal der über 1000 ausgesonderten bosnischen Männem erkundigt habe, wollten die drei Richter wissen. Fünfmal waren die Kommandeure zusammengetroffen zwischen dem 11. und dem 21. Juli.


„Ehrlich gesagt“, antwortete Karremans – „bis zum Entsetzen ehrlich“, wie die „Frankfurter Rundschau“ schrieb – „haben wir gar nicht daran gedacht, danach zu fragen.“ Ungläubig faßte ein Richter nach: Und worüber haben Sie mit Mladić beim letzten Zusammentreffen gesprochen? Über die verschwundenen Uniformen und Geländewagen, erwiderte Karremans, „und über allgemeine Sachen“.
Ein Oberstleutnant, der offenbar weder ein Kämpfer war noch ein Kirchenlicht, Kämpfer aber auch gar nicht hätte sein sollen –ΩΩ da ist wenig Schuld, verglichen mit den Taten und Unterlassungen der Großmächte und der kriegführenden Parteien. Darf man den Holländern auch nur anlasten, daß sie ihre Schützlinge, die Muslime, nicht leiden konnten?


Da liegt wohl eher ein hartnäckig verschwiegenes Grundproblem aller Blauhelm-Einsätze vor: Es ist fromm und albern, ausgerechnet von Soldaten zu erwarten, sie sollten das Kulturgefalle und die unverstandene Sprache durch internationale Nächstenliebe überwinden.


Was bleibt, ist Spekulation. Wie, wenn Karrernans den Serben so entgegengetreten wäre wie zuvor General Morillon? Oder wenn die Holländer entschlossen Gebrauch gemacht hätten von ihrem Recht zur Selbstverteidigung? Aber ob das etwas bewirkt hätte oder ob nur noch mehr Blut geflossen wäre – niemand weiß es.


Woran also kann es liegen, daß holländische Politiker und Journalisten sich so heftig an die Brust geschlagen haben? Wahrscheinlich daran, daß in Srebrenica ein naives Urbild vom Soldaten zerkratzt worden ist, geprägt von Sagen, in denen die Helden sterben, und von Action-Filmen, in denen sie unverwundbar sind. Inmitten eines Desasters, für das sie nicht hafteten und das sie nicht verhindern konnten, haben die Blauhelme keine erfreuliche Figur gemacht, das ist alles.
Wären die Holländer mit 50 Särgen heimgekehrt – sie hätten, schmerzlich zu sagen, mit Sicherheit eine bessere Presse gehabt; es gibt niederländische Militärs, die das auch so sehen. Aber für die Presse spräche das nicht. Es besagt nur, daß tief in uns ein standhafter Zinnsoldat rumort, und der nickt gewiß zu dem abgründigen Satz, den Antoine de Saint-Exupery nach Frankreichs Zusammenbruch von 1940 formulierte: „Es gehört sich, daß eine Niederlage sich durch Tote ausweist.“


Im November 1995 wurde in Dayton das Friedensabkommen unterzeichnet, das ein kroatisch-muslimisches Bosnien von einem serbischen trennte. Mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen erklärten sich in Dayton alle Parteien einverstanden.


So reiste im Januar 1996 eine Kommission des Raager Tribunals an die Stätten des Horrors. Sie fand zwei Massengräber, gekennzeichnet durch Spuren von Planierraupen unter dem dünnen Schnee, herumliegende Knochen, Kleidungsstücke und den Gestank von Verwesung. Und sie sah den Schuppen, in den die Serben hineingeschossen hatten: die Wände mit unzähligen Löchern, blutbespritzt, mit Haaren und Hautfetzen verklebt. ,,Es gibt überwältigende Beweise für schreckliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, hieß das Fazit der Kommission.


Im April 1996 begannen die Experten mit der Beweissicherung auf der Route des großen Trecks. Sie bargen Knochen, Schädel, Schuhe, Kleiderfetzen, die eindeutig nicht zu Uniformen gehörten, und verrottete Papiere. Alle Leichenteile wurden in einem fahrenden Laboratorium fotografiert, geröntgt, in numerierte Plastiksäcke gepackt und ins Flüchtlingslager von Tuzla geschickt, in der Hoffnung, daß sich Angehörige fanden, die sie identifizierten.


11. Juli 1996, erster Jahrestag der Einverleibung Srebrenicas durch die Serben: Unter den bosnischen Frauen im Flüchtlingslager von Tuzla gab es noch mehr Tränen und Proteste als sonst; die Uno-Spezialisten setzten ihre traurige Arbeit fort; die neuen Bewohner von Srebrenica feierten mit Blasmusik und riesigen Mladić Potočari zwischen zerstörten oder verwahrlosten Häusern.


Als die Uno-Spezialisten im Oktober 1996 1 vor dem Bodenfrost kapitulierten, hatten sie rund 450 Leichen gefunden. Wo waren die anderen? Es gibt sie nicht! sagen die Serben. Die Ankläger des Tribunals in Den Haag machen eine andere Rechnung auf. Als die Friedensverhandlungen in Dayton begannen, setzte auch eine emsige Verlagerung der Massengräber in dem ser\>isch besetzten Territorium nord‘ijestlich von Srebrenica ein: Leichen wurden· ·ausgebaggert, weggeschafft, in andere, weit verstreute Löcher und Gräben geschüttet und neu init Erde bedeckt.


Woher kann man das wissen? Aus Luftaufnahmen, aus Zeugenaussagen und vor allem aus folgender Erfahrung: Mit nur einer Ausnahme fanden die Experten die ursprünglichen Massengräber – kenntlich an Baggers puren, Verwesungsgeruch und jungem Gras - überwiegend leergeräumt Hier ein Kieferknochen, dort ein Fuß, zehn Meter weiter ein Schädel- und in einem Winkel, den der,, Baggerführer offenbar übersehen hatte, 100 vollständige Skelette. Was anders läßt sich daraus schließen, als – daß zunächst das ganze Areal mit Leichen gefüllt gewesen ist? Bis aber die Ausweichgräber alle gefunden und untersucht worden sind, können Jahre vergehen.


Die Frauen von Srebrenica sehen das ganz anders. Mit eiserner Beharrlichkeit klammem sie sich an den Gedanken, ihre Männer würden in geheimen serbischen Lagern festgehalten, oder sie versteckten sich noch in den Wäldern, nicht ahnend, daß Frieden geschlossen worden ist (über japanische Soldaten konnte man dergleichen ja noch 15 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg lesen). Und wer sollte überhaupt im Januar den Teilbetrieb der Silbermine wieder aufgenommen haben, wenn nicht unsere Männer, die einzigen Experten? fragt Fatima Huseinovic – eben jene, die 1993 dem General Morillon die Heldenrolle aufgezwungen hatte.
Sie führt ihre „Vereinigung der Frauen von Srebrenica“ weiter; die Namen von fast 8000 vermißten Männem hat sie im Computer gespeichert. Er steht in einem Stübchen in Tuzla der bosnischen Stadt mit den meisten Flüchtlingen. Hat sie Indizien für geheime Lager? Nein, sagt sie. Wann zuletzt sind Verschollene aufgetaucht? Im August 1996, drei waren es, sie kamen aus den Wäldern. Und seitdem keiner mehr? Keiner mehr. Ihre Augen werden feucht.


Was geschah mit ihrem Mann? Fatima Huseinovic mußte zusehen, wie er in Potočari von den Serben herausgegriffen wurde. Ein Lebenszeichen? Nein. Will sie selbst zurück nach Srebrenica? Sofort! Das heißt: Sobald „die Behörden“ die Serben rausgeworfen haben, allesamt! Wie lebt sie in Tuzla? Sie hat zu essen.
Aber auf der Straße ist sie schon mehrfach angepöbelt worden, Flüchtlinge mag man nicht – nichts als Konkurrenz bei Wohnraum, Arbeitsplatz und Uno-Hilfe. Fatima Huseinovic weint. Sollen die bosnischen Flüchtlinge aus Deutschland wiederkommen? Um Gotteswillen! Platz haben wir nicht, willkommen wären sie nicht nicht einmal im bosnischen Landesteil.


Eine Schule am Rand von Tuzla, von Tausenden von Blechdosen und Plastiktüten umgeben. Ein Flügel dient als Flüchtlingsunterkunft, zwei Familien pro Klassenzimmer, doppelstöckige Betten, als Möbel Pappkartons. Kein Mann weit und breit.


Über den Korridor schlendert stundenlang eme schmale Greisin in Pluderhosen, wie viele bosnische Frauen vom Lande sie tragen; sie selbst ist aus einem Dorf nach Srebrenica geflohen und hat dort die Rungeijahre sowie die Diskriminierung durch die Eingesessenen erduldet. Sie strickt im Gehen. Den Fremden blickt sie fast fröhlich aus hellblauen Augen an, sie plaudert gern, von ihren acht Enkelkindem und ihrem verschollenen Sohn – bis ihre Augen sich schließen, ihre Züge sich verzerren und ihre Stimme im Schluchzen erstickt.


Auch die Holländer werden immer noch von Srebrenica umgetrieben. Im November 1995 gab es im Parlament zu Den Haag 146 Anfragen, im Mai 1996 in Amsterdam ein satirisches Theaterstück, in dem die Mutter eines Blauhelms wütend schreit: „Was habt ihr getan, als die Muslime sich aufhängten und die Serben kamen? Ihr habt euch in die Hosen geschissen.“ Im Juli schrieb das Nachrichtenmagazin „Elsevier“, die Niederlande, stolze Hüterin des Gedächtnisses von Anne Frank, hätten „nichts unternommen, um einen Völkermord zu verhindern“.


Wie wird es mit Bosnien-Herzegowina weitergehen? Das ganze Land hängt am Tropf der internationalen Hilfsorganisationen, für die Sicherheit sorgen allein die 30 000 ausländischen Soldaten, kein Bosnier wagt sich in den serbischen Teil und umgekehrt; es sei denn unter dem Schutz der Nato wie im April beim Papstbesuch in Sarajevo. Telefonleitungen gibt es sowenig wie öffentliche Verkehrsmittel in die andere Hälfte des Staates – obwohl da keine offizielle Grenze ist, nur ein demonstrativer Wechsel von der lateinischen zur kyrillischen Schrift und umgekehrt, und in Sarajevo steht ein Polizist auf jeder Straße, die ins Serbische hinüberführt, und warnt die Autofahrer mit einer Trillerpfeife.


Die Arbeitslosenquote liegt durchweg über 50, im serbischen Teilstaat über 80 Prozent. In der kaum zerstörten Altstadt Sarajevos wird flaniert, gegessen und getrunken; in Dutzenden von Hochhäusern aber haben nur ein paar Etagen noch oder wieder Fenster, und in der ehemals von Serben bewohnten Vorstadt Ilid:la sind die Häuser großenteils zerschossen und allesamt verwahrlost. Im Winter 1995/96, nach dem Abkommen von Dayton also, waren hier Serben aufgetaucht – „Polizisten“ sagen die einen, „Banden“ die anderen - und hatten ihre Landsleute ermahnt oder unter Drohungen gezwungen, in den serbischen Teilstaat umzuziehen, und gemeinsam zerschlugen sie oder steckten sie in Brand, was sie nicht mitschleppen konnten.


In diesen Schutt und Müll sind nun Muslime einquartiert: 1992 aus ostbosnischen Dörfern nach Srebrenica geflohen und schon dort ungeliebt; 1995 nach drei Schreckensjahren von Mladić aus Srebenica nach Tuzla verfrachtet; 1996 von der bosnischen Regierung hierher umgesiedelt, damit auch ja kein Serbe nach Sarajewo zurückkehren kann, wie es sein Recht wäre.


Sie sind die letzten in der Kette von Elend, Verfolgung und Haß, die dieses heillose Land durchzieht, und nun mögen sie nicht mehr. Die allgegenwärtigen Trümmer und Scherben zwischen Häusern und Ruinen schiebt niemand auch nur ein bißcben zur Seite, und noch mehr Blechdosen als sonst im Land scheppern im Wind.


Um so mehr staunt man über das Silberstädtchen drüben im Gebirge. Vor jedem Haus in Srebrenica steht ein sauber geschichteter Turm aus Holzscheiten, niemand muß mehr frieren in diesem engen Tal, das im Winter ein Schneeloch mit wenig Sonne ist. Eine deutsche Hilfsorganisation ist dabei, die verwüsteten Wälder aufzuforsten, und gleichzeitig sorgt sie für das Holz zum Heizen und zum Kochen. Das Essen kommt überwiegend von der Uno-Hilfsorganisation UNHCR – seit Januar allerdings mit verminderten Rationen, weil die serbischen Bewohner keine Neigung zeigen, den Vertrag von Dayton zu vollziehen, also sich auf den großen Ringtausch einzulassen.


Sie belohnen sich damit, daß sie Ordnung stiften: Blitzsauber ist das Städtchen aufgeräumt, das noch am ersten Jahrestag des Massakers ein Müllplatz war. Sie wollen bleiben, das sagen sie alle, und wer es in Wahrheit nicht wollte, der würde von der Marionettenregierung an den Fäden des wahnsinnigen Irrenarztes Radovan Karadžić bedrängt, nicht wegzugehen.


Offen hat Karadžić sich gegen den Massenumzug gestellt und ihn damit noch unwahrscheinlicher und bedrohlicher gemacht. In dem jetzt serbischen Dorf Gajevi brannten im März 1997 mehrere Fertighäuser nieder, die von heimkehrwilligen Bosniern errichtet worden waren. Serbische Polizisten sahen zu und die der Nato unterstellten russischen Soldaten auch.


Haben denn schon bosnische Frauen versucht, ihr altes Haus in Srebrenica zu beziehen? Sie sollen es nur wagen! Bekommt man da zu hören – von lauter Leuten, die ihren Namen nicht nennen wollen. Stanislaw Rakić, der Bürgermeister, weiß ebenfalls von keinem Versuch – und wenn doch? „Dann würde ich sie nach Anhang 7, Ziffer 1 des Abkommens von Dayton willkommen heißen.“ (Es ist der Anhang, der das Recht auf Heimkehr regelt.)


Und was, wenn die serbische Familie bleiben will in dem Haus, auf das die bosnische Familie Anspruch erhebt?


„Ich bin nicht befugt, zu befinden, was dann geschieht“, sagt der Bürgermeister. „Fragen Sie doch mal in Sarajevo, was dort passieren würde, wenn eine serbische Familie, die jetzt in Srebrenica wohnt, in ihr altes Haus will.“


Eine Greisin wie aus einem deutschen Heimatfilm, mit weißem Haar über den hellblauen Augen, sagt in ihrer Wohnschlafküche: Ja, eigentlich möchte sie in ihr Dorf zurück. Aber wer würden ihre Nachbarn sein? Ihr Mann ist gestorben, ihr Sohn ist gefallen, und hier in Srebrenica braucht sie wenigstens keine Angst zu haben.


Und wenn sie sich nun entscheiden müßte, morgen schon? Da weint sie, wie so viele.