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Gibt es am Ende nur einen Schrei?
Arno Luik

Gestern noch war sein Rat in Talkshows begehrt, gestern noch war Wolfgang Bergmann ein gefragter Kinderpsychologe. Heute liegt er im Hospiz – ein Knochenkrebs frisst seinen Körper auf. Dass er stirbt, nimmt er gelassen hin.
Ihn ärgert nur, dass er keine Kraft mehr hat, gegen Pädagogen zu argumentieren, die Kinder wie Hunde dressieren wollen.

Meine Arme sind schlaff und krank, ich richte mich an der Bettkante hoch und ziehe und falle zurück, ich falle dreimal, viermal, achtmal, zehnmal zurück. Beim zwölften Mal falle ich resigniert zurück, resigniert ist ein schwacher Ausdruck, ich falle in einer stillen Verzweiflung zurück. Ich werde die ganze Nacht auf diesem harten Boden liegen, ich werde den Schmerz spüren, ich werde nicht wissen, was diese Nacht an der von der Metastase durchwachsenen  kranken Hüfte anrichtet, was diese Nacht an der Wirbelsäule, in der sich mindestens 20 Metastasen befinden, passieren wird. Ich weiß nichts, ich weiß kaum, wo ich bin, ich weiß kaum, wer ich bin. (Oktober 2010)*

Herr Bergmann, neulich sagten Sie zu mir: „Ich bin ganz und gar vernichtet, ich sterbe.“


Ja, mein Leben bewegt sich auf das Ende hin, ich bin aber nicht unglücklich darüber. Die Tage schwinden rasch dahin, die Zeit rollt und rollt, und ich holper und stolper dem Tod entgegen – wie  lange es noch geht? Keiner kann es sagen. Ich hab keine Hoffnung mehr, gehe über in so einen schwebenden, fließenden Zustand, ich muss mir nichts mehr beweisen. Ich lass die Dinge auf mich zu-
kommen.


Sie müssten eigentlich verzweifeln.


Ich akzeptiere, dass ich nicht mehr, wie Freud es nennt, „Herr im eigenen Haus“ bin. Bis vor Kurzem war ich noch einer der angesehensten Kinderpsychologen in diesem Land. Ein gefragter Mensch. Erfolgreich. Verblüfft blicke ich auf diese Zeit zurück, staune, was mir alles wichtig war und wie unwichtig nun alles ist.
Wenn Sie nun eine Anfrage für einen Vortrag oder eine Einladung zu einer Talkshow bekommen – das tut doch weh, dass Sie da nicht mehr mit-
machen können.


Das passiert ständig, es sind schöne Anfragen. Neulich bekam ich eine Einladung zu einem Symposion, vor 1000 Leute sollte ich reden. Das hätte ich gerne gemacht. Aber ich kann es nicht mehr. Da habe ich dann gegen die Wand gebrüllt: „Verfluchte Sauerei!“ Aber der Frust geht schnell vorbei, nach einer Stunde ist es vergessen. Ich kreische nicht, schreie nicht gegen das Schicksal an.
Es fällt mir schwer, das zu glauben.


Ich habe gelernt, Trost in den kleinen Dingen zu finden. Wenn ich jetzt morgens noch aufwache, bin ich glücklich, wenn der Cappuccino gut ist. Ein Stück Apfelkuchen ist die reine Freude.


Sie liegen hier in einem kleinen Zimmer, Ihr Körper verschwindet mehr und mehr.
Es ist nur noch eine Schwundform des Daseins, ja. Das ist eine herbe Geschichte, aber keine Verzweiflungsgeschichte. Alles an mir ist kaputt, bis aufs Gehirn, das, zu meiner stillen Freude, noch tickt wie damals, als ich 30 war. Überall sind Metastasen, in der Wirbelsäule, in allen Knochen, die Lunge ist zerfressen, die Bronchien fast kaputt, und wo man überall Schleimhäute hat, die sich entzünden – man staunt. Das Bein ist das Schlimmste, da schlabbern die Muskeln dran rum. Mein Körper zerfällt, die Muskeln schwinden.


Sie zittern.


Ja, mein rechter Arm gibt nur jeden vierten Nervenimpuls weiter, die anderen bleiben in der Luft oder was weiß ich wo hängen. Ich kann noch Worte formen und mich an ihnen erfreuen, ich bring sie noch aufs Papier, freu mich an dem, was ich geschrieben habe, sage manchmal: „Herrje, das hast du nicht schlecht gemacht.“


Sie schreiben mit sehr vielen Tippfehlern.


Ja, dieses Zittern, die zunehmende Schwäche, die rechte Hand gibt wohl bald auf, eine Metastase zieht sich da runter. Solange ich noch irgendwie schreiben kann, ist es gut, aber lange wird es nicht mehr klappen. Trotzdem ist große Lebensfreude in mir. Der Mensch ist ja zum Quietschen komisch. Er braucht gar nicht viel. Ich hab alles hinter mir gelassen, Bücher, Praxis, Wohnung – ohne Bedauern. Nun liege ich hier. Ich atme, ich spüre die Luft, ich freue mich, wenn die Sonne scheint, ich ärgere mich, wenn ich einen Tropfen auf die Nase kriege.
Und wenn Sie auf die Toilette müssen?


Das ist eine Quälerei. Eine Prozedur von einer halben Stunde. Ich kann ja nicht mehr stehen, man muss mich hinsetzen. Sich den Hintern abwischen lassen, Scham, Eitelkeit – auch das habe ich schnell hinter mir gelassen. Ich schimpfe, fluche manchmal, ich lass mir inzwischen die Zehen-nägel schneiden. Es ist gar nicht so schwer, nur noch ein Fall zu sein, man darf sich nicht an der Vergangenheit festbeißen. Ich bin nicht traurig über mich, ich sag mir: Gut, so ist das jetzt eben.


Ihre Welt ist auf die eines Kindes zusammengeschnurrt.


Ja, alles, was ich ein Leben lang befürchtet habe, ist jetzt eingetreten. Ich erfahre eine unendliche Begrenzung und Beengung, aber ich komme damit zurecht, Resignation und Verzweiflung, das sind zwei seelische Zustände, die einem unerwartete Kraft geben. Manchmal stehe ich neben mir und sage: „Aus irgendeinem Grund bin ich froh.“


Tatsächlich?


Ja. Nein. Ja. Es ist nur die halbe Wahrheit. Diese heitere Stimmung kann kippen, zumindest seit einiger Zeit. Ich fange nun an, seelisch zu wackeln. Es wird alles müh-samer. Ich wache auch auf und -sage: Herrgott noch mal, muss jetzt diese Metastase auch noch kommen! Vor fünf, zehn Jahren hätte ich gebrüllt vor Schmerzen. Mein Vater hatte Prostatakrebs, er war noch einer aus dieser Gene-ration der deutschen Helden, er schrie und litt fürchterlich, ich hab auf ihn eingeredet wie auf einen kranken Gaul, sagte zu ihm: Nimm Morphium. „Aber Junge“, sagte er, „da werd ich doch abhängig!“ Die Ärzte sagten das auch. Ich hab Glück, hier im Hospiz sind sie freigebig, ohne Morphium hielte ich es nicht aus.
Sie zerfallen und zerfallen.


Ja. Die eigene Haut wird einem fremd. Ich bin wie so ein Lumpen in die Ecke gelegt – könnte man nicht das Ganze beenden? Aber das geht ja nicht, jedenfalls nicht auf eine erträgliche Art.


Der 45-jährige Schriftsteller Wolfgang Herrndorf leidet an einem unheilbaren Gehirntumor, er hält das Leben für nicht mehr so wichtig, das „größte Glück“, schreibt er in seinem Blog, sei „bewusstlos sterben“ und „ein unauffällig in den Nacken gehaltenes Bolzenschussgerät“.


Ein schönes Bild in dieser Härte und Klarheit. Wie man stirbt, ist wichtig. Werde ich Angst haben? Gibt es am Ende kein Aufgeben, sondern nur einen Schrei? Ich will keine großen Worte schwingen. Das Totsein erschreckt mich nicht, es ist der Vorgang des Sterbens, der mich beunruhigt, das ist so diffus, ich krieg da noch keine Konturen rein.


Der Philosoph Ernst Bloch sprach leicht über den Tod, der sei einer der wenigen Dinge, die er noch nicht ausprobiert habe.


Er war hochfahrend. Als der Tod zu ihm kam, hat er drei Tage voller Verzweiflung gegen ihn angebrüllt. Der Tod ist das Böse, das kein Innen und Außen hat. Das Erlöschen der Zeit. Der Tod ist der letzte Herrscher, da gibt es gar nichts, dann knallt die Tür zu, dann ist Ende. Ich bin auch schon fast dabei. Der Tod ist furchtbar und endgültig.


Nein, sagen die Christen, sie glauben an das ewige Leben und die Auferstehung des Leibes.


Ich will kein Minusmissionar sein, sie sollen das glauben. Ich krieg ja täglich Briefe von Leuten, die mich mit dieser Aussicht trösten wollen. Ich will mich nicht mit den Christen anlegen. Jesus schleppt sein Kreuz den Berg hoch, und das Ganze ist ein Opfergang. Für wen? Für uns Menschen? Für jene, die zugucken? Zur sexuellen Erfreuung? Was soll das Ganze? Wir wissen, dass es die Auferstehung des Leibes nicht geben wird, wir trotten ein Leben lang über Milliarden von Toten, eine unendliche Geschichte der immer wiederkehrenden Endlichkeit. Mir fällt es sehr schwer, darüber ernsthaft nachzudenken, irgendeinen Sinn zu erkennen.


Bei schweren Krankheiten, schrecklichen Katastrophen heißt es in Gebeten, die trösten sollen, Gott wolle uns prüfen – darin bestehe der Sinn des Leides.
Worin soll der Sinn liegen, dass meine Hüfte gespalten ist, ich hier hilflos liege? Ich könnte noch draußen rumlaufen, wenn diese verdammte Hüfte nicht gespalten und nicht eine handgroße Metastase drin wuchern würde, ich kann kein Gran Sinn in alldem erkennen. Warum kommt der Krebs wie ein Fallbeil jetzt herunter? Ich würde gerne noch zehn Jahre leben.


Sie sind wütend auf die Welt, neidisch auf die Gesunden?


Nö, nicht wütend. Vielleicht neidisch auf Leute, die leben dürfen, und ich nicht. Ich halte das auch für eine Sauerei, ich hab das nicht verdient. Aber dann kommt altes, längst abgelegtes protestantisches Denken in mir hoch, dass die Dinge eben sind, wie sie sind, und ich sie nicht ändern kann.

Ich kippte, ich stürzte auf das Becken, in dem eine fünf Zentimeter große Metastase hockte, schon 20-mal bestrahlt, was sie wie ein Urviech kaum berührt hatte. Wie Godzilla in den alten japanischen Filmen schrie sie einmal auf, zog sich zurück, so dass ich einige Tage triumphierte – aha, die Bestrahlung schlägt an! Aber nach spätestens einer Woche war alles, wie es vorher war. Jetzt also dieser Sturz auf diese Beckenknochen, die von innen bereits ausgehöhlt sind und brüchig, ich stürze, ich hole mir Schmerzen, der Schmerz reißt mich in die Wirklichkeit, für Minuten weiß ich, wo ich bin. Ich liege auf dem Fußboden in meiner Wohnung, ich liege neben dem Bett, mein Problem besteht nun darin: Ich komme nicht wieder hoch. Eine Stunde liege ich wie in Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ auf dem Boden, mindestens eine Stunde, oder doch nur ein halbe? Oder drei? Ich habe kein Zeit-gefühl. Ich lieg da, gekrümmt vor Schmerz. (Oktober 2010)

Als Sie Ihre Diagnose bekamen: Knochenkrebs. Da …


… da saß ich beim Italiener, schlürfte meinen Cappuccino, aß ein Vanilleeis. Ich fühlte mich großartig. Es war genau vor einem Jahr, ich las die Fahnen von meinem Buch „Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder“, ja, ein etwas peinlich-pathetischer Titel, ich war unendlich glücklich, zufrieden mit meinen Worten, ich war richtig vergnügt, in völliger Übereinstimmung mit mir. Und dann klingelt das Handy, ein Arzt war dran, er sagte: „Sie haben Knochenkrebs, unheilbar.“


Wie? Ihre tödliche Diagnose bekamen Sie übers Telefon?


Ja, das war so ein Arzt, der meinte, hart sein zu müssen und cool.


Und Sie schrien auf vor Verzweiflung?


Das haut voll rein. Buuah! Ich rutschte vom Stuhl. Ich hab mich dann aber schnell gefangen, fand es gar nicht so erschreckend.


Das glaube ich nicht.


Jein. Mit der Diagnose leben geht. Dass alle Hoffnungen nur Illusionen sind, ahnt man ja ein Leben lang. Am Anfang war die Krankheit scheinbar weit weg. Und der letzte Sommer war der schönste meines Lebens, voll unwillkürlicher Lebensfreude. Dann kommt die Verzweiflung, die Schatten kommen auf dich zu, sie sind jetzt immer an der Wand, niemand kann sie mir wegnehmen, da ist das Gefühl, die Krankheit bricht mich allmählich. Knochenkrebs ist so ziemlich das Mieseste, was es gibt, unglaublich tückisch. Der Knochen wird von
innen ausgehöhlt, er greift die Nervenstränge an, gleichzeitig gibt es einen Angriff von außen. Es ist eine doppelte Attacke auf meine Integrität.


Ein Bekannter von mir hat auch Krebs; kampflos, sagt er, will er sich dem nicht ergeben.


Was heißt denn das? Das ist doch ein selbstsuggestiver Satz, mit dem ich nichts anfangen kann. Wie soll ich denn kämpfen gegen diese Heimtücke, mich wehren? Ich wache morgens auf, und der Krebs ist an einer anderen Stelle ausgebrochen, aus dem Nerveninneren wird mein Körper ausgesaugt und ausgebuddelt.
Und im Kopf sind dazu ständig die Fragen: Verdammt, warum hat es mich erwischt? Warum ich? Warum bloß?


Nein, so habe ich nie gedacht, nie. Warum denn nicht ich?


Warum ich – diese Frage stellte sich mir nie. Ich bin dazu zu
sehr von der Sinnlosigkeit des Lebens überzeugt. Das Leben ist ohne Sinn, es beginnt vernunftlos und sprachlos, und so endet es auch.


Wir kommen aus dem Nichts, und wir gehen ins Nichts?
Und wir verlieren nichts. Es ist total sinnlos.


Glücklich sind nur die, heißt es bei Seneca, die nicht geboren wurden.
Ja, das gefällt mir.

Ich wache am Nachmittag gegen 17 Uhr wieder auf. Gott sei Dank rechtzeitig zum WM-Spiel um den dritten Platz. Es wird ein lahmes Spiel, um das gleich zu
sagen. Aber immerhin, ich kann mich aufrichten, das wusste ich nicht genau, schlecht aufrichten muss man sagen, bei jedem Schritt schlackert das verwundete Gelenk neben mir her, aber es ist nicht weit bis zum nächsten Fernsehapparat, ein freundlicher Italiener hat ihn direkt vor seinen Spaghetti-Pavillon gestellt. Ich humpele auf einen Platz. Die Rückkehr ist mühsam, noch schwieriger als der Weg hin. Ich kippe immer vornüber, nur nicht noch ein Sturz, denke ich. Noch ein Sturz könnte das Ende bedeuten, jedenfalls die Einleitung zum Ende. Zum Ende von allem.
(10. Juli 2010)

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie so alt werden wollten: ein würdiger Greis, der schöne und wichtige -Bücher schreibt, dessen Rat gefragt und begehrt ist.
Haargenau so habe ich mir meine nahe Zukunft vorgestellt. Das war mein Traum, und ich war kurz davor, ihn zu verwirklichen. Der Krebs hat ihn vernichtet.
Es muss Sie doch unendlich ärgern, dass in der Pädagogik wieder Drill, Dressur, Disziplin en vogue sind, dass Sie nicht dagegen argumentieren können.
Ich versuch doch einzugreifen! Dass ich jetzt hier im Hospiz liege, das kommt auch daher, dass ich ein Buch gegen die dumme und herrschende Pädagogik geschrieben hab. Ich habe mich und meine schwindenden Kräfte total übernommen.


„Lasst Eure Kinder in Ruhe“ wird das Buch heißen und …


… es ist eine Streitschrift gegen den zerstörerischen Förderwahn in der Erziehung. Unsere Kultur eilt dem Untergang entgegen, viel schneller, als ich noch vor ein paar Jahren befürchtete.


Das ist absurd, was Sie nun sagen.


Nein. Es ist ein Aberwitz, wenn Kinder mit zwei, drei Jahren Chinesisch lernen sollen. Eine Kultur ist auf die Dauer nicht überlebensfähig, wenn eine ehrgeizige Mutter ihr Kind heulend in der Krippe abgibt und sagt: „Es tut mir im Bauch weh, aber mein Kopf sagt, es muss sein!“ Und sich dann erbarmungslos verabschiedet. Ich sag: Hört auf, eure Kinder perfekt haben zu wollen. Trimmt sie nicht mit „Kids auf der Überholspur“. Ich sage Eltern ganz klar: Entweder Sie lieben Ihre Tochter. Oder Sie wollen ein perfektes Kind. Beides zusammen geht nicht.


Ihrer Wut zum Trotz: Bücher wie „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ des Jugendpsychiaters Michael Winterhoff oder „Lob der Disziplin“ des ehemaligen Leiters der Privatschule Salem, Bernhard Bueb, die Strenge und Härte gegenüber Kindern einklagen, sind überaus erfolgreich. Amy Chuas Schlachtruf des häuslichen Drills, „Die Mutter des Erfolgs – wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“,  ist auf der Bestsellerliste.


Diese Dame verfolgt mich seit Wochen, grauenhaft. Ein Aberwitz, was sie propagiert.


Chua droht ihrer Tochter, ihre Stofftiere zu verbrennen, wenn sie am Klavier nicht absolut perfekt spiele: „Ich zähle bis drei, dann erwarte ich Musikalität.“
Grausam, dieser disziplinarisch-reaktionäre Jargon, das ödet mich an. Ich plädiere für Gelassenheit und Freiheit. Kinder brauchen Lärm, ein bisschen Chaos, vergnügtes Matschen auf den Spielplätzen, sie müssen vor sich hindösen können, an einer Blume zerren und dabei neue Figuren entdecken, nicht wie Hunde dressiert werden. Das meine ich mit Liebe. Nur wer liebesfähig ist, ist auch bildungsfähig. Amy Chua zerstört die Liebesfähigkeit und damit auch die Bildungsfähigkeit ihres Kindes. Das ist der Kern meiner Auseinandersetzung mit Bernhard Bueb und Michael Winterhoff. Gehorsam behindert die Intelligenz. Wir brauchen nicht mehr Disziplin und Gehorsam, sondern viel mehr Liebe. Das einzig Sinnstiftende, was wir haben, geht verloren. Ich zitiere einen der für mich wichtigsten Vernunftsätze, einen Satz von Paulus: „Die Liebe höret nimmer auf.“


Das klingt nun sehr pathetisch – und das von Ihnen!


Ich liebe Pathos. Und der Satz tröstet, er ist voller Wahrheit. Er steht gegen die zerstörerische Rivalitätskultur. Kinder erleben sich fast nur als Rivalen. Zweijährige werden schon aufgefordert, besser zu sein als der Nachbar. Alles muss messbar sein.


Die Eltern haben Angst, dass ihr Kind es nicht schafft, die Eltern
haben Angst vor dem Abstieg, der gesellschaftlichen Ächtung.
Ja, leider. Es traut sich kaum jemand, gegen die Rivalitätskultur zu reden. Es braucht auch viel Kraft von den Eltern, sie müssen es aushalten, dass ihr Kind vielleicht etwas anders ist.


Es macht Ihnen Spaß, über Kinder zu reden.


Ein Kind ist doch ein Wunder. Wenn so ein Sechsjähriger vor Ihnen steht mit seiner schiefen Nasenwurzel, Sie angrinst und irgendwie rumquakt – das ist doch herrlich. Und jetzt haben die Eltern nichts als Angst, dass es in der Schule versagt. Ja, seid ihr noch bei Sinnen! Ihr müsst Angst haben, dass es unglücklich ist. Diese maßlose Vergleichbarkeit. Ich bin der Schnellere. Ich bin der Größere. Ich bin der Geschicktere als du. Das lernen die Kinder schon mit zwei Jahren. Guck mal, die kleine Gerda, die schreibt schon das D, und du bist noch beim A! Die Kinder haben sich selber noch nicht als soziales Wesen empfunden, da wird ihnen schon eingebläut, dass ein soziales Wesen sich in permanenter Unterscheidung und Abtrennung von einem andern sozialen Wesen befindet. Das heißt, sie lernen den anderen als den anderen gar nicht kennen. Sie lernen sich selbst nicht kennen. Gerne würde ich meine schwach gewordene Faust in Tagungen dagegen erheben und rufen: Leute, es ist Quatsch, was ihr hier macht!


Damit ist es vorbei.


Ich sag ja, ich würde ja gerne noch zehn Jahre leben. Aber das wird nicht sein. Ich will jetzt noch Pfingsten erleben, ein schönes, sonniges Pfingsten. Und dann? Haben Sie zufälligerweise Sprengstoff dabei?


Nein, natürlich nicht.


Schade. Der Gedanke gefällt mir nämlich sehr: mit einem gewal-
tigen Krach, mit einer Bombe, einem Sprengstoffattentat gegen mich selbst, in hellem, gleißendem Licht mich im Nichts aufzulösen.


Puh. Sie haben Angst vor dem Grab?


Das Grab ist für mich eine furchtbare Vorstellung. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum wir in unserer Kultur die ganze Zeit darauf drängen, alles immer enger zu machen. Die Kinder werden schon um acht Uhr in den Kindergarten geschickt und dann um halb acht in die Grundschule, und im Laufe des Lebens wird alles noch enger. Am Schluss soll ich auch noch in einem engen Kasten verschwinden! Himmelherrgott, kann man den nicht aufmachen?


Ich fürchte, nein.


Tja, so bleibt mein ganz großer Traum wohl nur ein Traum: mich mit einem Segelschiff in den Ozean hinaustreiben zu lassen und nicht mehr gefunden zu werden. Das finde ich versöhnlich – diese Vorstellung, alle Begrenzungen des Lebens aufzulösen.


Stell dir mal vor, ohne sie, diese Frau, würde dieses Kind einfach nicht existieren, sein Lächeln nicht, seine quiekende Stimme, sein Papa-Rufen. Es wäre einfach nicht da. Nein, so etwas können wir uns so wenig vorstellen wie den Tod. Und den Tod wollte ich nicht, den Tod dieser Familie nicht, den Tod dieser Beziehung, dieser Bindung, dieser Liebe nicht. Keine Sekunde lang. Aber er trat ein. Es ist ja zum Lachen, da arbeitet einer als Therapeut, gar nicht erfolglos und nicht ohne Anerkennung, gar nicht ohne hilfreich zu sein, und der Verfall der Liebe seiner Frau, die er jeden Tag sieht, stundenlang, am Morgen, am Abend und zwischendurch viele Male (wir arbeiteten ja zusammen in derselben Praxis) entgeht ihm. (September 2010)

Herr Bergmann, alles ist so traurig.


Ja, das kann man so sagen, aber das bedrückt mich jetzt nicht
seelisch. Ich kenne kaum ein Leben, das nicht verpfuscht ist. Und ich weiß jetzt, dass ich so gut wie nichts weiß. Meine Frau hielt meine Krankheit nicht aus. Leben. Tod, Tochter, Frau. 16 Jahre hat meine Frau mir jeden Tag mindestens einmal gesagt, dass sie mich liebt. Und plötzlich ist alles weg. Was ist das Leben? Ich habe keine Ahnung. Es ist zum Lachen.