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Danke, Hannes
Barbara Hartl

Seine P.M.-Editorials unterschrieb er immer mit seinem vollen, Respekt einflößenden Namen: Hans-Hermann Sprado. Doch in der Redaktion nannten ihn alle Hannes. Das passte viel besser zu ihm als der strenge Doppelvorname. Denn Hannes Sprado war ein Mann der leisen Töne, immer freundlich, ausgeglichen, einfühlsam für die Sorgen und Nöte anderer.


Ich habe ihn vor über 20 Jahren kennengelernt. Wir waren beide junge Redakteure bei der Frauenzeitschrift "Marie Claire". Seitdem haben wir mit kurzen Unterbrechungen zusammengearbeitet. Viele Jahre war er mein Chef. Nie habe ich in all der Zeit erlebt, dass er laut wurde. Sagte er Nein zu einem Vorschlag, tat er es, ohne die Stimme zu heben, aber immer mit einer einleuchtenden Erklärung für seine Ablehnung. Autoren und Redakteure schätzten ihn dafür.
Der Journalismus war Hans-Hermann Sprado, wie man so sagt, nicht in die Wiege gelegt. Er sollte eigentlich die elterliche Spedition übernehmen und absolvierte eine kaufmännische Lehre. Doch sein Herz schlug für die Zeitung und das Schreiben. Also büchste er aus dem vorgezeichneten Lebensweg aus und biss sich durch zu einer großen Karriere in seinem Traumberuf. Nach Stationen bei seiner Heimatzeitung, den "Bremer Nachrichten", bei ‚Bunte" und der „Bild" kam er Anfang der 9oer-Jahre zu Gruner + Jahr nach München, zunächst zur damals neuen Frauenzeitschrift "Marie Claire", dann als Chefredakteur zum "P.M. Magazin", später auch als dessen Herausgeber.


Hannes Sprado beherrschte die Kunst, komplizierte Vorgänge so darzustellen, dass jeder sie versteht. Mit handfest recherchiertem Wissenschaftsjournalismus und seinem Gespür für alles Mysteriöse und Unerklärliche gab er P.M. ein unverkennbares Gesicht.


Die wichtigste Voraussetzung, um ein populärwissenschaftliches Magazin erfolgreich zu führen, trug Sprado von Anfang an in sich: Er konnte staunend wie ein Kind auf die Welt blicken. Immer wieder ließ er sich von neuen Erkenntnissen begeistern. Die Neugier auf fremde Welten war sein Lebenselixier. Als ihm der Verlag Zoon die Chefredaktion von "Marie Claire" anvertraute, stürzte er sich mit Begeisterung in die Glitzerwelt der Mode und der Models. Später fasste er seine Beobachtungen in dem Krimi „Tod auf der Fashion Week" zusammen.
Nach außen wirkte Hannes Sprado sanft. Doch in seinem Inneren brodelte ein kreativer Hexenkessel. Dieser Mann spuckte dauernd neue Ideen aus — Ideen für Themen, Heftkonzepte, Bücher und Filme. Manche verwarf er wieder, andere setzte er mit Energie und Zielstrebigkeit um. Er startete die P.M.-Ableger "Fragen & Antworten", "Biografie" und das Heft "Wunderwelt Wissen". In den vergangenen zehn Jahren schrieb er darüber hinaus — vorwiegend nachts — fünf Krimis und zwei Sachbücher. Das letzte mit dem Titel "Der Klang des Weltalls" erscheint Mitte August — gleichzeitig mit dieser P.M.-Ausgabe.


Seine Vorbilder als Schriftsteller waren große, lakonische, "hartgesottene" Amerikaner wie Hemingway, James Ellroy oder Elmore Leonard. In seiner Bibliothek zu Hause in Neubruchhausen bei Bremen sammelte er sie alle in handsignierten Erstausgaben. Um für seine Bücher und Reportagen zu recherchieren, fuhr Hannes in die entlegensten Winkel der Welt. Rund 3o Länder hat er bereist, und es sollten noch so viele mehr werden. Der Fixpunkt in seinem Jahresurlaub war die jährliche Schreibwoche in einem Hotel am Times Square in New York. Dort, wo Hannes Sprado als junger Reporter zu Fuß jeden einzelnen der 25 Kilometer des Broadway erkundet hatte, tankte er Kraft und Inspiration.
Seine Frau Regina, mit der er seit der Schulzeit zusammen war, hat das außergewöhnliche Arbeitspensum ihres Mannes mit Klugheit, Liebe und Verständnis begleitet. Für die beiden gemeinsamen Kinder Kristin und Tim verfasste der Papa jedes Jahr zu Weihnachten ein Märchenbuch. Tochter Kristin hat inzwischen selbst zwei Kinder. Seither führte der Großpapa diese Tradition für seine Enkel fort. Fast täglich hatte er mit ihnen Kontakt über Skype.
Hannes Sprado wurde von vielen Menschen geliebt, bewundert und geschätzt. Er hatte noch unzählige Pläne für seine Zukunft. Im Frühjahr dieses Jahres musste er sich in medizinische Behandlung begeben. Dennoch kam sein Tod am 24. Juli, wenige Wochen nach seinem 58. Geburtstag, für alle, die ihn kannten, völlig überraschend.


Am Tag davor schrieb er mir, der Weggefährtin aus Münchner Tagen, noch eine kurze SMS. Nur drei Worte: „Barbara, alte Freundin".


Wo immer Du jetzt bist, alter Freund, möchte ich Dir antworten: Adieu Hannes, lieber, unersetzbarer Weggenosse, Kollege und Chef. Wir alle bei P.M. vermissen Dich schmerzlich. Du warst ein sehr besonderer Mensch und wirst es für uns immer bleiben.


Barbara Hartl und das Team der P.M.-Hefte