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Costa Dorada, Dienstag, 11. Juli 1978, 14.35 Uhr: Das Inferno
Herbert Leonhardt und Axel Carp

Die Reifen verbrannt, das Metall geschmolzen – eine Lkw-Achse hängt in der Mauer des Campingplatzes »Los Alfaques« in der spanischen Provinz Tarragona. Es ist die Achse eines Tankwagens mit 43000 Liter Flüssiggas, der eine Jahrhundertkatastrophe auslöste: Über 200 Menschen starben, rund 400 wurden verletzt.

 

Die Meteorologen haben für Dienstag, den 11. Juli 1978, nur Gutes vorausgesagt. Endlich richtiges Badewetter soll es werden an der spanischen Mittelmeerküste, höchste Zeit nach all den trüben Tagen.

 

Walter Harting hat deshalb den Wecker auf sieben Uhr gestellt; so früh steht er sonst nur daheim auf. Der pensionierte Bundeswehrhauptmann aus Zweibrücken freut sich, daß er mit seiner Frau Gerda und der 18jährigen Tochter Kirsten wieder nach »Los Alfaques« gefahren ist. Zwar, der Zeltplatz, 90 Kilometer südlich von Tarragona, ist nichts Besonderes: Auto an Auto, Wohnwagen an Wohnwagen, Zelt an Zelt; dazwischen kleine Bäume, ein paar Palmen, der Strand aus groben Kieselsteinen. Die 260 Stellplätze sind vollgestopft mit 1000 Urlaubern – nein, dies ist wirklich kein luxuriöser Urlaubsplatz, aber Walter Harting findet es gemütlich hier, weil er jedes Jahr dieselben Gesichter wiedersieht: Deutsche, Belgier, Franzosen – Mittelständler, von denen die meisten ein Jahr hart arbeiten und sich ihren Urlaub redlich verdienen müssen – eine große Familie.

 

Während die Hartings gemütlich frühstücken, macht sich ein Mann in Tarragona für die Arbeit frisch: der Lastwagenfahrer Francisco Ibernón, 50, seit 25 Jahren hinterm Steuer, Vater von vier Kindern aus dem Dorf Alcantarilla in der Provinz Murcia. Mit einem Tanksattelschlepper der Firma „Cisternas Reunidas, S.A.“ soll er um zehn Uhr bei der Raffinerie im Hafen von Tarragona sein, um 43 000 Liter flüssiges Propylen zu laden, ein Gas, das u. a. zur Herstellung von Plastik verwendet wird. Als er mit seinem 38-Tonner startet, sind die meisten Urlauber auf dem Zeltplatz „Los Alfaques“ schon munter.

 

Hans-Rolf Pfannkuchen, 35jähriger Vertreter aus Wuppertal, schlägt beim Frühstück einigen Freunden vor, doch mal in die umliegenden Berge zu fahren. Schnell sind 18 Ausflügler beisammen. Mit von der Partie: Tochter Kirsten von den Hartings und die ganze Familie Krewe. Nur der 70jährige Opa Bernhard Krewe will nicht mitkommen, weil ihm sein rechtes Bein wieder einmal wehtut.

 

Um 10.30 Uhr kuppelt Lkw-Fahrer Francisco Ibernón den Druckschlauch von der Propylen-Abfüllanlage an den Einfüllstutzen seines Lasters. Es dauert immer eine gute Stunde, bis er die 43 Kubikmeter in seinem Wagen hat.

 

Um 12.00 Uhr ist er endlich fertig. Der 1,80 Meter große Mann klemmt sich mit seinen 200 Pfund hinters Steuer. Er liebt seinen Beruf, hat auch seinen Sohn Lkw-Fahrer lernen lassen. Erst vor wenigen Tagen hat der seine Prüfung bestanden und wollte seinen Vater eigentlich schon auf dieser Fahrt begleiten. Aber dann entschied er sich, doch lieber mit Freunden zu feiern. Und so macht sich Francisco Ibernón allein auf die 700 Kilometer weite Reise in den Südwesten nach Puertollano. Er kennt die Strecke wie im Schlaf; 15 Stunden dauert sie meist, wenn die Straßen nicht mit Urlaubern vollgestopft sind.

 

Für die ersten 250 km zwischen Tarragona und Valencia könnte Ibernón eigentlich die neue, schnellere Autobahn benutzen, die nicht durch Ortschaften führt. Doch das darf er nicht, seine Firma hat ihm das verboten. Denn die Autobahn kostet Gebühren – 1000 Peseten für diese Strecke, das sind 27 Mark. Beklagt hat er sich schon mal bei seinen Kollegen, daß die Fahrt durch die Dörfer so mühselig und die Fracht schließlich auch gefährlich sei, aber die Autobahngebühr aus eigener Tasche bezahlen – nein, so etwas kann sich Francisco Ibernón nicht leisten.

 

Also quält sich „Paco“, wie ihn seine Freunde nennen, mit seinem 38-Tonner durch die engen Straßen des Städtchens San Carlos de la Rápita. Wenn er die hinter sich hat, führt bald eine breite Straße in den Süden.

 

Auf dem Campingplatz, keine drei Kilometer vor San Carlos, spielen einige Camper Karten, die meisten liegen am Meer oder dösen im Schatten ihrer Sonnenschirme. Das Ehepaar Harting sitzt vor dem Wohnwagen unterm Zeltdach und unterhält sich. Opa Krewe legt im Caravan die schmerzenden Beine hoch.

 

Es ist 14.35 Uhr, als Francisco Ibernón aus dem Führerhaus seines Lkw die Einfahrt des Zeltplatzes mit dem weißen Marmorbrunnen links neben sich sieht.

 

In diesem Moment platzt einer der Reifen seines Lastzuges. Der Sattelschlepper kippt zur Seite, schleudert nach links, schießt über den Straßengraben, reißt einen Strommast um und durchbricht die kleine Backsteinmauer zum Zeltplatz. Das Führerhaus wird von dem riesigen Tank über Zelte, Wohnwagen, Autos, Menschen geschoben. Der Tank schlägt auf und platzt. Und es beginnt ein Inferno.

 

Die 43 000 Liter flüssiges Propylen verwandeln sich, befreit vom Druck, mit einem Schlag zu Brenngas. Ein Lichtblitz zuckt auf, dann ein Knall. Die eine Hälfte des Tanks schlägt 300 Meter entfernt in ein Restaurant ein, gleichzeitig zerfällt auf der anderen Seite des Campingplatzes die Diskothek „Las Cancelas“ unter der Gewalt der Druckwelle in einen Trümmerhaufen. Die zweite Hälfte des Tanks fegt über den Campingplatz, zieht eine infernalische Hitzewand hinter sich her. Autoscheiben zerschmelzen, das Aluminium der Wohnwagen zerfließt. Von Francisco Ibernón werden nur noch Hautfetzen am Lenkrad gefunden – und seine Uhr. Sie ist um 14.35 Uhr stehengeblieben.

 

Die meisten Menschen in der Nähe des Unfalls haben nicht die Spur einer Chance. Durch die Hitze explodieren in Sekundenschnelle Benzintanks, und die Butangasflaschen der Campingwagen werden durch das entweichende Gas zu Flammenwerfern. Von der Gewalt der Explosion werden Menschen meterhoch durch die Luft gewirbelt und ins Meer geschleudert. Doch auch das Wasser, in das viele als brennende Fackeln zu fliehen versuchen, ist keine Rettung. Nur wenige haben noch die Kraft, weit genug hinauszuschwimmen, um der unvorstellbaren Hitze von 1500 Grad zu entgehen, mit der der Feuerball über den Campingplatz und den Strand rast.

 

»Ich renne wie ein Verrückter zum Meer«

 

Dieter Klabunde, der am anderen Ende des Zeltplatzes gerade seinen Wagen gewaschen hatte, zurück zu seinem Wohnwagen wollte und in den Mittelgang einbog, erzählt: „Ich höre einen wahnsinnigen Knall, sehe schwarze Wolken und eine Feuersbrunst auf mich zukommen. Ich lege den Rückwärtsgang meines Wagens ein, sehe, das schaff‘ ich nicht, springe aus dem Auto und renne wie ein Verrückter in Richtung Meer. Ich denke nur noch ‚nichts wie ins Wasser‘, schwimme wie ein Irrer hinaus. ‚Wo ist meine Braut‘ denke ich immer nur, ‚wo ist meine Braut?‘ Brennende Menschen stürzen sich ins Wasser, gehen unter. Überall gellen Schreie.“

 

Der Camper Richard Borgward, ein Rentner aus Bremen, der den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hat, sieht das Feuer und reagiert mechanisch: „Papiere, Versicherungskarten und Geld holte ich aus dem Wohnwagen und rannte damit bis zur Straße.“

 

In wenigen Minuten ist alles vorbei. Um einen Tisch herum, an dem sie gerade noch gesessen und zu Mittag gegessen hatte, liegt eine tote Familie. In der Mitte des Platzes, der ein einziger schwarzer, rauchender Haufen mit einem Gewirr von ausgeglühtem Blech und abgebrannten Bäumen ist, liegen zwei Kinder mit seltsam verkrampften Beinen und Armen. Sie sind tot. Ein völlig verkohlter Hund reckt alle viere von sich und sieht aus, als wolle er sich noch wehren. Tote überall.

 

„Los Alfaques“ ist eine Ruine. Doch nur zwei Drittel des Platzes sind dem Erdboden gleichgemacht. Auf der anderen Seite des Hauptweges ist kein Strauch geknickt, nichts brennt, nicht einmal ein Zelt ist umgedrückt worden. Minutenlang haben die Touristen in diesem Teil von „Los Alfaques“ wie Unbeteiligte, gelähmt von dem Schrecken vor ihren Augen, die Katastrophe mitangesehen. Dann bricht eine Panik aus. Väter schreien nach ihren Kindern, Mütter brechen zusammen, ein kleines Mädchen mit einer Eistüte in der Hand fragt weinend nach seinen Eltern.

 

Der Camper Horst Himstedt, der vor der Flammenwand davonrennen konnte, stürzt sich nun zurück ins Chaos und will retten: „Wie im Unterbewußtsein ziehe ich fünf Menschen mit mir, ob Männer oder Frauen, das weiß ich nicht. Ich ziehe sie aus den Duschkabinen hinter dem Restaurant heraus, wo sie ihre brennende Haut löschen wollten. Einer hält sich am Wasserhahn fest, da bleibt das Fleisch am feuchten Metall kleben. Ich renne über den Zeltplatz, ich bin seit 17 Jahren hier, ich kenn‘ doch alle Leute, aber ich habe kaum einen wiedererkannt. Sie sehen alle gleich aus, Arme und Beine angewinkelt, die Leichen geschrumpft wie verkohlte Baumstämme.“

 

Die Campingplatz-Besitzerin Maria Carmen Gianni behält einen klaren Kopf. Sie wählt die Nummer 74 00 58 – die Nummer der „Guardia Civil“, der spanischen Landpolizei, in San Carlos de la Rápita.

 

Jetzt versuchen auch andere unverletzte Camper, den Schwerverletzten zu helfen. Sie zerren oder tragen sie in ihre Autos, fahren sie in die umliegenden Dörfer und Städte, wo sie Krankenhäuser vermuten.

 

Eine kleine Ewigkeit später, nämlich erst um 15.00 Uhr, treffen die ersten Polizeiautos der „Guardia Civil“ ein. Die Beamten mit den seltsamen schwarzen Hüten rennen hilflos über den Platz – was tun nach einer solchen Katastrophe? Als eine weitere lange halbe Stunde später auch die Feuerwehr eintrifft, gibt es längst nichts mehr zu löschen und nur noch wenig zu retten. Über „Los Alfaques“ hängen Rauchschwaden.

 

Die hundert Krankenwagen, die nach und nach eintreffen, müssen fast so viele Tote wie Verletzte abtransportieren. Urlauber und Beamte suchen gemeinsam die Leichenteile zusammen, tragen sie in Plastiktüten zu einem Sammelplatz und decken Papiersäcke darüber. Immer wieder wird das Papier von weinenden Menschen hochgehoben, die nach ihren Angehörigen suchen. Viele Urlauber brechen zusammen, wenn sie – oft nur an einem Ehering oder einer Kette – ihre Angehörigen erkennen.

 

Horst Himstedt aus Wuppertal und seine Zeltnachbarn auf dem unversehrt gebliebenen Teil des Geländes reißen schwere Butangasflaschen, die noch heil geblieben sind, aus den Zelten und werfen sie ins Meer. Es soll nicht noch mehr geschehen. Die Sanitäter an der Unglücksstätte müssen nicht nur verletzte Urlauber betreuen, auch drei spanische Polizisten, die beim Anblick der gräßlich Verstümmelten zusammengebrochen waren, gehören zu ihren Patienten.

 

Um sechs Uhr abends werden die ersten Obdachlosen in einem nahen, noch unbewohnten Hochhaus untergebracht. Spanier aus den umliegenden Ortschaften bieten kostenlos Betten an und bringen Essen und Getränke an den Unfallort. Das einzige Telefon auf dem Platz ist umringt von Menschen, die von den Krankenhäusern der Umgebung wissen wollen, ob ihre Verwandten noch leben.

 

In der Mitte des abgebrannten Platzes hat ein Polizist einen Tisch aufgebaut und registriert mit seiner Dienstschreibmaschine Autonummern. Viel Erfolg hat er nicht dabei, denn die meisten Nummern sind nicht mehr lesbar. Auch seine Kollegen sind nicht viel erfolgreicher: Sie suchen nach Wertsachen, doch Kameras und Radios sind zu Klumpen zusammengeschmolzen; nur manchmal finden die Beamten ein Stück Hartgeld.

 

Um 19.00 Uhr treffen sich an die hundert Einwohner von San Carlos auf dem Marktplatz des Städtchens und bilden spontan einen Protestzug. Ihre Forderung: Lastwagen, die gefährliche Frachten wie Propylen befördern, sollen nicht mehr durch ihren Ort fahren dürfen.

 

In diesen Minuten kommen auch die deutschen Ausflügler, die am frühen Morgen aufgebrochen waren, aus den Bergen zurück. Sie hatten sich einen richtig schönen Tag gemacht – mittags Hammelkoteletts gegessen, in einem Stausee gebadet und auf dem Rückweg noch eine Holzschnitzer-Werkstatt besichtigt.

 

Jetzt, auf dem Weg nach „Los Alfaques“, wundern sie sich über die vielen Krankenwagen und Polizeiautos, die ihnen entgegenkommen. In Viñaroz wird sogar der Verkehr umgeleitet, die Deutschen müssen von der Küstenstraße ein Stück zurück in die Berge.

 

»Geh nicht dahin, das ist wie Krieg«

 

Bei der nächsten Absperrung halten sie und sagen dem Polizisten, daß sie in „Los Alfaques“ wohnen. Zu ihrem Erstaunen wirkt das wie ein Zauberwort. Der Polizist winkt sie stumm durch.

 

Bernd Krewe, Fernfahrer aus Wuppertal, der mit seiner Familie zurückkommt, sieht die Katastrophe als erster. Er springt aus dem Wagen und rast auf den Platz zu, an dem sein Wohnwagen stand: „Nichts war mehr da, nur das Fahrgestell noch; die Zeltstangen, die Gitter von unseren Liegen – alles weg. Ich hab‘ nichts mehr als meine Shorts und das T-Shirt. Die 6500 Mark Bargeld im Wohnwagen, die sind auch verbrannt. Und als ich dann das verkohlte Stück Knochen sah, da wußte ich sofort, das ist mein Paps, das muß er sein.“

 

Die 19jährige Kirsten Harting – sie hat erst vor wenigen Tagen das Abitur bestanden und war mit ihren Eltern schon häufig in „Los Alfaques“ gewesen – versucht verzweifelt, zu ihrem Campingwagen zu kommen. Ein Polizist läßt sie nicht durch, sie muß zurück zur Straße. Dort trifft sie auf ein befreundetes Ehepaar, die Martens aus Erftstadt bei Köln, die ihre beiden Töchter und deren drei Freundinnen suchen, die spurlos verschwunden sind. Die Martens versuchen Kirsten zurückzuhalten: „Geh nicht dahin, das ist wie Krieg!“

 

Als Kirsten das Ausmaß der Katastrophe begreift, ist sie nicht mehr zu halten. Sie hetzt über den Platz – und glaubt ihren Augen nicht zu trauen: Der Mercedes der Eltern ist nur ein bißchen angerußt, der Wohnwagen steht noch, nur das Vordach hängt in Fetzen herunter. Eine Bekannte erzählt ihr: „Deine Mutter ist nur leichtverletzt, aber deinem Vater geht es wohl sehr schlecht – er war so verbrannt, ich habe ihn kaum erkannt.“

 

Inzwischen haben internationale Rettungsaktionen eingesetzt. Aus München sind zwei Flugzeuge des ADAC mit acht Ärzten, 350 schmerzstillenden Ampullen und 160 Kilo Blutplasma nach Spanien abgeflogen – der erste Jet zum Militärflughafen Reus bei Tarragona, der zweite nach Valencia. Dort sind im Krankenhaus „La Fe“ die am schwersten verletzten untergebracht, deren Haut bis zu 95 Prozent verbrannt ist. Obwohl „La Fe“ eine der besten europäischen Spezialkliniken für Brandverletzungen ist – dort wurden schon Opfer der Flugzeugkatastrophe von Teneriffa im März 1977 behandelt –, haben diese Schwerverletzten kaum eine Überlebenschance.

 

Auf dem Flughafen Reus ist Hochbetrieb. Die spanische Towerbesatzung und die Behörden verhalten sich großzügig: Es kann landen, wer will. Die Spanier wollen nicht einmal die Pässe der Ankommenden sehen. Weniger gut sind die Informationsmöglichkeiten. Den ausländischen Helfern steht nur ein Telefon zur Verfügung, und nirgendwo gibt es eine Zentrale, die weiß, wo welche Verletzten geblieben sind.

 

In den nächsten Stunden kommt es wegen mangelnder Koordination zwischen deutschen und spanischen Behörden und wegen einer Vielzahl von Fehlinformationen deutscher Rettungsgesellschaften zu Mißstimmigkeiten und Verdruß. Die Deutsche Rettungsflugwacht schickt ungebeten 30 Ärzte von Stuttgart aus in einem gecharterten Flugzeug nach Spanien – die Gesellschaft glaubt, daß die medizinische Versorgung dort „katastrophal“ sei. Die Stuttgarter Ärzte kommen in Barcelona an und wissen nicht, was sie tun sollen. Die Spanier brauchen sie nicht und haben auch keine Zeit, ihnen Autos zur Verfügung zu stellen. So müssen sich die deutschen Mediziner selbst mit Taxis in die umliegenden Kliniken begeben.

 

»Die Deutschen trauen uns wohl nichts zu«

 

Auch dem ADAC, der sich als Vertragspartner des „Los Alfaques“-Campingplatzes besonders verpflichtet fühlt, geht es mit seinem Rettungseinsatz nicht viel besser. Ein nach Valencia mitgeflogener Oberarzt erkennt nach einem Rundgang in der „La Fe“-Klinik: „Die sind genauso gut wie wir, und Ärzte haben sie auch genug. Wir sind hier überflüssig.“ Selbst von den mitgeführten Blutplasma-Flaschen machen die Spanier eher aus Höflichkeit Gebrauch.

 

Zwei weitere Flugzeuge schicken die Bundesluftwaffe und das Bayerische Rote Kreuz. Eine dritte ADAC-Maschine ist schon auf dem Weg nach Spanien, macht aber noch in der Luft kehrt, als die ADAC-Einsatzleitung in München endlich feststellt, daß die Deutschen in Spanien nicht gebraucht werden. Der Übereifer der deutschen Retter veranlaßt einen spanischen Beamten zu der Bemerkung: „Entweder trauen uns die Ausländer nichts zu, oder sie wollen sich nur in den Vordergrund spielen.“

 

Samstagabend werden sechs Deutsche mit schwersten Verbrennungen, unter ihnen Kirsten Hartings Mutter, in einer Boeing 707 der Bundeswehr von Barcelona nach Frankfurt ausgeflogen. Von dort geht es mit einem Hubschrauber nach Ludwigshafen, in die Spezialklinik für Hautverbrennungen, in der vor zwei Jahren auch der Autorennfahrer Niki Lauda behandelt wurde.

 

Der Krisenstab der Deutschen Botschaft hatte lange überlegt, ob die Patienten überhaupt in die Heimat transportiert werden sollen. Am Donnerstag hatte ein schwerverletzter Franzose nicht einmal den kurzen Weg zwischen dem Krankenhaus „Francisco Franco“ in Barcelona und dem Flughafen überlebt. Erst als die spanischen Ärzte und die Angehörigen der Verletzten ihr Plazet gaben, stimmten auch die deutschen Beamten der Rückführung zu. Im Krankenhaus von Barcelona bleibt nur noch ein deutsches Opfer der Campingplatzkatastrophe zurück: Kirsten Hartings Vater.

 

Auf „Los Alfaques“ wird das Grauen jetzt verwaltet. 22 Fachkräfte des Wiesbadener Bundeskriminalamtes sind an die Unglücksstätte geflogen. Sie sollen die gegen weitere Verwesung präparierten Leichen identifizieren – eine mühselige detektivische Kleinarbeit. Die Beamten nehmen Gipsabdrücke, suchen nach Operationsnarben und Besonderheiten im Gebiß der Toten. Sie kratzen von den Leichenteilen Hautreste ab, um Fingerabdrücke zu nehmen, die sie dann mit Fingerabdrücken in den Wohnungen der Vermißten vergleichen. Sie legen die Autos an der Katastrophenstelle auseinander, um Spuren zu finden. Und doch werden viele der Toten nie identifiziert werden können.

 

Die spanischen Behörden zeigen Verständnis für das Anliegen der Deutschen: Entgegen den Vorschriften, daß jeder Tote innerhalb von 48 Stunden begraben sein muß, lassen sie die BKA-Leute so lange an den Leichen arbeiten, wie es notwendig ist.

 

Nicht so einsichtig sind die Spanier, wenn es um die Verhütung neuer Katastrophen geht. Täglich sind 2000 bis 3000 Tankwagen mit hochexplosiven chemischen Grundstoffen auf Spaniens Straßen unterwegs – Bomben auf Rädern, die jederzeit in die Luft gehen können. Zwar beeilten sich die Zivilgouverneure von Tarragona und Barcelona mit einem Dekret, nach dem Lastwagen mit einer ähnlich explosiven Ladung künftig die Autobahn benutzen müssen. Doch die Maßnahme kann erst dann wirksam werden, wenn die spanische Regierung ihre Zustimmung gibt.

 

Die Verantwortlichen in Madrid reagierten nicht.