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FREIHEIT ODER TOD
Claire Billet

30 MENSCHEN nachts in einem Schlauchboot auf dem Meer: Was bewegt sie dazu, so ihr Leben zu riskieren? Ein GEO-Team hat Migranten aus Afghanistan nach Europa begleitet,um dies herauszufinden. Nur einer von ihnen schaffte es nach Deutschland


Hier also wird sich alles entscheiden nach drei Monaten auf der Flucht. 7000 Kilometer liegen hinter Fawad und Rohani, zwei jungen Männern aus Afghanistan. Sie haben Gebirge überwunden und Wüsten durchquert, Hunger gelitten, sich fast die Beine gebrochen und sind allen Häschern entwischt. Nun liegt das Meer vor ihnen, schwarz und unergründlich. Nur 15 Kilometer trennen sie noch von Europa. Nur einer von beiden wird es schaffen.


Ein Strand nahe Izmir in der Türkei; Meeresrauschen in einer Sommernacht, die Wellen rollen träge auf den warmen Sand. Straßenlaternen tauchen die Außenmauer eines Ferienclubs in goldenes Licht. Aus einer Diskothek weht das Lachen junger Frauen herüber. Im Gras zirpen Heuschrecken. Es wäre ein guter Moment für ein Mitternachtsbad.


Fawad und Rohani halten sich versteckt hinter einer vertrockneten Weide. Seit zwei Tagen haben sie nicht geschlafen, Angst steht in ihren Gesichtern. Sie sitzen auf der Erde, noch ein paar andere Männer sind bei ihnen, aus dem Iran, aus Afghanistan. Schatten huschen über den Strand, dann das Geräusch eines Motorboots, dann: das verabredete Signal.


In voller Kleidung waten Fawad und Rohani ins Meer. Das Wasser reicht ihnen bis zur Brust, sie halten die Arme über dem Kopf, in den Händen Plastikbeutel mit ihren Wertsachen. Zwei Schleuser stehen neben dem schwarzen Schlauchboot. „Los, steigt ein, schnell“, faucht einer von ihnen.


Die griechische Insel Samos liegt in Sichtweite, doch der Außenbordmotor des Bootes ist schwach. Der Mann am Steuer weist auf Lichter über dem Wasser. „Da hinten ist die türkische Polizei. Und dort drüben sind die Griechen.“


Das Boot hat ein Leck, Fawad schöpft mit einem Plastikbecher Wasser. Die meisten der etwa 30 Menschen im Boot können nicht schwimmen. Sie zittern in der feuchten Kleidung. Plötzlich blendet backbord ein Scheinwerfer. Ein Patrouillenboot der griechischen Küstenwache nähert sich; vermummte Grenzschützer in schwarzen Uniformen richten ihre Gewehre auf die Flüchtlinge. Sie werfen ein Tau herüber, binden das Schlauchboot an ihr Schiff. „Wenn ihr den Strick durchschneidet, erschießen wir euch“, ruft einer. Die Männer klettern auf das Heck des Patrouillenboots. Wer seine Hände nicht schnell genug im Nacken verschränkt, wird mit Fußtritten traktiert.


Nach einer halben Stunde schneller Fahrt stoppt das Patrouillenboot. Dann geht der Befehl an die Flüchtlinge, zurück in ihr Schlauchboot zu steigen. „Welcome to Greece“, ruft einer der Grenzschützer, dann verschwindet das Patrouillenboot im Dunkeln. Und Rohani glaubt, er habe es geschafft. Europa!


Wir, der Fotograf Olivier Jobard und ich, haben Rohani und Fawad immer wieder ein Stück ihres Weges begleitet, seit sie in Afghanistan aufgebrochen sind. Wir hatten keine Vorstellung davon, was uns bevorstehen würde bis zu diesem Moment in einem Schlauchboot irgendwo in einer ägäischen Nacht. Und was uns in den nächsten Minuten geschehen wird.


Afghanistan, drei Monate zuvor. Rohani, 26, Paschtune aus der Provinz Wardak, ist auf der Flucht im eigenen Land. Er war ein Taliban, aber seine ehemaligen Freunde beschuldigen ihn, Spion zu sein – weil er einen Freund geschützt hat, der für die US-Armee arbeitete. Zweimal haben die Islamisten Rohani festgenommen und mit dem Tode bedroht. Er versteckt sich bei Bekannten in Kabul.


Rohani wirkt beherrscht und umsichtig; und fast so, als wäre ihm sein kräftiger Körper unangenehm. Er zeigt uns Bilder aus seiner Heimat, vom Haus seiner Eltern. Ein bäuerliches Idyll. „So schön, dass ich weinen möchte“, sagt er mit einer überraschend sanften Stimme. Dort hat er einst seinem Vater geholfen, Äpfel und Pfirsiche zu ernten. Aber er hat auch andere Fotos, Fotos vom Krieg. Gesprengte Stahltore, zerstörte Mauern.


„Der Krieg hat unsere Herzen versteinert“, sagt Rohani, „im Ausland ist ein Leben tausendmal mehr wert als hier.“ Dorthin will er.


Am Morgen ein Abschied in Eile. Rohani packt sein Mobiltelefon ein, wenig Kleidung zum Wechseln, ein paar Passbilder. Und einen Brief der Taliban, in dem sie ihm klarmachen, dass sie seinen Tod wollen. Der Brief ist seine einzige Wertsache; die soll ihm die Türen öffnen in der Fremde.


Niemand will bei Rohanis Abreise Trauer zeigen; nur eine Cousine weint hinter dem dünnen Vorhang. Rohani und ein Vetter, der ebenfalls nach Europa will, machen sich auf den Weg. Richtung Jalalabad an der Straße nach Pakistan.


„Paris ist eine hoch entwickelte Stadt! Es heißt, ein Hubschrauber ließe dort morgens Parfüm niederrieseln“, sagt der Mann am Steuer.


„Wie Regen?“


„Ja, wie Regen.“


„Und es soll viele Blumen dort geben.“


„Mein Vater liebt Blumen“, sagt Rohani.


„Wir werden ihm Blumensamen schicken.“


„Und ich werde Taxifahrer“, sagt Rohani.


„Nein, du wirst in einem Restaurant schuften und Pizza backen.“


Auch Fawad ist zu dieser Zeit in Jalalabad angekommen. Ein hagerer, nervöser Mann, dessen dünne Haare über dem kantigen Gesicht ihn viel älter scheinen lassen als 27.


Er stammt aus der Provinz Kunar, einer trockenen, grauen Bergregion zu Füßen des Hindukusch, aus der sich die US-Soldaten gerade zurückziehen, ohne sie je unter ihre Kontrolle gebracht zu haben. Fawad hat geholfen, die US-Stützpunkte mit Treibstoff und Waren zu versorgen. Sein Job war es, auf schlechten Straßenabschnitten vor dem Lastwagen herzugehen. 500 US-Dollar pro Reise hat er verdient, viermal so viel wie ein übliches Monatsgehalt. Auch Fawad hat Drohbriefe erhalten. Und nach dem dritten beschlossen, das Land zu verlassen.


Fawad und Rohani begegnen sich zum ersten Mal im Haus des Schleusers, einem mit grünem und rosafarbenem Marmor verzierten Gebäude, das von hohen Mauern umfriedet ist. Offenbar lässt es sich gut von diesem Geschäft leben.


Der Schleuser, ein muskulöser Mann um die 30, hat sechs Jahre in England gelebt, von dort zwar nur geringe Englischkenntnisse mitgebracht, doch eine Attitüde, die an britische Agentenfilme erinnert. Im Prinzip arbeitet der Mann wie eine Reiseagentur: Er selbst bleibt in Afghanistan, organisiert per Mobiltelefon den Verlauf der Reise mit Subunternehmern, die jeweils für Streckenabschnitte – über 20 sind es bis nach Griechenland – verantwortlich sind.


Fawad und Rohani müssen 6500 US-Dollar pro Person zahlen; 2000 sofort, der Rest wird bei einem Treuhänder hinterlegt. Nur wenn beide heil in Europa ankommen, wird der Schleuser ausbezahlt. Stößt den Männern unterwegs etwas zu, könnten sich ihre Familien am Schleuser rächen. So sieht es der Ehrenkodex der Paschtunen vor.


Erste Etappe: Jalalabad–Belutschistan. In einem Minibus gelangen wir mit Fawad, Rohani und weiteren Flüchtlingen anderntags nach Torkham an der Grenze zu Pakistan. Spätestens jetzt sind die Handys die letzte Verbindung zu den Familien, zum Chef der Schmuggler: die Rettungsleine. Rohani hat eine Liste mit Telefonnummern von Kontakten in London, Deutschland und Frankreich in der Tasche. Die erste Nacht verbringen die Männer in einem Teehaus, wo Rohani bei flackerndem Licht erfährt, dass auch Fawad nach Frankreich will.


„Ich werde mir dort ein schönes Haus bauen“, sagt Fawad.


Am nächsten Morgen kreuzt die Gruppe den Khyber-Pass zwischen Afghanistan und Pakistan. Der Himmel ist verhangen, es regnet. Der Fluchthelfer bezahlt die Grenzer mit einigen Scheinen, Ausweise müssen nicht vorgezeigt werden. Zum ersten Mal in seinem Leben verlässt Rohani sein Heimatland.


Und später, in einem Straßenrestaurant in Lahore, wohin sie mit einem Bus gebracht worden sind, fühlt er sich zum ersten Mal als Fremder: der Lärm der Autos und Rikschas, die schweren Gerüche der Großstadt, das scharf gewürzte Essen verwirren ihn.


„Aber“, sagt er, „wir haben doch keine Wahl.“


Am Abend, zusammengepfercht in einer stickigen Unterkunft mit immer wiederkehrenden Stromausfällen, erzählt Fawad der auf zehn Köpfe angewachsenen Gruppe von seinen Erfahrungen bei einem früheren Versuch, die iranische Grenze, die demnächst vor ihnen liegt, zu überqueren.


„Wie viele wart ihr auf dem Wagen?“, fragt einer.


„Rund 40, wir lagen aufeinander auf der Ladefläche.“


„Schießt die Polizei, wenn sie Flüchtlinge entdeckt?“


„Natürlich. Der Pick-up vor uns fing Feuer. Von denen hat keiner überlebt.“


„Und als die Militärs euch festgenommen haben, warum habt ihr denen nicht Geld angeboten?“


„Wenn du es versuchst, schlagen sie dich tot.“


Nach zwei Tagen Wartezeit teilt der Schleuser Zugtickets aus. Ziel: Karatschi. 26 Stunden auf Klappsitzen; vor dem Zugfenster weichen die hellbraunen Lehmhäuser der Armenviertel nach und nach dem sandigen Orange der Wüste. Die Männer beten. Es riecht nach scharf gewürztem Essen und Schweiß in den Abteilen, Sandstaub weht herein, verklebt die Nasen und knirscht zwischen den Zähnen.


Rohani ist erschöpft, „aber auch froh“, sagt er, „dass ich unterwegs bin in ein besseres Leben“.


Die Ankunft in Karatschi beschleunigt die Reise. Alles muss jetzt schnell gehen. Der nächste Schleuser, ein Mann aus Belutschistan, wartet am anderen Ende der Stadt an einem Busbahnhof. Fawad und Rohani, beide ohne Papiere, werden auf der hintersten Sitzreihe untergebracht. Wir trennen uns von den Flüchtlingen, um sie später wiederzutreffen.


Zweite Etappe: Iran–Türkei. Wochen später, in einem Gartenschuppen nahe der Stadt Urmia im Nordwesten des Iran, stoßen wir wieder zur Gruppe. Bis zur türkischen Grenze sind es nun nur noch 20 Kilometer. Wir sind illegal und zu Fuß in den Iran eingereist.


Im Licht einer Öllampe liegen die Männer unter Decken auf dem nackten Boden. Irgendwo im Iran ist auch eine Frau zu ihnen gestoßen, eine zierliche 31-Jährige, komplett in Schwarz gekleidet und so tief verschleiert, dass nur ihre Augen zu sehen sind. In dem Schuppen besteht sie darauf, hinter einem alten Autositz zu schlafen, ein Minimum an Privatheit für sie.


Der Geruch von ungewaschenen Menschen und ihrer Verzweiflung ist überwältigend in dem engen Raum. Seit zwei Wochen schon warten Rohani, Fawad und die Übrigen auf eine Gelegenheit, die Grenze zur Türkei überqueren zu können. Sie haben sich durch die pakistanische Wüste gekämpft, haben Tages- und Nachtmärsche hinter sich, und während ihre Kräfte geschwunden sind, ist ihre Nervosität gewachsen. Sie sind abgemagert.


Werden sie im Iran aufgegriffen, droht ihnen Gewalt. Werden sie in der Türkei aufgegriffen, wird alles Bisherige vergeblich gewesen sein. Ihre wichtigste Aufgabe ist es jetzt, unsichtbar zu bleiben; oder sich notfalls die Unsichtbarkeit mit Schmiergeld zu erkaufen.


Nüchternes Erwachen in der Frühe. Auf dem Boden liegen vor Dreck starrende Decken. Die Fensterscheiben der Hütte sind aus Plastik. Gefängnis. Zu essen gibt es für jeden ein Ei pro Tag. „Und Brot, dünn wie Papier.“


Dann endlich der Aufbruch zu Füßen der Berge, deren Spitzen schon mit Schnee bedeckt sind. Rohani betrachtet sie mit furchtvollem Respekt; dass er sterben könnte auf seinem Weg nach Europa, erfrieren in diesen kalten Bergen,
das scheint ihm nun erstmals bewusst zu werden. Rohani zieht alles an, was er hat. Über seine traditionell afghanische Kleidung, bestehend aus weiten Hosen und einem knielangen Hemd, streift er Jeans, T-Shirt, eine Anzugjacke und einen Damenanorak, den er im Dorf eingetauscht hat. Im Dunkeln verlassen die Flüchtlinge das Dorf auf einem Viehwagen. Ihre neuen Schleuser sind zwei Kurden; einer spricht iranisches Farsi, das dem afghanischen Dari ähnelt. „Wir werden schnell gehen, ihr sprecht nicht, macht keinen Lärm“, erklärt er mit spröder Stimme. „Wir halten nur an, wenn ich es sage. Ist das klar?“


Es hat geregnet, der Pfad ist eine Rutschbahn. Immer wieder stolpert einer in der Finsternis, fällt hin, Geröll rutscht unter den Füßen weg. Erst nach drei Stunden halten die Führer an. „Wir können jetzt nicht weiter“, verkünden sie. Es werde bald dämmern, dann steige die Gefahr, von iranischen Soldaten gesehen zu werden. Die junge Frau wimmert. Fawad und Rohani schlafen fast auf der Stelle ein.


Morgens sind die Schleuser verschwunden, haben die Gruppe zurückgelassen. Nichts geschieht. Regen fällt. Rohani knabbert an einem Stück vertrockneten Brotes, das er beim Verlassen der Hütte mitgenommen hat.


Endlich, am Nachmittag, tauchen die beiden Kurden wieder auf. Der Weg, auf dem sie vorangehen, führt nun durch eine Landschaft von Krautgewächsen, Bächen, Geröllfeldern. „Nicht anhalten“, bekommen die Flüchtlinge immer wieder eingeschärft. Im Licht der untergehenden Sonne liegt der letzte noch zu überwindende Gipfel vor ihnen. Dann drei Stunden bergab, zwei neue Führer übernehmen die Gruppe. Die Kurden kehren zurück in die Berge. 500 US-Dollar hat jeder von ihnen verdient. Ihre iranischen Auftraggeber, Zulieferer des Agenten in Afghanistan, berechnen ihrerseits 800 Dollar pro Person.


„Wir sind in der Türkei“, stößt Fawad hervor; es klingt nur matt nach einem Triumph.


Und Europa? Ist noch weit.


Die Gruppe reist nun in einem Viehtransporter, schläft in verschiedenen Verstecken ein paar Stunden, wäscht im kalten Wasser von den Bergen ihre noch schlammverkrustete Kleidung. Dann wird die Gruppe in jeweils zwei Personen aufgeteilt, um die Chance zu erhöhen, nicht von Patrouillen aufgebracht zu werden. In Duos durchqueren sie das Land von Osten nach Westen: 24 Stunden im Bus, ausgestattet mit gefälschten Passierscheinen von einem für Flüchtlinge zuständigen UN-Büro.


Istanbul wirkt wie ein Schock auf Rohani: hastige Passanten, Alkoholausschank, große Gebäude, westlich gekleidete Frauen, Straßenbahnen. Aber Rohani ist glücklich, wie gebannt. Er wagt es nur nicht, die Frauen offen anzuschauen.


Im Viertel Kumkapi scheint jedes zweite Zimmer ein Migrantenversteck zu sein: für Afrikaner, Araber, Pakistaner, für die Afghanen. Fawad und Rohani rasieren sich nun täglich, um weniger aufzufallen. Ein Schleuser versorgt sie mit Lebensmitteln – und mit Ausreden, um die sich immer wieder verlängernde Wartezeit zu erklären. Es kommt zu Streit und Schlägereien unter denen, die hier ausharren.


Dann, nach zehn Tagen, geht es endlich weiter, nun nahezu ohne jedes Gepäck, die Handys in Plastikbeutel verpackt. Die Gruppe versteckt sich in einem Obstgarten nahe Izmir; doch am frühen Morgen dringen zwei Männer in das Versteck ein. Polizei! Fawad und ein Mitreisender wechseln einen schnellen Blick. Ausgeschlossen, sich so kurz vor dem Ziel noch festnehmen zu lassen. Die Flüchtlinge rennen gleichzeitig los. Einer holt sein Handy heraus, ruft im Laufen den Schleuser an, keucht: „Wir sollen den Bus nach Izmir nehmen.“ Sie schaffen es, den Polizisten zu entkommen.


Am Busbahnhof von Izmir hält ein Lieferwagen. Die Fahrt dauert nicht lange, dann wird die Gruppe in einem Feld neben einem Ferienclub abgesetzt, wo bereits 20 weitere Afghanen warten, unter ihnen noch eine Frau. Sie ist in Panik, weil niemand sie mit einer Schwimmweste versorgen kann. „Das ist gefährlich“, flüstert Rohani. Auch er hat Angst, dass zu viele Menschen in ein Boot gesetzt werden sollen.


Zwischenstopp und Endstation: Griechenland. Das „Welcome to Greece“ erweist sich als zynischer Scherz. Die Männer der griechischen Küstenwache haben den Außenbordmotor des Schlauchbootes mitgenommen. Es treibt auf den Wellen dahin. „Wir sind in Gottes Hand“, sagt Rohani, „das ist unser Schicksal.“ Im schummerigen Licht des nächsten Morgens zeichnen sich die Konturen eines weißen Schiffes ab. Aber die an Bord gehisste Flagge ist nicht griechisch, sondern türkisch. Jetzt wird alles klar: Die griechische Küstenwache hat das Schlauchboot in türkische Gewässer zurückgeschleppt. Ein kollektives Abschieben, das als „Pushback“ bezeichnet wird – und in Europa verboten ist.


Für Rohani endet hier die Reise.


Am 18. Juni 2013 wird er aus der Türkei nach Afghanistan ausgewiesen. Seither versteckt er sich wieder.


Dritte Etappe: Türkei–Frankreich. Nach drei Wochen in türkischer Haft kommt Fawad frei, weil er behauptet, minderjährig zu sein. Zurück in Istanbul, erzählt er uns von Aziza, die er heiraten wollte, deren Familie sich aber für einen anderen Mann entschied. „Eine Wunde“, sagt Fawad, und: „Ich wünschte, ich könnte sie loswerden.“


In Istanbul verbringt Fawad die meiste Zeit in einem Internetcafé. Er ist in Kontakt mit seinem jüngeren Bruder in Deutschland, der dort seit drei Jahren als Asylbewerber lebt. Der Bruder rät ihm, es per Schiff nach Italien zu versuchen. Die Fahrt kostet einen Aufschlag von 6000 US-Dollar, Fawads großer Bruder in Kabul muss sich dafür bei dem Schleuser daheim verschulden.


Nach drei Wochen Wartezeit wird Fawad, gemeinsam mit 130 weiteren Migranten, darunter Frauen und Kinder, im Bauch eines hölzernen Fischerbootes eingeschlossen. Die Mannschaft besteht aus Ukrainern. Fünf Tage dauert die Fahrt.


Am 29. Juli betritt Fawad italienischen Boden. Sein Boot wurde nachts von den Schleusern sich selbst überlassen, in Sichtweite eines sizilianischen Strands. „Frauen und Kinder haben geweint. Ich bin ins Wasser gesprungen,
um den Strand zu erreichen. Nie in meinem Leben hatte ich solche Angst“, erzählt Fawad.


Er ist ausgezehrt und ungewaschen, besitzt nur noch die Kleider am Leib und ein paar Dollarscheine in der Tasche.


Die erste Nacht verbringt er auf einem Feld, dann schlägt er sich zu Fuß bis nach Nordsizilien durch, schläft an Stränden, wäscht sich in öffentlichen Duschen. Er schleicht sich auf eine Fähre, steigt in einen Zug.


„Wenn wir uns nicht prügeln, nicht stehlen und stattdessen arbeiten“, lasse ihn die Polizei in Frieden, hofft Fawad.


Über Rom und Ventimiglia gelangt Fawad nach Paris, wo wir ihn im Park Villemin treffen. Schreiende Kinder toben auf den Wiesen. Im sonnenwarmen Gras sitzend, lauscht ein enttäuschter Fawad den Geschichten anderer Migranten. Sie sind in Europa von Land zu Land gezogen, nirgendwo sesshaft geworden: keine Jobs, keine Unterkünfte, nur la soupe populaire, die Armenküche, bleibt ihnen.


„Das ist nicht Paris“, sagt Fawad schließlich. Er meint: Es ist nicht das Paris, das er sich vorgestellt hat. In Wahrheit sei es hier schlimmer als in Afghanistan, glaubt er nun. Dort hätte schließlich jedes Haus ein Gästezimmer, das noch dem ärgsten Feind zur Verfügung stehe, wenn er es brauche.


Fawad will ein neues Leben beginnen, doch wie? Und wo?

Deutschland, vorläufiges Finale. Lebach im Saarland, friedlich, unauffällig, 20 000 Einwohner. In einem Wohnviertel blockieren Betonblöcke die Straße. Gegenüber stehen graue Gebäude, zweistöckig, nummeriert, Platz für 1200 Asylbewerber. Fawad wohnt in Block 11.


Er ist mit dem Zug nach Deutschland gekommen, hat es in Paris nicht mehr ausgehalten. Er trimmt sein Haar wie ein Fußballspieler, kurz an den Seiten, oben Gel. Er trägt weiße Turnschuhe und das T-Shirt, das er anhatte, als er in Sizilien von Bord des Schmugglerschiffes ging. Seine Stimmung ist depressiv, als wir ihn treffen. Er teilt sich sein Zimmer mit zwei anderen Männern. Etagenbetten, kleiner Tisch, Kühlschrank, Regale aus Metall. An die Wand gekritzelt: „Papa, ich liebe dich“ auf Farsi, daneben ein von Kinderhand gemaltes Schiff. Fawad erhält monatlich 137 Euro Taschengeld.


Fawads Bruder in Kabul muss ihm nun Ausweispapiere schicken. Und Dokumente, die beweisen, dass er in Afghanistan mit dem Tode bedroht wird. Doch seine Familie soll nicht erfahren, dass er in einem Lager steckt. Zu groß waren die Hoffnungen, die sie an seine Reise knüpfte.


Fawad weiß nicht, wie es weitergehen soll. „Ich darf die Stadt nicht verlassen, darf weder Arbeit suchen noch zur Schule gehen“, sagt er. Und: „Ich habe absolut nichts zu tun. Deshalb denke


ich so viel nach, dass ich fürchte, verrückt zu werden.“


Ständig fürchteten Claire Billet und Fotograf Olivier Jobard, als Journalisten aufzufliegen. Doch als sie sich schließlich der türkischen Küstenwache zu erkennen gaben, wurde ihnen nicht geglaubt.