Zur Übersicht
Facebook Twitter Email
CHARLYS TREUER KILLER
Benno Kroll

Die Sonne war zweimal über Texas aufgegangen, als die sechs weißen Männer die Karten auf den Müll warfen und ihr Pokerspiel beendeten. 40Stunden hatten sie auf heißen Plastikstühlen gehockt und runde 1500 Dollar über die stinkende Pferdedecke geschoben, die auf dem Tisch lag. Einer der sechs Männer war ein Maurer, einer ein Zuhälter, einer ein „con man“, ein professioneller Schwindler. Zweien kam ich auch in 40 Pokerstunden nicht so nahe, daß ich etwas über sie erfahren hätte. Und der sechste Mann war ich.


Beim zweitenmal war die Sonne an einem Mittwochmorgen aufgegangen.
Charly, der Maurer, stapfte mit schweren Schritten in die Küche des alten Holzhauses, das er sein „shop“ nannte und das sein Büro war, so aber nicht aussah, denn es standen zu viele Betten darin herum, und es war ärmlich eingerichtet und verwahrlost.


Die Bennys hatten ihre Wirkung verloren – die „Bennys“ oder die „Christmastrees“ oder welche Sorte Speed er diesmal geschluckt hatte. Mir hatte er eine Benny gegeben, und ich – an die trügerischen Effekte einer reichlichen Amphetamin-Dosis nicht gewöhnt – war noch immer wach und noch immer voller Zuneigung zu den Männern, die mich pleite gepokert hatten.

Der Hund grinste sardonisch - Ihm fehlte ein Teil der Unterlippe

Charly briet sich ein Spiegelei und strich einen dicken Klumpen Marmelade obendrauf. Dann schob er sich das Gemisch auf einer Scheibe Toast zwischen die rotbärtigen Kinnbacken. Dabei sah er mit jäh erwachen  dem Interesse nach draußen. Doch war es nicht der Schuppen mit dem Gerümpel seines Baugeschäfts, dem dieses Interesse galt. Es galt auch nicht Louis, Charlys einzigem Arbeiter, obwohl der Bursche auf einem Sack in der Morgensonne schlief. Louis war für Charly nur ein Nigger, und Louis wußte das.

Charlys Aufmerksamkeit war allein auf die Hunde gerichtet, die unter den hohen Sykomoren des weitläufigen Grundstücks am Stadtrand von Houston an ihren klirrenden Ketten zerrten, wenn ihnen ein Huhn zu nahe kam. Es waren gedrungene Tiere mit der breiten Brust der Dogge und den schmalen Flanken des Terriers – 15 „American Pit Bull Terrier“ an langen Ketten, die den Tieren noch zu kurz waren. Der Auslauf jedes Hundes war so bemessen, daß er den des nächsten nicht schnitt – sie hätten sich sonst zerfleischt.

Charly sah zu „Little Dude“ hinüber und ich zu Charly, aber dessen Gesicht war grau und mürrisch. Little Dude war eine schwarze Inzucht mit krummen Vorderbeinen – und sein Hundegesicht eine einzige Wunde, die sich unter bläulich weißem Schorf zu schließen begann. Kurz vor Morgengrauen des vergangenen Sonntags hatte Little Dude einem anderen Hund irgendwo in Oklahoma in einer blutigen 112-Minuten-Schlacht die Courage aus dem Leib gebissen. Und weil er in diesem Gefecht – von dem nur die 400 Menschen wußten, die ihm in einer verdunkelten Scheune zugesehen hatten – zum Sieger erklärt worden war, hatte Little Dude seinem Herrn 500 Dollar erstritten und einigen Männern, die auf ihn gewettet hatten, noch ein paar hundert Dollar mehr. Doch seitdem fehlte ihm links die Unterlippe, und nun hatte er dieses sardonische Grinsen über dem unfreiwillig gebleckten Reißzahn.


Als Little Dude seinen Herrn hinter dem Küchenfenster sah, begann er ungestüm an seiner Kette zu zerren. Doch die Kette riß Little Dudes Sprünge, die von einer 20-Kilo-Muskelmassierung angetrieben wurden, immer wieder zurück. Der Hund warf den Kopf hoch und jaulte. Er preßte seine Kehle so lange gegen das breite Lederhalsband, bis er nur noch japsen konnte. Schließlich trommelte er mit seinen krummen Vorderbeinen ein clownisches Schlagzeugsolo auf den Waldboden. Da war kein Zweifel möglich: Little Dude liebte seinen Herrn.


Doch Charly lächelte nicht. Er hatte das verschlossene Gesicht eines 29jährigen Mannes, der nie ein Kind gewesen war und der in langen Pokernächten durch die Erregungen des Spiels, durch Bier und Marihuana einer frühen Vergreisung zustrebte. Er lächelte nicht, aber seine grauen Augen mit den starren Pupillen ließen von Little Dude nicht ab.


Charlys Vater, drogensüchtig, aber zäh, hatte die Fünfzig längst hinter sich gehabt, als er seinen Sohn zeugte. Diesem Mann verdankte Charly kaum mehr als sein Leben. Den Unterhalt dafür mußte sich der Sohn beizeiten selber verdienen. So war er über die Grundschule nicht hinausgekommen.


Charly betrieb sein Handwerk mit der Gerissenheit des Spielers. Er gab nur ein Angebot ab, wenn der Wettbewerb auf drei gewisse Baufirmen beschränkt war. Derin unter diesen dreien war Charly, obzwar ein Beutelschneider, der billigste Bieter. Diese drei Firmen hatten im Branchentelefonbuch von Hauston die größten Anzeigen. Doch hinter ihnen stand nur ein Inserent – Charly. Und so waren es die vielen Telefone, jedes mit einer anderen Nummer, durch die Charlys versteckte Pokerbude im Wald von Hauston zum Sitz eines Kartells avancierte.


In einem Wohnviertel der unteren Mittelklasse bewohnte Charlv ein Haus, das innen und außen wirklich wie ein Wohnhaus aussah, sieht man davon ab, daß der „livingroom“ von einem verglasten Schrank voller Jagdgewehre und Maschinenpistolen beherrscht wurde. Er fuhr einen Cadillac. Und er trug einen Hut aus Biberpelz, eine breitkrempige Emphase _ texaniseher Männlichkeit.
„Leg den Hut in die Hutschachtel“, sagt er, wenn er nach Hause kommt, zu seiner gleichaltrigen Frau Dolly, die ihn auch nach 40 Pokerstunden nicht fragt, wieviel er verloren hat. Statt dessen lächelt sie ihn mit ihren immer schläfrigen, hellen Augen an und massiert ihm wortlos die Nackenmuskeln.


Diesmal tat sie es in Charlys Shop. Sie war gekommen, den Mann abzuholen, mit dem sie alles verband: eine gemeinsame Arme-Leute-Kindheit, zwölf Jahre Ehe an der Grenze des Gesetzes und die gemeinsame Leidenschaft für den – „dogfight“ – den blutigen Kampf zwischen den PitBull Terriern.


Mir schien der Augenblick gekommen, eine Frage zu wiederholen, die ich schon oft gefragt hatte: „Charly, wann nimmst du uns zu einem Dogfight mit?“ „J ee, Ben, sie haben mir noch keinen Tip nich gegeben, wo das nächste damn‘ motherfuckin‘ Match angeht.“


Da stand ich nun mit meiner Vrierzigstundenwachheit, die mir wie mit Paukenschlägen gegen die Schläfen klopfte. Ich hatte geglaubt, ich hätte mir in 40 Stunden ungesetzlichen Glücksspiels die Vertrauenswürdigkeit erpokert, die ein „fancier“ genießt, ein Liebhaber des ungesetzlichen Dogfights. Wie sollte ich beschreiben, wie sollte der amerikanische Fotograf Bill Strode fotografieren, was wir nicht zu sehen bekamen?


Charly und Dolly gingen. Die anderen Männer hatten sich auf die Betten geworfen, die in abseitigen Verschlägen des Shops mit dem Schweiß durchreisender Dogfighter getränkt waren. Denn Dogfighter waren sie alle, meine Pokerkumpane – Männer, die Tausende von Meilen in rostenden Limousinen oder blitzenden Trailern durch die Vereinigten Staaten reisen, um mit ihrem Hund in einer Samstagsnacht ins „pit“ zu steigen – in ein fünf mal fünf Meter großes Geviert kniehoher Holzplanken, das für diese Nacht in einer Scheune, im Hinterzimmer einer Kneipe oder unter einem Zeltdach in der Wildnis errichtet worden war.

Ein Verbrechen, das nur sehr selten seinen Richter findet


 Diese Männer sind einem anderen „Saturday Night Fever“ verfallen, einem Fieber der Wett- und vielleicht auch der Blutlust, für dessen Kitzel sie den Vorwurf der Grausamkeit und der Tierquälerei hinnehmen und die Verfolgung durch Polizei und Gesetz. In ihren heimlichen Arenen lassen sie ihren Hund, von dem sie sagen, daß sie ihn lieben, auf das Tier eines anderen Dogfighters los – für einen Kampfpreis von manchmal100 und manchmal 5000 Dollar. Oft dauert es zwei Stunden, ehe die Beißerei entschieden ist – eine blutige, bedrohlich stumme und bestürzend ausdauernde Auseinandersetzung zwischen Kreaturen, deren „gameness“ Gottes Wille wohl nicht war, denn dieser Kampfgeist ist das Ergebnis menschlicher Züchtung.


Meine Pokerfreunde nennen den Dogfight ihren „Sport“. Gegen die „Humane Society“ und die anderen amerikanischen Tierschutz-Organisationen verteidigen sie sich mit dem Argument, daß sie nur Hunde gleichen Geschlechts und gleichen Gewichts miteinander kämpfen ließen, und daß der Pit Bull Terrier, ein Abkömmling des englischen Staffordshire Terrier, den Kampf suche, weil er für den Kampf gezüchtet worden sei. Und: Ohne den Dogfight gebe es diesen tapferen Hund nicht.


Es ist das Argument der. Stierkampf-Liebhaber für den Tod in der Corrida – Hemingways Argument. Doch die Dogfighter – überwiegend Angehörige der untersten Gesellschaftsklasse in den USA: Weiße ohne Schulbildung, Farbige ohne Bürgersinn - vermögen die Anmaßung kaum zu erkennen, die dieses Argument in sich birgt.


In Kalifornien können Dogfighter und die Promoter einer „convention“ – eines nächtlichen Turniers mit mehreren Einzelkämpfen – mit bis zu einem Jahr und einem Tag Freiheitsentzug und 50 000 Dollar Geldbuße bestraft werden, denn dort gilt Dogfight als Verbrechen. In Colorado, Wyoming, Utah, New Mexico und Texas riskieren Promoter, Fighter und Zuschauer bis zu 1000 Dollar und einem Jahr Gefängnis - dort ist das Spektakel nur ein Vergehen.


Seit 1976 verbietet ein Bundesgesetz, Hunde zu Kampfzwecken über die inneramerikanischen Staatsgrenzen zu befördern. Seitdem ist die Verfolgung der Dogfighter auch Sache des FBI. Doch ließen Polizei und Gerichte in der Anwendung der Gesetze bislang... – nur wenig Eifer erkennen. Im Süden der USA fühlen die Richter noch zu sehr mit den Leidenschaften ihrer Landsleute. Dazu gehören die Dogfights, seit britische Kolonisten den „Sport“ im 18. Jahrhundert aus ihrer Heimat mitgebr.acht haben. Die Richter verhängen selten mehr als die Mindeststrafe. Und mancher County Sheriff ist selbst ein Fancier.
Die Humane Society schätzt, daß rund 5000 Amerikaner Dogfighter oder Promoter oder Züchter von Kampfhunden sind. Diese Leute frönen ihrer Passion nicht nur in der Wüste von Arizona, wo sie die Bedrohung durch das Gesetz leichten Herzens kalkulieren. Sie treten auch im Slumdschungel der New Yorker Bronx ins Pit. Und Jahr für Jahr sind es ein paar Hundert mehr.


Charly hatte nach unseren ersten Sitzungen in seinem Shop, in denen wir uns wortkarg beschnüffelt und wortreich voreinander verborgen hatten, eines Tages trotz seines Mißtrauens wieder angefangen, seine Hunde für den Kampf zu trainieren. Vorher hatte er mich an langen, tatenlosen Tagen bei Marihuana und Bier in seinem gedehnten Texaner-Tonfall von der Schönheit des Dogfight zu überzeugen versucht. Wir wußten, daß in seinen bestickten Stiefeln ein langes Messer steckte, und hatten gesehen, daß neben der Einfahrt zu seinem Grundstück ein Schild stand: „Durchfahrt verboten! überlebende werden angeklagt!“ Bill Strode und ich hatten ihm gesagt, daß wir Journalisten seien und die Dogfight-Story wollten. Doch Charly argwöhnte noch immer, daß wir Schlimmeres waren – FBI-Agenten etwa. Dennoch hatte er nichts mehr dagegen, wenn wir ihm zusahen, während er seinen Tieren das Beißen beibrachte.
Ein Dogfighter kann ohnehin nur angeklagt werden, wenn er in flagranti erwischt wird – während er mit seinem Hund im Pit steht und ihn auf den Hund des Gegners hetzt.


Brutales Training, damit Hunde eine scharfe Waffe werden


An jenem übernächtigten Mittwochmorgen war es Joseph, Charlys Partner im Pit und auf dem Bau, der das Training übernahm. Joseph war ein muskulöser Mann und auf beiden Armen bilderreich tätowiert. Einst hatte er Faustkämpfe für Rummelplatzbörsen ausgetragen - Kämpfe mit der nackten Faust, und seine Gegner hatten ihm Lücken ins Gebiß geschlagen, und die Zuschauer hatten auf ihn gewettet.


Joseph „arbeitete“ eine schwarze Hündin an der „catmill“. Die Catmill, auch „Jenny“ genannt, ist ein Riesenrad ohne Felge, dessen drehbare Achse so in die Erde gerammt wird, daß sich seine fünf Meter langen Speichen in Hüfthohe eines Mannes und parallel zum Erdboden drehen können. Joseph band die Hündin mit einer Lederleine an das Ende einer Speiche. Die Hündin sollte die Catmill wie ein Zirkuspferd im Kreise ziehen, ein Gewicht, das vielfach schwerer war als sie selbst. So sollte ihre Muskulatur gehärtet und ihre Ausdauer gefestigt werden. Um sie in den Galeerenlauf zu locken, band Joseph einen lebenden Hahn an das nächste Speicherende.

Mit konspirativen Tricks holt der Promoter die Fans in die Arena


Die Hündin riß Augen und Schnauze auf und rannte augenblicklich los. Sie zerrte die Catmill mit einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern über die runde, rote Sandpiste. Der Hahn versuchte, auf diesem Karussell zu stehen. Es gelang ihm anfangs, und er entlockte Joseph ein respektvolles Schnalzen. Der Hahn flatterte, er taumelte, und schließlich riß ihn der Fahrtwind von den Füßen. Mit einem Bein in die Schnur geknotet, die ihn an die Aluminiumstange band, hing er kopfüber herab und flatterte nicht mehr. Im „keep“, in den vier Trainingswochen vor der nächsten Hundeschlacht, muß der Hund Tag für Tag bis zu acht Stunden die Catmill ziehen.


Die Dogfighter haben kein Unrechtsbewußtsein. Ihr „Sport“ war bis zum Jahre 1860 in allen Bundesstaaten der USA erlaubt und in einigen noch Jahrzehnte länger. Außerdem geht es ihnen nicht um Profit. Unter den 5000 verdient höchstens ein halbes Dutzend Züchter mit dem Verkauf von Welpen seinen Lebensunterhalt. Charly gibt mehr Geld für Futter, flüssige Proteine, Medikamente und die Fahrten zu den conventions aus, als er – falls er gewonnen hat –- mit nach Hause bringt.


Den Ansatz einer Erklärung für seine Leidenschaft hatte er mir an einem regengrauen Nachmittag in seinem Shop gegeben. Es war ein schweigsamer Tag, einer jener vielen Tage, an denen wir nicht einmal gepokert, sondern nur gedankenvoll aneinander vorbeigestarrt hatten. Plötzlich sagte er: „Ben, ich sage dir was: Dogfight ist das Pferderennen des kleinen Mannes.“
Und zehn Minuten später: „Glaub mir, ich liebe meine Hunde. Wenn ich im Pit bin, und wenn mein Hund rübergeht (when he goes across), wenn er den Hurensohn angreift, dann ist mir, als ginge ich selber rüber, als peitschte ich selber diesen Sonofabitch.“


Charly ist mit Hunden aufgewachsen, wie jeder Texaner mit Hunden aufgewachsen ist. Und wie nahezu jeder Dogfighter kommt er aus einer bäuerlichen Gesellschaft. Die Sentimentalität einer wohlhabenden Städterin, die ihren Pekinesen überfüttert, ist ihm völlig fremd. Als Kind hat Charly Hunde mit Steinen beworfen. Als Erwachsener streichelt er sie mit seinem Blick.
Er gibt ein hektographiertes Dogfight-Magazin heraus – eine von drei Zeitschriften, die im Dogfight-Untergrund erscheinen. Auflage: 400. Seine Frau Dolly reist zu den Conventions und berichtet über die Kämpfe, und so naiv wie Dolly sind auch ihre Berichte. Aber sie sind nicht naiver als ihre Leser.
Während wir sie lasen, beobachtete Charly uns aus den Augenwinkeln. Er wurde ersichtlich den Verdacht nicht los, daß Bill Strode und ich (mindestens) Agenten der Humane Society waren. Diese Agenten schleichen sich in Dogfighter-Kreise ein. Aber nur selten erfahren sie Ort und Zeit einer Convention früh genug, um der Polizei einen Tip geben zu können.


Denn nur der Promoter weiß, in welchem Schlupfwinkel die Hundeschlacht ausgetragen wird. Den Faneiern, ja selbst den Fightern, die ihm die Hälfte des Kampfpreises Wochen vor der Convention zu treuen Händen anvertrauen müssen, teilt er nur den Standort eines Telefons mit. Es steht in einem billigen Motel oder in einer abgelegenen Tankstelle. Neben diesem Telefon werden sich Faneier und Fighter viele Stunden langweilen oder betrinken, ehe der Promoter sie anruft und ihnen erklärt, wohin sie fahren müssen. Dann bleibt ihnen gerade so viel Zeit, daß sie die Arena ihrer Lüste erreichen, wenn der erste Akt beginnt.
Die logistischen Probleme der Humane Society waren auch die unseren: Bill Strode und ich erfuhren nicht, wo eine Convention stattfand. Wir konnten nicht einfach hinfahren und um Einlaß bitten.


Als ich mich – immer noch an jenem Mittwochmorgen – mit einem Gefühl über die Maßen strapazierter Geduld und jäh erschöpft auf mein Hotelbett warf, ahnte ich nicht, daß die Convention, die wir schließlich erleben sollten, in diesen Tagen, vielleicht an diesem Morgen, in einem Farmhaus vorbereitet wurde, das, einige Meilen vom Städtchen Seven Mile entfernt, die Hügel zwischen Dayton und Cincinnati in Ohio ziert.


Die Vorbereitungen mögen darin bestanden . haben, daß der Promoter die Direktiven ausarbeitete, die Faneier und Fighter erst ins Ungewisse und dann zum Ziel führen sollten. . Es waren acht Begegnungen zwischen Pit Bull Terriern verschiedener Gewichtsklassen angesetzt. Dem Promoter waren die Verträge („articles of agreement“) zugegangen, die von den jeweiligen Gegnern ausgehandelt worden waren. Die Kampfpreise lagen zwischen 200 und 1000 Dollar. Jeweils die Hälfte war dem Promoter bereits von allen K;ontrahenten überwiesen worden. Wichtigster Paragraph war in allen Verträgen das Kampfgewicht der Hunde. überschritt es in der Nacht der Convention die vereinbarte Höhe, hatte der Besitzer eines solchen Hundes die Begegnung kampflos verloren – und damit das an den Promoter vorausbezahlte Geld an seinen Gegner.


Es könnte an diesem Morgen gewesen sein, daß die Hell‘s Angels Murphy und Kean in ihrer ärmlichen Behausung nahe der Chevrolet-Fabrik in Cleveland/Ohio ihren Pit Bull Terrier auf einer lärmenden Tretmühle zu trainieren begannen, denn die jugendlichen Stadtbewohner hatten für eine Catmill keinen Garten. Sie hatten den Hund, als er zwei Jahre alt war, von einem Polizisten gekauft. Mit nunmehr zweieinhalb Jahren war das Tier im richtigen Alter für seinen ersten Fight, aber es war nicht früh genug in Form gebracht worden. Auch war es einige Pfunde schwerer, als der Kontrakt erlaubte, den Murphy und Kean für die Bataille von Seven Mile unterschrieben hatten.


Es könnte an diesem Morgen gewesen sein, daß der Indianer Sonny am Rande der kalifornischen Wüste mit 18 Pit Bull Terriern in die Berge ritt. Auch er hatte keine Catmill, freilich nur, weil er von dieser Art Keep nichts hielt. Der Indianer ritt einen scharfen Trab, damit die Hunde zwischen den Dornbüschen und Salbei- Sträuchern des kargen Gebirges zu äußerster Anstrengung herausgefordert wurden. Denn einer von ihnen sollte in Seven Mile antreten. Allerdings war es nicht Sonny, der mit dem Tier ins Pit steigen würde. Er hatte den Hund einem weißen Dogfighter vermietet, der keinen eigenen besaß.


Es könnte an diesem Morgen gewesen sein, daß Jack Egan nach San Antonio fuhr. Jack war bei Jerome Wilbur als eine Art Hundehütejunge angestellt, und Jerome war bei allen Dogfightern als Züchter von Kampfhunden hoch geachtet. Jack wohnte mit seinem Boß und dessen Frau Jenny unter einem baufälligen Dach außerhalb von San Antonio in Texas zusammen – auf einem abgelegenen, von Pekan-Nußbäumen bewachsenen Grundstück. In der Stadt besorgte er sich – wo, wollte er mir später nicht enthüllen – eine weiße Pille, die wie eine simple Kopfschmerztablette aussah. Denn Jack sorgte sich um seine Freunde Murphy und Kean in Cleveland. Er wußte, daß sie im Pit noch unerfahren waren. Die Tablette sollte ihrem untertrainierten Hund in Seven Mile zum Sieg verhelfen.
Und gewiß auch an diesem Morgen schrieb der ehemalige Hotelpage Ronny Oakland in Dallas, obgleich er nahezu Analphabet war, am letzten Kapitel eines Buches, das eine Huldigung an den Pit Bull Terrier war. Er hatte dieses Buch 1972 begonnen, und weil er sich seinem Ziel und damit der Erfüllung seines Lebens so nahe wußte, lehnte er die Einladung zur Convention in Seven Mile am Telefon ab.
 
Verloren, weil das Fell des gegnerischen Hundes raffiniert vergiftet war

Jeden einzelnen dieser Männer haben Bill Strode und ich besucht, weil wir einen finden wollten, der uns zu einer Convention mitnahm, und Ronny Oakland war der erste. Er war 44, ein schlanker, schöner Mann mit schwarzem Bart, Züchter und Fighter, der, wenn er über die Hunde sprach, mit erhobener Schwurhand dozierte. In seinem Garten lagen 20 Pit Bull Terrier an der Kette, und hier griff mich zum erstenmal einer an, was ungewöhnlich war, denn diese Tiere, die ihresgleichen mit einem Haß bekämpfen, der ihr Schicksal ist, sind Menschen gegenüber von einer ebenso blinden, instinktiven Zuneigung erfüllt.


Ronny las uns zwei Tage lang mit feierlicher Stimme aus dem Manuskript seines Buches vor. So beispielsweise die Geschichte, wie er den höchsten Kampfpreis verlor, den er je riskiert hatte: 5000 Dollar. Er verlor ihn, weil der Hund seines Gegners mit Nikotinsulfat eingerieben worden war, und Ronnys Tier erlahmte, als er dem anderen das Fell durchbiß. Nun wäscht, weil derlei Tricks nicht neu sind, jeder Dogfighter den Hund des Gegners vor dem Kampf sorgfältig mit antiseptischer Seife ab, und anschließend leckt er am gewaschenen Fell, um den Geschmack zu prüfen. Doch Ronnys Gegner hatte das Gift mit einem Silikon-Film überzogen, den die Seife nicht abwaschen konnte und die Zunge nicht schmeckte. Seitdem setzt Ronny seiner Lauge hochprozentigen Alkohol zu.


Oder die Geschichte, wie Ronny einen Fight gewann, den er schon verloren wähnte. Als er am Ort der Convention eintraf, hatte er,. noch sieben Dollar und einen halben Tank voll Sprit. Er durfte den Kampf und damit den Preis nicht verlieren, andernfalls hätte er nicht mehr nach Hause fahren können. Doch in diesem Kampf brach sich Ronnys Hund am eigenen Biß erst den Ober- und dann auch den Unterkiefer. Nahezu waffenlos gewann er ihn nach 125 Minuten dennoch, weil er beim „scratch“ noch angriff, während der andere Hund den Angriff verweigerte.


Der Scratch - die Attacke quer durchs Pit - ist eine Prüfung, die den Tieren vom Schiedsrichter auferlegt wird, wenn sie sich, für den Bruchteil einer Sekunde, voneinander abwenden. Der Hund, der, inzwischen schwer blessiert, mit blutender Nase, zerrissenen Lefzen und gebrochenen Gliedern, dem Angriffssignal nicht mehr folgt, wird in seiner Ecke vom Schiedsrichter ausgezählt und hat den Kampf verloren.
„Meine Hunde“, prahlte Ronny Oakland, „sterben mit erhobenen, wedelnden Schwänzen.“

Der Indianer, den ein Dichter auf den Dogfight brachte


Aber natürlich hat auch er in seiner 25jährigen Dogfighter-Karriere die Schwänze seiner Hunde hängen sehen - am Ende einer verlorenen Bataille und an der Schwelle einer Herzattacke. Solche Hunde hat er erschossen ~ und vergessen. Mit den Verlierern unter ihren Hunden töten die Dogfighter - Verlierer in der menschlichen Gesellschaft - peinliche Erinnerungen. Sie haben ihre eigene Identität aufgegeben, um sie in ihren Hunden wiederzufinden, jedoch nur in den Siegern. Sie verfolgen die Stammbäume ihrer Tiere bis in die sechste Generation zurück - während sie kaum ihre eigenen Großeltern kennen.


Ronny Oakland gehört zu den Dogfightern, die für ihre Passion im Gefängnis gebü.t haben. Selbst wenn er zur Convention nach Seven Mile gefahren wäre, hätte er, so sagte er uns, Bill Strode und mich nicht mitgenommen. Aber auch der Indianer Sonny war nicht bereit, uns zu helfen. Er wollte uns nicht einmal seine Hunde zeigen.


Wir luden ihn und seine weiße Freundin, die sich aus Dogfight weniger macht als aus Sonny, ins Hilton Riviera von Palm Springs zum Dinner ein. Und so lernte ich den Ideologen unter den Dogfightern kennen. Ich meine, sie sind alle Ideologen, das müssen sie sein, um sich vor der Gesellschaft zu rechtfertigen. Aber Sonny - ein schwerer 38jähriger Mann mit den grünen Augen seines französischen Großvaters - war auf eine Art zum Hundekampf gekommen, die ihn aus der Dogfighter-Gesellschaft heraushob: Vor 20 Jahren hatte er Jack Landans Hunde:Roman „Call of the Wild“ im Gefängnis gelesen, Jack London hatte die blutige Leidenschaft in diesem Indianer geweckt, weil der Dichter selbst von ihr besessen war. Die anderen Dogfighter kannten von Jack London nicht einmal den Namen.


„Ein Dogfighter“, sagte Sonny, ;,hat heute den gesellschaftlichen Rang eines Mädchenschänders. In den alten Tagen hatte er Prestige.“
„Sonny, was macht einen Mann zum Dogfighter?“
„Das wirst du verstehen, wenn du einen Kampf siehst, falls dein Herz stark genug ist. Hör mir zu: Du fährst 1000 Meilen mit deinem Hund zur Convention. Du fragst dich, ob du ihn gut in Form gebracht hast. Hättest du ihm nicht kräftigere Kost geben sollen? Du erreichst das Motel. Jeder kennt dich als großen Fighter: ein Raunen des Respekts. Du fragst: Habt ihr den anderen Hund gesehen? Ist er scharf? Ist er schnell? Ist er game? Du wartest Stunden auf deinen Kampf. Du sitzt nicht neben deinem Hund, du sitzt ihm gegenüber. Du kannst ihn, er kann dich sehen. Das gibt ihm Vertrauen. Er ist vielleicht ein Brusthund - es ist seine Spezialität, den anderen an der Brust zu erledigen. Und dann, im Kampf, faßt er den anderen doch am Ohr. Jetzt darfst du ihn nicht ermutigen. Dein Hund darf die Kraft seiner Bisse nicht verschwenden. Warte, bis er den anderen an der Brust hat. Dann ermutige ihn! Ich sage dir, Ben, der Moment, in dem du dich beweisen mußt, ist, wenn der Schiedsrichter ruft: ,Wendet eure Hunde!‘ Und: ,Laßt eure Hunde los!‘ Dann bist du ein Teil von deinem Hund. Und die Leute haben hoch auf ihn gewettet. Dann spürst du, daß du lebst!


“ Im Diningroom des Hilton-Riviera spielte eine Band. Sehr feine, sehr alte Paare tanzten zur Dinnermusik Sie waren teuer angezogen: Zelebritäten der kalifornischen Gesellschaft. Sie ahnten nicht, daß sich auch die Rothaut an unserem Tisch die Achtung erworben hatte, ohne die ein Mann nicht leben kann. Einer von jenen hätte Sonny mit seinen vier Jahren Missionsschule nicht werden können. Aber ein in seinen Kreisen berühmter Dogfighter konnte er werden.
Doch Sonny seufzte: „Es gibt nicht mehr viele gute Kämpfe. Heute siehst du viele schwache Menschen im Pit, Arschlöcher. Aber die Hunde, Ben, an die kannst du glauben.“


Dann sagte Sonny, wen er mit den „schwachen Menschen“ meinte. Einer war der, den wir anderntags in San Antonio besuchen wollten: „Jack Egan ist ein Niemand. Er ist trotz seiner weißen Haut nur Jerome Wilburs Nigger.“
Aber auch die Hell‘s Angels Murphy und Kean gehörten, obwohl Sanny sie gar nicht kannte, in diese Kategorie: „Am schlimmsten“, sagte er, „sind diese motherfuckin‘ Motorradtypen!“


Es war gar nicht Jack Egan, dessentwegen wir nach San Antonio flogen, sondern dessen Boß Jerome Wilbur, der mit seinen 64 Jahren noch der Zuhälter seiner 38jährigen Frau Jenny und ein „con artist“ war, ein Schwindler mit kreativen Gaben. Doch als wir in das Dunkel des Hauses traten, in dem ein Museum des Dogfights verstaubte, erfuhren wir von J ack Egan, daß sein Boß am Morgen dieses Tages einen Herzinfarkt erlitten hatte und im Krankenhaus lag.
So folgten wir Jeromes „Nigger“ über das großzügige Gelände der Züchterei, auf dem 30 Hunde ihrem blutigen Lebensziel entgegenwuchsen. Auch Jack Egan, ein kräftiger, blonder Junge, war ein Philosoph. Wir sprachen über den Grausamkeitsvorwurf der Humane Society.
„Bullshit!“ sagte Jack. „Grausam ist einer, der seinen Hund für weniger als 500 Dollar kämpfen läßt.“


Dieser Junge erschloß uns die Convention in Seven Mile. Weil sein Boß krank war, konnte Jack nicht hinfahren. Aber die Doping-Tablette für den Hund seiner Freunde mußte hin. Als wir ihn fragten, ob er mit uns nach Ohio fliegen werde – denn inzwischen hatten auch wir gehört, daß irgendwo in Ohio eine Convention stattfinde – antwortete er: „Nein. Fliegt ohne mich. Ich rufe meine Freunde an. Mit ihnen kommt ihr in die Convention rein. Ihr trefft sie Samstag morgen in der kleinen Town Seven Mile im ,H and H‘-Motel. Gebt ihnen die Pille. Seid früh da. Sie brauchen sie morgens."


Wir waren früh da.
Das „H and H“-Motel war eine Zehn-Dollar-Herberge und gehörte einer alten Dame, die das Geschehen vor ihren acht Zimmertüren argwöhnisch aus ihrem Büro beobachtete. Murphy und Kean und Keans Freundin Lana, ein blonder Teenager in prallen Jeans, kamen wenige Minuten nach uns in einem Kleinlaster. Ihr Hund war ein schwarzer Rüde und wog 46 Pfund, ein Pfund zuviel. Murphy war ein dünnbeiniger Riese mit einem kantigen Gesicht und dicken Brillengläsern, der kein Wort zuviel sagte. Er trug sein langes Haar zum Zopf gebunden. Kean war kleiner, zugänglicher, Langhaar offen. Die beiden waren über uns im Bilde, und wir gaben ihnen die Tablette. Sie mieteten nur ein Zimmer.

Nie habe ich mehr Tapferkeit beobachtet als an diesen Hunden
 
Murphy drehte eine einzöllige Schraube in den Türrahmen vor der Dusche. Daran hängte er die Baumwollwaage auf, an der die Dogfighter ihre Hunde wiegen. Dann hängte er den Hund mit seinem Lederhalsband an die Waage – wie einen Baumwollsack Anschließend begann er unverzüglich, mit dem Tier in der Landschaft herumzurennen, damit es an Gewicht verliere. Die alte Dame kam aus ihrem Büro und streichelte den Hund. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, worum es hier ging.


Wir warteten den ganzen Tag. Abends begann es zu regnen. Kurz vor acht kam statt eines Anrufs ein blonder Bursche im Jeep, um die Hell‘s Angels zu holen. Als er Bill Strode und mich sah, wurde er mißtrauisch, Murphy sagte, wir seien okay, aber das beruhigte den Mann nicht. Wir beriefen uns auf alle Dogfighter, die wir kannten. Doch der Mann hatte Bills Kameras gesehen. Bill versuchte es mit einer Lüge: Er wolle für Charlys Dogfight-Magazin ein paar Fotos schießen. Immer noch zweifelnd fuhr der Mann mit Murphy, Kean und Lana los. Ich dachte, ich würde ihn nie wiedersehen. Doch wenig später kam ein anderer und holte uns im selben Jeep.


Wir fuhren etwa zehn Kilometer durch die verregnete Dunkelheit. Als der Fahrer von der Straße abbog, schaltete er die Scheinwerfer aus. Wir fuhren auf ein Grundstück, das von den schwarzen Umrissen zweier verdunkelter Gebäude beherrscht wurde, einem Wahnhaus und einer Scheune. Auf der Wiese parkten, Stoßstange an Stoßstange, 100 Fahrzeuge, und dazwischen strebten schattenhaft die letzten Faneier oder Fighter dem Scheunentor zu. Unsere größte Sorge war, daß Charly oder Dolly aus Hauston unter ihnen sein und daß sie Bill Strodes Lüge entlarven würden.


Die Wachposten hielten uns nicht auf. In der Scheune nahm uns ein Bursche je 40 Dollar ab – den Profit des Promoters. Das Pit aus Furnierholz war blutig befleckt und von einer nackten Neonröhre beleuchtet. Etwa 150 Menschen umringten es, unter ihnen einige Frauen und einige Schwarze. Es war eine derbe Gesellschaft in Parkas, Lumberjacks oder Wolljacken, und erst später bemerkte ich, daß einige der Männer bewaffnet waren. Charly und Dolly waren nicht gekommen.
Um acht wurden die Scheunentore geschlossen. Von nun an durfte niemand mehr hinaus, denn er hätte die Polizei holen können.


Und so haben wir alle acht Kämpfe gesehen. Die Convention dauerte bis 4.30 Uhr morgens. Zwischendurch gab es Kaffee und eine heiße Suppe. Manche tranken Bier aus mitgebrachten Dosen. Nach dem ersten Kampf mußte ich an den Indianer Sonny denken: „Wenn dein Herz stark genug ist ... „ Es war nicht stark genug.
Der erste Kampf dauerte nur 50 Minuten. Als er entschieden war, schrie der Verlierer: „Ich geh los und knall den Hurensohn ab!“ „Tu‘s nich!“ rief jemand. „Ich nehm ‚en.“ „Dann nimm den Bastard.“


Nie in meinem Leben. habe .ich mehr Tapferkeit, mehr Zähigkeit, mehr Leidensfähigkeit beobachtet als an diesen kleinen Tieren. Ich sah einen Hund, der, als er zum Scratch befohlen wurde, auf seinen Vorderfü.en nicht mehr laufen konnte. Dieser Hund griff den Gegner kriechend an. Ich beherrschte meine Miene, aber ich spürte plötzlich, daß ich die Dogfighter haßte.
Neben mir lachte der Mann, der uns hergefahren hatte: „Nun weißt du, was Gameness ist!“
Ich hatte ihm erzählt, daß dies meine erste Convention war. Also beteuerte er mir, was dem Außenseiter jeder Dogfighter versichert: „In den 1000 Kämpfen, die ich in meinem Leben gesehen habe, starben vielleicht zwei Hunde im Pit.“
Er sagte nicht, daß viele Hunde nach dem Kampf verrecken, am Schock, an Lungenkollaps, an Herzversagen, an Wundinfektion, an inneren Blutungen oder an der Kugel des Besitzers, wenn sie verloren haben.


Murphy und Kean hatten sorgenvolle Gesichter. Sie hatten geglaubt, daß auch der gegnerische Hund seinen ersten Kampf vor sich hatte. Nun wußten sie, daß er ein „master champion“ war, ein fünffacher Sieger.

Manchmal hörte ich es knirschen – es war ein Zahn oder ein Knochen

Es war Murphy, der den Hund der Hell‘s Angels als Fighter ins Pit führte. Sein Gesicht war fast ausdruckslos vor unterdrückter Spannung. Er packte seinen Hund mit beiden Fäusten am Nackenfell, nahm ihn zwischen die Beine und richtete die Schnauze des Tieres in die Ecke des Pits, die „ihre Ecke“ war. Ebenso verhielt sich der Gegner in der gegenüberliegenden Ecke mit seinem Meisterhund. Es war ein breithüftiger, fetter Mann mit Halbglatze, und sein Hund war in der Dogfightersprache ein „Roter“, denn er hatte ein braunes Fell. Noch waren die Tiere ahnungslos, noch hatten sie einander nicht gesehen. über dem Rand des Pits sahen sie nur menschliche Gesichter, neugierige, lüsterne, gleichgültige, auch beklommene. Die Hunde wedelten mit den Schwänzen.


Dann befahl der Schiedsrichter: „Wendet eure Hunde!“ Die Männer drehten sich und ihre Tiere um. Und als die beiden Bull Terrier einander zum erstenmal in ihrem Leben sahen, überw.ltigte sie die Angriffslust. Die Männer mußten ihre ganze Kraft aufbieten, um die Tiere bis zum nächsten Kommando festzuhalten: „Laßt eure Hunde los!“


Sie stürmten aufeinander los. Sie bellten nicht. Es gab kein Abschätzen des Gegners, kein Umeinanderkreisen, kein Schnüffeln, keine Drohgebärden, nicht einmal ein Knurren. Der Angriff wurde vollkommen stumm geführt und völlig besinnungslos. Die Tiere sprangen aneinander hoch und bissen hitzig ins Leere. Aber der Hund der Hell‘s Angels wurde geworfen, und dann spürte er die Zähne des Gegners wie eine Eisenfalle an seinem rechten Hinterbein. Murphys Schwarzer sah nicht gut aus. Er war ein Nasenhund. Doch die Nase des Roten kräuselte sich, unerreichbar für den Schwarzen, über dessen Hinterbein. Die Wetten standen gegen Murphys Hund.
„100 Dollar auf den Roten!“
„200 zu 100 auf den Roten!“
Jeder wußte inzwischen, daß der Rote ein Masterchampion war. Die Bieter fanden keine Wettpartner. Nur Kean nahm in blindem Trotz eine Wette an: „Covered!“
Der Kampf dauerte eineinhalb Stunden. Nach zehn Minuten hatten sich die Rachen beider Tiere mit Blut gefüllt. Murphy kniete zungenschnalzend neben seinem Hund. Der Dicke stand lässig im Pit und rauchte eine Zigarette. Manchmal knurrten die Hunde. Ich härte das Scharren ihrer Krallen. Es roch nach Speichel und Blut. Und manchmal härte ich es knirschen oder knacken, dann brach ein Zahn oder ein Knochen.


„Beiß ‚em, Sohn“, schrie Murphy. „Guter Junge! Kill ‚em!“
Nach 70 Minuten hatte Murphys Hund den Roten an der Nase.
„Halt sie fest, die Nase!“ schrie Murphy. „Schüttle se!“
Er hielt sie fest, er schüttelte dem Roten die Seele aus dem Leib. Plötzlich schrie der Rote. Er schrie einen langen, winselnden Klagelaut. Einige Männer lachten, einer äffte den Schrei nach. Am Ende verweigerte der Rote den Scratch, und der Schiedsrichter zählte ihn aus. Murphys Hund, er hechelte mit blutiger Zunge, hatte den Kampf gewonnen.


„Der Rote ist zu verkaufen!“ rief der Dicke. Niemand antwortete.
Nach dem Kampf fotografierte Lana die Hell‘s Angels mit ihrem Hund. Murphy und Kean lächelten mit ernsten Augen. Der Hund pinkelte an die Scheunenwand. In seinem Urin war Blut.