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Die kühne Reise des Kingsley Kum
Ariel Hauptmeier

Er ist 22 Jahre alt, als er im Mai 2004 beschließt, ohne Papiere nach Europa zu reisen. Kingsley Kum arbeitet als Rettungsschwimmer in Limbe, an der Atlantikküste Kameruns. Er hat sieben Geschwister, sein Vater ist Tagelöhner auf einer Plantage. Kum will für seine Eltern sorgen, wenn sie alt sind, und seinen Brüdern und Schwestern eine Ausbildung bezahlen. Erfolg, glaubt er, könne er nur in Europa haben. Ein Bekannter erzählt ihm von einem französischen Fotografen, der einen Flüchtling auf seinem Weg begleiten möchte. Kingsley trifft Olivier Jobard. Die beiden beschließen, gemeinsam durch die Sahara nach Norden zu fahren. Fotograf Jobard stellt klar: Er werde sich so wenig wie möglich einmischen und kein Geld zahlen. Kingsley hofft, der Kontakt zu einem Europäer werde ihm eines Tages nutzen. Er leiht sich von Freunden Geld, bringt 1000 Euro zusammen. Er packt: Fotos der Familie, sein Mobiltelefon, eine Bibel, einen Notizblock. Um in einem Tagebuch festzuhalten, was geschieht, auf der größten Reise seines Lebens


26. MAI 2004, LIMBE, KAMERUN
Ich kann nicht schlafen. Eben habe ich mich von meiner Familie verabschiedet. Mein Vater goss ein Glas Palmwein ein, gab mir einen Schluck, trank selbst davon und reichte das Glas meiner Mutter. Den Rest schüttete er auf die Schwelle. Ich überschritt sie. Die Tür zu meinem Elternhaus wird mir immer offen stehen.

31. MAI 2004, NIGER
Es war nicht schwer, Kamerun und Nigeria zu durchqueren. Mal habe ich den Bus genommen, mal den Zug. Doch hier, im Niger, gilt mein Pass nicht mehr: Von nun an bin ich illegal. Ich hocke auf einem voll gepackten Lastwagen, eingezwängt zwischen schwitzenden Reisenden. Die Sonne brennt.


Das Land ist trocken und leer, niedrige Büsche, Steine, Sand. Wir fahren an Lehmhütten und Bretterbuden vorbei, in denen Essen verkauft wird. Wir kommen nur langsam voran. Mal halten wir, weil wir eine Reifenpanne haben, dann stoppen uns Polizisten, um Geld zu kassieren von denen, die keine Papiere haben. An einer Straßensperre vor Zinder verhaftet mich ein Offizier. Ich zittere vor Angst, ich flehe ihn an, mich laufen zu lassen, aber er lässt den Lastwagen ohne mich abfahren und nimmt mich mit in die Stadt.


Erst in der Nähe des Polizeireviers verlangt er 20000 CFA-Franc (30 Euro) Bestechungsgeld. Er hat mich nur festgenommen, um den Preis hochzutreiben. Das ist mir eine Lehre. Noch einmal lasse ich mich nicht hereinlegen.

1. BIS 6. JUNI 2004, AGADEZ, NIGER
In Agadez scheint der Boden zu glühen. Meine Lippen sind aufgerissen, ich habe Nasenbluten. Alle paar Minuten muss ich etwas trinken. Ich habe meine Flasche mit Karton umwickelt und feuchte ihn an, damit das Wasser kühl bleibt. Abends esse ich Makkaroni. Sie knirschen vom Sand.


In Agadez beginnt die heimliche Route Richtung Norden. Nigerianer, Senegalesen, Malier, Ghanaer, sie alle kommen hierher, um die Wüste zu durchqueren. Manche stecken seit Monaten oder Jahren fest, weil sie kein Geld mehr haben. Überall Betrüger. Einem Mann namens Richard zahle ich 7000 CFA-Franc (elf Euro) für ein Flüchtlingsdokument. Ich bekomme es nie.


Zusammen mit einigen Kamerunern übernachte ich am Busbahnhof. Sie erzählen von der Wüste. Von bewaffneten Banditen, die dich so lange verprügeln, bis sie dein Geld finden. Oder dir Medikamente geben, von denen du Durchfall bekommst, denn manche Passagiere verstecken ihr Geld im Hintern.


Die Kameruner helfen mir, einen guten Fahrer zu finden. Einen, von dem sie gehört haben, dass er seine Passagiere ans Ziel bringt und nicht in der Wüste zurücklässt. Nach sechs Tagen gehe ich zum Treffpunkt in der Nähe der Busstation und zahle 50000 CFA-Franc (76 Euro) für die Fahrt nach Djanet in Algerien, 850 Kilometer weiter nördlich.


Ich habe einen 100-Dollar-Schein in den Bund meiner Unterhose genäht. Um den Kopf binde ich mir ein grünes Tuch, gegen den Sand. Jeder darf nur zehn Liter Wasser mitnehmen. Zusammen mit 34 anderen Passagieren steige ich auf die Ladefläche eines weißen Geländewagens. Einer hockt auf dem anderen, sofort streiten sich einige und rempeln sich an. Ich sitze ganz außen, auf dem Rand und klammere mich fest, um nicht herunterzufallen.

6. BIS 11. JUNI 2004, SAHARA
Mein Rücken schmerzt vom endlosen Gerüttel. In einem fort haben wir Probleme, mit dem Motor, mit den Reifen. Der Fahrer rast, damit der Wagen nicht im Sand stecken bleibt, aber es nützt nichts, er frisst sich fest. Absteigen, schieben, aufsteigen, um einen Platz kämpfen, immer wieder.


Einige Typen aus dem Niger drängeln die anderen dauernd beiseite. Rassisten. Ich sitze neben Mamadou, einem 18-jährigen Senegalesen. Wir freunden uns an. Er macht mir Mut. Das hilft, diese Strapazen zu überstehen.


Am dritten Abend halten wir an einem Brunnen. In einem Schuppen wohnen einige Ghanaer, Kameruner und Senegalesen. Sie sind von ihren Fahrern hier verlassen worden. Sie leben von Almosen und hoffen, dass sie von irgendwem mitgenommen werden. Mamadou steigt um auf ein Fahrzeug Richtung Libyen. Ich werde ihn wohl nie wiedersehen. Jeder reist allein. Man trifft sich, man verliert sich.


Ich habe keine Ahnung, wann und wo wir die Grenze passieren. Als wir bereits in Algerien sind, kommt uns nachts eine Patrouille entgegen. Unser Fahrer schaltet das Licht aus und bremst. Mein Herz rast. Ich habe gehört, dass die algerischen Behörden illegale Passagiere an die Grenze zu Mali deportieren und dort in der Wüste aussetzen.


Aufeinmal sind die Soldaten wieder hinter uns. Unser Fahrer gibt Gas. Sie verfolgen uns. Wir erreichen eine Straße. Auf dem Asphalt sind die Soldaten schneller, sie kommen näher. Wieder schaltet der Araber die Lichter aus und fährt in die Wüste. Die Soldaten sind so nahe, dass ich vom Wagen springen und weglaufen möchte. Wieder steht uns der allmächtige, der barmherzige Gott bei. Sie finden uns nicht. Ein Wunder.

13. JUNI 2004, DJANET, SÜDLICHES ALGERIEN
In jeder Stadt auf dem Weg nach Norden findet man ein „Getto“, einen Unterschlupf für Leute ohne Papiere. Mal verbirgt es sich in einem Haus, mal in einem ummauerten Hof. Das Getto in dieser Oase ist primitiv: ein Rohbau neben einem Fußballfeld. Auf dem Boden liegen Kartons zum Schlafen, die Fenster sind mit Decken zugehängt. Es ist leicht, ein Getto zu finden, man muss nur den erstbesten schwarzen Bruder danach fragen.


Jedes Getto hat einen Präsidenten. Er herrscht wie ein Diktator. Er kann dich aufnehmen oder hinauswerfen, wie er will. Meist hat er falsche Papiere und muss daher nicht vor den Polizisten davonlaufen. Oder er kennt die Polizisten sogar und macht mit ihnen Geschäfte. Der Präsident von Djanet verkauft Flüchtlingsbescheinigungen, die er von einem Beamten bekommt. Und er verdient an der Übernachtung, am Essen, am Transport der Passagiere.


Auf der anderen Seite des Sportplatzes liegt das Polizeirevier. Am Nachmittag spielen einige Senegalesen Fußball – gegen Polizisten! In der Nacht bricht plötzlich Tumult aus, wir springen aus den Fenstern. Eine Razzia. Ich renne einen Hügel hinauf, verstecke mich hinter einem Felsen und sehe, wie einige verhaftet werden. Ich muss so schnell wie möglich fort von hier.


Am nächsten Tag kaufe ich eine gefälschte Flüchtlingsbescheinigung für 1000 Dinar (elf Euro) und klettere in einen Geländewagen, den der Präsident besorgt hat. Wir sind zu viert, drei Männer, eine Frau. Sie heißt Margret. An einer Straßensperre zeigen wir dem Offizier unsere Papiere. Er nimmt Margret mit in sein Büro. Später erzählt sie mir, was passiert ist: Der Offizier zwang sie, Sex mit ihm zu haben.

14. BIS 16. JUNI 2004, ILLIZI, SÜDLICHES ALGERIEN
Ich rufe einen Freund an, der mein Geld verwaltet. Es wäre zu gefährlich, es in der Wüste dabeizuhaben. Ich bitte ihn, mir 200 Euro zu schicken. 250 Euro habe ich ausgegeben. Aus der Nachbarkabine höre ich, wie einer sagt, er sei in Europa. Vielleicht ruhen alle Hoffnungen seiner Familie auf ihm, und er möchte sie nicht enttäuschen. Im Büro von Western Union muss ich warten. Als die Frau am Schalter das Geld zählt, lächelt sie mich an. – Was ist los?, frage ich sie. – Du hast schöne Augen, sagt sie. – Danke, sage ich, nehme mein Geld und verschwinde.

19. JUNI 2004, AUF DEM WEG NACH ALGIER
Ohne Papiere zu reisen ist eine Qual. Doch an diesem Tag ist es ein Vergnügen. Ich sitze mit dem falschen Flüchtlingsdokument in einem Bus. Wochenlang bin ich auf Pisten durchgeschüttelt worden, nun gleiten wir über Asphalt. Zehn Passagiere sind mit mir im Bus. An der ersten Straßensperre müssen sie aussteigen und ihre Ausweise zeigen. Auch bei der zweiten, dritten, vierten Kontrolle lassen mich die Polizisten in Ruhe. Die anderen schauen mich fragend an. Ich habe keine Ahnung, was los ist. Ein Wunder! Ein Araber bietet mir Fleisch, Früchte und Cola an. Und dann läuft im Bus auch noch „Titanic“, mein Lieblingsfilm. Ich bin glücklich.

21. JUNI 2004, ALGIER
Algier ist eine große Stadt mit prachtvollen Gebäuden und dichtem Verkehr.
So ähnlich stelle ich mir Europa vor. Ich bin stolz, dass ich Nordafrika durchquert habe, und rufe zu Hause an. Die Nachbarn holen meine Mutter ans Telefon. Es tut gut, ihre Stimme zu hören.


Nachmittags kaufe ich einen falschen Pass, denn ich habe gehört, dass die Kontrollen auf dem Weg zur marokkanischen Grenze scharf sind. Ein Kameruner hat mir die Nummer von einem Mann namens Frederic gegeben. Wir treffen uns in einem Café am Meer. Ich gebe ihm 8000 Dinar (90 Euro) und bekomme dafür den Pass eines Maliers namens Simaga Alaji. Malier brauchen kein Visum in Algerien, darum verkaufen sie ihren Pass, ehe sie das Land verlassen, er zirkuliert dann jahrelang. Ich lerne die Daten auswendig, falls ich unterwegs kontrolliert werde.

22. JUNI 2004, OUJDA, MAROKKO
Ein Algerier, den ich in einem Sammeltaxi kennen gelernt habe, hat mir den Weg nach Marokko gezeigt. Offiziell ist die Grenze geschlossen, doch tatsächlich sind viele Menschen unterwegs, Benzinschmuggler, Diebe, Illegale. In aller Frühe führt mich der Mann über Feldwege, vertrocknete Äcker, einen Bach. Dann kehrt er um. Ich gehe immer geradeaus, bis ich an eine Straße komme. Dort nehme ich den Bus nach Oujda.


Zwei Stunden später, kurz hinter der Stadt, winkt man mich aus dem Bus. Ich zeige den Polizisten die algerische Flüchtlingsbescheinigung. Sie akzeptieren sie nicht. Einer der beiden packt mich. – Wo ist dein Pass?, schreit er auf Englisch. – Ich habe keinen, antworte ich. – Er beginnt, mich zu durchsuchen. In der Innentasche meiner Jacke findet er den Pass aus Mali. – Was?, schreit er, ist das etwa kein Pass? – Er gehört nicht mir, er gehört einem Freund, schauen Sie das Foto an! – Er schlägt mir ins Gesicht. – Hinsetzen!, schreit er, wo ist dein echter Pass, vielleicht hier drin? – Er tritt gegen meinen rechten Schuh. Darin habe ich tatsächlich noch immer meinen Ausweis aus Kamerun versteckt. Was für eine Dummheit. Wenn er ihn entdeckt, bin ich verloren.


Der Offizier nimmt meine Papiere, geht fort und spricht mit seinem Kollegen. Ich knülle meine Jacke auf den Boden, ziehe dahinter meinen Schuh aus. Hole meinen Pass hervor, schiebe ihn unter einen Stein.


Man bringt mich auf eine Polizeistation nach Oujda. Ich werde verhört, aber ich sage nicht, wer ich bin. Ein Polizist bewacht mich. Gegen Mittag legt mein Aufpasser den Kopf auf den Tisch. Er schläft ein.


Ich stehe auf. Der Polizist rührt sich nicht. Ich schaue einen langen Gang hinunter, er ist leer. Auch der Eingang ist unbewacht. Hinter der ersten Straßenecke ziehe ich meinen roten Pullover aus und werfe ihn weg, falls ich gesucht werde. Ich irre umher, stundenlang. Am Abend treffe ich einen Senegalesen. Er bringt mich in ein Getto.

23. JUNI BIS 15. JULI 2004, OUJDA, MAROKKO
In diesem Getto ist es üblich, den heimlichen Passagieren falsche Pässe zu verkaufen, damit sie in Marokko den Zug nehmen können. An einem Tag bricht Streit aus. Ein Senegalese namens Chani ist mit seinem falschen Dokument zum Bahnhof gegangen, um eine Fahrkarte zu lösen, doch er wurde abgewiesen, weil der Pass abgelaufen ist. Nun fordert Chani sein Geld zurück.


Hast du den Verstand verloren?, schreit Paul, der nigerianische Präsident des Gettos, und schlägt auf Chani ein. Zu dritt versuchen wir, Paul zurückzuhalten. Er wird noch wütender. Er rennt in sein Zimmer und kommt mit einem Beil wieder. Alle springen zurück. Mit der flachen Seite schlägt er auf Chani ein, er schreit: Auf die Knie! Wehe, du sagst einen Ton, dann schlachte ich dich! – Er nimmt ihn mit ins Erdgeschoss. Man hört Schläge und Schreie.


Angeblich hat Paul mehrere Menschen umgebracht. Er tarnt sich als Student, immer hat er eine Aktenmappe dabei. Darin versteckt er sein Beil. Er beginnt alle Passagiere zu verhören. Auch ich werde nach unten gerufen. Chanis Auge ist geschwollen, sein Gesicht blutüberströmt. – Was weißt du über ihn?, fragt mich Paul. – Nichts, sage ich und darf gehen.


Ich lebe unter Kannibalen. Sie sind schlimmer als die Polizei. Besonders vor den nigerianischen Präsidenten muss man sich in Acht nehmen. Sie handeln mit jungen Frauen, die dann in Europa als Prostituierte arbeiten und 25000 Euro für ihren Transport zurückzahlen müssen. Wer nach Marokko kommt, verliert all seine Rechte. Hier geht es um Leben und Tod.


Paul schließt Chani in einen Raum im Erdgeschoss ein und befiehlt mir, ihn zu bewachen. Ich setze mich in den Korridor. Die ganze Nacht über mache ich
kein Auge zu. Im Hof türmt sich Müll, durch den Ratten huschen.


Ich habe Angst, aber ich kann hier nicht weg, schließlich habe ich 2000 Dirham (180 Euro) für einen Ausweis bezahlt. Endlich, nach drei Wochen, bekomme ich ein Dokument. Es ist der marokkanische Studentenausweis eines Mannes von den Komoren. Ich habe noch nie von diesem Land gehört. Als ich am Bahnhof den Ausweis vorzeige, kann ich eine Fahrkarte kaufen.

16. JULI BIS 10. SEPTEMBER 2004, RABAT, MAROKKO
Ich hänge fest. Die Wochen verstreichen. Mit 14 anderen lebe ich in Rabat in einem fensterlosen, stickigen Zimmer, in dem es nach Toilette stinkt. Jeder Tag ist gleich. Morgens kochen wir, dann liegen wir herum. Wir sitzen ständig vor dem Fernseher, obwohl wir von den arabischen Programmen, die auf der alten, verschneiten Kiste laufen, kein Wort verstehen.


Ich freunde mich mit Ibrahim an. Er kommt aus dem Senegal und ist seit drei Jahren in Marokko. Er lebt von kleinen Hilfsdiensten für die Präsidenten. Einmal ist das Boot gekentert, mit dem er nach Spanien wollte. Acht Passagiere haben überlebt, 26 sind gestorben. Trotzdem hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. Gold muss durchs Feuer, damit es wertvoll wird, sagt er.


Wir beide haben den gleichen Chairman. Er heißt Cheikh. Ein guter Chairman, ein guter Schlepper, kümmert sich um alles: Unterkunft, Transport, Überfahrt. Er vermittelt die Passagiere an die Marokkaner, die dann die Boote organisieren. Ist man in Spanien angekommen, ruft man seinen Chairman an. Erst dann zahlt er den Marokkanern ihren Anteil. Betrug kommt trotzdem ständig vor. Manch ein Chairman behandelt seine Passagiere wie Sklaven, und am Ende verschwindet er mit ihrem Geld.


Ich wünschte mir, Cheikh vertrauen zu können, aber es gelingt mir nicht. Er ist groß, arrogant und hat rote Augen, als ob er Drogen nehmen würde. Vor einigen Jahren wollte er selbst nach Europa, doch dann ist er in Marokko in das Flüchtlingsgeschäft eingestiegen.


Jeder Chairman arbeitet auf eigene Rechnung, ohne die Kontrolle einer großen Mafia. Cheikh hat eine Freundin, Papiere und eine Wohnung. Wenn ich ihn frage, wann ich endlich reisen darf, sagt er: Nicht diese, nächste Woche. Inschallah, wenn Gott will. Ich kann dieses Inschallah nicht mehr hören. Warum hält er mich schon so lange hin? Legt er mich rein? 1000 Euro kostet die Überfahrt. Ich habe ihm 450 Euro gegeben. Den Rest muss ich mir von meinen Eltern oder von Olivier leihen, dem Fotografen.


Warten, warten, warten. Ich schlafe so viel, dass ich müde bin von zu viel Schlaf. Die Wochen verrinnen, ich vergeude mein Leben. Ich denke an Limbe. An das Meer. An einen Ertrinkenden. An eine Prügelei. An meinen Freund Francis, der schon in Europa ist. An einen Fluss im Wald. An die Wüste. Ich will mir keine Sorgen mehr machen. Ich will nicht mehr an meine Familie denken oder zu Hause anrufen. Ich will auch nicht mehr an Europa denken. Was passiert, soll passieren.
Ich habe das Gefühl, man hat mich in einen Brunnen geworfen. Ich rufe, aber niemand hört mich. Nachts weine ich. Ich bete: Jesus, was habe ich getan, dass ich diese Strafe verdiene? Bitte lass mich nicht sterben in der Fremde. Ich will nicht enden wie ein Tier.

11. BIS 12. SEPTEMBER 2004, UNTERWEGS IN MAROKKO
Endlich, nach zwei Monaten, schickt Cheikh mich und Ibrahim nach Agadir. Dort sammelt ein ghanaischer Mittelsmann 18 Passagiere, die in einem Boot nach Spanien übersetzen sollen. Nachts fährt ein Geländewagen vor, man presst uns hinein. Noch ehe wir die Stadt verlassen haben, weinen die ersten, weil sie keine Luft bekommen. Mittags halten wir an, um in einen anderen Wagen umzusteigen. Der erste Fahrer zückt ein Messer und durchsucht uns nach Mobiltelefonen und Geld. Dann treibt er uns in den zweiten Wagen. Darin ist es noch enger. Wir sind am Ende. Einmal legt ein Senegalese sein Bein über mich. Ich sage nichts. Später stütze ich mich auf ihm ab. Er schlägt meine Hand weg. Ich greife nach seiner Kehle und drücke zu. Die anderen müssen mich zurückhalten, sonst hätte ich ihn erwürgt.

13. BIS 25. SEPTEMBER 2004, EL-AAI0N, WESTSAHARA
In der Morgendämmerung stolpern wir aus dem Wagen. Das Land ist flach und sandig. Die Araber, die uns hergebracht haben, sagen, wir sollen uns unter den Dornenbüschen verstecken, denn die Polizei überfliegt die Gegend mit Hubschraubern. Ehe sie davonfahren, geben sie uns einen Sack Brote, einen Karton Sardinenbüchsen und 200 Liter Wasser. Mit den Händen graben wir Kuhlen unter den Büschen und legen uns hinein. Erst am Abend kommen wir hervor.


Alle paar Tage kommen die Araber und bringen neuen Proviant. Wenn das Wasser zur Neige geht, verbieten wir den Muslimen, sich vor dem Gebet Hände und Füße zu waschen. Wir Christen sitzen abends im Kreis, jeder spricht ein Gebet, dann singen wir, bis wir schlafen gehen. Nachts wird es eisig kalt, aber wir dürfen kein Feuer machen.


Ich liege mit Ibrahim unter unserem Busch. Die Sonne wandert über den Himmel. Winzige Flugzeuge durchqueren das Blau. Wir reden viel über Europa. Ich darf in Spanien nicht sagen, dass ich aus Kamerun komme, sonst werde ich abgeschoben. Ibrahim kennt die Republik Guinea, dorthin wird man nicht deportiert. Er hilft, mir eine neue Identität auszudenken. Hauptstadt: Conakry.
Flagge: rot-gelb-grün. Präsident: Lansana Conté. Währung: Franc.


Nach einer Woche bringen die Araber eine zweite Gruppe. Die meisten der neuen Passagiere sprechen weder Englisch noch Französisch. Wahrscheinlich waren ihre Eltern zu arm, um sie zur Schule zu schicken. Jetzt sind wir komplett. Unter uns ist ein ehemaliger Student, einer war früher Fahrer, ein anderer Mechaniker, einer war Fischer. Er wird unser Kapitän sein.


Das Boot ist schäbig: sechs Meter lang und zwei Meter breit, aus rohem Holz und durchzogen von Spalten. Mit Kitt und Teer verschließen wir sie notdürftig. Dann streichen wir das Boot.


Die Senegalesen tragen Lederschnüre um die Hüfte, an denen Stoff, Holzstückchen und Federn hängen – Voodoozauber, der sie auf ihrer Reise beschützen soll. Wir sammeln die Bänder ein, weil wir fürchten, die schwarze Magie könnte die Geister des Meeres erzürnen. Dafür verlangen die Senegalesen, dass wir Christen unsere Bibeln abgeben.

26. SEPTEMBER 2004
Die Marokkaner bringen einen Bootsmotor mit. Er hat 17 PS. Wie sollen es 36 Männer damit über den Atlantik schaffen? Die Marokkaner sind herzlos. Sie geben dem Kapitän einen Kompass und erklären ihm, in welche Richtung er fahren soll. Wir beten. Alle haben Angst. Außer mir und dem Kapitän kann niemand schwimmen. Manche sind noch nie am Meer gewesen.


Wir laden das Boot auf einen Wagen, nach vier Stunden Fahrt erreichen wir den Strand. Wir tragen das Boot ins Wasser und stellen uns in zwei Reihen auf. Zu zweit laufen wir los und werden gleichzeitig rechts und links an Bord gehievt. Das Boot ist übervoll. Nach jeder Welle kracht es auf den Grund. Der Kapitän gibt Gas, wir setzen uns langsam in Bewegung.


Aber die Wellen treffen das Boot nicht von vorn, sondern schräg von der Seite. – Fahr gerade, Kapitän!, schreie ich. Jede Welle schwappt ins Boot, bei der fünften steht das Wasser bis zum Rand. Wir sinken. Ich springe und tauche weg.
Als ich stehen kann, höre ich Hilferufe. Ich kehre um und stoße auf Isa, einen Nigerianer. Er klammert sich an mich. – Lass mich los!, schreie ich, ich helfe dir doch! – Ich gehe mit ihm unter. Ich greife nach einem schwimmenden Kanister. – Halt dich daran fest!, rufe ich, aber Isa klammert sich in Todesangst an mich. Ich kämpfe mit ihm, bis wir stehen können.


Ich gehe noch einmal ins Wasser, finde einen Ghanaer und ziehe ihn an Land. Dann kann ich nicht mehr. Mich friert, ich zittere am ganzen Körper.
Am Strand hocken hustende, schluchzende Männer. Sie haben Schaum vor dem Mund und würgen Wasser. Manche schreien, weil sie ihre Freunde nicht finden können. Drei klammern sich an das Boot und werden mit ihm an Land gespült. Ihre Haut ist aufgeschürft. Die Marokkaner, die uns hergebracht haben, stehen am Strand und schauen zu. Nur zwei von ihnen helfen, die Ertrinkenden zu retten.
Zwei Männer fehlen. Ein Senegalese, ein Mann von den Komoren. Wir warten, ob das Meer sie an den Strand spült, aber wir finden sie nicht.

27. SEPTEMBER BIS 3. OKTOBER 2004
Wir fahren zu einem neuen Versteck. Dort entfachen wir ein großes Feuer. Als ich meine Hand in die Flammen halte, spüre ich nichts. Der Freund des einen Toten liegt schluchzend auf dem Boden, zusammengerollt wie ein Baby. Er hatte seinen Gefährten zu der Reise überredet. Wir trösten ihn, aber er beruhigt sich nicht. Ich selbst bin so verzweifelt, dass ich nichts essen kann; meine Haut ist weiß von getrocknetem Salz.


Am nächsten Morgen machen sich sechs Männer aus Mali auf den Weg in die Stadt. Sie wollen sich der Polizei stellen, damit sie nach Algerien abgeschoben werden. Von dort wollen sie zurück in ihre Heimat. Am Abend verlassen noch einmal vier Leute unser Versteck. Ich fasse neuen Mut. Jetzt sind wir weniger, vielleicht schaffen wir es diesmal.


Der Wind trocknet die Haut aus, meine Lippen sind aufgerissen. In einem fort werden wir von Insekten zerstochen, mein Körper ist zerkratzt. Seit fast einem Monat ernähren wir uns von Brot und Sardinen. Die Nigerianer haben aus einer Plastikdose, einem Stöckchen und einem Gummi eine Falle für Ratten gebaut. Jeden Tag fangen sie welche. So ergänzen sie ihre Mahlzeiten.
Nach einigen Tagen bringen die Araber dasselbe Boot wieder. Mit ihnen kommt ein Tischler, der es reparieren soll. Ich bin verzweifelt.

4. UND 5. OKTOBER 2004
Wir versuchen es noch einmal, dieses Mal mit einem marokkanischen Kapitän. Wieder laufen wir zu zweit los und werden gleichzeitig an Bord gehievt. Drei Passagiere bekommen solche Angst, dass sie sich weigern, ins Wasser zu gehen. Die Araber prügeln auf sie ein. Doch da hat der Kapitän schon den Motor gestartet und durchquert die Wellen. Sofort steht das Wasser kniehoch im Boot. Wir schreien: Kehr um! – Aber er fährt weiter. Er übergibt das Steuer dem senegalesischen Kapitän, holt ein Messer hervor und dirigiert uns damit auf unsere Plätze. Mit aufgeschnittenen Kanistern schöpfen wir Wasser.


Als es dämmert, ist kein Land mehr zu sehen. Die meisten sind seekrank, es stinkt nach Erbrochenem. Einer hat sich in die Hose gemacht. Manche weinen, manche beten, einige sind starr vor Angst. An Bord sind 18 Afrikaner und sieben Marokkaner.


Ich bin durchnässt, weil ich die ganze Nacht Wasser geschöpft habe. Ich friere, meine Hände sind wund. Ich hatte erst Angst vor dem Kapitän, aber jetzt bin ich froh, dass er so streng ist, denn keiner darf aufspringen, weil sonst das Boot kentern würde. Einmal taucht vor uns ein Wal auf, sofort stellt der Käpitän den Motor ab. Dann begleiten uns Delfine. Gegen fünf Uhr nachmittags sehen wir ein Schiff der spanischen Grenzpolizei auf uns zu rauschen. Unser Kapitän lässt das Steuer los. Unser Boot schleudert hin und her. Einige von uns jubeln, wollen aufspringen.


Die Polizisten werfen uns ein Tau zu. Über Lautsprecher sagen sie uns, dass dieses der gefährlichste Moment sei. Unser Boot dürfe auf keinen Fall kentern, sie könnten nicht alle auf einmal retten. Wir sollen uns nicht bewegen! Sie werden uns aufrufen. Einer nach dem anderen klettern wir an Bord.
Ich bekreuzige mich und danke Jesus, dass er mich über den Atlantischen
Ozean gebracht hat.


Nach einer Stunde erreichen wir den Hafen von Fuerteventura. An Land erwarten uns Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Sie tragen Mundschutz und Gummihandschuhe. Jeder von uns bekommt eine Tüte. Darin sind Socken, ein T-Shirt und ein roter Trainingsanzug. Später bekommen wir Tee und Kekse.
Ich werfe meine alten Kleider weg und denke: Ich bin neu geboren. Denn ich bin nackt in Spanien angekommen, mit nichts außer meinem Leben.


Später bringt man uns in ein Camp, in dem Hunderte von Afrikanern leben. Zum ersten Mal seit fünf Monaten schlafe ich wieder in einem Bett, mit einem Kopfkissen und einem Laken. Ich bin so müde. 15 Stunden habe ich Wasser geschöpft. Ich bete nur ganz kurz. Dann schlafe ich ein.

EPILOG
Wenige Tage darauf wird Kingsley verhört, von vier Polizisten und zwei afrikanischen Konsularbeamten. Er behauptet, aus der Republik Guinea zu stammen, aber man glaubt ihm nicht. In diesen Tagen landen zahlreiche Boote mit Afrikanern auf Fuerteventura. Vielleicht auch deshalb belässt es die Polizei bei diesem einen Verhör. Man fliegt ihn nach Malaga, aufs spanische Festland, und lässt ihn ziehen. Er ist frei.


Mit dem Zug fährt Kingsley nach Frankreich. Drei Wochen lang wohnt er bei seinem Schulfreund Francis in Rennes. Dann komplimentiert ihn dessen französische Ehefrau hinaus. Anfang Januar bezieht er ein winziges Zimmer in Paris, das ihm der Fotograf Olivier Jobard besorgt hat. Kingsley fühlt sich so allein wie nie zuvor in seinem Leben.


Ende Februar: die Wende. Kingsley Kum findet kamerunische Freunde, tritt einem Fußballclub und einer Kirchengemeinde bei und bekommt einen Job in einer Druckerei. Als Hilfsarbeiter und auf Zuruf, für 50 Euro am Tag. Bald schickt er 200 Euro an seine Eltern, Geld für eine neue Hütte. 8000 Euro wird sie kosten.
Kingsley hat sich darauf eingestellt, die nächsten Jahre illegal in Paris zu leben. Doch sein Glück dauert an: Im Juli 2005 erhält er eine Aufenthaltserlaubnis – dank eines Gnadengesuchs von Fotograf Jobard beim Präfekten von Paris
Noch immer arbeitet er in der Druckerei. Manchmal telefoniert er mit seinen Freunden in Limbe, an der Atlantikküste Kameruns. Erzählt ihnen, wie lebensgefährlich seine Reise war und wie schwierig das Leben in Europa ist. Sie glauben ihm nicht.