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Helenes Abschied
Angela Wittmann

Wie viel Erinnerung kann man sammeln in sieben Wochen? Was will man nie vergessen, wenn man nur noch einen Sommer hat in seinem Heimatdorf, das "Kein Glück" heißt und mitten in Sibirien liegt?

Ihre Vorfahren waren friesische Mennoniten, die hier endlich in Ruhe und Frieden leben wollten. Jetzt zieht es die letzten zurück nach Deutschland. Eine Geschichte von HEIMAT UND HEIMWEH.


Wie viel Erinnerung kann man sammeln in sieben Wochen? Was will man nie vergessen, wenn man nur noch einen Sommer hat in "Kein Glück"? Dass die Paradiesäpfelchen in jedem Garten anders schmecken? Süß wie Bratäpfel bei Opas Bienenstöcken, sauer wie Prickelbrause bei Tante Pankratz. Dass sie in Sibirien kaum größer werden als Vogelbeeren und im Bauch zwicken, diese "Fiestappeltjes", was Furzäpfelchen heißt, nur dass das Wort auf "Plautdietsch" viel schöner klingt. Dass Gerüchte schnell über Gartenzäune wandern, wenn die Gemeinde kaum mehr 30 Mitglieder hat? "Seid ihr gekommen, die Großeltern zu holen?", werden die Kinder gefragt bei ihrem Streifzug durchs Dorf.


Sommerferien in Sibirien. Für Lorenz, 7, Thomas, 11, und Elena, 14, aus Nürnberg ein Wiedersehen mit den letzten Verwandten in der alten Heimat und ein Abschied für immer. "Nun müssen die Kinder das Dorf in sich tragen", sagt ihre Mutter Helene Neufeld. Damit sie nie vergessen, wo sie geboren sind. Damit sie stolz sind auf jenes Nest mit dem trostlosen Namen, das sich ihre friesischen Vorfahren nach jahrhundertelanger Odyssee weit hinter Omsk gebaut haben, um endlich in Ruhe ihren Glauben leben zu können. Und das jetzt, wo es mit allen Verfolgungen ein Ende hat, "abgeht", wie die Plautdietschen sagen: ausstirbt. In zwei Jahren wird das Dorf 100 Jahre alt. "Das wird kjeena feiern, weil kjeena mehr hier wird sein", sagen die Alten.


Am Abend ihrer Ankunft hat Helene geweint. Wie jeden Tag war Andacht im schlichten Versammlungshaus der Mennoniten, und wie früher saß Helene mit blank geputzten Schuhen unter den Verwandten. Zwischen den Frauen mit langem, gebundenem Haar und den Kindern, die alle Geschwister sein könnten. Blondschöpfe, Rotschöpfe, alle mit Sommersprossen. Aber die meisten Plätze waren leer, und mit dem schnarrenden Gesang der wenigen brach sich die Wehmut Bahn. Das "Bangen", wie Helene Neufeld ihre Sehnsucht nennt und ihren Kummer. "Auch wenn wir in Deutschland zu vergessen meinen, wir bangen uns alle." Nach dem Dorf und seinen Menschen.


Sieben Jahre ist Helene schon fort, und von Besuch zu Besuch ist weniger da. Sogar von Tante Mariechen, der Ältesten der Familie. Wenn sie aufsteht, wird sie nicht größer. Ihr Rücken krümmt sich zu einem rechten Winkel, den Kopf muss sie in den Nacken legen, um Helenes Kindern ins Gesicht zu schauen. "Ihr wachst und wachst, und ich werde immer kleiner." Sie hat sich bucklig geschafft. Als Zwangsarbeiterin in Stalins Sklavenheer und später, "weil es ja bei uns kjeen Aldi nicht jibt". Tante Mariechen hat ihre Kartoffeln das ganze lange Leben selber aus dem Dreck geklaubt. Und wenn sie nicht 90 wäre, sie würde noch heute die Kuh melken, das Schwein füttern, Hühner schlachten, Mist schaufeln, Wäsche walken, Kohle holen, Holz hacken, "Zweeback" in den Ofen schieben und alles in Gläser stecken, was essbar ist. "Enmuke" für die harten Tage. "Da war keine Zeit zum Spazieren", sagt Tante Mariechen. Spazieren hat in ihrer Sprache mehrere Bedeutungen: Herumstromern wie die Kinder, auf Freiersfüßen wandeln - oder aber Müßiggang. "Wer nicht arbeitet, der soll nicht essen", ist Tante Mariechens Lieblingsspruch. Das ist bitter ernst gemeint in "Kein Glück", wo der Winter immer nah ist und jedes Wachstum nur ein Aufbäumen.


"Geht nicht", hatte der Großvater Gerhard Neufeld gesagt, der zugleich das geistliche Haupt der Gemeinde ist. "Ihr werdet das Paradies nicht finden, wenn ihr uns im Stich lasst für ein einfacheres Leben." Helene und ihr Mann Gerhard haben sich widersetzt. Weil sie in der Plackerei keine Perspektive sahen. Für ihre Tochter Elena zum Beispiel, die so klug ist, dass sie in Deutschland von der Hauptschule aufs Gymnasium kam. Die heute in Nürnberg ein eigenes Zimmer hat mit Computer und einer Sternentapete, die sich im Dunkeln über sie wölbt wie das Himmelszelt. Elena hat Träume: Wissenschaftlerin werden, vielleicht sogar Astronautin. In "Kein Glück" wäre sie jetzt Melkerin wie ihre Tanten. In einer Kolchose, die so gut wie bankrott ist.


Deutschland, das war das Land der Ahnen, die sich im 16. Jahrhundert auf den Weg gemacht hatten. Und das Land der Zukunft. Dass dort Menschen ihrer Herkunft "Iwans" genannt werden, hatten Helene und Gerhard gehört, aber sie hatten Vertrauen. In Sibirien waren sie die "Fritz", früher in der Schule, wenn sie von russischen Mitschülern gehänselt wurden, sogar die "Hitlerskinder". "Wir sind keine Russen, und wir sind keine Deutschen", sagt Elena. "Wir sind Plautdietsche - das sind übrig gebliebene Menschen."


Großvater Neufeld sitzt am bauchigen Ofen, in dem alles verglüht, was die Schweine nicht fressen, und blättert in der "Heljen Schreft". So wie er haben schon die Vorväter ihren Großkindern gepredigt: "Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden." Auf die brüchigen Seiten der Familienbibel, die vergraben war, als Stalin die Frommen verfolgte, nimmt er keine Rücksicht. Er hat die Verse aus der Bergpredigt, auf die der abtrünnige holländische Priester Menno Simons 1536 seinen Weg gründete, so fest unterstrichen, dass der Kuli fast durchs Papier kerbt. "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen." - "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden." Menno Simons' Anhänger verweigerten wie ihre Glaubensverwandten, die Hutterer, Amischen und die Quäker, den Kriegsdienst. Gehorsam waren sie nicht der Obrigkeit, sondern allein der Bibel und dem Gewissen.


Und sie wurden verfolgt. Wenn Großvater Neufeld von "der Hatz" erzählt, verschwimmen die Jahrhunderte, wird die Stube zur Zeitmaschine, lodern die Scheiterhaufen. In Friesland, von wo die Vorväter ins Weichseldelta flohen, um Folter und Hinrichtung zu entgehen. Von Preußen weiter in die Ukraine, wo Katharina die Große tüchtigen Siedlern Land und Glaubensfreiheit versprach. Das Wort der Zarin, den Mennoniten auch den Militärdienst zu erlassen, hielt kein Jahrhundert. Als Preußen und Russland um 1870 mobil machten, setzten sich die Trecks wieder in Bewegung. Tausende wanderten aus nach Amerika. Die Vorfahren der Neufelds blieben in Russland und wählten den Weg weiter nach Osten.


"Der erste Neufeld kam im Jahr 1905 hier an", erzählt Gerhard Neufeld senior. Ein Offizier des Zaren namens Neodatschino hatte den Mennoniten sein sumpfiges Land in der Steppe verkauft. "Kein Glück" übersetzten die ersten Siedler den Namen des Vorbesitzers, und so hieß dann auch das Land und das Dorf. Das Leben war gut in den ersten Jahren und die schwarze Erde fruchtbar. Ein Holzhaus neben dem anderen entstand, über hundert insgesamt, grün getüncht mit weißem Zierrat. Alle mit Garten und einem Bänkchen zur Dorfstraße. Doch dann brachte das Jahr 1917 die Oktoberrevolution und mit ihr die Roten, den Hunger und den Tod.


Seit damals sind allen Familien so viele Angehörige "genommen" worden, dass es für das Leid nur noch eine gemeinsame Geschichte gibt in "Kein Glück". Die von der Frau, die ihr Kreuz nicht tragen will: "Dann geh nach den Nachbarn und schau in jedes Fenster, welches du willst vielleicht besser tragen", sagt Gott in dieser Geschichte, die alle erzählen im Dorf, als sei sie der letzte Trost und Gott mitten unter ihnen. "Nee, Herr, ich will mein Kreuz wieder nehmen", sagt die Frau am Schluss.


Von Generation zu Generation hatten die Mennoniten einen Rat weitergegeben, der ihnen bei Stalins "Säuberungen" zum Verhängnis wurde: "Wenn du einmal Geld hast, so kaufe nicht Vieh, das kann krepieren, kaufe nicht Häuser, die können verbrennen, aber kaufe Land. Das kann dir niemand wegstehlen." Die "Fleißlinge" aus der Fremde galten als "Kulaken", als Großbauern und damit als Volksfeinde. Sie wurden enteignet, ermordet oder verschleppt. Die Prediger unter ihnen zuerst.


Die Überlebenden zwang man in die Kolchose, gemeinsam mit sieben russischen Nachbardörfern, die ein paar Kilometer voneinander in der Steppe liegen. Eins gab sich in stolzer Abgrenzung zu den frommen Volksfeinden den Namen "Dorf ohne Gott". Für die Gläubigen nahm die Prüfung kein Ende: Zum großen Terror kam der Zweite Weltkrieg. Alle Deutschstämmigen zwischen 15 und 55 Jahren, auch alle Frauen, die kein Baby hatten, wurden 1942 in Stalins berüchtigte "Arbeitsarmee" gesteckt. Sie verschwanden in den Straflagern Sibiriens. Tante Mariechen kam zurück. Sie war eine der wenigen.


Erst vor fünf Jahren durfte Großvater Neufeld einen Gedenkstein für die Opfer errichten. Damals waren schon drei Viertel aller Familien auf und davon. "Gorbatschow hat die Grenzen aufgemacht", schimpft der Großvater. Schon oft hat er gewünscht, er könne die Tore "nach Germanien" einfach wieder schließen: "Wir haben so viel gelitten für das Dorf, und jetzt ist es nicht mehr gut genug. Es ist wie in der Jeschijcht vom Fischer un sin Fru. Alte Väter kommen immer mit Mäarjche, aber es ist wahr: Das Neue bringt selten Gutes. Es ist wie eine Krankheit. Einer geht, die anderen folgen. Bis zum Exodus." Er selbst will der Letzte sein.


Trauungen und Taufen gibt es nicht mehr. Großvater Neufeld will da sein, wenn das letzte Mütterchen stirbt. "Wer soll sie begrowe?", fragt er, wenn seine Familie ihn bekniet, endlich nach Deutschland zu kommen. Sechs seiner neun Kinder leben schon dort, seine Frau Maria will zu ihnen. Der letzte Sohn ist auf dem Sprung, auch die beiden jüngsten Töchter drängen mit Macht: "Morgen kommt ein Bräutigam und wirbt um uns", haben sie gedroht. "Etwa Russe?", hat der Vater entgeistert gefragt. "Natürlich, es gibt doch sonst keine Männer mehr."
Wenn eine deutsche Familie geht, verkauft sie ihr Haus an eine russische. Mit allem, was Auswanderer nicht tragen können. Das geht bis ans Eingemachte. "Alles ist außer Ordnung", sagt Großvater Neufeld und schüttelt den Kopf. "Meine Mutter wusste noch alle 700 Geburtstage auswendig, von jedem Einzelnen in der Gemeinde." Heute leben im Dorf fast nur noch Russen. Alle Neubürger kennen Gerhard Neufeld senior, das Gemeinde-Oberhaupt der Plautdietschen von "Kein Glück", eine Respektsperson ist er für sie nicht.


Das offenbart sich dem Großvater an einem Freitag den 13., "dem Unglückstag", an dem er vergeblich auf drei Tonnen Kohle wartet: "Ich bin Gerhard Neufeld", versichert einer der neuen Nachbarn dem ortsfremden Ausfahrer - und füllt sich den Keller für den sibirischen Winter. Die Familie versucht gar nicht erst, den Übeltäter ausfindig zu machen. "Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten." So spricht der Herr. Der Sohn schippt klaglos drei neue Tonnen auf den Schlepper, damit es die Eltern auch bei 40 Grad Kälte warm haben. Der Großvater schaufelt mit, so gut er kann, und der schwarze Staub der Kohle zeichnet Furchen in sein Gesicht. Früher haben sie immer Seite an Seite gearbeitet. "Er war mein Helfer", sagt Großvater Neufeld über seinen Ältesten. Von ihm hat er erwartet, dass er das gute Beispiel ist, nicht, dass er vorangeht und in Deutschland als Motorschlosser schichtet. Von Ausreiseplänen wollte der Großvater nichts hören, und er wollte sich nicht verabschieden vom verlorenen Sohn. "Wenn wir kurz vor der Abfahrt nicht zu ihm gekommen wären, er hätte nicht mehr mit uns gesprochen", erzählt Gerhard. "Ihr habt die Großkinder von mir gerissen", schrieb der Großvater nach Deutschland. "Kommt doch zu Gast, die Kinder bangen sich so nach euch", antworteten Gerhard und Helene. Immer wieder. Drei Jahre lang. Dann kam der Großvater zu Weihnachten.


Gerhard wird nie vergessen, wie sie sich am Flughafen zum ersten Mal wieder unter die Augen traten. Er wollte seinen Vater umarmen, aber der knickte ein unter der Berührung. Es war, als bebte ein Fels, als sich der Alte über den Gepäckwagen beugte und seine Schultern zuckten. Noch nie hatte Gerhard seinen Vater so gesehen, und auch er zitterte am ganzen Leib. Vor Angst, vor Freude, vor Erleichterung, vor Dankbarkeit. All diese Gefühle flatterten frei in seiner Seele. "Sie erschütterten Berge von Schuldgefühlen in diesem Moment. Der Vater vergibt dir, habe ich gedacht, der Name des Herrn sei gelobt."


"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen", trösten sich die Menschen in "Kein Glück", die Abschied nehmen von ihrem Hab und Gut. Zeitmesser aller Art bringen sie zu Abraham Steffen, dem Mann, der vor Jahrzehnten die Uhr für den Dorfturm gebaut hat. Eigenhändig hat er jedes Zahnrad ausgesägt. "Uhrmacher" nennen sie ihn seitdem, obwohl er diesen Beruf nie gelernt hat. "Da ist sie." Helene Neufeld hat unter über hundert Uhren, die der alte Steffen schon in seinem Haus kollektioniert hat, jene entdeckt, die früher bei ihr im Wohnzimmer stand. "Ich bin so froh, dass ich sie hier weiß. Dass sie gut aufgehoben ist." Steffens Frau Tina hat Angst vor jeder neuen "Klock". "Wenn euer Großvater geht, wer bleibt dann außer uns? Wie still wird es hier sein." Stunde für Stunde sitzt sie im Rollstuhl, hört nur die Andenken, die ihr die Kraft wegpicken. Der Schlag hat sie gelähmt. "Ich bin hier geboren und alt geworden, ich werde auch in meiner Heimat sterben." In ihren Augen, müdgewacht und wundgeweint beim ewigen Ticken der Uhren, schwimmen die Tränen. "Wir warten unsere Zeit ab", sagt ihr Mann.


Die Tochter der beiden will ihre Eltern nicht verlassen. Seit 27 Jahren ist Elisabeth Steffen die Deutschlehrerin der Dorfschule. 27 Jahre lang hat sie gegen den Willen der russischen Schulbehörde dafür gekämpft, dass die Kinder von "Kein Glück" Deutschunterricht bekommen. "Wie sich das alte Plautdietsch hier gehalten hat, ist ein Wunder", sagt die Lehrerin. "Das lag am Glauben und auch am Zusammenhalt." Alle ihre Schüler haben von zu Hause jene einzigartige Sprach-Melange mitbekommen, die den ganzen Leidensweg der Mennoniten erzählt in singenden "-tjes" und jammernden "Ojeijs": altes Holländisch, fast schon vergessenes Friesisch, Ostpreußisch und Einsprengsel in Russisch wie "Samoljot" für Flugzeug, wenn's zu modern wird. Aber auch Hochdeutsch haben die Kinder von klein auf "im Blut", wie die Lehrerin sagt: das museale Deutsch der Bibel und der Gesangbücher.


In Elisabeth Steffens "aktuellem" Unterricht geht es an diesem Morgen ums Wegziehen. Die Aufgabe: "Sprecht das ,au` richtig aus." - "Wir ziehen aus, wir ziehen aus. Leb wohl für immer, altes Haus!", sagen die acht Kinder im Chor. Ausnahmsweise sind zwei mehr dabei, Thomas und Lorenz aus Nürnberg. Die Kinder sollen das neue Haus malen, in dem sie wohnen wollen. Thomas malt ein Schloss. "Du willst also ein König sein?", fragt die Lehrerin den Gast aus Deutschland. "Das ist für meine Verwandten", sagt Thomas, "die könnten dann alle bei uns leben." Lorenz malt eine Hütte, die wie das Heim der russischen Märchenhexe Babajaga auf Hühnerkrallen laufen kann wie der Wind. "Ich wünschte, unser altes Haus könnte mit uns kommen", sagt er. Am liebsten würde er das ganze Dorf in Bewegung setzen. Damit der Großvater sich nicht entscheiden muss zwischen seinen Nächsten und den Seinen.


In Nürnberg ist schon alles bereit für den Großvater und den Rest der Familie. Das Wohnhaus der Neufelds liegt am Vorortrand. Weites Land wie daheim in Sibirien, nur dass die deutschen Felder nicht den Saum des Horizonts berühren. Gleich hinter dem Acker kommt der Flughafen. Hier arbeitet Helene als Sicherheitsbeamtin. Ein guter Job, der ihrer Tochter das Studium ermöglichen kann und vielleicht sogar den Zugang zu noch ferneren Welten. "Ich würde immer wieder gehen", sagt die Mutter.


Am letzten Ferientag, beim Abschiedsbesuch der Familie auf dem Friedhof von "Kein Glück", hält der Großvater sich abseits. Er zieht sich ganz in sich zurück, als wäre ihm die Welt zu weit. Er wühlt in seinem Innersten, fleht den Willen herbei, der den Weg weist. "Er wird nicht kommen, wenn wir Menschen ihn rufen", sagt Helene. Alles liegt in Gottes Hand. Helene hat Angst, "dass er vergeht", dass er sich hinsetzt und nicht mehr aufsteht, wenn er in Deutschland ist. Aber kann man ihn zurücklassen in "Kein Glück"? Seite an Seite mit ihrer Tochter rupft sie Unkraut und weiß keine Antwort. Elena überlegt, ob sie einen Birkenschössling mitnehmen soll nach Nürnberg. Eine Erinnerung, die lebt und stärker wird? "Nicht, wo du die Bäume kennst", sagt der Großvater, "wo die Bäume dich kennen, da ist deine Heimat." Dann schweigt er wieder, verfangen in eigenen Gedanken. "Drei weiße Birken in meiner Heimat stehn", summt seine Enkelin halb für sich allein, dann kommen die Worte: "Ein Abschied muss nicht für immer sein, ich träume noch von Glück. Es grünen die Birken im Sonnenschein und sagen: Du kommst zurück." Die Gräber, die keiner mehr pflegt, holt sich die Steppe.