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Begegnung der phantastischen Art
Peter-Matthias Gaede

Documenta 9

Magische Nächte, turbulente Tage in Kassel. Der Mann überm Mond, Jonathan Borofskys »Man Walking to the sky«, ist zur Symbolfigur des neunten und immer noch wichtigsten Gipfeltreffens der zeitgenössischen Kunst geworden. Was aber sucht Frau Krause am Fuße von Borofsky? Was macht die documenta aus einer Stadt wie Kassel, was macht eine Stadt wie Kassel mit der documenta?

Eines Tages hatte „dieser Mann mit dem Hut“ beim Ehepaar Krause im Hinterhof gestanden und sieben Eichen gepflanzt. Der Mann hieß Bu . . . hieß Beuys, erinnern sich die Krauses. Und dass sie damals – „das Fernsehen war auch da“ – hofften , aus dem festgefahrenen Trümmerschutt unter ihrem Balkon werde „ein kleines Paradies“ erwachsen. Wenigstens eine geordnete Grünanlage.

„Sind aber nicht angegangen“, sagt Frau Krause, und blickt ein bisschen vorwurfsvoll auf die Pflanzung herab. Bäume würde sie allenfalls drei dieser Strünke dort unten nennen, die bedrängt werden von einem Schilderwald mit den Auto-Kennzeichen der Nachbarn; eine kraftlose Wucherung im Parkplatz, eingekesselt von blassen Häuserfronten. „Steinzeit“, resümiert Frau Krause, die das öde Karree nunmehr ein halbes Menschenleben beobachtet, „alles wüst“.

Zehn Jahre nach dem ersten Spatenstich des Joseph Beuys für eine „Verwaldung“ Kassels bei der documenta 7 steht die Versöhnung der Krauses mit „dieser modernen Kunst“ also noch aus. Ihr Vertrauen in den Nutzwert der befremdlichen Artisten, das gerade mit ein paar Eichen hätte wachsen können, ist verdorrt. Dabei sind sie dem merkwürdigen Gärtner zunächst nicht undankbar gewesen, als er den Weg aus dem Museum Fridericianum über die menschenfeindliche Verkehrsschneise Kurt-Schumacher Straße ausgerechnet zu ihnen „Am Pferdemarkt“ gefunden hatte; in ein Rentnerviertel, das seit dem Zweiten Weltkrieg im Windschatten der Kasseler Regungen und Bewegungen liegt. Da gingen kurz ein paar Scheinwerfer an; da kam die documenta völlig ungefährlich frei Haus.

Aber Beuys erschien halt nie mehr zum Gießen.

Nun steht er, als Wachsfigur, in einer Auslage vom Kaufhaus Leffers. Und wenn auch die Krauses sauer sind auf ihn: Er hat doch Wurzeln geschlagen in dieser Stadt; vor dem Polizeipräsidium und der „Hessisch/ Niedersächsischen Allgemeinen“, auf den Ausfallstraßen nach Osten und Süden, neben dem Genossenschaftlichen Wohnungsbau, in vielen Köpfen. Die „Aktion 7000 Eichen“ hat den Städtern lauter kleine, heimliche Wachstumsfreuden beschert. Oder Ziele für kleine, gemeine Säureattentate.

Wie 7000 Spiegel für die 1725 Tagen zwischen documenta und documenta sieht sie der Galerist Siegfried Sander, der geholfen hat, sie aufzustellen. „Wir machen nur sichtbar, was hier existiert“, sagt er. Spannend ist für ihn, den Wald, und dazu - nach des Künstlers Wunsch - 7000 die Bäume flankierende Basaltbrokken, mitten in eine Kommune gepflanzt zu haben, deren Bürger, so geht der Verdacht, bei einer Abstimmung zwischen documenta und Bundesgartenschau mit Zweidrittelmehrheit für die Blumenrabatten votieren würden.

Sander verfolgt seither, was passiert, wenn Bäume nicht einfach vom Gartenamt kommen, sondern im Kunstverdacht stehen. Wenn die Steine daneben, „für 150 Mark pro Stück auch erhältlich bei der Nordhessischen Basalt-Union“, die Weihe höherer Bedeutung bekommen. Quälende Auseinandersetzungen mit der städtischen Grünpflege hat er in Erinnerung. Auch Entführungsaktionen in Tateinheit mit erhoffter Wertsteigerung bei Verkauf, nächtliche Ausgrabungen am Hallenbad Ost, Polizeieinsätze, Fälschungen. Und den öffentlichen Aufschrei, als ein Motorradfahrer mit dem Beuys-Erbe kollidierte. Aber auch Schüler, sie sich zur Anlage von Feuchtbiotopen, Kneipiers, die sich zu Biergärten inspirieren ließen. Schließlich jenen Berliner Künstler, der - l‘art contre l‘art - Bäumchen Nummer 7000 verschleppte und in kleine Stükke zerhackte.

Seit Beuys hat die Stadt also 6999 kleine Meßstationen für das Mensch-Kunst-Verhältnis auf der Straße. Und nicht nur Sander meint, dass diese Sonden im Bewusstsein der Kasseler Bürger allmählich funken: Der Mann mit den Bäumen ist eingemeindet. Der durfte das.
Der schadet nicht. Aber dann, der Juni ...

Plötzlich wieder diese Schweizer Galeristen , die so aussehen, als seien sie mit dem Learjet auf Kassel-Calden niedergegangen. Das Selbstbewusstsein dieser Fremden. Die bleichen, wissenden Gesichter auf dem Friedrichsplatz. Die Geheimnisträger und Erleuchteten. Die Frauen mit den spitzen Brillen und den spitzen Mündern. Frauen, die Pfeife rauchen. Die Designerglatzen. Hermaphroditen mit sanftvioletten Flügeln. Japaner. Ein Hund namens Hitler. Das viele Schwarz.

Die documenta 9.

Plötzlich - Klanginstallation von Max Neuhaus - ein irritierendes Summen beim Aufstieg zur Regressabteilung im ersten Stock der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Bei Betten-Kranefuß hockt nachts ein Pianist im Schaufenster. In der Tiefgarage unterm Theatervorplatz redet eine Autoruine die „Metasprache des Bösen“, im Fußgängertunnel hinterm Rathaus „fasten Pflanzen für den Regenwald“. Und der Wartesaal im Hauptbahnhof ist mit „90 Prozent Kunst, 10 Prozent Honig“ verklebt. „Weiß au nit“, seufzt die Schwester von der Bahnhofsmission.

Was ist geschehen, ein Überfall? Einer zum Hingucken, zum Weggucken; zum Mitmachen? Die BMW-Niederlassung karrt gleich die komplette Kollektion „art cars“ heran, bemalt von Warhol bis Rauschenberg. Der Optiker Osterberg annonciert die „offizielle“ Documentabrille, der Coiffeur Kaske fönt zwei Schwäne auf den Kopf eines Modells, der Kaufhof packt Sonntagsmaler neben das Udenhausener Bauernbrot, und die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft verneigt sich mit schräg-gestylten Haltestellen-Schildern vor documenta-Chef Hoet. „Kunst ist ein Denkvirus für den Alltag“, gibt der Sex-Shop „Orion“ den Kasselern bekannt.

Die denken sich ihren Teil. Viele gewiss heimlich, andere halblaut und am liebsten aus der Halbdistanz. Von den 1250 beschirmten Plätzen vor den Gastronomie-Containern ist die documenta wie in einem Stadion zu sehen. Dort spekulieren die Silberlöckchen mit den orthopädischen Schuhen über die Flecken, die im Rasen wohl bleiben werden. Dort beugen sie sich grummernd über das Flugblatt des Koreaners Keun Byung Yook, der darin ankündigt, „120mal Mutter“ schreien zu wollen. Dort sitzt das junge Paar mit dem Kinderwagen und rechnet seinen Nettolohn auf gegen die vermuteten Kosten „für den laufenden Meter“ Metall unter Jonathan Borofskys „Man walking to the sky“. Und bei Sekt und Würstchen gehen in den Köpfen der vier jungen Männer aus der Allgestelltenkultur noch einmal die Zündhölzer unter dem Pavillon des „Atlantis“-Projekts an; „sieht scharf aus“, diese kurz zuvor abgefackelte Hütte.

„Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, wird zur Aggression, zur Wut, zur Enttäuschung“, schreibt ein Redakteur des Kasseler „infotip“. Er ahnt wohl, an welche Emotionen sein Kollege vom Anzeigenblättchen „Extra-Tip“ appelliert, wenn er titelt: „Kunst auf die Deponie“.

„Der Japaner hämmerte gerade eine neue Hütte zurecht, als wir hinzukamen“, wird der Gartenamtsbedienstete dort zitiert. „Ohne Baugenehmigung“ hatte Tadashi Kawamata an seinem Kontrastprogramm zur nahen Schrebergartensiedlung gezimmert. „Die Strafe: Abriss. Müllcontainer.“

Georg Lewandowski, CDU Kassel, gegen Via Lewandowsky, Künstler Berlin: Wie der mit dem i im Auftrag der soldatischen Traditionsverbände den Petitionsausschuss des Hessischen Landtags bemüht, weil er verhindern will, dass der Attentäter mit dem y im Weltkrieg-I-Denkmal am Rosenhang eine „Gebeinkiste und Spruchkammer“ installiert. Oder der Mann vom TÜV, unerbittlich die Statik prüfend im „Unsterblichen Teehaus“ des Attila Richard Lukacs, das sich beim Eintritt als unverschämtes Urinoir erweist. - Tolle Geschichten! Das kommt davon , wenn das documenta-Team den Vorsatz fasst, „eine häßliche Stadt magisch“ zu machen.

Fahren die Großkritiker nach Frankfurt zurück, nachdem sie einen Seitenblick auf die Kasseler Umstände geworfen haben, so finden sie ein altes Gefühl bestätigt: diesen gewissen Kick, Weltkunst der Provinz ausgeliefert zu sehen. Und irgendwann schicken sie ihre Kollegen von der Reiseseite mal wieder nach Norden, die dann die Löwenburg niedlich finden, aber ihren Augen nicht trauen, wenn sie im Schlosshotel einen Roulette-Tisch erwischen und es im „Ecco“ Prosecco gibt.

Ach, Provinz. Kassel ist „anus mundi“. Mit Magistratsmitgliedern, die „gründlich von einem Irrenarzt untersucht“, wenn nicht „außer Landes gejagt“ werden müßten, weil sie einem „abartigen Menschen“ wie Walter De Maria erlaubt haben, seinen vertikalen Erdkilometer im Friedrichsplatz zu versenken. Solche Beschimpfungen sind, im Original, in der Neuen Galerie ausgestellt. Aber die Absender haben eine 7000 oder eine 8000 als Postleitzahl, und sie schicken Zeitungsartikel mit, die auch nicht in Kassel erschienen sind.

Es war einmal eine alte Residenzstadt mitten in Deutschland, in der Freiherr von Knigge eine Zeitlang Hofjunker war und Gustav Mahler Kapellmeister: die wurde im Krieg fast so gründlich zusammengebombt wie Dresden oder Köln. Nur hatte sie keinen so hohen Dom. Es war einmal eine Hauptstadt von „Hessisch- Sibirien“, 30 Kilometer von der Grenze zur DDR. Deren Bürgermeister wollte den Bundestag in der Stadthalle unterbringen. Nur hieß der OB nicht Adenauer. So blieben die Kasseier mit ihren Attraktionen fortan immer ein wenig unter sich: mit den Rembrandts im Schloss und einem Bergpark dahinter, wie er sonst erst wieder in Italien zu finden ist. Mit ihrem kleinen Versailles in der Karlsaue, ihrer Erinnerung an die Brüder Grimm, ihrem Tapetenmuseum und der ältesten systematischen Pflanzensammlung Deutschlands im Ottoneum. Dort, wo Denis Papin seine Dampfmaschine vorgeführt hatte, pflanzten sie eine steinerne Tafel, aber in der Ruine des Karlshospitals von 1720 ließen sie Bäume wachsen, die Ruine des alten Zeughauses mauerten sie zu. Vielleicht einmal brauchbares Gehäuse für eine Hochgarage. Das alte Theater rissen sie ab.

Auch sonst bauten sie gegen das Gedächtnis an. Denn es war einmal eine an Steuern arme Stadt am Rande der Republik , von viel Wald umgeben, die wollte den Anschluss an die modernen Zeiten nicht verlieren. So mischte der Stadtplaner, der 1941 gekommen war, die Gauhauptstadt Kassel zu formen, seine Vorstellungen von Länge mal Leere gleich Größe nach Kriegsende mit den Erneuerungsabsichten der Anti- faschisten. Und es entstand die verkehrsgerechte Stadt. Zwar auch die erste Fußgängerzone des Landes, am Altmarkt aber wurde das „amerikanische Abbiegen“ eingeführt und daraus „die modernste Kreuzung Europas“. Groß-Kassel, geträumt.

Es gab eine Postkarte von der Kreuzung und später einen blauen „U“-Bahn-Würfel als Hinweis vorm Hauptbahnhof, wo 300 Meter Straßenbahnschienen unter die Erde verlegt worden waren. Es gibt auch Postkarten wie „Kassel-Stadtzentrum. Überflug einer Boeing 747“. Oder „Kassel und der Transrapid“. Oder Montagen, in denen Königsstraße, Schloss und Herkules zusammenrücken und aussehen wie Weihnachten in Disneyland.

Aber der U-Bahn-Würfel wurde irgendwann wieder abgebaut, und es blieben die rot-weißen Lampenschirme der Frittenbude. Es blieben die metallverarbeitenden Betriebe und „Pietät Dötenbier“ und das „Kurbad Jungborn“ an der Drahtbrücke. Und aus den fünfziger Jahren das Parkhaus in der „Neuen Fahrt“, der Blumenkiosk mit dem Bullauge und der Schwung in der Treppe des „Parkhotels Hessenland“, das jetzt anders heißt.

Weil in den Siebzigern das Geld zum Abriss fehlte und bis heute das Geld für den großen Wurf, beschleicht Fremde bisweilen das Gefühl, durch ein Open-Air-Museum der deutschen Nachkriegszeit zu wandeln: durch eine rührend unfertige Gemeinde voller Provisorien und Unentschiedenheiten; manchmal auch durch einen architektonischen Ausläufer der DDR, geschminkt mit Alu-Haut und ein bisschen billigem Reklame-Tand.

Aber irgendwann avancierte der Feuilletonchef dieser Stadt zum Chefredakteur, und der Straßenbahnchef übernahm als Oberbürgermeister die Schirmherrschaft für die „Tage schwulen und lesbischen Selbstbewusstseins“. Der Tod bekam ein Museum, und die Gesamthochschule musste wegen des Ansturms der Studenten bald nach einem zweiten Standort suchen. Auf dem Kasseler Plattenlabel „Geile Hölle“ erschienen „Zerstörte Organe“ und „Trümmerratten“, in der Schwerweberei Salzmann, zur „Factory“ mutiert, DJ‘s aus Detroit. Die Waage in der „Engel-Apotheke“ wurde digitalisiert, das Fontänenspiel im Kino „Kaskade“ automatisiert, und im Strumpfhaus Wolff gibt es nur noch eine einzige Fachkraft für das Stopfen von Maschen .

Irgendwann also ist Kassel auf die Wetterkarte des „heute-Journal“ geraten, zu bunt geworden, zu vertrackt und zu normal, um nur noch ein einziges Verhältnis zur documenta zu haben. Nicht mehr nur die alte Furcht vor deren Übergröße, nicht mehr nur Angststarre , nicht nur Euphorie. Im Szeneblatt taucht die Weltkunst, erst nach dem Auftritt eines Rockstars, als „das andere kulturelle Großereignis des Monats“ auf. Jazz in die Konzertmuschel, „Empedokles“ in die alte Reithalle, „Liebe und Eros“ in die Brüderkirche bekommen die Kasseler auch so.

Die documenta und das Kasseler Ego: Die Bauarbeiter stellen wegen der Klanginstallation nicht die Maschinen ab. Der Mann von der Zeitung schreckt nicht davor zurück, seinen Lesern zu erläutern, was die Nahaufnahme einer Vagina neben „Acis und Galathea“ von Tischbein dem Älteren zu suchen hat. Auf der Treppe des Fridericianums erläutert der Wirtschaftsförderer jungen Unternehmern aus Düsseldorf die Vorzüge der Kasseler Industrieareale. Nichts für ungut, Bruder Borofsky, ruft der Priester freundlich über das Gelände und hinauf zu Borofskys „Himmelsstürmer“: Aber unsere Kirchtürme sind höher! Und dann zieht die Fronleichnams-Prozession, mit Bläserchor und Weihrauch, quer durch die Menschenschlange vor dem temporären Tempel der Moderne.

Nicht die einzige Kasseler Kreuzung, die in diesen Tagen spannend ist: Stadtrundgang eins, beginnend bei den acht Geschlechtsteilen des Amerikaners Charles Ray, Fridericianum, 2. Stock, hinten rechts. Das Werk ist noch in Arbeit, die Assistentin schneidet einer der Wachspuppen die Wimpern. Sie liegen auf dem Rücken. Nackt werden sie bleiben, aber später nicht mehr so hilflos , vereint werden sie sein durch die erigierten Verbindungs-Glieder. „Bin alles ich“, sagt der Künstler, um das Wichtige zu erklären.

„An die Kunstwerke gehen wir nicht; nur drumherum“, versichern die Putzfrauen und kichern. Sie wi- sehen auch um „Tür zu“, „keep out“, „Fragile“ und „Kunst, nicht drauf rumlatschen“ herum. Einen Stock tiefer ist ein Malergeselle dabei, das Weiß um Francis Bacons „psychische Obzessionen“ auszubessern. Er achtet genau darauf, dass er nicht an die Bilderrahmen stößt, nachdem er tags zuvor fast ein Glas des Belu-Simion Fainaru, einen - wie‘s im Kurzkatalog steht - „Diskurs über den Sinn von Barrieren“ umgestoßen hätte. Er findet Bacon „ganz gut“.

Nun hinaus in die ganz alltägliche Performance, etwa vom „Cafe Paulus“ mit der Linie 5 zum Einkaufszentrum DEZ, wo die Wahl des „Kasseler Tarzan“ angekündigt ist. Die Kandidaten werden zehn Tage lang in einem Baumhaus in der zentralen Ladenstraße wohnen, „nur mit einem Lendenschurz bekleidet“.

Stadtrundgang zwei , beginnend im Büro von Walter Knierim, Vorsitzender des Arbeitgeber-Verbandes Metall Nordhessen. Herr Knierim hat ein Exponat der documenta 8 als Gartenhäuschen sichergestellt und sitzt an einem hierarchiefeindlichen Designertisch, einem Halbrund mit Ecke, die kein Davor und Dahinter erlaubt. Die Firma Knierim-Nasszellen für Hospitäler, Sanitär-Elemente, hat 200 Beschäftigte. 70 von ihnen hat der Chef bei der documenta 8 über die Schwellenangst gehievt. Er persönlich voraus, erklärend, und mit dem „phantastischen Echo“ noch in den Ohren.

Er plant die Wiederholung. Betriebsausflug vom Industriepark Waldau ins Ottoneum, Erdgeschoss. Dort werden die Knierim-Mitarbeiter vor dem Werk Reinhard Muchas stehen, vielleicht. Mucha hat aus dem Gussstahlwerk Oberkassel die Plakate der Betriebsratswahl 1975 geborgen und sie hinter Glas gehängt. Die Mitarbeiter der Firma Knierim werden auf 34 Gesichter der Liste der IG Metall, Gruppe Arbeiter sehen. Auf Dreher, Fertigputzer, Anhänger und Anreißer, Former.

Stadtrundgang drei, beginnend im Fridericianum, erster Stock; dort, wo ein voller Abfallkorb steht. Ulrich Meister hat der papiernen, zerknüllten Belegschaft dieses Ortes ein Poem geschrieben: „Obwohl sie dicht gedrängt beieinander lagen, waren sie einander leicht, und es war einem, als ob eines dem anderen entgegenkäme bei der Entfaltung seiner verformten Gestalt.“

Von dort führen viele Wege hinaus auf die „mental map“ dieser Stadt. In die Flure und Sprechzimmer und Schreibstuben einer hier ewig siegreichen Sozialdemokratie, mit deren Spitze der Hausmeister der Dorothea-Viehmann-Schule jederzeit in Hassliebe um sein Schwamm-Kontingent kämpfen konnte. Hinaus zu den Futon-Studios und zum Bungee Jumping in Kassel-Bettenhausen, zu „Jutta und Domina“, zur Senioren-Eislaufgemeinschaft, zum Lichtbildervortrag über die Liparischen Inseln und zum unaufhaltsamen Abstieg des KSV Hessen Kassel, seit Sippel zu Eintracht Frankfurt ging. Da, oder dort, wird das Lebensgefühl von 195 000 Menschen geformt. Manche sagen: ihr Komplex. Andere: ihr Phlegma.

Aber „liebe Gäste“, ist im Editorial einer Stadtzeitung zu lesen: „Kassel ist eine schöne Stadt. Hier kann man gut leben. Auch wenn Ihnen die Kasseler was anderes erzählen.“

Stadtrundgang vier, beginnend beim Auffahrunfall auf dem Steinweg, Höhe Mo Edoga. Der „Signalturm der Hoffnung“, das stetig wachsende Treibholzgerüst des Nigerianers mit den gelben Gummihandschuhen, lenkt ab vom fahrenden Verkehr. Zieht Blicke an. Manche kurbeln an dieser Stelle das Fenster herunter, wenn die Ampel auf Rot steht, um „schwarze Sau“ zu schreien oder „Lumumba“.

Edoga, spricht Deutsch: „Wir sind an der Schwelle von der Wissenschaft zur Könnenschaft. Kunst kommt von Können.“
Eine Dame, auf seine eigenwillig drapierten Locken weisend: „Sind Ihre Haare echt?“
Edoga: „Kunst ist geballtes Chaos. Chaotische Schönheit.“
Die Menge, circa 100 Köpfe: stumm.
Ein Mann, sich als Arbeiter ausweisend: „Perfektion gibt‘s nicht.“

Eine zweite Dame, von der Lust, eine Falle zu stellen, gepackt: „Wenn Sie einfach diesen einen Baumstamm da als Kunst ausgeben würden, dann könnten Sie sich die ganze Arbeit doch sparen, oder?“

Edoga (gibt Autogramme): „Nein, die Unendlichkeit als plastisches Ereignis ist der Traum eines jeden Künstlers. Warum hat wohl da Vinci soviel Unvollendetes hinterlassen?“

Ein zweiter Mann: „Ich möchte gern ein Stückchen Holz mitnehmen. Geht das?“

Edoga sucht ihm eines heraus. Ein Rentner macht sich daran, mit seinem Spazierstock das Unterholz des Turmes abzuklopfen; eine Prüfung auf die Echtheit des Materials.

Von Edoga nun diagonal über den Friedrichsplatz. Auf der Königstraße ist aus einem Automaten ein „Reinigungsset für die Beseitigung des Hundekots“ zu ziehen. Die Königstraße herunter, dann links in die Kölnische Straße. Dort denkt Anatol, Meisterschüler von Beuys und 39 Jahre Polizist, über die Gewalt nach. Er hat sich eine Schwermetallhütte mit zwei eisernen Wächtern vor Kassels größte Shopping Mall pflanzen lassen. Gute Arbeit, solide und fest. Und der Künstler hat Malocher-Hände, dazu einen Hut wie ein Zimmermann.

Anatol fertigt Computerbilder, die der Pressesprecher der Kasseler Polizei stapelweise abholt, um sie im Präsidium aufzuhängen. „Denken über die Gewalt.“ Jugendliche fragt Anatol, ob sie sich schon einmal Gedanken gemacht hätten, warum das Netz über dem Baugerüst nebenan ausgerechnet blau sei. Haben sie nicht. „Müsst ihr aber“, sagt Anatol, „nehmt die Welt nicht einfach so hin.“ Sie mögen ihn. Wenn er von der Bildhauerei spricht, sagt er: „Ich kloppe selber Steine.“ Das kommt an. Wenn Kunst nach Arbeit riecht. Wenn die Azubis von der Lehrbaustelle Per Kirkebys „offenes , archaisches Mäanderband“ mauern dürfen . Anatol, so sieht er aus, könnte man von der Arbeitslosenquote in Kassel erzählen, die immer viel höher war und noch ist als in Südhessen, obwohl sie in den letzten Monaten auf zehn Prozent abgesunken ist. „Ich habe hier Volkshochschule“, freut er sich.

Noch einmal zurück zu Edoga, diesmal auf die der Stadt zugewandte Seite: Eine Lehrer führt gerade seine Klasse heran. Er sagt: „Und alles aus Naturmaterialien.“ „Aber die Bänder“, widerspricht ein Schüler, „sind aus Plastik.“

„Beim Besteigen des Kunstwerkes wurde eine ökologische Nachdenklichkeit erzeugt“, schreibt ein ernster Mensch in Edogas Gästebuch.

Stadtrundgang fünf, beginnend an jedem beliebigen Platz der documenta. Es kann die Reisbrei löffelnde, aus der Zeitung vorsingende Diva in Pistelettos „Glücklicher Schildkröte“ sein, im ehemaligen Pelzhaus Pfennig. Der Weg führt früher oder später in Kassels Herz. An den Ort, an dem die Stadt und ihre documenta in einem schmerzensreichen Prozess endgültig zum Gesamtkunstwerk verschmolzen sind: auf den Königsplatz.

Dort thront ein eckiges, sandfarbenes Holzplateau über der kreisrunden Kasseler Mitte, lang und breit wie ein Haus, wuchtig und höher als die Oberleitungen der Straßenbahn. Kein Unwissender käme auf die Idee, dass aus diesem Holz die Waffen in einem Kulturkampf geschnitzt sein könnten. Dass hier am finalen Schulterschluss der lokalen politischen Elite mit der documenta gezimmert wurde. Dass sich auf diesem Platz die Frage entscheidet, welches Kassel wem gehört. Und das kam so: Eine Stadtbaurätin mit dem Ruf, Kassel zu dürftig zu finden, schrieb für den Königsplatz einen ihrer vielen Wettbewerbe aus. Ziel: die Rückgewinnung eines Charakterkopfes für den etwas konturlosen Leib der Innenstadt. Leergeräumt und leicht geneigt sollte er wieder sein wie sein barockes Vorbild von 1766, von edlem Stein, mit einem Kranz aus Platanen, ohne den Mundgeruch aus den Würtschenbuden, ohne den Schweiß vom Wochenmarkt. Und halt mit einer Portion Überblick, der hölzernen Aussichtsplattform.

Doch der Hamburger Landschaftsplaner Gustav Lange, mit dem Facelifting beauftragt, hatte seine Skizzen kaum ausgepackt, da wurde überall im Umkreis schon nach den Sägen gesucht. Unterschriftenlisten der Contras aus der Geschäftswelt kursierten. „Die Bratwurst-Mafia“, sagt der Professor, „war dagegen.“ Verzagte Parteifreunde der Baurätin Christiane Thalgott sannen darauf, das monumentale Möbel mit einem einleuchtenden praktischen Nährwert zu versehen: die kühne Absicht mit einem Bistro zu schützen, wenigstens mit Behindertentoiletten. Planer Lange aber wollte das funktionsfreie Gebäude auf freiem Terrain. Einfach ein Stück Kassel auf höherem Niveau.

Während hartnäckige Bürger, um den ganzen Plan noch zu vereiteln, an den aus Indien importierten Steinen nach Spuren von Kinderarbeit fahndeten, reifte im Rathaus schließlich die rettende Idee. Jan Hoet, der König des Zeitgeschmacks, der Fremde aus Belgien, der Neutrale, sollte sprechen: Kunst oder Nichtkunst, was Frau Thalgott da auf dem Königsplatz inszenieren wollte?

Und Hoet sprach: Kunst.

Der Durchbruch. Die Bauarbeiter legten Nachtschichten ein, und Hoet nahm Lange und den Königsplatz in den documenta-Katalog auf. Seite 320 f. Über eine wuchtige, hölzerne Treppe mit sandfarbenem Geländer steigt am 13. Juni, Eröffnungstag der documenta, kurz nach elf Uhr morgens der Oberbürgermeister Wolfram Bremeier auf die Plattform hinauf, und oben stehen schon ein paar, die rufen: „Es lebt! Es lebt!“ Ein „wunderbares Gefühl“, ergreift den Oberbürgermeister, seine Entscheidung durchgehalten zu haben - auf einer Basis von zunächst höchstens „zehn Prozent Akzeptanz“. Aber jetzt, so umgeben von freundlichen Bürgern mit Videokameras , sonnenbeschienen, ist er sich sicher: „Das wird angenommen.“ Mehr noch, ab heute glaubt er den Professor Lange zu verstehen, der immer schon ahnte: „In Kassel beginnt der Süden.“

Der Wirt vom „da Bruno“ schleppt Champagner aufs Podest, und für einen langen glücklichen Moment lassen Bürgermeister und Bürger, Dezernenten und Pressereferenten ihre Blicke über den schönen, neuen, aufgeräumten Platz, über Passanten und Flaneure schweifen und hinein in die Seitenstraßen und hinüber zu den Türmen dieser Stadt. „Das ist nun mal der Ort der Kasseler“, sagt Frau Thalgott milde. Inzwischen ist sie Ex-Baurätin, aber noch einmal aus München angereist, um auf ihre Hinterlassenschaft zu sehen. Ja, nun, in der Retrospektive, kann sie die Furcht der kleinen Seelen vor dem großen städtebaulichen Entwurf sogar verstehen. „Das ist, wie wenn man einem Kind sein Schmusetuch wegnimmt und in die Waschmaschine wirft“, sagt sie: „Es schreit. Aber hinterher ist alles okay.“

Sie will sich gerade dem Kollegen Nachfolger zuwenden, da fragt ein Bürger von der Seite: „Kommen die Bratwurst-Buden wieder auf den Platz?“ „Nein!“ stöhnt Frau Thalgott, „nie mehr.“

Eine Woche später spielen die „Rodensteiner Herzbuben“ auf dem Königsplatz, und es riecht nach Senf und Pils vom Fass. Einweihung einer Ladenpassage. Der Kampf geht weiter.

„Dies ist eine absonderliche Stadt“, sagt Martin Schmitz: vielleicht der einzig denkbare Rückraum für die documenta. Eine Stadt auf der Suche. Ein Laboratorium. 1987 kehrte Schmitz aus Berlin nach Kassel zurück. Seine Galerie am Pferdemarkt ist 24 Quadratmeter groß: eine ehemalige Trinkhalle. Im Fußboden haben die Absätze des Mannes, der hier jahrzehntelang Flaschenbier durchs Fenster reichte, zwei kleine Mulden hinterlassen. Die Bierreklame an der Außenfront hängt Schmitz nicht ab. „Aus denkmalschützerischen Gründen.“ Aber wenn die Leute von nebenan durch die Scheibe linsen, etwa die Krauses von schräg gegenüber, die einmal, vor zehn Jahren, Besuch von dem Herrn Beuys erhalten haben - dann sehen sie auf „Die tödliche Doris“. Oder verstehen nur „Susi Pop“.

Nicht dass sie ihn alle schon zum Kaffee eingeladen hätten, aber wenn der junge Herr Schmitz mit diesen schwarzen Klamotten und diesem roten Haar, das er ja hat, Werkzeug braucht, dann sind sie zur Stelle. Und manchmal muss Schmitz sogar aufpassen, dass seine Galerie nicht als Nachbarschaftsladen missverstanden wird, während sich der Besuch aus Stuttgart gerade über Tabea Blumenschein austauschen will.

Am Abend ist der „Portikus“ Frankfurt bei Schmitz zu Gast. Direktor Kasper König, ein bisschen Szene, der Professor aus Wien, die Autorin aus Hamburg, der Fotograf aus München. Gespräche über Kabakov und Kelly. Akkordeon-Improvisationen. Da kommt eine Dame in Hausschuhen vorbei. Sie sagt „ich bin die Frau Schäfer aus der Schäfergasse“, gleich nebenan, und drückt Schmitz einen Zehn-Mark-Schein in die Hand. „Weil es so schön ist, dass hier mal was passiert.“