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Der ganz normale Wahnsinn
Peter Sandmeyer

Sie sind Grenzgänger zwischen den Welten. Sie halten Halluzinationen für wahr und die Wahrheit für ein Trugbild, fühlen sich von Strahlen oder Verschwörungen verfolgt. Sie leben nicht in unserer Wirklichkeit. Aber sie sind mitten unter uns. STERN-Autor Peter Sandmeyer und Fotograf Hans-Joachim Ellerbrock besuchten Menschen in einem verrückten Alltag.

Wieder einer.' Der Kollege legt den Brief auf den Stapel zu den anderen. Unbeholfene Handschrift. Ein Absender aus dem Ruhrgebiet. Ein Hilfeschrei. Wieder einer. 'Was ist mit dem?' Der Kollege ist genervt. Schwer zu entziffernde Schrift. 'Die Polizei leitet ihm heimlich Stoffe ins Trinkwasser, von der Nachbarwohnung aus. Potenzmittel. Deswegen muß er ständig onanieren.' 'Irre', sagt der Kollege, 'bring einen Liter mit, wenn du da vorbeikommst.'


Jede Redaktion kennt diese Briefe. Viele Politiker bekommen sie, alle Staatsanwälte. Ihre Absender haben normale Postanschriften, aber ihre Botschaften kommen aus einer anderen Welt. Einer unheimlichen Welt, in der unsichtbare Stimmen kommandieren, undurchsichtige Verschwörungen stattfinden, unbekannte Substanzen vergiften, ungreifbare Kräfte foltern.


Manchmal sind die Botschaften skurril. 'Ich werde seit nunmehr 13 Jahren von Thomas Gottschalk in meiner Wohnung abgehört und abgeglotzt', steht in einem der Briefe. 'ZDF-Intendant Stolte weiß seit Dezember 1994 Bescheid, unternimmt jedoch nichts!'
Manchmal klingen sie auch märchenhaft. Eine Wohnung, in der 'die Unsichtbaren' hausen und herrschen erinnert das nicht an die freundliche alte Legende von den gefälligen Kölner Heinzelmännchen?


Doch dem schmalen Siedlungshaus in Eckernförde sieht man schon von außen an, daß in ihm keine guten Geister wohnen. Bäume und Büsche im handtuchkleinen Vorgarten lassen die Äste hängen wie ein Brückenpenner die Haare und geben kaum noch den Zutritt zur Haustür frei.


Drinnen ein Chaos, das Heimeligkeit meint. Fototapete mit blühenden Bäumen vor Bergsee und Schneegipfeln, Plüschtiere, Kunstblumen, ein Plastikweihnachtsbaum, Muscheln, Fotos der Eltern und Brüder, alle tot. Die Erinnerungsstükke lagern um eine Matratze, auf der der Hausherr den größten Teil des Tages zubringt.


'Hausherr' ist falsch. Die eigentlichen Herren des Hauses sind 'sie': die Unsichtbaren. Sie sind überall. Im Bett, in den Haaren, im Radio. Sie arbeiten mit Strom und Strahlen. 'Ziehen einem die Haare weg, damit man wie ein Schwein aussieht.' Brennen Löcher in die Schuhsohlen. Machen die Hosen kaputt. Zwingen zum Rauchen, obwohl man gar nicht will. Machen sogar 'Geschlechtsverkehr mit einem, ohne daß man das will'. Sie sind unter ihm, über ihm, neben ihm, hinter ihm, in ihm.


Er erzählt es unbewegt, aber mit äußerster Anspannung. Die Spannung bleibt hinter der Maske dieses starren Gesichtes, dessen Haut die Knochen durchscheinen läßt. Man könnte es asketisch nennen. Der ganze Mann könnte an einen fastenden Mönch erinnern, wären da nicht dieser flackernde Blick und die fahrigen Bewegungen, mit denen er immer wieder die unsichtbaren Plagegeister von seinen Schultern wischt.
Max N. ist 48 Jahre alt, alleinstehend, Frührentner. Er wäscht sich, er rasiert sich, er kauft ein. 'Muß man ja', sagt er. Aber nie lacht er. Manchmal kauft er sich die Zeitschrift 'Sport & Fitness' und betrachtet lange die durchtrainierten Körper. Früher war er selbst sportlich. Heute ist er abgemagert. 'Kein Appetit.' Heute gibt es niemanden mehr, zu dem er Kontakt hat. Unter Menschen hält er es nicht aus.
Was war die Sollbruchstelle in seinem Leben? Der Tod des jüngeren Bruders 1974? 'Alkoholabhängigkeit mit beginnendem Delirium' stand im Brief des Landeskrankenhauses Schleswig. Aber das glaubt er nicht. 'Jetzt ist mein Leben zu Ende', sagte der Vater damals. Er starb 1977. Im Jahr darauf kam auch der andere Bruder bei einem Wohnungsbrand ums Leben.


Jedermanns Sinn, das weiß heute die Psychiatrie, kann dem Wahn verfallen. Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Wahnsinnigen und Normalen. Es gibt nur Unterschiede der Empfindlichkeit und der Belastungen, die das Leben zumutet. Was der eine noch erträgt, bringt den anderen um den Verstand. 'Manche Menschen', sagt Thomas Bock, Leiter der psychiatrischen Ambulanz in Hamburg-Eppendorf, 'sind von Natur aus dünnhäutiger als andere, so daß bei ihnen die Wahrscheinlichkeit steigt, die eigenen Grenzen zu verlieren beziehungsweise zu überschreiten.'


Bei Max N. dauerte es fünf Jahre, bis sich seine Grenzen auflösten. Eine 'paranoid halluzinatorische Psychose' wurde 1983 bei ihm diagnostiziert. Im Jahr darauf verlor er seine Arbeit als Lkw-Fahrer und kam in die Psychiatrie. 'Keine Mimik, starrer Blick, unelastischer Gang, reagiert bei latenter Gereiztheit inadäquat, hat keine Krankheitseinsicht', notierte der behandelnde Nervenarzt.
Nach seiner Entlassung betreute ihn ein niedergelassener Psychiater. Doch zu dem geht er nicht mehr. Die Medikamente hat er abgesetzt. Seit dem Tod der Mutter im Frühjahr sie starb in dem Sessel des Wohnzimmers, in dem sie die letzten fünf Jahre gesessen hatte ist er jetzt mutterseelenallein.


Nur die Unsichtbaren sind noch da, von denen er glaubt, daß sie irgend etwas mit der Marine zu tun haben oder mit den Fischern.
Auf jeden Fall haben sie seine Familie zugrunde gerichtet und sein Leben zerstört. Im Fernsehen wollte er das anprangern, die Menschheit aufrütteln und warnen. Er schrieb an Eduard Zimmermann und bekam eine Absage. Formbrief. Jetzt liegt er die meiste Zeit auf seiner Matratze. Apathisch. Und gleichzeitig unter Hochspannung. Der Welt abhanden gekommen und sich selber.
Wird er so weiterleben können auf Dauer? Als Anwesender in einer Realität, die für ihn abwesend ist? Auszuschließen ist das nicht. Der Psychologe Thomas Bock hat sich lange mit den Schicksalen psychisch Kranker außerhalb psychiatrischer Behandlung befaßt. Und er hat 'Respekt davor bekommen, welche Regulationskräfte, welche Tricks und welches Geschick solche Menschen entwickeln'.
Auszuschließen ist aber auch nicht, daß irgendwann irgendeine Kleinigkeit Max N. aus seinem labilen Balanceakt zwischen Wahn und Wirklichkeit wirft und abstürzen läßt. Wohin? Das ist dann die Frage.


Daß er noch einmal völlig zurückkehrt in die Wirklichkeit unserer Welt, ist unwahrscheinlich. Ein Wahn, der über lange Zeit besteht, verfestigt sich zu einem regelrechten Wahngebäude, von dessen Innenarchitektur die Psychiater manchmal geradezu verblüfft sind. 'Alles hat darin seinen Platz', sagt Professor Michael Stark, 'jede Beobachtung wird sorgfältig eingepaßt, es herrscht eine eigene, manchmal bestechende Logik.'


Die Zahl der Menschen, die in solchen Gebäuden leben, kann der Leiter der psychiatrischen Tages klinik in Eppendorf nicht einmal schätzen. Ein Prozent der Bevölkerung, das weiß man, ist irgendwann im Leben wegen einer psychotischen Erkrankung in Behandlung. Meist einmalig und nur für kurze Zeit. Doch die Zahl derjenigen, deren Alltag ein ständiger Spagat zwischen Wahnvorstellungen und Wirklichkeitsbewältigung ist, scheint erheblich höher zu sein. Eine Untersuchung in Holland fand jetzt ein Indiz heraus, daß drei Prozent der Bevölkerung schon einmal 'Stimmen' gehört haben.


Martin R. hört solche Stimmen seit 16 Jahren. 'Ich empfange ohne Rundfunkempfänger Rundfunkleute im Kopf', sagt der 59jährige heiter. Der ehemalige Bohrmeister und Bauführer lebt in einem idyllischen Dorf bei Nördlingen, inmitten von lodengrünem Land mit wogendem Korn und ewig rauschenden Wäldern.


Proper auch die Wohnung in der Mansarde des adretten Einfamilienhauses, keine Fluse Staub auf dem Nußbaum-Furnier der Schrankwand, und die Bände von Knaurs Lexikon stehen in Reih und Glied wie Gardesoldaten. 'Mach' ich alles selber', sagt der gebürtige Berliner stolz, 'ich kann kochen, waschen, putzen, nähen.' Er kümmert sich auch um den großen Gemüsegarten hinterm Haus und paßt auf die drei Enkel auf, wenn die Schwiegertochter, die unter ihm wohnt, beschäftigt ist.


Und wenn des Tages Müh und Last hinter ihm liegen, dann setzt sich der freundliche Opa an den Küchentisch und schreibt Briefe. Der STERN in Hamburg steht im Verteiler gleich hinter der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und Edgar Hoover in Washington. Der ist ihm von den 'Stimmen' empfohlen worden. Das ist doppelt rätselhaft, weil Hoover, Ex-Chef des FBI, tot ist und weil die 'Stimmen' zugleich die Drahtzieher einer komplexen Verschwörung sind, in der die Scientologen die RAF benutzt haben, um Hanns Martin Schleyer zu ermorden, und anschließend Mikrowellen in die Heizdecke von Willy Brandt einleiteten, was bekanntlich zu dessen Ableben durch Krebs geführt habe.
Mit einer Wünschelrute demonstriert der Rentner dann, von wie vielen Satelliten im Augenblick solche Strahlungen in sein Wohnzimmer einfallen. Es sind 13. Doch ihm können sie nichts anhaben, weil er einen kleinen Taschenspiegel in der Hemdtasche über dem Herzen trägt, der die Todeswellen reflektiert. Auch trickreichen Umgang mit den 'Stimmen' hat er inzwischen gelernt. 'Ich kann sie gegeneinander ausspielen, dann verraten sie sich.' So kam er dahinter, daß Edmund Stoiber drogensüchtig ist. Das hat er dann gleich 'per Einschreiben' allen Fraktionen im Münchner Landtag mitgeteilt. 'Ist aber totgeschwiegen worden.'


So was ärgert ihn nicht mehr. Gleichmütig nimmt er es auch hin, wenn die Leute im Dorf über ihn sagen: 'Der spinnt.' Er weiß es schließlich besser. Das Geheimnis seiner relativen Ruhe ist ein zurückliegender Aufenthalt in der Erlanger Psychiatrie, bei dem er auf ein neuroleptisches Medikament eingestellt wurde. Seitdem holt er sich einmal im Monat seine Depot-Spritze Haldol bei einem niedergelassenen Psychiater ab und macht aus dem Spagat zwischen Wahn und Wirklichkeit einen halbwegs komfortablen Kompromiß. Die Angst ist er los. Die panische Angst, wie sie entsteht, wenn man das Gefühl hat, das eigene Ich geht verloren, zerfällt oder wird von außen gesteuert.
'Psychose ist immer auch ein Versuch, Angst zu kanalisieren', erklärt der Psychologe Thomas Bock. 'Die Vorstellung, ein Glas Leitungswasser vergiftet mich, ist schrecklich aber immer noch erträglicher als das Gefühl, ich löse mich in meinem Innersten auf.' So verbergen sich selbst in den irrsinnigsten Wahnvorstellungen oft noch die Verteidigungsbemühungen der kranken Seele.


Durchknallen', sagt der Volksmund salopp, wenn die Seele auf die eigene Erkrankung mit Halluzi nationen oder Wahnvorstellungen reagiert. Und das Volk reagiert mit Gelächter. In dem Weiler Oberweinberg bei Straubing am Rande des Bayerischen Waldes ist Jakob L. durchgeknallt. In die Lokalzeitungen kam der Maurer und Kreisrat der Republikaner, weil er vor einem Jahr ohne behördliche Genehmigung einen Kreuzweg von 14 monumentalen Holzkreuzen entlang der Zufahrt zum Dorf aufgerichtet hat und seither im Clinch mit der Bauverwaltung des Landratsamtes liegt. Nach dem Baurecht müssen die 'Schwarzbauten' wieder verschwinden, der Bauherr aber reklamiert ein höheres Recht für sich, seit er es war am 26. 12. 1992 zum erstenmal eine Vision hatte. Er sah den Teufel. 'Er war braun.' Zum zweitenmal sah er ihn am 18. November 1993. Diesmal saß er auf einem Fahrrad, war kohlrabenschwarz und sah 'grausam' aus. 'Ich hab' gedacht, jetzt sterb' ich.'


Weitere Visionen offenbarten dem 36jährigen das nahe Ende Bayerns. In der Nacht eines Freitags im Jahre 1999 werden die russischen Panzer kommen, gefolgt von einer großen Flutwelle, die exakt bis zum Fenster seines Wohnzimmers im ersten Stock des Bauernhauses 700 Meter über N. N. schwappen wird.


Abwenden läßt sich diese Katastrophe leider nicht mehr. Dennoch predigt L. unermüdlich das unerläßliche Notstandsprogramm: 'Panzersperren, Minenfelder, Stacheldraht, innere Umkehr.' 'Bekehrt euch', steht auch in der von ihm eigenhändig errichteten kleinen Kapelle über dem Altar.


Hört man dem Selbstauskunft 'Propheten' genauer zu, wird klar, daß das visionäre Endzeitszenario offenbar innigen Zusammenhang mit einem anderen Ende hat. 'Seitdem meine Frau im Herbst 1992 ausgezogen ist, habe ich diese ganzen Erscheinungen.' Die Frau nahm nämlich auch die vier Kinder mit, sieben, zehn, zwölf und 13 Jahre alt. 'Ohne die Kinder', sagt er, 'bin ich nur ein halber Mensch.' Ist da nicht ein Wahn verständlich, der die kleine Privat-Katastrophe in die Geborgenheit einer gigantischen Apokalypse auflöst?


'Früher', sagt Psychologe Thomas Bock, 'galt in der Psychiatrie der Satz, es habe keinen Sinn, mit einem Wahnsinnigen über seinen Wahn zu reden. Grober Unfug! Natürlich gibt der Inhalt des Wahns Hinweise auf seine Entstehung.' Die sind allerdings meist verborgen wie in einem Vexierbild. 'Denn der Wahn kann jedes Lebensthema ergreifen', sagt Professor Stark.


Bei Hermine H. in Freiburg ist das Thema die Untreue des Gatten. Seit dessen Tod kommt seine Geliebte heimlich ins Haus, verwanzt Steckdosen, verschmiert Handtücher, zerwühlt Betten. Hinter Karl-Heinz K. in Heidelberg sind Killer her, weil er Mitarbeiter mehrerer Geheimdienste, Mündel von General Eisenhower, Mitglied des Generalstabs der USA und Überlebender von Stasi-Folterungen ist. Marianne T. in Tutzing ist ständiger 'Wohnraumbeschallung' durch den BND ausgesetzt Rache dafür, daß sie in München bei der 'Hauptstelle für Befragungswesen' war und dort 'etwas fragen wollte'.


Häufig sucht sich der Wahn religiöse Themen. 'Das hat sicherlich etwas damit zu tun, daß Religion, salopp gesprochen, auch eine Art Wahn ist', sagt Thomas Bock. 'In der Psychose geht es, genau wie in der Religion, um sehr existentielle Themen, Leben und Tod, Schuld und Sühne, Auferstehung und Untergang. In der Bibel finden viele die Bilder und Symbole wieder für das, was sie innerlich fühlen.'
So war es auch bei dem deutschen Doktor Klaus W., der in der britischen Presse als 'royal stalker' und in den deutschen Blättern als 'besessener Bewunderer von Prinzessin Diana' von sich reden machte, weil er Her Royal Highness immer wieder auflauerte, Schmähplakate gegen die Königin hochhielt und von der Polizei wiederholt festgenommen wurde.


'Alles Unsinn', sagt der Arzt, der in England nicht mehr praktizieren darf: Er sei der Prinzessin nicht nachgestiefelt, und er sei schon gar nicht liebeskrank. Er sagt es in einer Londoner Hotelhalle und häuft Papierberge auf den Tisch. 'Meine Forschungen.'
In seiner engen Wohnung im Londoner Eastend kön- nen wir uns nicht treffen, weil dort die beiden Kinder nerven und weil seine Frau die Nase voll hat von seiner Obsession. Die Familie lebt von Sozialhilfe. Er aber verfaßt unermüdlich Briefe und Denkschriften über die britische Monarchie.


Er nimmt ein Bündel Blätter vom Stapel seiner 'Forschungen'. Auf dem obersten steht: 'Betrifft: Bevorstehender Rücktritt der Königin/Staatskrise in Großbriannien.' Darunter ein krauser Text über das britische Königshaus, dessen Monarch zugleich 'Oberhaupt der Freimaurer' sei, die den Teufel verehren und 'weltweit Politik, Wirtschaft und Medien kontrollieren'. Die nächste Verschwörung, der nächste Prophet.


Zu dem machte den Doktor ein Gefängnisaufenthalt, dessen Anlaß nicht ganz klar ist. Drogen, sagte der englische Staatsanwalt. Menschenfreundlichkeit, sagt er; er habe nur Rezepte ausgestellt für Medikamente, die in England billig und in Deutschland sündhaft teuer sind.


Am Ende hatte er ein knappes Jahr hinter Gittern verbracht und war davon 'vollkommen umgekrempelt'. Das lag auch an der Lektüre, die ihm zur Verfügung stand: die Boulevardpresse und die Bibel. Die eine öffnete ihm die Augen dafür, in was für einem korrupten, verrotteten und deutschfeindlichen Land er sich befand. 'Ich fühlte mich als Kriegsgefangener.' Die andere weitete seine Wahrnehmung für das, was sich in Wahrheit hinter der hübschen alten Stadt an der Themse verbarg: Babylon! Und die Königin, so fand er im 13. Kapitel der Offenbarung heraus, war das dort prophezeite apokalyptische 'Tier mit zehn Hörnern, sieben Köpfen und zehn Diademen', dessen Zahl 666 ist.
'Forschungen', sagt er wieder, pocht auf seine Papierstapel und präsentiert Symbole und Berechnungen, die 'eindeutig' beweisen, daß mit dem 'Tier' Elizabeth II. von England gemeint ist.


Doch er fand noch mehr im Buch der Bücher. 'Ich habe', sagt er einsichtig, 'die wahnsinnige Erfahrung gemacht, daß Bibelstellen meine eigene Situation vorhersagen.' Jesaja 41: 'Wer hat im Osten den geweckt, dem Gerechtigkeit folgt auf Schritt und Tritt?' Damit konnte nur einer gemeint sein Dr. Klaus W.. 'Seht, das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.' Ja, sagt der Doktor, dieses Bibelwort habe er als Verpflichtung empfunden. Und fragt dann: 'Halten Sie mich für verrückt?'


Gute Frage. Die Ärzte der psychiatrischen Klinik in London mußten ihn wieder laufen lassen; Neuroleptika hatten keine Wirkung auf seinen Wahn. Er ist zwar vollkommen humorlos und geradezu manisch von seinem einzigen Thema besessen, aber die Alltagskompetenz des Ex-Arztes ist intakt, und der Erwählte tut niemandem weh. Darf man den einen 'religiösen Eifer' für behandlungsbedürftig erklären und vor dem anderen in die Knie sinken? Müßte man dann nicht gerechterweise auch den Papst mit Psychopharmaka ruhigstellen, bis er aufhört an Dinge zu glauben, die man nicht sehen kann?


Mit Menschen wie Klaus W. kommt die Psychiatrie selten in Berührung, denn sie haben keinen Leidensdruck. Aber auch Wahnkranke, die geschüttelt werden von Schmerzen, die ihnen ihre erkrankte Seele zufügt, kommen häufig nicht auf die Idee, einen Psychiater aufzusuchen. Denn in ihren Augen sind nicht sie verrückt, sondern der Rest der Welt.


'Der Mann muß krank sein, irrsinnig geworden', sagt Irmgard S. immer wieder, 'ein normaler Mensch macht doch so was nicht.' Bebende Lippen, Hände, deren Finger sich unaufhörlich verknoten; dann umklammert sie beide Knie, knetet die Sofakante; spricht, als würde sie keine Luft bekommen; stoßweise schleudert sie halbe Sätze heraus, verschluckt Silben, bricht ab, weiß nicht weiter. 'Immer dieses Gefühl, als ob ich unter Strom stehe.' Sie ist 46 Jahre alt, trägt ein knappes Kleid, Schmuck und Schminke und ist von Kopf bis Fuß ein einziger Hilfeschrei.


Alles begann vor drei Jahren auf der Trabrennbahn. Ein Jokkey verliebte sich in sie. Glaubt sie. Er ließ ihr heimliche Botschaften zukommen, indem er Kleinanzeigen aufgab, die nur sie verstand. 'LGS' stand in einer Anzeige. Sie interpretierte 'Liebe Gegen-Seite' er auf der Bahn, sie auf der Tribüne. Sie antwortete ihm, ebenfalls mit Anzeigen. Eines Tages faßte sie Mut und rief ihn an. 'Rindvieh', sagte er zu ihr. Aber da hat er sich bloß verstellt. Glaubt sie.


Dann begann die Verfolgung. Er gab ihr Bilder ein. Stimmen. Fügte ihr Schmerzen zu. Brandspuren auf den Oberschenkeln hatte sie plötzlich, 'wie mit einem Bügeleisen hat's ausgeschaut'. Immer schlimmer wurde es. Er drang in sie ein, bewohnt sie regelrecht. 'Terror ist das.' Er hindert sie am Sprechen, am Essen, am Schlafen. Sogar im Urlaub, weit weg, ist er nachts da und läßt sie keine Ruhe finden, wenn ihr Mann neben ihr lange schlummert. Der hat von allem keine Ahnung. Aber den Kollegen im Betrieb ist sie schon aufgefallen, als sie plötzlich ausgerastet ist und laut geschrien hat, er solle sie endlich in Ruhe lassen. Das hat sie auch auf der Trabrennbahn getan, bei Siegerehrungen, und am Telefon. Alles vergebens. 'Ich hab' ihn halt in mir drin. Er preßt meinen Körper zusammen. Es tut alles so weh.' Jetzt kann sie nicht mehr. 'Einer von uns beiden muß sterben.'


Eigentlich will sie aus ihrer Haut. 'Wenn das alles hinter mir liegt, will ich meine Ehe beenden.' Und alle Lügen. Das gestörte Verhältnis zum Sohn, über den sie nicht sprechen will, wieder in Ordnung bringen. Und am liebsten das Land verlassen. 'Ein ganz neues Leben anfangen, ohne Zwänge.' Und sie ringt die Hände und knetet die Finger. Aber sie will zu keinem Arzt. 'Der kann mir nicht helfen.' Denn nicht sie ist ja verrückt, sondern der Jockey, der ihr das alles antut.


Frau S. zu helfen ist schwer. 'Es ist leider ein Kennzeichen von Wahn', sagt Psychiater Michael Stark, 'daß er resistent ist für logische Argumente.' Deswegen fehlt dem Wahnkranken oft die Einsicht in seine Krankheit. Nur wenn er will, kann er aber behandelt werden. Es sei denn, es liegt eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung vor.


Muß man darauf erst warten? Ist Frau S. womöglich eine schlafende Bombe, wie es die Lafontaine-Attentäterin Adelheid Streidel war? Professor Stark entkräftet verbreitete Ängste. Gewalttaten Wahnkranker spielen in der Statistik mit 2,97 Prozent eine geringe Rolle. Geisteskranke sind entgegen vielen Vorurteilen nicht gefährlicher als Geistesgesunde. Schlagzeilen-Taten sind seltene Einzelfälle.
Viel häufiger sind die Fälle Wahnkranker, die den Weg zurückgefunden haben. Wie Burkhard S., der vor vier Jahren voll in Panik auf ein Hamburger Polizeirevier kam. Hinter ihm, so vertraute er den Beamten bebend an, seien Killer der Mafia her, weil er der Mitwisser eines großes Geheimnisses sei: Ganz Hamburg sei unterkellert, unterminiert von einer kompletten zweiten Stadt, die dem Gangstersyndikat als Schlupfloch diene. Dessen Agenten beobachteten und verfolgten ihn und trachteten ihm jetzt nach dem Leben.
Der 25jährige hatte doppeltes Glück. Er hatte erst ein paar Monate Zeit gehabt, an seinem Wahngefängnis zu basteln, und war deswegen in der Psychiatrie mit Medikamenten und Psychotherapie relativ leicht wieder daraus zu befreien. Und er hatte seine Eltern, die in fürsorglicher Distanz Kontakt zu ihm hielten. So lernte er die Lebenskrise, in der er steckte, zu verstehen und zu meistern.
Heute arbeitet er längst wieder in seinem Beruf bei der Post. Ein 'Normaler' unter 'Normalen', der erfahren hat, wie unverläßlich sie sein kann, diese Normalität. Und wie schmal die Grenze zum Wahn.


'Sie sind überall. Im Bett, in den Haaren, im Radio. Sie arbeiten mit Strom'


'Die Queen ist das Tier mit zehn Hörnern, sieben Köpfen und zehn Diademen'


'Ich kann nicht mehr. Einer von uns beiden muß sterben'


- ist eine schwere seelische Krise mit Symptomen, die das Denken und Fühlen sowie die Wahrnehmung betreffen können. In akuten Phasen wird die Einschätzung der Realität gestört;
- wird ausgelöst durch ein extrem belastendes Ereignis ('reaktive Psychose'), durch bestimmte Stoffe wie Drogen ('exogene Psychose') oder durch Lebensumstände, die Widersprüche zwischen innerer und äußerer Welt hervorrufen;
- löst oft eine existentielle Angst aus, das Gefühl, sich aufzulösen, von anderen fremdbestimmt und von Eindrücken weggeschwemmt zu werden;
- hat vorwiegend zwei Erscheinungsformen: die Empfindung, daß Einflüsse von außen ungehindert die eigene Seele treffen, was ein Gefühl von Bedrohung und Verfolgung entstehen läßt ('paranoide Psychose'). Umgekehrt können Bilder aus dem eigenen Innern nach außen dringen und Gestalt annehmen oder als Stimmen sprechen ('Halluzinationen'). Beide faßt man als schizophrene Psychose zusammen;
- kann aber auch mehr die Stimmung betreffen, die meist niedergeschlagen ('depressiv'), manchmal auch euphorisch ('manisch') ist;
- kann nicht genetisch, aber sozial vererbt, das heißt: in frühen Lebensphasen erworben werden;
- hat eine gute Heil-Perspektive, wenn sie früh erkannt und behandelt wird und der Erkrankte in positiver psychosozialer Umgebung lebt; nur ein Drittel aller Erkrankten muß ständig versorgt werden.