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Kaffee im Kassenhäuschen
Matthias Thoma

An 365 Tagen im Jahr treffen sich die Kiebitze am alten Eintracht-Stadion am Riederwald. Obwohl die Frankfurter Profis hier längst nicht mehr trainieren.

Jeden Morgen, pünktlich um 9.45 Uhr, brüht Jakob am Riederwald den Kaffee auf. »Um spätestens 10 Uhr sind alle da, da muss hier alles fertig sein.« Jakob gehört nicht zur Belegschaft des Eintracht Frankfurt e.V. am Frankfurter Riederwald, Jakob brüht den Kaffee auch nicht in der Geschäftsstelle auf, die in Zeiten des Umbaus der Sportanlage in große Bürocontainer ausgelagert ist. Jakobs Küche ist in einem der kleinen Kassenhäuschen des ehemaligen Riederwaldstadions untergebracht, an denen in den fünfziger Jahren bis zu 40 000 Zuschauer ihre Tickets für die Oberligaspiele der Eintracht lösten. Er ist zwar, das betont er mehrfach, nicht der Chef, aber doch der Kopf einer skurrilen Runde, die sich seit mehr als zwanzig Jahren am Riederwald trifft: einer Trainingskiebitzrunde ohne Training und ohne Kiebitzen.


Trainingskiebitze gibt es in jeder Stadt mit hochklassigem Fußballklub. Sie schauen den Fußballprofis beim Arbeitsalltag zu, diskutieren, analysieren und beobachten Entwicklungen rund um die Vereine. Und manchmal versorgen sie Sportjournalisten sogar mit den neuesten Informationen aus erster Hand. So auch in Frankfurt. In den achtziger Jahren treffen sie sich am Riederwald und beobachten täglich das Training der Eintracht. Nach den Übungseinheiten geht es gemeinsam in die Riederwaldkneipe, wo Uschi Pfaff, die Tochter des ehemaligen Eintrachtspielmachers Alfred Pfaff, die Gäste bewirtet. Bei einem gemeinsamen Kaffee werden die Trainingseindrücke wieder und wieder analysiert, oft kommt sogar noch Torwart Uli Stein vorbei und gesellt sich zu den Fans.


Das tägliche Ritual wird zur liebgewonnenen Runde, bis Mitte der neunziger Jahre die Kneipe in der alten Haupttribüne für immer ihre Türen schließt. Die »Riederwaldrentner «, die teilweise noch mitten im Berufsleben stehen, beobachten weiterhin das Training, die nette Gastronomie für den Plausch danach aber fehlt. Bis der damalige Eintracht-Präsident Rolf Heller den Männern Ende der Neunziger einen Schlüssel für den Presseraum zur Verfügung stellt.


Fortan treffen sie sich täglich nach dem Training in dem Raum, in dem schon Jupp Heynckes angekündigt hat, dass »die Uhren bei der Eintracht zukünftig anders gehen «. Ihren Kaffee indes kochen sie mittlerweile selbst. »Wenn die Eintracht den Raum benötigte, legte uns die damalige Sekretärin Ute Hering einen kleinen Zettel in den Raum, dann sind wir weggeblieben «, sagt Eugen, der nach eigener Aussage jeden Bundesligatrainer der Eintracht seit 1963 getroffen. Wirklich jeden? »Nein, den Skibbe habe ich noch nicht kennengelernt, das ist aber auch der Einzige«. Das wiederum liegt daran, dass es für die verschworene Gemeinschaft noch schlimmer kam. Im Jahr 2000 gelangte man bei der Eintracht zur Erkenntnis, dass die Profitruppe fortan direkt am Waldstadion trainieren sollte. Das Riederwaldstadion, Anfang der Fünfziger gebaut, war längst in die Jahre gekommen, die Umkleidekabinen, sehr freundlich ausgedrückt, nicht mehr zeitgemäß. Also verlegte die neu gegründete Eintracht Frankfurt Fußball AG das Training, und später auch die Geschäftsstelle, in den Stadtwald, während der Verein Eintracht mit den Amateurabteilungen am Riederwald blieb. Den Riederwaldrentnern erschien der Umzug an die Spielstätte nicht erstrebenswert. »Am Stadion gab es keinen Kaffee, außerdem hatten wir uns an den Riederwald gewöhnt. So haben wir beschlossen, einfach hier zu bleiben«, fasst Sonny den gemeinsamen Entschluss zusammen.


Die Konsequenz war, dass die Trainingskiebitze fortan kein Training mehr sahen. Zwar fuhr manch einer ab und an an das Stadion und beobachtete die Spieler bei ihren Übungsstunden, gemeinsamer Treffpunkt blieb aber der Presseraum am Riederwald. Bis dann im Herbst 2008 die Bagger anrollten und die alte Tribüne dem Erdboden gleichmachten. Die Eintracht startete ihr ehrgeiziges Projekt »Neubau Leistungszentrum«. Nun standen die Riederwaldrentner ohne Dach über dem Kopf an einem Trainingsplatz, wo längst kein Profi mehr trainierte. Tristesse würde es wohl manch einer nennen. Aber auch das Problem wurde gemeistert. »Herr Lötzbeier vom Präsidium der Eintracht gestattete uns, eines der alten Kassenhäuschen einzurichten. Und dann haben wir mit dem Bau angefangen«, sagt Peter, im richtigen Leben längst noch kein Rentner, sondern Bauunternehmer. Die Organisation übernahm wieder Jakob, den seine Kollegen als »Architekt, Bauleiter und Chef der Bauausführung« loben. In vier Wochen Arbeitszeit wurde aus zwei alten Kassenhäuschen ein Raum geschaffen, in dem heute alle elf Mitglieder der Stammtischrunde Platz nehmen können, mit fester Sitzordnung und Rauchverbot.


Und Platz für zwei Gäste ist auch noch. »400 Euro hat uns der Umbau gekostet «, sagt Jakob, »die Heizung wurde von Sponsoren übernommen«. Tatsächlich gibt es im Kücheneck der gemütlichen Bude einen kleinen Strahler, der im Winter Wärme spendet. Strom spendiert die Eintracht, ebenso Wasser. Und so können sich die Riederwaldrentner, die zwar einen Verein gegründet, aber keinen offiziellen Namen haben, täglich treffen. Täglich meint in dem Fall tatsächlich täglich: »Wir sind an 365 Tagen im Jahr hier, zwar nicht immer komplett, aber sechs Leute sind es mindestens«, so Sonny. Und Jakob ergänzt: »Das hat hier ganz klar auch einen sozialen Touch, die Leute wissen, wo sie morgens hingehen. Und das Gesprächsthema ist natürlich Fußball, Fußball, Fußball.« An 365 Tagen im Jahr zwischen 10 und 12 Uhr im kleinen Kassenhäuschen am alten Riederwald, während die Profis der Eintracht am fernen Waldstadion trainieren.
Auch da gibt es Trainingskiebitze.


Jakob und seine Kumpels gehören nicht dazu, und es scheint, als fehle ihnen gar nichts. Nur Eugen muss Michael Skibbe noch kennenlernen, damit die Serie nicht reißt.