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Im Zeitalter der Gier
Jens-Rainer Berg, Lenka Brandt, Olaf Mischer, Frank Otto, Cay Rademacher, Johannes Schneider

Seit Jahrhunderten spekulieren Menschen an Börsen. Doch in den 1980er Jahren beginnt in der US-Finanzwelt eine Ära beispielloser Profitmacherei, ermöglicht durch laxere Gesetze, großzügige Versprechen der Notenbank, digitale Innovationen. Dann aber, im Herbst 2008, verglühen Irrsinn und Übermut in einer epochalen Krise. Ein Lehrstück über den entfesselten Kapitalismus

I. Kapitel
Easy Money

Wie der Chef der US-Notenbank die Finanzwelt rettet – und einen wilden Tanz der Gier auslöst

Am Montag, dem 19. Oktober 1987, ist der 61 Jahre alte Ökonom Alan Greenpan seit 70 Tagen Chef des „Federal Reserve System“ (Fed), der amerikanischen Zentralbank. Der Mann mit der eulenhaften Brille und einer Vorliebe für Wirtschaftsgeschichte und Mathematik leitet damit die mächtigste Notenbank der Welt. Per Gesetz ist er dazu verpflichtet, den Wohlstand aller Amerikaner zu sichern und zu mehren.
Indem er je nach Wirtschaftslage Zinssätze für FedKredite an Banken senkt oder anhebt, heizt er die Inflationsrate an oder bremst sie, sorgt für wachsenden Konsum und günstige Unternehmenskredite oder für stabile Preise – und treibt damit zugleich die Aktienkurse an oder schickt sie in die Tiefe.


Doch an diesem Montagmorgen ist er ein Kapitän im Sturm, der den Kurs seines Schiffes nicht zu kennen scheint. Gleich nach Handelsbeginn der New York Stock Exchange stürzt der „Dow Jones Industrial Average“* um 82,5 Punkte ab: ein Minus von fast vier Prozent. Und Greenspan weiß nicht genau, warum das so ist.
Fünf Jahre lang sind die Kurse an der NYSE, der globalen Leitbörse, fast ununterbrochen gestiegen. Und in den letzten Monaten war der Wertpapiermarkt aufgeheizt wie selten: Der Dow-Jones-Index erreichte wenige Tage nach Greenspans Amtsantritt 2722,42 Punkte, knapp 800 mehr als zur Jahreswende.
Anfang September aber hatte Greenspan keine andere Wahl: Um den Anstieg der Inflationsrate zu bremsen, setzte er den Diskontsatz (den Zins, zu dem Banken bei der Fed kurzfristig Geld aufnehmen) herauf, um einen halben Prozentpunkt auf sechs Prozent.
In der kühlen Welt der Ökonomen ist alles berechenbar: Gewinn und Verlust, Risiko, Unternehmenswert. Alles, alles lässt sich auf eine Formel reduzieren und prognostizieren, die Zukunft ist bloß noch eine Frage der richtigen Gleichung.
Theoretisch zumindest.


Börsenkurse fallen, wenn Zinsen steigen. Denn mit den erhöhten Kosten für Kredite sinken die Gewinne der Unternehmen; und da Anleger dort investieren, wo sie die höchste Rendite erwarten, verkaufen viele von ihnen Aktien und erwerben stattdessen etwa festverzinsliche Staats oder Unternehmensanleihen. Theoretisch zumindest.
Kein mathematisches Modell beschreibt jedoch, wie Investoren in einer derart aufgeheizten Stimmung wie im Spätsommer 1987 auf die Verteuerung von Krediten reagieren würden. Greenspan war nervös. Würden die Anleger seine Entscheidung ignorieren? Oder würden sie in Panik große Aktienpakete auf den Markt werfen und die Welt in eine Wirtschaftskrise stürzen?
„Es bleibt immer Raum für Ratlosigkeit“, sagte er später vor Führungskräften der Fed. Tatsächlich gab der DowJonesIndex am folgenden Handelstag, dem 8. September, nur geringfügig nach, um 38 Punkte.
In Wirklichkeit aber verunsicherte die Zinserhöhung offenbar die Investoren. Anfang Oktober verlor der Dow Jones innerhalb weniger Tage sechs Prozent. Für Greenspan noch kein Grund zur Sorge: 1970 war die Börse prozentual weit stärker eingebrochen und hatte sich anschließend rasch wieder erholt.


Doch diesmal fielen die Kurse – wohl auch in Erwartung schlechter Wirtschaftsdaten – immer weiter. Allein am Freitag, dem 16. Oktober, verlor der Aktienindex 108 Punkte.


Und nun, am Morgen des 19. Oktober, rauscht der Dow Jones noch weiter nach unten. Gegen 13 Uhr kursiert das Gerücht, die Börsenaufsicht wolle den Handel aussetzen, was dazu führt, dass die Kurse weiter unter Druck geraten.
Wie soll Greenspan reagieren? Am Nachmittag muss er eigentlich nach Dallas fliegen, wo er vor Bankmanagern reden will. Soll er den Termin absagen und in der Zentrale der Fed an der Constitution Avenue in Washington bleiben? Doch wäre das nicht ein Eingeständnis, dass er sich Sorgen macht, würde das nicht die Panik an der Börse vergrößern?


Also besteigt er noch vor Börsenschluss Flug 567 der American Airlines; mittlerweile hat der Dow Jones mehr als 200 Punkte eingebüßt. An Bord der Maschine gibt es keine Telefonverbindung, Greenspan ist für mehrere Stunden blind und taub. Als er endlich in Dallas gelandet ist, präsentiert ihm ein Mitarbeiter das Tagesresultat: Der Dow Jones ist um 507,99 Punkte gefallen, um 22,6 Prozent – so viel wie noch nie zuvor an einem einzigen Tag.
An der Wall Street haben die Besitzer amerikanischer Aktien in sechseinhalb Stunden Handel ein Vermögen von rund einer halben Billion Dollar verloren. Wer seine Aktien halten kann, für den ist der Riesenverlust noch nur theoretisch: Er kann ja hoffen, dass der Kurs irgendwann wieder steigt. Wer jedoch Wertpapiere gerade jetzt verkaufen muss, für den sind die Verluste real.


In den folgenden Stunden brechen weltweit die Aktienkurse ein. Die Welt, so scheint es, steht vor einer katastrophalen Wirtschaftskrise. Es sei denn, Greenspan fällt rasch etwas ein. Im „Adolphus“ Hotel in Dallas lässt sich der Notenbankchef eine Konferenzleitung nach Washington legen. Kein Mitarbeiter dort hat eine genaue Vorstellung davon, was den Kurssturz eigentlich bewirkt hat.
Erst später wird allmählich klar, dass dies die erste Börsenpanik der Geschichte ist, die wesentlich von Computern ausgelöst wurde.


Verantwortlich dafür sind vor allem Programme, die Finanzmanager nutzen, um die kompliziert zusammengestellten Depots ihrer Klienten vor Verlust zu schützen. Dabei ist der Aktienwert durch futures (vereinfacht gesagt: börsengehandelte Termingeschäfte; siehe Kapitel VI.) gesichert. Fällt der Wert eines Aktiendepots an der New Yorker Börse etwa um drei Prozent, berechnen Computer die exakte Menge von Futures, die – an der Terminbörse in Chicago – verkauft werden müssen, um den Verlust auszugleichen. Aktienpakete im Wert von mindestens 60 Milliarden Dollar werden so verwaltet.


Doch mit dem extrem schnell sinkenden Kursniveau im Frühherbst 1987 löste diese Strategie an der Wall Street eine Kaskade aus: Mit den fallenden Kursen geriet auch die Chicagoer Terminbörse zunehmend unter Druck, was wiederum New Yorker Broker zum Verkauf von weiteren Aktien veranlasste. Denn viele der durch Greenspans Zinserhöhung verunsicherten Anleger deuteten die steigende Zahl von FuturesVerkäufen als Vorzeichen einer Phase starker und anhaltender Kursrückgänge.
Am Abend des 12. Oktober hatte der Dow Jones fast 300 Punkte auf seinen Höchststand im August verloren. Würde der Index weiter sinken, müssten die Computer nun auch Aktien verkaufen, um die Verluste der Anleger zu begrenzen. Das wussten etliche Großinvestoren, trennten sich daher von Papieren – und drückten so die Kurse weiter.


Kurz darauf überfluteten die Rechner tatsächlich die New Yorker Börse mit Verkaufsaufträgen. Allein am folgenden Freitag boten sie Aktien im Wert von zwölf Milliarden Dollar an, von denen aber nur rund ein Drittel Käufer fand.
Daher startete die Börse am Montag, dem 19. Oktober, mit einem Überangebot in Milliardenhöhe. Jetzt stürzten Computer und Händler den Dow Jones wechselweise in die Abwärtsspirale: Auf Verkaufsofferten der Rechner hin fiel der Kurs und veranlasste Händler, noch mehr Wertpapiere abzustoßen. Fast alle der rund 5000 in New York notierten Aktien wurden in diesen Abwärtssog gerissen.
Dann brach das ebenfalls computergestützte Handelssystem der Börse unter der großen Zahl von Verkaufsaufträgen zeitweise zusammen – was panische Broker und ihre Kunden wiederum nur zu weiteren Verkaufsaufträgen veranlasste. Am Abend hatten mehr als 600 Millionen Aktien den Besitzer gewechselt: rund dreimal so viele wie im Durchschnitt pro Handelstag im August.
Ist dies der große Crash?


Greenspans Stab an der Constitution Avenue in Washington bleibt scheinbar gelassen. „Warum warten wir nicht einige Tage ab“, fragt ein Experte während der Telefonkonferenz, „und sehen, was passiert?“
„Wir müssen nicht warten“, erwidert Greenspan aus Dallas, „wir wissen, was geschehen wird.“
Zwischen Investmentbanken und Hedgefonds, großen Brokerhäuser und Versicherungen fließen unfassbare Summen. Viele der Transaktionen werden erst nach dem Ende eines Börsentages beglichen (sofern die Schuldner liquide sind). Doch stoppt dieser Fluss des Kapitals – weil Broker nach herben Verlusten ihre Zahlungen verzögern und Banken keine Kredite gewähren –, führt das zum Ausfall des Systems. Und der lähmt unweigerlich ebenso die Realwirtschaft, weil auch Geschäftsbanken in solchen Krisen kaum noch Kredite an Stahlkonzerne oder Bäckereien vergeben.


Greenspan ist überzeugt, dass die Federal Reserve diesen Milliardenfluss unbedingt erhalten muss: Sie wird daher Geld ins System pumpen, Kredite garantieren. Um jeden Preis. Er will allerdings noch immer seine Rede in Dallas halten.
Erst auf Drängen der Regierung erklärt er sich bereit, den Vortrag abzusagen und noch am Dienstag mit einer AirForceMaschine nach Washington zurückzufliegen. Der 76 Jahre alte Republikaner Ronald Reagan ist seit 1981 US-Präsident. Seine Popularität beruht auch auf seiner scheinbar erfolgreichen Wirtschaftspolitik – eine Krise an der Börse wäre für ihn politisch verheerend.


Dienstag, 20. Oktober. Um 8.41 Uhr veröffentlicht Greenspan (noch von Texas aus) einen einzigen Satz, der die Krise ersticken soll. Und der für seine fast zwei Jahrzehnte andauernde Amtszeit zu so etwas wie einem Mantra werden wird: „Die Federal Reserve bestätigt heute in Übereinstimmung mit ihrer Verantwortung als Zentralbank ihre Bereitschaft, die Liquidität des Wirtschafts und Finanzsystems zu gewährleisten.“
Mit drögeren Worten ist noch nie eine Krise erstickt worden. Die Fed bekämpft nun nicht mehr die Inflation, sondern eine drohende, weltumspannende Rezession: eine Wirtschaftskrise, die einem Crash der Leitbörse oft folgt.
Tatsächlich beschränken sich Greenspan und seine Mitarbeiter nicht allein darauf, Geld ins System zu pumpen. Sie versuchen – mindestens ebenso wichtig –, die noch schockstarren Finanz und Bankmanager zum Handeln zu bewegen.
Sie machen etwa säumigen Zahlern klar, dass das zurückgehaltene Geld ihre Unternehmen nicht retten wird, wenn das System zusammenbricht. Sie überzeugen Bankmanager, auch bei erhöhtem Risiko Firmen mit Krediten zu versorgen, und überreden Vorstände, die niedrigen Kurse zu nutzen, um Aktien ihrer Gesellschaften zurückzukaufen.


Dennoch: Die Kurse taumeln an diesem Vormittag weiter nach unten, auf 1616 Punkte (damit hat der Dow Jones seit dem Höchststand im August mehr als 1100 Punkte verloren). Erst gegen 14 Uhr steigen sie endlich an.
Denn große Anleger haben zuvor in Erwartung steigender Kurse in Chicago wieder Futures gekauft. Zudem sind mehrere Unternehmen der Empfehlung der Fed gefolgt und haben Aktienrückkäufe angekündigt. Am Dienstagabend ist der Dow Jones gegenüber dem Vortag um 102 Punkte gestiegen.


Der Fed ist es gelungen, den durch die Computer mitausgelösten Schock an der Wall Street in weniger als 24 Stunden aufzufangen. Der Kurssturz verpufft: Er löst keine globale Krise aus, weil Greenspan den Märkten Liquidität garantiert hat (was die US-Notenbank 1929 versäumt hatte).


Der Chef der Federal Reserve erhält durch sein Krisenmanagement eine geradezu mythische Aura ökonomischer Allmacht, auch wenn viele Anleger noch zurückhaltend bleiben. Erst zwei Jahre später überspringt der Dow Jones wieder den Wert von 2700 Punkten – bis zur Jahrtausendwende steigt der Index dann auf mehr als 10 000 Punkte. Auch daran hat Greenspan Anteil.
Denn nach dem Muster von 1987 verhält er sich während seiner gesamten Amtszeit: Er verspricht den Finanzmanagern Liquidität, senkt die Zinsen bei jedem kleinen Crash und wiegt die Marktteilnehmer so in Sicherheit – weltweit. Was immer an der Börse geschieht, die Fed wird es schon richten.
Und gerade das ist fatal.


Denn Greenspans Methode, die Akteure des Finanzmarktes um jeden Preis zu stützen, wird zum Sündenfall. Ob Banken oder Brokerhäuser, ob Hedgefonds oder Versicherungen: Viele Akteure an den Finanzzentren tanzen fortan immer verrückter auf einem immer dünneren Seil, als ob es für ewig unter ihnen ein Netz geben würde – obwohl selbst Greenspan warnt, dass ungebremste Profitgier und Euphorie zu ebenso fatalen Folgen an den Finanzmärkten führen können wie die Panik von 1987.
Zunehmend komplexer werden nun die Finanzprodukte, aberwitziger die investierten Summen. Denn jeder glaubt, dass ihm nichts geschehen wird: Wenn du gewinnst, wirst du reich – wenn der Markt verliert, rettet dich Greenspan.
Im Jahr 1980 hat der Aktienwert von Finanzfirmen wie Banken oder Fondsgesellschaften noch fünf Prozent des Wertes aller US-Aktien ausgemacht: 2007 sind es 23,5 Prozent. Ein knappes Viertel entfällt also auf Unternehmen, die weder Öl fördern noch Jets bauen, die keine Computer fabrizieren – sondern die bloß Dollars und Wertpapiere hin und her schieben.
Beobachter an der Wall Street wähnen sich längst in einem neuen Zeitalter, das man je nach Temperament bewundernd oder bangend, auf jeden Fall aber machtlos bestaunt: einem Zeitalter der Gier, des unverstellten Kapitalismus, in dem die kompromisslose Bereicherung die letzte Ideologie zu sein scheint.


Wertpapierspekulation gab es auch in den Jahrhunderten zuvor schon, aber zwischen 1987 und 2008 ist sie entfesselter denn je: ausgelöst durch Greenspans ständige Schutzversprechen, durch Politiker, die die Regeln für die Branche systematisch lockern, durch eine digitale Revolution, die die technischen
Möglichkeiten für immer neue, immer schnellere Geschäfte hervorbringt.
Vorbei die Zeit, in der die Finanzwelt hauptsächlich eine dienende Funktion innehatte: als sie vor allem half, Staaten und Unternehmen – also die reale Wirtschaft – mit Kapital zu versorgen. Nun wächst diese Welt nicht nur ins Gewaltige, sondern scheint von der übrigen Ökonomie zunehmend entkoppelt, fast nur noch auf sich selbst bezogen.


Neue Finanzprodukte wie etwa Collateralized Debt Obligations gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Solche innovativen „Wertpapiere“ sind nichts als Wetten auf die Kreditwürdigkeit von Unternehmen oder auf Kursveränderungen oder darauf, wie sich andere Finanzprodukte entwickeln, die wiederum von anderen Finanzprodukten abhängig sind, die wiederum …
Auf diese Weise werden Börsen zu Kasinos, zu gigantischen Glücksspielzentren, in denen sich täglich die bestausgebildeten und intelligentesten Zocker der Welt treffen.
An jenem Dienstag im Herbst 1987, als er den folgenreichen Satz über die Hilfe der Fed ausspricht, erlöst Alan Greenspan die Wall Street deshalb nicht bloß von einem Schock. Er läutet auch zwei Jahrzehnte genialer wie zynischer Verantwortungslosigkeit im wichtigsten Wirtschaftssektor des wichtigsten Landes der Welt ein.
Mit anderen Worten: Er lässt ein Monster frei.


II. Kapitel
Der Hai

Wie Stephen Schwarzman Firmen aufkauft – und weshalb er einen geringeren Steuersatz hat als seine Putzfrau

Am weißen Karibikstrand von St. Barts schlendert, irgendwann um 1995, ein amerikanischer Finanzmogul, als sich eine gigantische Yacht nähert und ankert. Bedienstete balancieren Tisch, Stühle, Sonnenschirm, Weinkühler, Geschirr und erlesenes Essen auf zwei Jetskis ans Ufer und arrangieren alles am Strand.


Danach kehren sie zurück und holen eine schlanke Frau und einen kleinen Mann von Bord, die schließlich unter dem Sonnenschirm dinieren. „Es wäre eine Untertreibung, das angeberisch zu nennen“, erinnert sich der Augenzeuge später, selbst ein millionenschwerer Großinvestor. „Ich bin ja nicht für Armut, aber ich hatte wirklich das Gefühl, jetzt sollte eine Revolution stattfinden.“
Der Yachtbesitzer beim Dinner am Karibikstrand, der Hai, der selbst die anderen Haie der Finanzwelt provoziert, ist Stephen A. Schwarzman. Ein Geschäftsmann, den nur ein einziges Motiv durchs Leben treibt: Gier, nackte, unstillbare Gier. Der mit dieser Gier und seiner Cleverness und seiner Rücksichtslosigkeit zum Mythos wird und zur Symbolfigur für die entfesselte Finanzwelt.
„Steve“, sagt ein Geschäftspartner, „würde direkt auf dich zukommen und sagen: ‚Ich werde versuchen, dir deine Brieftasche abzunehmen. “
Doch Schwarzman gibt sich nicht mit den Brieftaschen reicher Menschen ab, sondern greift in die Kassen großer Unternehmen – völlig legal. Diese Unternehmen müssen ihm dafür auch noch Honorare bezahlen, und obendrein subventioniert der Staat diese Bereicherung.


Leveraged buyout wird dieses Geschäftsmodell zur Übernahme einer Firma genannt, das unter Finanzjongleuren populär geworden ist: Investoren zahlen Geld in einen sogenannten private equity fund, der ihr Geld anlegen soll. Dieser Fonds nimmt ein Vielfaches des Kapitals zusätzlich an Krediten auf, sodass er über Summen in Höhe von oft mehr als einer Milliarde Dollar verfügt (und hat auf diese Weise leverage, also einen mächtigen „Hebel“). Mit dieser Kriegskasse erwirbt er Unternehmen (buyout). Oder es werden alle Aktien einer börsennotierten Gesellschaft aufgekauft, deren Aktienkurs unterbewertet erscheint.


So wird der Fonds zum neuen und oft alleinigen Besitzer der Firma. Die Kredite, die er zum Kauf aufgenommen hat, werden dem Unternehmen aufgebürdet, das für die Kredite auch als Sicherheit haftet. Es kauft sich also praktisch selbst und verschuldet sich dabei enorm. Außerdem muss es neben der oft hohen Zinsbelastung und Tilgung auch noch teure „Beratungshonorare“ an den Fonds zahlen.
Das so belastete Unternehmen wird danach umstrukturiert, in verschiedene Bereiche zerlegt oder auf neue Produkte umgestellt, bis es nach einigen Jahren zu einem möglichst guten Preis wieder verkauft wird. Dabei gehen die Manager zuweilen brutal vor; häufig fallen viele Jobs weg, und die verbleibenden Beschäftigten werden unter extremen Leistungsdruck gesetzt. Für den Verkauf muss das Unternehmen gute Bilanzen aufweisen und so gut dastehen, dass ihm wirtschaftlich eine positive Zukunft zugetraut wird. Am Ende befindet sich also – wenn alles nach Plan verläuft – auch das Unternehmen auf der Gewinnerseite.


Bezahlen müssen aber oft die Betroffenen vor Ort: Löhne etwa sinken, Angestellte verlieren ihre Arbeit, besonders wenn Standorte geschlossen oder ins Ausland verlegt werden.
Und mitunter leidet sogar ein übernommenes Unternehmen als Ganzes. Dann nämlich, wenn ein Fonds nur auf kurzfristigen Gewinn abzielt: So wird etwa die deutsche Chemiefirma Cognis 2001 von einer global operierenden PrivateEquityGesellschaft übernommen; fast zwei Drittel des Kaufpreises von 2,5 Milliarden Euro laden die Fondsmanager dem Unternehmen als Schulden auf.
Schon im folgenden Jahr aber rutscht Cognis in die Verlustzone, bis 2006 werden 1300 Stellen abgebaut. Die neuen Eigner dagegen kassieren nicht nur Beratungshonorare in Millionenhöhe, sondern genehmigen sich insgesamt 850 Millionen Euro an Sonderdividenden, die die Außenstände von Cognis noch vermehren. Investitionen sind unter der Schuldenlast nicht mehr möglich.
Langfristig ist diese Strategie riskant: Als 2006 Cognis wieder verkauft werden soll, interessiert sich zunächst niemand für das hochverschuldete Unternehmen.
In der Regel aber verdient die Kapitalseite. Banken etwa kassieren bei diesem Geschäftsmodell oft mehrfach: durch Kreditzinsen sowie Gebühren bei möglichen späteren Börsengängen. Und die Investoren in den Fonds, meist Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Stiftungen, bekommen auf ihr Geld oft zweistellige Renditen.


Am besten ergeht es den Fondsbetreibern wie Stephen Schwarzman: Sie nehmen von den Investoren jährlich 1,5 Prozent des Kapitals als Managementgebühr und kassieren von den übernommenen Firmen die Beraterhonorare. Zudem erhalten sie nach dem Verkauf des Unternehmens 20 Prozent des Gewinns als branchenüblichen Anteil.
Vor allem gelten ihre Einnahmen als „langfristige Veräußerungsgewinne“, die in den USA nur mit 15 Prozent versteuert werden und nicht mit bis zu 35 Prozent Einkommensteuer – de facto eine staatliche Subvention der Gewinne der Private-Equity-Manager. So werden manche rasch zu vielfachen Millionären, ja Milliardären und zahlen dabei auf ihr Gesamteinkommen im Verhältnis weniger Steuern als ihre Putzfrauen.
Stephen Schwarzman, anfangs ein junger Banker bei Lehman Brothers, erkennt 1985, welche Möglichkeiten im Geschäft stecken und gründet mit einem Partner seine eigene Private-Equity-Firma: Blackstone.
Er ist ein höllischer Chef. Wer in Ungnade fällt, wird versetzt oder gleich gefeuert. Andere gehen freiwillig, selbst namhafte Manager, abgeworben von führenden Bankhäusern, halten es nicht einmal ein Jahr mit ihm aus. Einen Geschäftspartner, durch dessen Investitionen in deutsche Telefonnetze Blackstone Geld verliert, schnauzt er an: „Where is my fucking money, you dumb shit?“
Schwarzman ist ein Rüpel, doch ein vorsichtiger Rüpel. Er hat ein geniales Gespür für den richtigen Deal.


Als nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 viele Versicherungen wegen der immensen Schadensforderungen nur wenige neue Policen anbieten können, übernimmt er nicht etwa eines der unter Druck geratenen Unternehmen, wie man es von einem PrivateEquityFonds erwarten würde – sondern investiert 201 Millionen Dollar von Blackstone und gründet gemeinsam mit vier Partnerfirmen eine eigene Versicherung. Die ist unbelastet von den Forderungen aus den Anschlägen und kann daher den Konkurrenten Marktanteile entreißen, sowie wegen der vorangegangenen Katastrophe gerade jetzt besonders hohe Prämien verlangen – und so macht Blackstone per annum mehr als 30 Prozent Gewinn auf das eingesetzte Kapital.
Im Jahr 2007 verfügt Schwarzman, der inzwischen rund 1000 Mitarbeiter wie eine kleiner Gott kommandiert, über 88 Milliarden Dollar von Investoren und kontrolliert zusätzliche 50 Milliarden Dollar, die in weiteren Fonds angelegt sind. Eine Abteilung managt Immobilien im Wert von 100 Milliarden Dollar. Blackstone gehören 51 Konzerne ganz oder teilweise.
Am 13. Februar 2007 feiert Schwarzman in einem ehemaligen Zeughaus, das in Manhattan einen ganzen Gebäudeblock einnimmt, seinen 60. Geburtstag – das eigene 35ZimmerApartment an der Park Avenue ist ihm wohl nicht groß genug. TVStars sind da, die wichtigsten Bankiers des Landes, ein Erzbischof und vor der Tür selbstverständlich alle Klatschreporter New Yorks. Rod Stewart singt. Die Feier kostet mindestens drei Millionen Dollar – so viel, wie Schwarzman in drei Tagen verdient.
Denn er hat im abgelaufenen Jahr fast 400 Millionen Dollar kassiert. Wenn er nicht in der Park Avenue oder auf seiner Yacht in der Karibik weilt, amüsiert er sich in SaintTropez, in den Hamptons auf Long Island oder in Palm Beach.
Er ist der König der Finanzwelt.
Und er ist unzerstörbar.


Einige Monate nach seinem Fest, am 22. Juni 2007, führt er Blackstone an die Börse und kassiert 684 Millionen Dollar. Zudem hält er 23,3 Prozent der BlackstoneAnteile im Wert von 9,4 Milliarden Dollar.
Wenn es einen Nachfolger der Titanen aus der goldenen Ära des Kapitalismus gibt, der Rockefellers und Carnegies, dann Stephen A. Schwarzman.
Allerdings: Genau am Tag des Börsengangs gibt die Bank Bear Stearns bekannt, dass sie zwei klamme, auf Immobilien ausgerichtete Hedgefonds mit Milliarden stützen muss.
Es ist ein erstes Anzeichen für die Kernschmelze der Finanzindustrie 2008.


III. Kapitel
Das Geld der anderen

Wie die Wirtschaft der USA ab 1985 nur noch auf einem Prinzip beruht: Schulden(machen)

Ein großer Teil des Reichtums eines entwickelten Industrielandes ist stets durch Schulden finanziert: Unternehmen bauen Fabriken mit Krediten von nationalen und internationalen Banken, Konsumenten kaufen Häuser oder Autos
mit geliehenem Geld, und die Regierung gibt Staatsanleihen aus, die auch von ausländischen Investoren gezeichnet werden.
Wird mehr Kapital im Ausland angelegt, als alle Ausländer zusammen im eigenen Land investieren, dann ist dieses Land eine Gläubigernation.
Leihen sich Bürger, Unternehmen und die Regierung eines Landes jedoch mehr Geld im Ausland, als sie dort Vermögenswerte haben, wird ihr Staat zur Schuldnernation.
Die USA werden in den 1980er Jahren von einer Gläubiger zur Schuldnernation. Noch Ende 1981 beläuft sich das NettoAuslandsvermögen amerikanischer Unternehmen, Bürger und des Staates auf 141 Milliarden Dollar. Die USA haben also mehr finanzielle Forderungen an das Ausland als Ausländer an die USA. Sieben Jahre später beläuft sich die Vermögensposition auf minus 533 Milliarden Dollar.
Diese tiefrote Zahl hat vor allem die Regierung verursacht. Ronald Reagan ist vom amerikanischen Volk 1980 auch deshalb zum Präsidenten gewählt worden, weil er versprochen hat, die Steuern zu senken: So wolle er die Leistungsbereitschaft von Unternehmern und Angestellten fördern, damit die Produktivität der Wirtschaft steige – und die Staatseinnahmen am Ende sogar wüchsen.


Doch seine Steuerreform führt nicht zu den erwarteten Effekten. Das fehlende Geld müssen sich die USA zum Teil im Ausland leihen. Bis 1988 steigen die Staatsschulden auf 2052 Milliarden Dollar. Zudem verschulden sich auch die amerikanischen Konsumenten immer mehr. Die USA sind jetzt der größte Schuldner der Welt.
Finanzmärkte wie die Wall Street sind zugleich Fokus und Spiegel dieser Entwicklung. Fokus, weil die immensen Summen der in und ausländischen Investoren vor allem dort gebündelt werden. Und Spiegel, weil auch diese Zentren nun immer mehr mit geliehenem Geld operieren.


Investoren kaufen beispielsweise Aktienpakete oder ganze Unternehmen mit Krediten und oft nur wenig Eigenkapital – in der Hoffnung, ihren Gewinn um ein Vielfaches zu „hebeln“: Sie beleihen Aktien, um mit dem Geld der Banken weitere Aktien zu kaufen, viel mehr, als sie mit eigenem Geld hätten erwerben können. Sind die Kurse der Papiere auf ein bestimmtes Niveau gestiegen, verkaufen die Anleger ihre Aktien, begleichen ihre Bankschulden und machen einen großen Gewinn.
Viele Investoren sind auf diese Weise sehr reich geworden. Doch bei fallenden Kursen bewirkt der Hebel das Gegenteil: Fällt der Wert der als Banksicherheit dienenden Aktien weit unter die Kreditsumme, verlangt die Bank neue Sicherheiten. Bekommt sie die nicht, verkauft sie die Wertpapiere und fordert den Rest des Darlehens zurück. Dieser Effekt hat schon den Börsencrash von 1929 verschlimmert. Damals mussten viele Anleger, die mit geliehenem Geld spekuliert hatten, ihre Aktien mit hohen Verlusten verkaufen.


Dennoch macht die US-Börsenaufsicht diese Art der Spekulation 2004 sogar noch attraktiver, zumindest für Investmentbanken. Fortan benötigen Geldhäuser bei solchen Finanzgeschäften nur noch 2,44 Prozent Eigenkapital statt wie zuvor 6,25 Prozent. Durch die Hebel können Fonds nun Summen aufbringen, mit denen sie Konzerne kaufen, Währungen unter Druck setzen, ja ganze Volkswirtschaften bedrängen werden.
Doch damit potenziert sich auch das Risiko. Geht ein Investment schief, dann geht nicht einfach bloß ein Fonds oder ein Spekulant pleite, dann ist mindestens auch eine Bank bedroht, deren Kredite verloren sind.
Und wackelt eine Bank, dann ist das ganze System in Gefahr.


IV. Kapitel
Ein todsicheres Geschäft

Wie ein Mathematiker und zwei Nobelpreisträger die perfekte Gewinnformel entwickeln – und grandios scheitern

Klugheit und Dummheit sind Extreme, und wie oft bei Extremen so gibt es auch hier eine Grenze, an der sie sich wieder treffen: einen Bereich, wo extreme Klugheit zu kolossaler Dummheit wird. Ein Held der Wall Street erfährt das auf die ganz besonders harte Art. John Meriwether, ein verschlossener Mathematiker und Trader (Finanzmarkthändler) bei der Investmentbank Salomon Brothers, den beim Sport nicht das Ergebnis interessiert, sondern die Wettquote, lernt bei seiner Bank, dass Risiko berechenbar ist. Jedes Risiko.
Was etwa ist riskanter – einem InternetStartup für ein Jahr Geld zu leihen oder der Regierung von Bolivien für 30 Tage? Welchen Zinssatz also berechnet man dem einen Schuldner, welchen dem anderen? Für den Zahlenmenschen Meriwether ist das keine Frage von neuen technischen Entwicklungen im Silicon Valley oder von Putschgerüchten in Lateinamerika: Jedes Problem lässt sich seiner Meinung nach in einer Formel darstellen. Hast du die Formel, dann machst du unfehlbar Profit.
Meriwether ist einer der ersten Akteure der Wall Street, die in ihrer Abteilung Mathematiker und Naturwissenschaftler einstellen, um solche Risiken möglichst genau zu berechnen. Diese „Quantitativen Analysten“, die ausschließlich mit statistischen Methoden arbeiten, werden von vielen Händlern geschmäht, die bei ihren Geschäften nach wie vor eher aus dem Bauch entscheiden.
Doch die quants sind die Vertreter einer neuen Zeit: Dank immer leistungsfähigerer Computer wird die hohe Mathematik für die Finanzwelt zunehmend wichtiger – um die komplexer werdenden Märkte angemessen einschätzen zu können und um lukrative Finanzprodukte zu entwickeln.


Anfang 1994 macht sich Meriwether selbstständig und gründet mit zehn Partnern den Hedgefonds „LongTerm Capital Management“.
Hedgefonds existieren seit den 1920er Jahren als private Investmentclubs. Halten sie sich an bestimmte Bedingungen – ein Hedgefonds darf nur für 99 Investoren offen sein, jeder muss mindestens eine Million Dollar anlegen – dann unterliegen sie nicht so strenger staatlicher Aufsicht wie etwa Investmentbanken. Sie müssen zum Beispiel nicht ihr Portfolio veröffentlichen: Niemand weiß, wie viel Geld in welche Anlagen ein Hedgefonds investiert.
Ihr Name leitet sich von „einhegen“ ab, denn ihre Strategie soll die Risiken der Anleger minimieren: Das Portfolio ist, vereinfacht ausgedrückt, so verteilt, dass ein Teil immer Gewinn macht, egal wie sich der Markt entwickelt.
Aus diesem Prinzip folgt allerdings, dass ein anderer Teil des Portfolios Verluste macht. Man kann mit einem ausgewogenen Portfolio beispielsweise auf steigende und fallende Aktienkurse zugleich setzen. Die Kunst besteht darin, dass jene Hälfte des Portfolios, die auf die richtige Entwicklung gesetzt worden ist, etwas höhere Erträge abwirft, als die Hälfte, die aufs Gegenteil baut.
Die Gewinne werden nie fabelhaft sein, denn stets stehen ihnen ja Verluste gegenüber. Doch wird ein Hedgefonds auch nie ausufernde Verluste machen: Bei einer Fehlspekulation werden die roten Zahlen der einen Hälfte ja zum Teil durch die schwarzen Zahlen der anderen ausgeglichen.


Für Meriwether ist diese abstrakte Welt ein klinisch sauberes Paradies und ein sträflich ungenutztes dazu: Sind die Statistiken erstellt und die Wahrscheinlichkeiten erfasst, ist es völlig gleichgültig, in welche Produkte und in welchen Ländern man investiert.
Er kombiniert das Prinzip des Hedgefonds mit dem des Hebels: Wenn ein Hedgefonds ohnehin das Risiko begrenzt und zudem alles berechenbar ist, warum sollte man dann nur das Geld der Investoren einsetzen? Warum dann nicht auch Kredite aufnehmen, um noch viel mehr Geld auf diese scheinbar sichere Art zu verwetten und so die mögliche Rendite für die Investoren in bis dahin unerreichte Höhen zu treiben?
Meriwether startet mit einem Anlegervermögen von 1,25 Milliarden Dollar. Zugleich plant er jedoch einen Hebel von 20 bis 30 – das heißt, er investiert mit Geld, das ihm Banken der Wall Street geliehen haben, das 20 bis 30Fache jener eh schon kolossalen Summe in Märkte von Amerika bis Italien, von Russland bis Japan.


Im Stab von LTCM arbeiten neben den jungen, brillanten und enervierend selbstsicheren Mathematikern auch zwei Wirtschaftsprofessoren: Robert C. Merton und Myron S. Scholes. Die beiden haben eine herausragende Reputation, die sich auf eine von ihnen entwickelte Formel gründet, mit der sie den „fairen“ Preis – also den für Käufer sowie Verkäufer als angemessen zu bewertenden Preis – von Optionen berechnen können (das sind Finanzprodukte, die das Recht gewähren, eine Aktie oder Anleihe zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem vorher vereinbarten Preis zu kaufen oder zu verkaufen).
Mit dem Ansatz von Merton und Scholes lassen sich nun auch Fehlbewertungen von Wertpapieren durch die Finanzmärkte frühzeitig erkennen und ausnutzen.
Und tatsächlich: 1994 schüttet LTCM 20 Prozent Rendite aus, im Jahr darauf mehr als doppelt so viel. 1996 verdient der Fonds, für den etwa 100 Mitarbeiter tätig sind, mehr als Riesenkonzerne wie die Walt Disney Company.
In jenem Jahr verwaltet LTCM rund 4,7 Milliarden Dollar eigenes Vermögen, hat aber 140 Milliarden angelegt – zusammengeliehen durch Kredite von 55 Banken.
Dann kommt das glorreichste Jahr des Hedgefonds.


Vom Sommer 1997 an verfallen die Währungen mehrerer asiatischer Staaten. Im Oktober stürzt der DowJonesIndex an einem Tag um 554 Punkte ab. Trotzdem schließt LTCM mit einem Gewinn von immer noch beachtlichen 17 Prozent ab. Und der Fonds sonnt sich zudem im Schimmer allerhöchster akademischer Würden: Merton und Scholes wird der Wirtschaftsnobelpreis zugesprochen. Doch was kaum jemand weiß: Scholes investiert sein Preisgeld nicht im eigenen Fonds …
Die Professoren glauben zwar nach wie vor an die Unfehlbarkeit ihrer Formeln, doch beunruhigt sie inzwischen wohl die Höhe des Hebels und die Unübersichtlichkeit der LTCMInvestitionen. Außenstehenden sagen sie allerdings nichts davon.
Und nur knapp fünf Monate später wird LTCM die Einlagen seiner Investoren fast vollständig verbrannt haben.
Das Drama beginnt am 17. August 1998, als Meriwether im Sommerurlaub ist: Russland kann seine Kredite nicht länger bedienen. Schockwellen an den Börsen von der Türkei bis nach Brasilien sind die Folge, überall brechen die Kurse ein. Und überall haben die Quants von LTCM mit einer für Laien geradezu unfassbaren Naivität investiert.


Getreu dem HedgePrinzip, dass ein Markt nach oben geht, wenn ein anderer fällt, haben sie auf allen Märkten investiert, aber stets nach der gleichen Strategie Gelder angelegt. Dass die vernetzte Wirtschaftswelt, erschüttert von der Asien und nun der Russland-Krise, sich überall in die gleiche Richtung bewegt, und zwar nach unten, kommt in den Modellen dieser mathematischen Genies schlicht nicht vor! Das heißt: Sie haben überall falsch investiert.
35 Millionen Dollar würde LTCM im schlimmstmöglichen Fall an einem einzigen Tag verlieren, so haben es die Quants zuvor errechnet. Tatsächlich sind es nun fast jeden Tag mehr, am 21. August allein verliert der Fonds 553 Millionen – rein rechnerisch mehr als 384 000 Dollar pro Minute. Fataler noch: Es gibt keine andere Strategie.
Die meisten Trader von LTCM sind intellektuell gar nicht in der Lage, sich aus den Fesseln ihrer so lange erfolgreichen Modelle zu lösen. Aber selbst wenn sie es wären, bliebe ihnen keine Luft zum Atmen. Der Hebel-Effekt ist so hoch, dass sie laufend die bestehenden Bankkredite bedienen und neue Sicherheiten stellen müssen, weil die Vermögenswerte sinken. Da sie keine Gewinne mehr machen, müssen sie dafür Anlagen verkaufen. Da im kollabierenden Weltmarkt aber niemand die Anlagen von LTCM kaufen will, ist es nur eine Frage von wenigen Tagen, bis der Fonds insolvent ist.


Meriwether kehrt aus dem Urlaub zurück, überschreibt seinen Immobilienbesitz rasch seiner Frau, um sein eigenes Vermögen aus dem Desaster zu retten – und sieht dann mehr oder weniger hilflos zu, wie sein Fonds in Rekordtempo kollabiert.
Am 21. September 1998 überlebt LTCM den Handelstag nur noch mit einem Notkredit einiger Banken, doch es ist klar, dass bald alle Reserven weggeschmolzen sein werden. Daher treffen sich am Tag darauf führende Banker in einem Konferenzraum der New Yorker Fed. Und wieder einmal hauen Greenspans Leute die Spekulanten heraus. Denn da 55 Banken Kredite gewährt haben und sie durch die großen Krisen in Übersee schon belastet sind, könnte die Pleite von LTCM mehrere Geldhäuser mit in den Abgrund reißen. Und stürzen erst einmal die Banken, dann stürzt das System.
Nach 34 Stunden fast pausenloser Verhandlungen retten schließlich 14 Banken LTCM mit rund 3,65 Milliarden Dollar. Die Geldhäuser stabilisieren den Fonds damit so weit, dass er seinen Verpflichtungen nachkommen kann und somit Notverkäufe zu den gesunkenen Kursen verhindert werden. Tatsächlich erholen sich die Preise der LCTM-Vermögenswerte (also der Anlagen, die zum größten Teil über Kredite finanziert wurden) in den nächsten Monaten, diese Positionen werden nach und nach aufgelöst und die Kredite zurückgezahlt. Schon zum Jahresende erhalten die an der Rettung beteiligten Banken ihre Rettungsmilliarden zurück.
Und die Wall Street ist, wieder einmal, einem Kollaps entgangen.


Ein Triumph der Fed? Zwar hat Greenspan keine öffentlichen Gelder eingesetzt, sondern Privatbanken mehr oder weniger gezwungen, den taumelnden Hedgefonds mit eigenem Kapital zu stützen, doch die Botschaft ist klar: Greenspan schützt nicht nur systemrelevante Banken vor dem Ruin, sondern auch einen hochspekulativen Hedgefonds. Die Spekulanten müssen nicht alle Folgen ihrer Fehler tragen. Kein gutes Signal für die Zukunft.
Nur 15 Monate nach dem BeinaheKollaps gründen John Meriwether und einige ehemalige Mitarbeiter einen neuen Hedgefonds, sammeln 250 Millionen Dollar ein und pumpen sie wieder in die Märkte der Welt – erneut auf Basis vermeintlich unfehlbarer mathematischer Modelle.


V. Kapitel
Das Versailles von Long Island

Wie sich ein WallStreet Investor knapp 40 Badezimmer einrichtet

Ab 1999 lässt sich der New Yorker Spekulant Ira Rennert auf der Halbinsel Long Island vor den Toren New Yorks eine Palastanlage mit mehr als 10 000 Quadratmeter Wohnfläche errichten. Kosten: 100 Millionen Dollar. Seine neobarocke Villa hat 29 Schlafzimmer, 39 Badezimmer, ein Kino mit 164 Plätzen, ein 28 Meter langes Esszimmer, drei Schwimmbäder, Basketball, Tennis und Squash-Plätze, zwei Bowlingbahnen und eine Großküche.
Zu dem Anwesen gehören darüber hinaus fünf weitere Gebäude, darunter ein Parkhaus für 200 Autos.
In Manhattan besitzt Rennert eine zweistöckige Wohnung an der Park Avenue, die mit Antiquitäten und echten Impressionisten gefüllt ist, und in Jerusalem eine weitere palastartige Villa.
Schlagzeilen hat der Investor zuvor gemacht, als seine Firma die Renten mehrerer Tausend Arbeitnehmer in Gefahr brachte, weil eines der Unternehmen, die er kontrollierte, pleite ging.

VI. Kapitel
Swaps, Options & Co

Wie die scheinbar besten Absicherungen
gegen das Risiko zum größten Risiko
überhaupt werden

Auf Spekulanten übt die von ihnen angewandte Mathematik vielleicht gerade wegen ihrer für Laien nicht mehr nachvollziehbaren Komplexität einen besonderen Reiz aus. Auch die Märkte scheinen der höheren Mathematik in einem entscheidenden Punkt immer ähnlicher zu werden: Sie sind zum Teil so komplex, dass fast niemand sie mehr versteht.
Nach und nach entstehen im Finanzmarkt Produkte, deren wirkliche Größe, Kosten und Auswirkungen so gut wie keiner mehr durchschaut.
Die bedeutendsten von ihnen sind die Derivate, ursprünglich grundsolide Finanzinstrumente. Basis für ein Derivat (von lat. derivare, „ableiten“) ist das schon seit Jahrhunderten praktizierte Termingeschäft: Ein Verkäufer verspricht, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Ware zu einem bestimmten Preis zu liefern – und ein Käufer verspricht, diese Ware zu diesem Preis abzunehmen. Ein Bauer etwa sagt einem Müller per Vertrag zu, ihm in sechs Monaten x Tonnen Getreide zum Preis y zu überlassen, die der Müller dann kaufen muss. Damit verringert der Bauer schon bei der Aussaat sein Risiko durch möglicherweise sinkende Getreidepreise: Einen Teil seiner Ernte wird er zu dem jetzt vereinbarten Preis abgeben, den anderen Teil zum späteren Marktpreis.
Fällt der Marktpreis, profitiert der Bauer von dem Termingeschäft. Steigt er dagegen, macht der Bauer weniger Gewinn: seine Kosten für die Risikoabsicherung. Umgekehrt senkt der Müller so die Gefahr, die von steigenden Getreidepreisen für ihn ausgeht.
Bereits im 17. Jahrhundert entwickeln Kaufleute aus diesen individuellen Übereinkünften zwischen Geschäftspartnern ein Produkt: standardisierte Verträge auf die Zukunft, die an speziellen Börsen, etwa in Amsterdam, gehandelt und später futures genannt werden. Erwartet ein Müller nun, dass die Kornpreise steigen, kauft er an der Börse Futures, die den aktuellen günstigen Preis festschreiben; fürchtet der Bauer, dass die Preise fallen, kauft er Papiere, die ihm den jetzigen Preis sichern, bis er sein Korn wirklich verkaufen kann.


Auch später als options („Optionen“) bezeichnete Verträge werden schon an diesen Börsen gehandelt. Diese Kontrakte unterscheiden sich von den Futures dadurch, dass Käufer oder Verkäufer gegen eine Gebühr lediglich das Recht erwerben, eine Ware zu einem bestimmten Preis und Zeitpunkt in der Zukunft zu kaufen bzw. zu verkaufen – dies aber nicht tun müssen, sollte es bei Fälligkeit nicht vorteilhaft für sie sein.
Der Wert von Futures und Optionen verändert sich abhängig vom tatsächlichen aktuellen Preis der zugrundeliegenden Ware, etwa des Korns: Er leitet sich also von diesem ab – deshalb heißen solche Kontrakte „Derivate“.
Mit Derivaten können auch Menschen handeln, die nichts mit den eigentlichen Warengeschäften zu tun haben: Spekulanten, die nicht ihre Risiken minimieren wollen, sondern sogar gezielt Risiken eingehen, um von Preisveränderungen zu profitieren.
Ein solcher Investor könnte etwa darauf setzen, dass eine vorausgesagte gute Ernte doch noch durch Unwetter zerstört wird, der Getreidepreis also nicht sinkt, sondern wegen Knappheit steigt. Er kauft dann Derivate, deren Wert zunimmt und die er später mit Profit verkauft: Die Differenz zwischen dem Kauf und Verkaufskurs ist sein Gewinn.


Den Verlust in gleicher Höhe würde ein anderer Marktteilnehmer machen: derjenige nämlich, der mit sinkenden Getreidepreisen gerechnet hätte. Denn Derivate sind nichts anderes als Wetten zwischen zwei Seiten, die jeweils entgegengesetzte Vorstellungen von der Zukunft haben. Und stets entstehen dabei in gleicher Höhe Gewinne und Verluste.
So helfen die Spekulanten zwar einerseits auch den Bauern, denn sie sind es oft, die die Gegenwetten liefern. Auf der anderen Seite kann die Spekulation Preise steigen oder abstürzen lassen und so die Risiken der Bauern sogar erhöhen.
Bis in die frühen 1970er Jahre werden Derivate nur für den Handel von Waren eingesetzt. Doch dann geben die Politiker die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende internationale Währungsordnung auf; die zuvor am Dollar orientierten festen Wechselkurse beginnen zu schwanken – und schaffen zuvor unbekannte Risiken für Im und Exporteure.
Bereits 1972 werden deshalb die ersten Finanzderivate angeboten, die nach dem bekannten Prinzip diese Kursveränderungen ausgleichen helfen. Bald darauf folgen auch die ersten Futures, die steigende und sinkende Zinsen betreffen. Und zugleich entwickeln Mathematiker Modelle, mit denen Konstruktion, Preisbestimmung und Handel von Derivaten einfacher werden.
Eine Revolution hat begonnen: Von nun an eröffnen sich dem Derivatgeschäft immer mehr Felder und Möglichkeiten. Denn die Beteiligten ersinnen immer neue Produkte, die Gelegenheiten zur Risikoabsicherung bieten.
Aber auch zur Spekulation.


Um 1980 erfinden Mitarbeiter einer New Yorker Investmentbank den swap, einen Tausch. Zwei Hausbesitzer etwa haben jeweils einen Kredit über die gleiche Summe und die gleiche Laufzeit abgeschlossen, der eine zahlt feste neun Prozent Zinsen pro Jahr, der andere hat einen veränderlichen Zinssatz. Nun fürchtet der Erste, die Zinsen werden fallen und er könne nicht davon profitieren. Und der Zweite glaubt, die Zinsen werden steigen. Er hätte lieber feste neun Prozent Zinsen.
Mit dem Swap verabreden beide, jeden Monat die Kreditkosten des anderen zu bezahlen. Sie tauschen die Belastungen, weil sie jeweils auf gegenläufige Zinsentwicklungen hoffen. Ähnliche Swaps werden auch für schwankende Wechselkurse entwickelt.
Vereinbarungen dieser Art – meist in sehr viel größeren Dimensionen vorgenommen – müssen jedoch wieder individuell auf die Bedürfnisse eines Interessenten zugeschnitten werden; er muss vor allem einen genau passenden Partner finden, der die Wette annimmt.


Deshalb werden Swaps fast garnicht an Börsen gehandelt, sondern meist über eine Bank oder einen Makler direkt abgemacht, im Finanzjargon: over the counter, „über den Tresen“ (OTC). Auch Optionen und FutureKontrakte werden mitunter individuell angepasst und als außerbörsliche OTCPapiere gehandelt.
Die Gefahr bei diesen nicht öffentlichen Zweiergeschäften: Der Wettpartner kann kaum einschätzen, in welche weiteren OTCKontrakte das Gegenüber verwickelt ist, wie es um dessen Kreditwürdigkeit steht oder welche Folgen eine Zahlungsunfähigkeit auf der Gegenseite für andere Verträge hat.


Dennoch können Spekulanten Ende der 1990er Jahre mit Derivaten auf so gut wie alles wetten, was sich in Kurs, Preis oder Höhe verändert: Butter und Rohöl, Aktien und Anleihen, Zinsen und Devisen. Aber auch auf abstraktere Größen wie etwa auf die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Kreditnehmer ihre Schulden nicht mehr bezahlen können (das sogenannte Ausfallrisiko). Und sogar auf das Wetter: auf Niederschlagsmengen und Temperaturkurven.
Die zunehmende weltweite Vernetzung hilft bei der Suche nach den jeweiligen Wettgegnern. Und Computer vereinfachen die Berechnung der Verträge.
So entstehen unzählige Produkte für fast jeden Zweck. Unternehmen und Großanleger versuchen sich gegen unterschiedlichste, oft sehr spezielle Risiken zu schützen, immer komplexere und umfangreichere Wagniskonstrukte zu managen. Andere Investoren und Spekulanten wiederum finden in den Derivaten vor allem hochriskante, aber potenziell profitstarke Finanzinstrumente. Banken und Maklerfirmen treiben das Geschäft voran, weil sie an der Ausgabe und Vermittlung von Derivaten gut verdienen.
Und wie bei anderen Finanzgeschäften auch hebeln viele Käufer ihre investierten Summen, erhöhen also das Volumen massiv durch zusätzliche Kredite. So steigen Menge und Wert der gehandelten Derivate in ungeahnte, von der realen Wirtschaftsentwicklung grotesk entkoppelte Höhen. 1998 entspricht der Wert der global in Umlauf befindlichen Derivate bereits dem Dreifachen des WeltBruttoinlandsprodukts.
Und es gibt für den Handel außerhalb der Börsen so gut wie keine Regeln. Im Mai 1998 veröffentlicht die US-Aufsicht über die Terminmärkte zwar Vorschläge, wie diese Geschäfte kontrolliert werden könnten. Doch ZentralbankChef Alan Greenspan, der Apostel des freien Marktes, bekämpft die Pläne sofort. Die Fed könne keine Gründe erkennen, weshalb eingegriffen werden sollte: Die einzelnen Beteiligten am Derivatehandel würden ja die Kreditwürdigkeit ihres Gegenübers und die Risiken ihrer Transaktionen aus eigenem Interesse heraus am besten prüfen.


Am 21. Dezember 2000 setzt US-Präsident Bill Clinton ein Gesetz in Kraft, das den ohnehin kaum regulierten Markt für OTC-Derivate völlig entfesselt: Er bleibt jeder behördlichen Aufsicht entzogen, und die freie Spekulation mit den Derivaten wird ausdrücklich erlaubt.
Damit verändern Swaps, Options & Co den Finanzmarkt in drei entscheidenden Aspekten:
• Sie blähen ihn auf. Für Spekulanten entstehen enorme neue Betätigungsfelder, auf denen sie Summen bewegen können, die noch wenige Jahre zuvor schier unvorstellbar waren.
• Sie machen ihn unübersichtlich. Schon zuvor war es kompliziert, die Güte eines Kredits oder die Bonität eines Schuldners einzuschätzen. Durch Swaps jedoch wird nun vollkommen unklar, wer letztlich welche Gelder vergibt und wer für wessen Schulden eigentlich einsteht. Das weltweite Derivatgeflecht aus millionenfacher Risikoabsicherung und Spekulation, aus unzähligen obskuren OTC-Kontrakten, wird zu einem gewaltigen Finanzgebilde, das weder zu überblicken noch zu kontrollieren ist.
• Sie machen ihn risikoreicher. Aus dem riesigen Volumen und der neuen Unübersichtlichkeit ergibt sich, dass Krisen selbst für Experten an überraschender Stelle, mit überwältigender Schnelle und unkalkulierbarer Wucht ausbrechen und sogar Akteure treffen können, die buchstäblich bis zu dem Augenblick, da sie pleite gehen, nicht einmal ahnen, dass sie ein derart großes Risiko eingegangen sind.
So verwandeln sich Instrumente, die jahrhundertelang dem Schutz der Wirtschaftswelt gegen das Risiko dienten, in deren gefährlichste Sprengsätze.

VII. Kapitel
Wer macht die Gesetze?

Wie sich ein Bankchef den Staat so formt, wie er ihn braucht

Sandy Weill und John Reed sind bester Laune an diesem 6. April 1998. Zufrieden sitzen sie auf einer Pressekonferenz vor den Fotografen, scherzen mit den Journalisten. Gerade haben die beiden Konzernchefs die bis dahin größte Firmenfusion der Geschichte angekündigt. Sie wollen ihre Unternehmen, den Versicherungs und Finanzkonzern Travelers Group und die Citicorp (zu der die größte amerikanische Geschäftsbank gehört) zum größten Finanzdienstleister der Welt zusammenschließen, einem Koloss mit einem Börsenwert von 140 Milliarden Dollar und 100 Millionen Kunden in 100 Ländern.
Bei dem Deal gehe es, so verkünden sie, um die Verbindung der Geschäftsfelder Versicherungen und Wertpapierhandel mit Sparkonten und Kreditkarten. Alles könne künftig aus einer Hand angeboten werden. Dies sei die Zukunft der Finanzbranche.
Allein: Eigentlich dürfte die Fusion keinen Bestand haben. Denn die US Gesetze verbieten es, dass ein Unternehmen, zu dem eine Bank gehört, andere Finanzgeschäfte betreibt, etwa Versicherungen anbietet. Innerhalb von zwei Jahren müsste die neue Riesenfirma die betreffenden Abteilungen abstoßen.


Weill und Reed aber sehen es so: Sie haben nach der Fusion zwei Jahre Zeit, um die Gesetze ihrer Konzernstruktur anzupassen. Und sie wissen, der Geist der Zeit ist auf ihrer Seite. Denn seit den 1970er Jahren hat sich der Schwerpunkt der herrschenden ökonomischen Lehre radikal verschoben: weg von staatlicher Einmischung, von der Lenkung der Märkte, hin zu Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung.
Mehr Markt und weniger Staat ist das Mantra von Ökonomen wie dem Österreicher Friedrich August von Hayek und dem Amerikaner Milton Friedman, für die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft nahezu zwangsläufig in die Knechtschaft führen. Beide Wissenschaftler erhielten Mitte der 1970er Jahre den Wirtschaftsnobelpreis.
Fortan wurden jahrzehntealte Gesetze aufgeweicht, in den USA etwa der „Glass-Steagall Act“. Die nach zwei KongressAbgeordneten benannte Vorschrift war wenige Jahre nach dem Crash von 1929 erlassen worden, um die Risiken im Bankengeschäft zu begrenzen. Sie verfügte die klare Trennung von Geschäfts und Investmentbanken: Die Geschäftsbanken in den USA arbeiteten seither mit Guthaben und Krediten, durften jedoch nicht mit Aktien und anderen Wertpapieren handeln. Dies war Investmentbanken vorbehalten.


So sollte verhindert werden, was vor dem Crash von 1929 so oft geschehen war: dass Banken das Geld ihrer privaten Kunden in riskante Spekulationsgeschäfte investierten – oder dass sie Anlegern, die komplizierte Finanzgeschäfte nicht durchschauten, mehr oder weniger wertlose Papiere andrehten.
Aus den gleichen Gründen, nämlich um die Einlagen der Sparer zu schützen, wurde es Konzernen, zu denen Geschäftsbanken gehören, 1956 im „Bank Holding Company Act“ verboten, mit anderen Finanzunternehmen zu fusionieren, etwa Versicherungen.
Die Akteure an der Wall Street jedoch bekämpften die Gesetze, die ihre Geschäfte einschränkten. In der zunehmend globalisierten Welt verdammten ihre Lobbyisten die Regelungen als lästige Bremse im Konkurrenzkampf mit ausländischen Instituten, die keine derartige Trennung per Gesetz kannten.


Und ihre Argumente trugen dazu bei, dass es schon in den 1980er Jahren mehrere Gesetzesinitiativen gegen GlassSteagall gab. Doch noch fand sich im Kongress keine Mehrheit dafür.
Dabei schmolzen seit den 1970er Jahren die Gewinne vieler US-Banken. Besonders die Geschäftsbanken hatten Probleme, mit ihrem Einlagengeschäft noch Geld zu verdienen. Sie verloren Kunden an lukrativere Geldmarktfonds, und die Zinsen, die sie für ihre Hypothekenkredite bekamen, reichten oft nicht aus, um Gewinne zu machen.
Um diese Probleme zu lösen, betrieb die US-Zentralbank – ganz im Sinne der Wall Street – ab 1986 nach und nach die schrittweise Aushebelung von Glass-Steagall. Sie erlaubte Geschäftsbanken, einen Teil ihrer Gewinne nun doch wieder mit dem Handel von Wertpapieren zu erwirtschaften: 1986 erst fünf Prozent, dann zehn und im Jahr 1996 schließlich 25 Prozent.


Darüber hinaus arbeiteten ab 1995 die Berater des Weißen Hauses rund um den Finanzminister Robert Rubin (einen ehemaligen Topmanager der Investmentbank Goldman Sachs) an der kompletten Aufhebung von GlassSteagall.
Wie in einer Hinterzimmerintrige versuchten sie, Präsident Bill Clinton in ihrem Sinne zu beeinflussen. Denn der Demokrat, obwohl liberalen Ideen durchaus zugetan, zögerte noch, die staatliche Kontrolle über die Wall Street so drastisch zu lockern.
Um ihn zu der gewünschten Entscheidung zu drängen, forderten ihn die Berater um Rubin zweimal auf, innerhalb von nur drei Tagen seine Position in der Frage festzulegen, da wichtige Sitzungen zu dem Thema anstünden.
Sie überschwemmten ihn zudem mit Argumenten für die Liberalisierung des Finanzsektors und versicherten ihm, dass er sich mit den Details nicht beschäftigen müsse – das Finanzministerium übernehme diese Aufgabe gern.
Daher ist der Zeitgeist ganz auf Deregulierung eingestellt, als Sandy Weill im Februar 1998 John Reed die Fusion ihrer beider Unternehmen vorschlägt. Dass sie in ihrem neuen Konzern auch Wertpapierhandel und klassisches Bankgeschäft zusammenführen wollen, ist nach der Aufweichung von GlassSteagall schon jetzt kein Problem mehr. Doch es bleibt das große Hindernis, dass das Bank-Holding-Company-Gesetz das Zusammengehen von Geschäftsbanken (wie die der Citicorp) und Versicherungen (wie Travelers) untersagt.


Dennoch ist Weill zuversichtlich, dass auch diese Hürde fallen wird. Er will Fakten schaffen, nach denen sich der Staat dann richten muss. Es mag wie der Plan eines Größenwahnsinnigen klingen.
Doch Weill ist kein Hasardeur. Gemeinsam mit Reed lotet er zunächst seine Chancen aus, bevor er sich endgültig für die Fusion entscheidet.
So treffen sich die beiden heimlich mit Alan Greenspan. Der verspricht, die Fusion zu unterstützen: „Ich habe nichts gegen Größe.“ Anschließend telefoniert Weill mit dem Finanzminister Robert Rubin und sogar mit Präsident Clinton; beide reagieren ebenfalls wohlwollend.
Das reicht Weill und Reed, um die Fusionspläne am 6. April 1998 zu verkünden. Die Aktienkurse der beiden Unternehmen steigen um zehn Prozent.
Dem Gesetz nach müssten die Firmenchefs nun eigentlich einen Plan entwickeln, wie sie ihren neuen Konzern, die Citigroup, so beschneiden, dass er dem rechtlichen Rahmen entspricht. Stattdessen starten sie eine mehr oder weniger verdeckte Kampagne gegen die geltenden Regeln.


Sie nutzen ihre guten Kontakte zu Rubin und anderen Beratern des Präsidenten, um während der zweijährigen Übergangsfrist, die das Gesetz vorsieht, die störenden Regularien zu beseitigen.
Ein Finanzexperte erzählt später, Weills und Reeds Parteigänger hätten so viel Druck gemacht, dass die von ihnen angestrebte Deregulierung in Washington schlicht „Citi-Travelers Act“ genannt wurde. 150 Millionen Dollar hat der Finanzsektor in den Monaten zuvor an politische Organisationen gespendet, 200 Millionen in Lobbyarbeit investiert.
Dass Weills und Reeds Verbündete im Weißen Haus an einem Gesetz arbeiten, das ihren Deal frühzeitig legalisieren könnte, soll aber geheim bleiben: „Bitte iss dieses Papier auf, nachdem du es gelesen hast“ schreibt ein Berater seinem Kollegen auf ein Memo.
Es ist nur halb im Scherz gemeint.


Im November 1999, lange vor Ablauf der Frist, haben Weill und Reed ihr Ziel erreicht: Der US-Kongress beendet die Einschränkungen der Bankengeschäfte durch den Glass-Steagall Act und den Bank Holding Company Act.
Es sei an der Zeit, erklärt Präsident Clinton in einer kurzen Ansprache, alte Mauern einzureißen und den Banken mehr Befugnisse zuzugestehen. Für viele Beteiligte ist es ein Triumph:
• für die Wall Street, wo nun weitere Finanzriesen entstehen;
• für Sandy Weill, der durch seinen Coup fabelhafte Gewinne einstreicht;
• für Robert Rubin, der zur Citigroup wechselt und als Vorstandsmitglied dort in den nächsten zehn Jahren mehr als 126 Millionen Dollar verdienen wird.
Nach der Fusion lässt Sandy Weill in der Bibliothek der neuen Riesenfirma eine offene Feuerstelle installieren. Kosten: rund 100 000 Dollar.
„Kamine bringen Glück“, sagt er.

VIII. Kapitel
Der Sekundentornado

Wie Computer in Wimpernschlägen Millionen
verschieben – und so
das Finanzsystem destabilisieren

So wie die Wall Street manche Beobachter schon lange an ein Spielkasino erinnert, so ist in der Finanzwelt auch das Gegenstück zum Computerspiel entstanden: Es scheint wie pure Zockerei am und mit und durch den Rechner.
Es heißt High-Frequency Trading.
Die Spieler sind Händler, deren einziges Ziel die Gewinnmaximierung ist – ohne jede Rücksicht darauf, wie sehr sie bei dem Deal die anderen Marktteilnehmer schädigen. Sie schließen Millionen von Deals ab. Jeden Tag.
Hochfrequenzhandel ist die Domäne kleiner Firmen mit riesigen Computern. Denn in der Regel beginnt ein HFT-Unternehmen den Handelstag, ohne ein einziges Wertpapier zu besitzen. Sobald die Börsen jedoch öffnen, kaufen Rechner in Spannen von Tausendstel oder Mikrosekunden Hunderttausende Papiere und stoßen sie manchmal nur Sekunden später wieder ab.
Dieser Sekundentornado unablässiger Käufe und Verkäufe tobt den ganzen Handelstag lang. An der virtuellen Börse vernetzter Computer werden pausenlos gewaltige Volumina verschoben, werden Aktien zu 7,83 Dollar gekauft und bei 7,84 Dollar abgestoßen, ohne dass ein Mensch noch dafür seine Zustimmung gibt.


Algorithmen rechnen in unfassbarer Geschwindigkeit Kurse, Preise und Tendenzen aus und geben daraufhin Orders. Die Händler verdienen damit jeweils nur Bruchteile von Cents, aber da die schiere Zahl der Deals so hoch ist – manche HF-Trader schlagen an einem Tag mehr als 200 Millionen Aktien um –, können die Profite enorm sein.
Am Ende eines Handelstages sind in der Regel alle Papiere wieder verkauft. Der HF-Trader geht meist so nach Hause, wie er zur Arbeit gekommen ist: ohne eine Ware. Aber meist mit hohem, sehr hohem Gewinn: Bis zu 21 Milliarden Dollar im Jahr, schätzen Experten, verdienen die amerikanischen HF-Trader.


Derartige Volumina können nur noch künstliche Gehirne bewältigen. Wollte früher ein Investor Aktien kaufen, musste er die Order telefonisch an den Broker durchgeben, der sie seinerseits an der Börse platzierte – und es dauerte teilweise Stunden, bis tatsächlich jene Aktien gekauft waren. An der New York Stock Exchange, die schon früh mit Computern aufgerüstet hatte, verkürzte ein 1984 freigeschaltetes Programm die Handelszeit für Orders geringeren Umfangs auf drei Minuten.
Seit 2012 bringt ein anderes System einen Deal in durchschnittlich 37 Mikrosekunden unter Dach und Fach. Da bleibt keine Zeit zum Nachdenken.
HF-Trader leben vom Speed: Nur wenn sie – beziehungsweise ihre Computer mit den entsprechenden Handelsprogrammen – die Ersten sind, die einen Trend erkennen oder eine Aktie zu einem bestimmten Preis kaufen oder verkaufen, machen sie Gewinn.
Kommen sie 0,001 Sekunde zu spät, ist schon jemand anderer da, hat mit seiner Aktion den Kurs um eine Winzigkeit verändert und damit die Chance auf einen Mikroprofit je Einzelaktie zerstört.
Einem langfristig interessierten Investor, etwa einem Fonds, der eine Aktie bei 25,00 Dollar kauft, weil er hofft, dass sie ein Jahr später bei 50,00 Dollar angelangt sein wird, kann es gleichgültig sein, ob er sie erst für 25,01 Dollar ersteht. Für einen HF-Trader, der diese Aktie sofort wieder verkaufen muss, ist der eine Cent aber schon zu viel.


Die Computer der Hochfrequenzhändler müssen daher in extrem kurzen Spannen gleich drei hochkomplexe Aufgaben nacheinander abarbeiten:
1. In den Elektronengehirnen sind Zehntausende Zeitreihen von Daten gespeichert, unter anderem Aktien und Währungskurse der letzten Jahre. Taucht irgendwo an einer Börse ein neuer Auftrag auf, muss er blitzschnell mit allen bisherigen Deals verglichen werden.
2. Erkennt ein Algorithmus in den alten Daten eine Entwicklung, die eine Profitchance für den neuen Deal verspricht, etwa die Möglichkeit, dass ein Aktienkurs bald um einen Cent steigen wird, erteilt er einen Kaufauftrag.
3. Ein weiteres Programm setzt diese Order um: Es regelt beispielsweise, an welchen Börsen zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Preis wie viele Aktien gekauft werden.
Da sich inzwischen sehr viele HF-Trader auf sehr vielen Börsen bewegen, ist es ein brutales Rennen: Jeder Händler, dessen technische Ausstattung zu langsam ist, geht leer aus.
Zugleich hat es sich aber auch zu einer Art Computerschach entwickelt: In Schritt 3 etwa teilen Algorithmen Kauforders über Hunderttausende Aktien in viele kleine Aufträge auf, die sie an verschiedenen Börsen platzieren, statt eine große Order zu geben – damit der Aktienkurs nicht durch die ungewöhnlich hohe Nachfrage abrupt in die Höhe getrieben wird.


Andere HF-Trader jedoch nutzen „Gegen-Programme“, die ebendies erkennen sollen: Gibt es im Strom der Millionen Deals Muster in scheinbar unzusammenhängenden, kleinen Kaufaufträgen, die auf eine große, versteckte Order schließen lassen?
Falls ja, könnte man auf eine Kurssteigerung wetten.
Das Wettrüsten der HF-Trader um immer schnellere Technik nimmt absurde Dimensionen an. Da auch in modernsten Glasfaserkabeln Signale nicht schneller als mit rund zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit übertragen werden können, spielt die Entfernung zwischen Sender und Empfänger nach wie vor eine Rolle: Denn ein Rechner etwa in Chicago erfährt eine Kursänderung in New York um eine Winzigkeit später als ein Computer in New York selbst.
Daher lässt ein Börsendienstleister 2009 Tunnel durch Berge sprengen, Röhren unter Flüsse verlegen und dort Glasfaserkabel hindurchführen, um so möglichst wenig von der kürzesten Strecke zwischen einem Rechenzentrum in Chicago und einem nahe New York abzuweichen.


Mittlerweile haben sich die größten HF-Trader, digitalen Parasiten gleich, mit ihren Computern sogar bei den Börsen selbst eingenistet. So ließ die NYSE ein neues Rechenzentrum errichten – groß wie sieben Footballfelder, mit halbmeterdicken Leitungen, deren zirkulierendes Wasser die Server kühlt –, wo HF-Trader gegen Hunderttausende Dollar an Jahresmiete ihre eigenen Rechner installieren durften. Vertraglich wird dabei garantiert, dass jede Ecke des Geb