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Das schöne Ende der Welt
Michael Friedrich

Laurent Haewegene ist ein Fachmann fürs Paradies. Schon rein beruflich. Seinen Himmel auf Erden betritt der 51-jährige Pastor mit Badelatschen und einem Real-Madrid-Handtuch über der Schulter. Er schlendert an einem Angler im Palmenschatten vorbei und schaut zu den Kindern auf den Korallenbuckeln: Sie springen von den Felsen in die Wellen, die so sanft an die Insel plätschern, als wollten sie den Strand streicheln. „Ja“, sagt der Pastor zufrieden, als er ins Wasser watet, „wir leben in einem irdischen Garten Eden.“ Wenn er samstags in seiner selbstgezimmerten Holzkirche vor den 20 Gläubigen der Siebenten-Tag-Adventisten  die Messe hält, blickt er auf die Bucht von Eni mit ihrem weißen Sand und dem triumphierend blauen Meer und dankt dem Herrn, dass er ihn hierher versetzt hat. Auf ein 30 mal 40 Kilometer großes, vor Urzeiten aus dem Meeresgrund  emporgeschobenes  Korallenplateau namens Maré. Dass man sich an diesem Ort wenn auch nicht gleich biblisch, doch aber seltsam selig fühlt, haben wir schon kurz nach unserer Ankunft an der Wabao-Bucht erlebt. Wir hatten uns einfach in den Sand fallen lassen und uns gefühlte zwei Stunden nicht vom Fleck bewegt.


An dem kilometerlangen Strand sehen selbst die Kokospalmen aus, als würden sie ihre privilegierte Stellung genießen. Man könnte sich in der Karibik wähnen, wären da nicht die Araukarien: Wie riesige Pfeifenreiniger ragen die Bäume mit den kurzen Ästen zwischen den Palmen empor. Uns hätte es nicht gewundert, wenn Dinosaurier aus dem Wald gebrochen wären, die lebenden Nadelbaum-Fossilien  gab es schließlich bereits, als die Giganten noch über die Erde trampelten. Plötzlich kräuselte sich vor unseren Augen das Meer, silbrig blitzende Fische sprangen aus dem Wasser, eine Schule von fünf, sechs Delfinen verfolgte sie – und wir waren nicht ganz sicher, ob dies eine eigens inszenierte Paradies‑Show des Fremdenverkehrsbüros war. Bis wir Laurent am Strand von Eni treffen, haben wir an diesem Morgen mehr Delfine  als Menschen gesehen. Dabei hat die Insel rund 7000 Bewohner,  die  meisten  davon Melanesier,  wie  die  Ureinwohner  in dieser Pazifikregion heißen.  Hinzu kommen etwa 100 Franzosen, die hier als Gendarmen, Lehrer oder Ärzte Dienst tun. „Manchmal frage ich mich auch, wo alle sind“, sagt der Pastor, „einige sehe ich die ganze Woche nicht, nur in der Kirche.“

Eigentlich hätten wir, wie die melanesischen Sitten – die coutumes – es gebieten, als Zeichen des Respekts ein symbolisches Geschenk überreichen müssen, als wir in Laurents 300‑Seelen‑Dorf  im Südwesten von Maré ankamen. Fremdes Land betritt man auf den Inseln nie ohne Erlaubnis. Auch das Paradies hat Regeln. Laurent fühlt sich in Surfshorts für die Empfangszeremonie aber nicht passend gekleidet. „Ich ziehe mich schnell um, dann holen wir das nach“, verspricht er. „Aber jetzt schon einmal Okonelo Ri Opodone!“, begrüßt er uns in der Inselsprache Nengone. „Willkommen“ auf Maré, einer der drei Loyalitätsinseln, die wie die Île des Pins und einige weitere Inseln zu Neukaledonien gehören,  einer französischen Übersee‑Besitzung  – „confetti de l’empire“, wie manche Frankreichs koloniale Überbleibsel bespötteln: Inseln, die wie Konfetti über die Südsee verstreut sind. In Deutschland  ist der zwischen Australien und Fidschi gelegene Archipel im Korallenmeer  mit  seinen  gut 300 melanesischen Stämmen fast unbekannt. Nur Ende der 1980er‑Jahre geriet Neukaledonien in die Schlagzeilen, als es auf der Hauptinsel Grande Terre im Streit um die Unabhängigkeit zu Scharmützeln zwischen Melanesiern und französischen Soldaten kam. Längst ist alles wieder friedlich,  auch wenn das Thema eines eigenen Staates nur vertagt ist.


400 Deutsche bereisten die Inselgruppe im Jahr 2007. Insgesamt kamen nicht mehr als 100 000 Besucher – so viele hat Rom binnen vier Tagen. Die neukaledonische Regierung würde nur zu gern mehr Gäste anlocken. Dabei leben die Einwohner vor allem von Bodenschätzen wie Nickel und von der Landwirtschaft.


Doch der touristische Ehrgeiz wächst,  seit die Unesco im letzten Sommer die 1600 Kilometer Korallenriffe – die um Neukaledonien die größte Lagune der Welt bilden – wegen ihrer Artenvielfalt zum Weltnaturerbe adelte. Auf Maré haben sie es damit nicht so eilig. Obwohl sich die Insel seit gut zehn Jahren für Touristen geöffnet hat, gibt es bis heute nur ein von Einheimischen betriebenes Bungalow-Ho- tel und eine Handvoll gîtes, einfache Gästehäuser mit Familienanschluss. „Wir freuen uns natürlich, wenn andere Menschen unsere Kultur kennenlernen wollen“, erklärt uns Laurent, als er uns am Strand von Eni abholt, „für uns ist Tourismus aber nicht so wichtig. Wir leben von dem, was Land und Meer hergeben.“ Auf Parzellen im Busch bauen sie Yamswurzeln, Süßkartoffeln und Kürbisse, Bananen, Mangos und Apfelsinen an, das Meer ist voller Fische, Krabben und Langusten. „Geld spielt bei uns keine wichtige Rolle, niemand häuft hier Reichtümer an. Alles wird geteilt, und deshalb ist auch keiner arm.“


Vokabeln wie Nachhaltigkeit oder Ökosystem benutzt der Pastor so routiniert wie ein Umweltaktivist. „Wir schützen unsere Ressourcen schon seit Jahrtausenden und holen zum Beispiel nicht mehr Fisch aus dem Meer, als es ohne Schaden hergeben kann“, erklärt Laurent. „So soll das auch bleiben.“ Natural born Ökos? Auch das noch.


Als Repräsentant seiner Gemeinde hat sich der Priester für uns feingemacht und trägt eine dunkle Stoffhose und ein kurzärmeliges Hemd mit weißem Blütenmuster. Wir flanieren vom Strand zu seinem Haus, vor dem ein Peugeot 206 parkt. Für uns ist der Spaziergang wie eine Lektion im Langsamgehen. Laurent grinst, als er merkt, wie wir uns zügeln. „Warum seid ihr Europäer eigentlich immer so in Eile? Entspannt euch, die Zeit ist euer Freund.“ Für ihn kann man weder Zeit gewinnen noch sparen. Das hört sich gut an, doch unser Rhythmus geht mit dem ruhigen melanesischen Inselpuls noch nicht ganz synchron. In der Luft liegt der süße Duft von Hibiskus, der hier in enormen Büschen wuchert. Die Sonne lässt die roten Blüten der Flamboyant-Bäume aufleuchten, als stünden sie in Flammen. Die Häuser liegen verstreut in gepflegten Gärten mit Mangobäumen, Salatbeeten und Blumenrabatten, Chili-Sträuchern und Kokospalmen. Kein Zaun weit und breit. „In unserer Kultur gehört das Land nicht uns, sondern wir gehören zum Land“, predigt Laurent. „Wer sein Land verliert, verliert seine Identität.“ Im Vorübergehen pflückt er ein paar reife Mangos von einem Baum. „Ich sage ja, wir leben in einem Paradies.“ Nicht, dass wir ihm widersprechen wollten, aber es klingt wie aus der Werbe-Bibel.


Die „Zeremonie“ findet im hölzernen Anbau von Laurents blechgedecktem kleinem Steinhaus statt. Auf dem Gasherd dampft Wasser für den Nescafé. Neben dem Geschirr- und dem Kühlschrank steht nur ein kleines Regal mit einer Bibel, einer Mini-Stereoanlage und einem Fernseher, der eine Staubschicht angesetzt hat; zwei Sessel und eine Couch füllen den Rest des Raums. Mit den Betten, dem Auto, Kleidung und ein paar Büchern ist das fast der gesamte Besitz der vierköpfigen Familie. „Mehr braucht kein Mensch“, sagt Laurent.

Wir überreichen ihm trotzdem unser Gastgeschenk, einen Meter bunten Stoffs, in den wir einen 500-Franc-Schein gewickelt haben – rund vier Euro. Nicht der Betrag zählt, sondern die Geste. „Es ist eine Ehre, dass ihr von so weit gekommen seid, um bei uns zu sein“, sagt Laurent kurz und feierlich. „Dafür seid ihr nun Teil unseres  ribu, des Stammes der Eni.“ Wir stellen uns kurz vor, wie unser Gastgeber von einem deutschen Dorfbürgermeister empfangen wird, aber dann werden wir schon zum Essen gerufen.


Im Garten haben sie einen Holztisch aufgebockt. Wir sitzen mit Laurents Frau Corinne, seinen Eltern, der Schwester und dem Schwager auf Hockern und klapprigen Stühlen. Ein kurzes Gebet, dann wickelt Laurents Mutter Helena eine nach Kokosmilch duftende bougna aus der Hülle von Bananen- und geflochtenen Palmblättern – ein im Erdofen gegartes Festessen aus Yams, Kürbis, Süßkartoffeln, frischen Kräutern und Hühnerfleisch. Dafür, dass die melanesische Kultur auf mündlicher Überlieferung beruht, geht es ganz schön schweigsam zu. „Es genügt uns, zusammen zu sein“, antwortet Helena, als wir nachfragen, „wir müssen nicht immer reden.“ Einfach mal nur sitzen, schauen, sein. Zeit als Zustand, nicht als Maßeinheit. Peu à peu stellt sich bei uns ein Gefühl von Entspannung ein. Wie sehr, merken wir später auf der Nachbarinsel Grande Terre. Für uns ist das Tempo in Neukaledoniens Hauptstadt Nouméa, wo fast die Hälfte der rund 240 000 Neukaledonier lebt, schon zu hektisch, dabei ist es kaum höher als in einem französischen Provinznest.


Doch die Ruhe-Infusion auf Maré zeigt Wirkung: Wir wollen augenblicklich raus aus der Stadt und weiter in den Regenwald. Kaum sind wir ein paar Minuten gefahren, begegnet uns kein Mensch mehr. Dafür nimmt uns die Landschaft ein. Gezackt wie ein Dinosaurierrücken, teilt eine bis zu 1600 Meter hohe Bergkette die 400 Kilometer lange und 50 Kilometer breite Hauptinsel: Im  trockenen,  flachen Westen liegen  die  Farmen der caldoches (Nachfahren französischer Siedler); den Norden und Osten bewohnen vor allem Melanesier. Dort prallen feuchte Pazifikwinde auf von tropischem Regenwald bedeckte Berge, die dicht bis ans Meer rücken. Seit sich der Inselsplitter vor rund 80 Millionen Jahren von Australien löste, hat sich hier eine einzigartige Natur entwickelt, mit tausenden von Arten, die es so nur auf diesem Archipel gibt: Bäume wie einige der Araukarienarten, Fische, Reptilien, Insekten – und Vögel wie der Kagu, Neukaledoniens  Nationalvogel,  von  dem  noch  ein  paar  hundert Exemplare im Südosten von Grande Terre leben. „Wenn man Namenspate für eine neue Art werden will, ist Neukaledonien genau der richtige Platz“, sagt Joseph Manaute,  der Chef des Rivière-Bleue-Parks, „hier gibt es noch zig Arten zu entdecken, die ganze Insel ist ein Traum für Biologen, zu Land und unter Wasser.“ Wir streifen mit dem durchtrainierten 38-Jährigen auf der Spur der seltenen Vögel durch den Urwald des Schutzgebietes, bestaunen fleischfressende Pflanzen, die wie behaarte Etuis aussehen,  gewaltige  Kauri-Bäume  und  lebende  Fossilien,  deren orangefarbene Blüten direkt aus dem Stamm sprießen. „Das sind Vorfahren unserer heutigen Bäume“, erklärt der Forst- und Umweltexperte, der einst stellvertretender Landwirtschaftsminister der Inselregierung war. Ein tropischer Wolkenbruch hat uns komplett durchweicht.  Wenigstens  ist der Regen warm wie Badewasser. „Ohne Regen kein Regenwald“, sagt der Sprössling einer französischen Siedlerdynastie trocken; ihm macht das nichts aus. Die Suche nach den flugunfähigen Kagus ist nicht ganz so, wie wir uns das Aufspüren einer vor nicht allzu langer Zeit noch vom Aussterben bedrohten Tierart vorgestellt hatten: Joseph pfeift einfach in den Wald. Kagus sind so neugierig wie arglos. Sie mussten nie fliegen lernen, weil sie keine natürlichen Feinde kannten, bis die Europäer Hunde, Katzen und Ratten auf die Insel brachten. Nach ein paar Minuten stakst der erste weißgraue Kagu aus dem Unterholz,  so groß wie ein schlankes Huhn  auf roten Storchenbeinen: Es ist ein  Männchen,  sieht Joseph auf einen Blick, das die Lage für den Rest der Familie inspiziert, dann folgen gleich sechs auf einmal. Vor 20 Jahren hatten nur 60 der Vögel  im Rivière‑Bleue‑Park die Haustier‑Invasion  überlebt, durch rigorosen Schutz sind es nun wieder rund 600.
„Passt auf eure Füße auf“, warnt uns der Parkmanager. „Neulich haben die Kagus eine Gruppe koreanischer Touristen verjagt. Sie hielten die Zehen für Würmer und pickten mit ihren spitzen Schnäbeln danach.“ Wir tragen zum Glück keine Sandalen. „Das ist aber schon so ziemlich das Gefährlichste,  was euch hier passieren kann“, sagt Joseph, „denn auf Neukaledonien gibt es weder Raubtiere noch giftige Skorpione, Schlangen oder Spinnen.“ Auch sonst, erzählt er, sei es eher friedlich. Bis heute gab es zum Beispiel nur einen einzigen Banküberfall auf den Inseln. Die Kassiererin weigerte sich schlicht, das Geld herauszurücken und erklärte dem Täter, einem konfusen Franzosen, dass er mit der Beute auf einer Insel ohnehin nicht weit fliehen könne. Bankkunden nahmen ihm dann die Pistole ab und übergaben ihn der Polizei.


Der Zuwanderer Thierry Baboulène kennt die Geschichte, wie wohl die meisten auf Grande Terre. „Es ist eine Insel ohne Angst: Das ist einer der Gründe, warum ich mit meiner Familie hierher gekommen bin. Meine Mädchen wachsen in der Natur auf, an einem  der unberührtesten Orte der Welt, der zugleich Straßen, Schulen und einen Schuss französische Kultur hat. Wir leben wie in meinen Traum.“


Angeödet  vom Alltag als Versicherungsangestellter und erfüllt von einer Leidenschaft für die Unterwasserwelt, hat es den 48‑jährigen Südfranzosen vor acht Jahren mit seiner Frau Régine und seinen beiden kleinen Töchtern nach Hienghène im Norden der Insel gezogen. Das Land des 2600‑Einwohner‑Dorfes
an der Ostküste gehört den lokalen Stämmen, doch betreiben hier in diesem für neukaledonische Verhältnisse beinahe schon touristischen Ort auch rund 40 Franzosen Läden, Zeltplätze und Restaurants oder – wie Thierry Baboulène  – eine kleine Tauchbasis direkt am Strand.


Barfuß, nur in Badehose und gelassen wie ein Mann,  der seinen Platz im Leben gefunden hat, steuert er ein weißes Motorboot über die Wellen.  Reynaldo Kadjilinga, ein 22‑Jähriger aus Hienghène,  den Thierry selbst zum Dive Master ausgebildet hat, sortiert Schnorchel, Brillen und Taucherflossen. Das Meer ist so klar, als würden wir durch eine Lupe auf die Korallenbänke zehn Meter unter uns blicken. „Dies ist eines der besten Unterwasserreviere der Welt“,  schwärmt der braungebrannte Mann mit den Stoppelhaaren, „der größte Teil der Riffe ist noch unerforscht, und die Korallen sind trotz des Klimawandels vollkommen  intakt.“

Er will uns die Korallengärten um Hienga zeigen, das vielleicht fünf Kilometer vor der Küste wie das Abziehbild  eines Südsee‑Inselchens in der Lagune schwebt. Hinter uns ragen die tiefschwarzen Lindéralique‑Felsen  mit ihren Rasiermesser‑Zacken auf, dahinter staffeln sich tropengrüne Berge immer höher in den Himmel. Wir leinen das Boot ein paar Meter vor der Insel an einer – natürlich korallenschonend befestigten – Schwimmboje an. Wir sehen Papageifische an Fächerkorallen knabbern und Clownfische aus Seeanemonen  lugen, dann schwimmt wie bestellt eine Karettschildkröte vorbei. Reynaldo blinzelt nur mal kurz rüber. Er kennt das.


„Wie  sieht es aus“, fragt er, „wollt ihr eine große oder eine kleine Schnorcheltour machen? Ich weiß nicht, ob ihr Zeit habt oder noch eine Verabredung.“ Natürlich haben wir Zeit. Sie ist unser Freund.