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Schreiben war ihm nicht genug
Walter Wüllenweber

Wir trauern um Gabriel Grüner, 35 und Volker Krämer, 56 - STERN-Reporter im Kosovo, erschossen am 13.Juni 1999 gegen 18 Uhr, auf dem Weg von Prizren nach Skopje / DER REPORTER UND DER KRIEG / Gabriel Grüner hatte den Krieg auf dem Balkan vom ersten Schuß an begleitet. Mit seiner Reportage über den Frieden im Kosovo wollte er einen Abschluß setzen.

Das wird meine letzte Reise auf den Balkan', hat GabrielGrüner uns Kollegen vorher gesagt. 'Irgendwann hast du die Schnauze voll von dem ganzen Haß. Irgendwann kannst du es einfach nicht mehr mit ansehen.' Aber dieses eine Mal wollte er unbedingt wieder hin, ins Kosovo. Es sollte diesmal ja keine Kriegsreportage werden. Schließlich war doch Frieden.


'Um acht Uhr morgens beginnt in Ormozi der Krieg. Es ist Donnerstag, der 27 Juni.'


So leitet Gabriel Grüner seine erste Reportage aus dem ehemaligen Jugoslawien ein. Das war vor acht Jahren in Slowenien. Vom ersten Tag an war er dabei, bei den ersten Kämpfen und den ersten Opfern. An diesem Tag, das berichtet der österreichische Journalist Otto Wiesner, 'hat er mir das Leben gerettet'. Gabriel Grüner habe ihn, der bei einem Panzerangriff zwischen die Fronten geraten war, mit dem Auto aus dem umkämpften Gebiet geholt. 'Er hat sein Leben riskiert, um mich herauszuholen. Mein Dank war ihm fast unangenehm.'


Die Friedensreportage, zu der Gabriel Grüner letzte Woche aufgebrochen war, sollte für ihn den Kreis schließen, sollte sein Abschluß sein mit einem Krieg, den er mit einer Intensität und Ernsthaftigkeit in allen Phasen begleitet hat wie kaum ein anderer Reporter. In diesen acht Jahren war der Krieg ein Teil seines Lebens.


Entgegen dem Klischee sind Reporter, die aus Krisengebieten berichten, meist keine zynischen Draufgänger. Gabriel Grüner war einer, dem seine Erlebnisse nahegingen, der manchmal abends im Hotel weinte. Im Sommer 1992 traf ich ihn im Holiday Inn in Sarajevo. Das war in den ersten Monaten der Belagerung. Er war gerade von der Kinderstation des Krankenhauses zurückgekommen und kaum ansprechbar. Später schrieb er darüber: 'Bleich und bis aufs Skelett abgemagert, liegt die Fünfzehnjährige da. Splitter hatten Lunge und Magen durchbohrt und Nervenstränge in der Wirbelsäule durchtrennt. Sie ist querschnittgelähmt. Aber immer noch hofft sie, irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist, wieder laufen zu können.'


Das unvorstellbare Leid der Kinder, die ständige Angst vor Heckenschützen oder Granatfeuer bewogen Gabriel Grüner, die Reise abzubrechen. STERN-Fotograf Jay Ullal organisierte einen Wagen, der uns alle drei zum Flughafen bringen sollte - über die berüchtigte 'Hekkenschützenallee'. Jay Ullal saß auf dem Beifahrersitz. Gabriel Grüner und ich legten uns flach übereinander auf den Rücksitz und deckten uns mit einer kugelsicheren Weste zu. Der Fahrer raste über die kilometerlange Strecke. Am Flughafen versprachen wir uns gegenseitig, kein solches Risiko mehr einzugehen.


Daran hat Gabriel Grüner sich gehalten. Wer seitdem mit ihm unterwegs war, weiß, wie umsichtig er seine Entscheidungen fällte. Oft ist er kurz vorm Ziel umgekehrt, weil er eine Gefährdung nicht ausschließen konnte. Und doch ist manchmal etwas passiert. Im Juli 1995 war er mit Jay Ullal in einem Teil Bosniens unterwegs, der von den UN offiziell als sicher eingestuft war. Da wurden die beiden von kroatischen Freischärlern gestoppt und mit Waffen aus dem Wagen gezwungen. Man nahm ihnen Geld, Papiere, Fotoausrüstung und den Wagen.
Mit viel Überredungskunst und noch mehr D-Mark organisierten die beiden später den Rückkauf der Filme und des Notizbuches. Das war Gabriel Grüner besonders wichtig, denn das Material der Reporter enthielt einen der ersten Augenzeugenberichte eines Überlebenden der Massaker von Srebrenica, einen entscheidenden Beweis für die Massenhinrichtung moslemischer Männer durch die serbische Soldateska:
'Bei der ersten Salve wird Sedalija von einem Fallenden umgerissen. Noch ein Getroffener sackt über ihm zusammen. Begraben unter zwei Toten, bleibt der junge Moslem unverletzt liegen.'


Gabriel Grüner ging mit seinen Informationen akribisch um. Bis ins letzte Detail prüfte er die Angaben seiner Zeugen nach. Von allen Flüchtlingen, mit denen er jemals sprach, hat er sich ihre frühere Adresse und Telefonnummer notiert und später in alten jugoslawischen Telefonbüchern verglichen.


Ob im Flüchtlingslager, in ausgebrannten Dörfern oder im belagerten Sarajevo, Gabriel Grüner hat sich stets mehr für die Opfer des Krieges interessiert als für die Befehlshaber auf dem sicheren Feldherrenhügel. Militärisches war ihm suspekt. Seine Perspektive war die der kleinen Leute. Oft der ganz kleinen. Je länger der Krieg dauerte, desto entschiedener rückte er die Schicksale der Kinder ins Zentrum seiner Arbeit.
'Hungernde Kinder warten am Hintereingang des einzigen funktionierenden Hotels stundenlang auf Journalisten, um von ihnen Brot und Schokolade zu erbetteln.'


Das schrieb er in einer Reportage über die 13jährige Zlata Filipovici, die er im November 1993 in Sarajevo traf. Im STERN dokumentierte er ihr Kriegstagebuch. Später wurde ein Buch daraus, ein Bestseller. 'Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo' hat Millionen Lesern weltweit die Leiden der Menschen in Sarajevo nahegebracht.


Die normale journalistische Arbeit allein reichte GabrielGrüner nicht mehr. Er engagierte sich bald auch außerhalb seines Berufes für die 'Kinder des Krieges'. Unter diesem Titel organisierte er im Mai 1996 eine vielbeachtete Fotoausstellung, deren Erlös an die Stiftung 'Schüler Helfen Leben' ging.


Die Eröffnungsrede in dem überfüllten Ausstellungsraum in Hamburg hielt der Bosnien-Beauftragte der Bundesregierung, Hans Koschnick. Er sagte jetzt dem STERN: 'GabrielGrüner war ein aufgeschlossener, kritischer, nachbohrender Journalist. Er war so zuverlässig, daß man ihm auch Vertraulichkeiten mitteilen konnte. Er wurde mir über die Jahre ein Freund.'


Wie Koschnik hat Gabriel Grüner stets versucht, die Schuld für das Morden auf dem Balkan nicht nur einer Seite anzulasten. Immer wieder ist er nach Serbien gefahren, um den Krieg auch aus serbischer Sicht zu betrachten. Den Dichter Peter Handke, mit dessen Werk er sich als Student intensiv auseinandergesetzt hatte, versuchte er ebenfalls zu verstehen. Im Februar 1996 trafen die beiden sich zu einem Streitgespräch.


Die Äußerungen Gabriel Grüners in dieser Diskussion gehören zu den ganz raren persönlichen Wertungen, die sich ein Reporter erlaubt hat, dem es gewöhnlich nicht um seine Meinung, sondern um die der Betroffenen ging:


'Viele Reportagen aus Ex-Jugoslawien sind geschrieben worden mit der Wut des Mitfühlenden.'
'Kann nicht auch eine journalistische Reportage befreiend sein?'
Und über seine Gefühle bei Gefahr sagt GabrielGrüner:
'Ich habe Angst, mir geht's durch Mark und Bein, es ist nicht zu vergleichen mit einem Fernsehbild.'


Wenn Gabriel Grüner nicht vom Balkan berichtete, dann schrieb er Reportagen aus Afghanistan, Kurdistan, Algerien, Somalia oder dem Sudan - den Leid-Gebieten der Welt. Auch diese Texte sind geprägt von den Worten 'Grauen', 'Schrecken', 'Angst' und 'Haß'. 'Für diese Leute macht es einen Unterschied, ob jemand über sie schreibt oder nicht', sagte er Freunden, die nicht verstehen konnten, warum er immer wieder in Krisengebiete reiste.


Für viele tausend Menschen im Sudan war es im vergangenen Jahr ein Glück, daß Gabriel Grüner sich für sie interessierte. Zusammen mit dem Fotografen Hans-Jürgen Burkard reiste er in ein Gebiet, in dem eine Million Menschen vom Hungertod bedroht waren:
'Es sind viele, so viele. Auf Streichholzbeinen schleppen sie sich vorwärts, liegen wie gelähmt auf der regenfeuchten Erde. Die Haut ihrer ausgezehrten Körper gleicht fleckigem Pergament. Schwärme von Fliegen kriechen über die Münder und von Schmutz verklebten Augen. Es sind vor allem Frauen, Alte und Kinder.'


In einem primitiven Zeltlazarett entdeckt er ein sterbenskrankes Mädchen:
'Ankol hat Fieber, blutigen Durchfall und eine eiternde Vagina. Ankol ist sechs Jahre alt. Sie wiegt acht Kilogramm.'
Das Mädchen hatte keine Kleidung, die sie vor den Fliegen schützen konnte. Da nahm Gabriel Grüner ein T-Shirt aus seiner Tasche und zog es Ankol über den Kopf.


Aufgrund seines Berichts haben die Leser des STERN 1,14 Millionen Mark für 'Ärzte ohne Grenzen' gespendet und damit unzählige Menschen vor dem Verhungern bewahrt. Hans-Jürgen Burkard und Gabriel Grüner wurden für diese Reportage in der vergangenen Woche mit der Goldmedaille des Art Directors Club Europa geehrt.
Bei der Ehrung fehlte Gabriel Grüner, da war er schon in Mazedonien, um seine Fahrt ins 'befriedete' Kosovo vorzubereiten. Sie sollte das letzte Kapitel eines Buches über den Balkankrieg werden, das er im kommenden Jahr veröffentlichen wollte.