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Paulas Alptraum oder: Der Tag, an dem Julius verschwand
Angelika Gardiner

Wer plötzlich vor den Scherben einer Beziehung steht, hat harte Zeiten vor sich. Angelika Gardiner beschreibt, warum so viele glückliche Paare im Hass auseinandergehen und warum man ohne intensive "Bewältigungsarbeit" keine neue Partnerschaft beginnen sollte.

Es war einer dieser langweiligen Sonntage: Julius spielte Tennis, Paula telefonierte mit Freundinnen. Bis zum Abendessen deutete nichts auf die bevorstehende Katastrophe hin. Beim Nachtisch sagte Julius dann den Satz, der Paula noch Monate später bis in ihre schlaflosen Nächte hinein verfolgte. „Ich will raus aus dieser Ehe. Ich ziehe aus.“

Zwei Tage später war er weg. Der erfolgreiche Banker hatte die Trennung längst vorbereitet. In der Stadt hatte er bereits ein möbliertes Apartment gemietet. Angeblich war keine andere Frau im Spiel. Er wolle einfach frei sein, sagte Julius, ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen. Paula half ihm noch, seinen Koffer zu packen, dann blieb sie wie betäubt im gemeinsamen Haus zurück.

Nach 21 Jahren Ehe plötzlich allein – für Paula ein Alptraum, den sie erstmal nur mit Hilfe von Tabletten ertrug. Sie konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr denken. Völlig zerbrochen fühlte sie sich, so sehr war ihr Leben auf ihren Mann ausgerichtet gewesen. Paula, eine attraktive Frau von Anfang vierzig, kam sich plötzlich uralt vor, ohne Hoffnung, jemals wieder bessere Zeiten zu erleben. Wenn sie nachts wach lag, tobten undefinierbare Schmerzen durch ihren Körper. Paula war sicher, unheilbar krank zu sein, an Leib und Seele.

Jeder, der mit dem Trümmerhaufen einer großen Liebe fertig werden muss, kennt solches Leiden. Die äußeren Umstände mögen sich unterscheiden, im Kern sind alle Trennungstragödien sehr ähnlich. Zwar gehen Statistiken davon aus, dass jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, doch es trennen sich wesentlich mehr Paare; die vielen, die unverheiratet zusammen waren, sind ja nirgendwo erfasst. Das „ewige Glück“ hält nur noch selten bis zum Ende aller Tage – nicht nur, weil die Menschen immer älter werden und sich immer früher binden. Wie jedes Gefühl ist auch Liebe keine gleichbleibende Größe. Und wenn dann in einer Phase emotionaler Ebbe der oder die berühmte Dritte auftaucht, ist es oft um die Beziehung geschehen. „Verlangt eine Ehe die Treue, so ist die Dauer beschränkt“, schreibt der Fernseh-Psychologe Ulrich Beer in seinem Buch „Scheiden vermeiden“ (Heyne-Verlag). „Verlangt sie Dauer, so kann man keine Treue verlangen. Verlangt aber eine Ehe Dauer und Treue, so überfordert sie die meisten Menschen.“

An unrealistischen Glückserwartungen gehen die meisten Liebesgeschichten kaputt. Die Paradieswünsche lassen sich fast immer auf kindliche Sehnsüchte nach Verschmelzung und Geborgenheit zurückführen. Als die Ehe noch eine Wirtschaftsgemeinschaft war, mussten Mann und Frau einfach miteinander auskommen, weil sie allein nicht über die Runden gekommen wären. Heute soll es die „totale Partnerschaft“ sein, mit tiefen Gefühlen, Verständnis, nie erlahmender Leidenschaft und erwärmender Sicherheit.

Das kann nicht gutgehen. Vor allem Frauen – wie nicht nur die amerikanische Bestsellerautorin Robin Norwood zu berichten wusste – investieren viel Lebensenergie in den Traum von der wahren Liebe. Sie soll wie im Märchen die Erlösung bringen, auch wenn alle Welt deutlich sehen kann, dass der Erwählte damit überfordert ist. Wenn er dann den Schlussstrich zieht, gilt er als übler Typ – und sie als arme Verlassene. Dabei ist sie auch Opfer ihrer eigenen verzerrten Beziehungsphantasien geworden.

Ob mit oder ohne Trauschein – schrecklich ist das Ende besonders dann, wenn noch Gefühle im Spiel sind. Also eigentlich immer. Denn dass bei beiden die Liebe gleichzeitig stirbt und man in Freundschaft auseinandergeht, ist so selten wie die Sechs im Lotto.

Warum aber dauert es so qualvoll lange, bis sich das innere Gleichgewicht wieder herstellt? In der letzten Zeit sind etliche Bücher erschienen, deren Autoren alle zum gleichen Schluss kommen: Die seelische Wunde des Verlassenen kann erst heilen, nachdem die notwendigen vier Verarbeitungsphasen durchlaufen sind. Da ist zunächst das Verleugnen, dann die aufbrechenden Gefühle, das Loslassen und zuletzt das neue Lebenskonzept.

Die eine oder andere Stufe überspringen zu wollen, nützt nichts: Die Seele braucht Zeit. Erst wenn wir den Beziehungsschutt verarbeitet haben und innerlich wirklich frei sind, hat die nächste Liebe eine Chance, nicht wieder an den alten Fehlern zu scheitern.

Vor allem Männer wollen das oft nicht glauben. Meist sichern sie sich schon vor ihrem endgültigen Ausstieg eine Ersatzpartnerin. Gewissensbisse bekämpfen sie dadurch, dass die an der Ex-Frau kein gutes Haar lassen. Was zunächst als Patentlösung erscheint, endet oft schon nach kurzer Zeit in der nächsten Pleite: Auch derjenige, der sich davonstiehlt, ist vom Gefühlsballast der alten Beziehung nicht gleich befreit.

Die Sitzengelassene hingegen ist erst mal so angeschlagen, dass erotisch gar nichts geht. Sie mag sich noch so dringend männliche Bestätigung wünschen – wer sich wie weggeworfen fühlt, ist sexuell nicht attraktiv. Mit einem Neuen im Bett zu landen, kann anfangs den Schmerz über den Verlust des Partners sogar verschlimmern. Wie soll es auch Spaß machen, mit einem Mann zu schlafen, wenn man sich nur den einen wünscht, der nicht mehr da ist?

Zugegeben, die ungewohnte Einsamkeit ist schwer zu ertragen. Aber man stirbt nicht an gebrochenem Herzen – Psychologen raten deshalb, die verzweifelten Gefühle einfach zuzulassen und auszuhalten, auch wenn es noch so weh tut. Alles andere verlängert nur das Leiden. Gerade daran aber scheint es so etwas wie eine geheime Lust zu geben. Anstatt das eigene Leben wieder in den Griff zu kriegen, verfolgen sitzengelasssene Männer und Frauen ihre Ex-Partner oft mit Hass, Schnüffelei und Gemeinheiten. Und sehen gar nicht mehr, dass die Wurzeln für derart selbstzerstörerisches Wüten nicht beim verschwundenen Partner liegen, sondern in der eigenen Kindheit, in uralten Trennungsängsten oder kindlichen Verlassenheitsgefühlen.

Fast ebenso schwer wie der Abschied vom gemeinsamen Alltag ist das Aufgeben von Illusionen und Träumen. Da wollte man zusammen alt werden, hatte noch so viele Pläne, hielt sich für unersetzlich. Zurück bleibt oft nur das Gefühl, vom anderen ausgebeutet worden zu sein und Jahre seines Lebens vergeudet zu haben. Das aber, so die Erfahrung aller Paartherapeuten, stimmt nie. Auch wenn es nach außen so aussehen sollte – auf irgendeine Weise tragen beide gleich viel zum Gelingen oder eben auch zum Scheitern der Partnerschaft bei. „Er ist so, weil Sie so sind, und Sie sind so, weil er so ist", sagt die Hamburger Psychotherapeutin Katharina Peters den Frauen, die ihre eigenen Schattenseiten nicht sehen wollen.

Keiner steigt aus einer heilen Beziehung aus. In lichten Momenten kann selbst Paula schon zugeben, dass auch sie in den letzten Ehejahren unzufrieden war. Immer öfter hatte es Spannungen gegeben, denen sich Julias dann durch Flucht in die Arbeit entzog. Paula wiederum versuchte, ihn durch noch mehr Fürsorglichkeit an sich zu binden, wodurch er sich bloß kontrolliert und gegängelt fühlte. „Was Julius jetzt macht, tut er nicht gegen Sie, sondern für sich“, stellte Paulas Therapeutin fest. Wer solche Gedanken zulassen kann, trägt viel zu seiner seelischen Gesundung bei.

Doch wie soll es weitergehen? Die Hamburger Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann empfiehlt Verlassenen, sich noch einmal in die Anfänge der zerbrochenen Beziehung zurückzuversetzen. Warum musste es ausgerechnet dieser Partner sein? Suchte man Schutz vor den Widrigkeiten des Alltags, war es der Wunsch nach geregeltem Sex, oder wollte man endlich auch verheiratet sein? Dann hat man den anderen als Stütze für sein unterentwickeltes Selbstwertgefühl benutzt – und musste damit zwangsläufig scheitern. Die geduldige Arbeit an sich selbst, ob mit oder ohne Therapie, ist demnach der aussichtsreichste Weg aus der Krise. Der einzige Haken: Selbsterkenntnis befreit, geschieht aber nicht von heute auf morgen. Und sie tut weh.