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Ab heute reicht es, gut zu sein
Oskar Holzberg

Perfekt war gestern! Ein Plädoyer für ein entspannteres, zufriedeneres und glücklicheres Leben von BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg.

Er sah mich erstaunt an, als ich aufstand und zu ihm sagte, ich schriebe jetzt ein Rezept für ihn. Psychotherapeuten schreiben keine Rezepte. Außerdem ging es ihm nicht so schlecht, dass er ein Medikament brauchte. Er hatte nur ein Problem.
Seine Examensarbeit - er schrieb sie einfach nicht zu Ende. Das allerdings seit acht Jahren. Er hatte seine Freiheiten, und er genoss sein Leben.


"Ich möchte einen Vertrag mit Ihnen machen", sagte ich. "Ich möchte, dass Sie von jetzt an nicht mehr schauen, ob das, was Sie schreiben, gut ist." - "Es soll nicht gut sein?", er sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Achseln und gab ihm den Zettel mit meinem Rezept.
Darauf standen nur zwei Worte. GUT GENUG.


Das richtige Leben ist anderswo. Das muss so sein.


Denn im richtigen Leben besiegt das Laufband den Bauchspeck, und Menschen haben immer den günstigsten Handy-Tarif. Im richtigen Leben spielen Frauen stundenlang mit ihren Kleinkindern Schneckenrennen und sind doch sexy. Aber in unserem Leben ist das nicht so. In unserem Leben fehlt immer etwas. Wenn es nicht der sensible Mann mit Knackarsch ist, dann der Job in der Top-Agentur oder ein japanisches Hybrid-Coupé. Am meisten fehlt immer an uns selbst.


Denn obwohl wir gern ein Schild mit der Aufschrift "Wegen Überfüllung geschlossen" vor unser Leben hängen möchten, sind wir ständig im Minus. Nicht schlank, nicht durchsetzungsfähig genug. Nicht genug Sex, nicht genug Zeit, nicht genug Sport. Unsere kleine Welt wird an den globalen Schönheits-, Erfolgs- und Partnerbörsen verglichen, an denen wir durch die Medien teilhaben. Wir schicken unseren Po gegen Jennifer Lopez' Hinterteil und unsere Erfolge gegen die von Harry Potters Mama Joanne K. Rowling ins Rennen. Und haben längst keine Chance mehr, in unserem Leben so richtig gut dazustehen.


Schon neben den alltäglichsten Produkten, die uns perfekt gestylt und aufwändig designt ständig umgeben, sehen wir einfach scheiße aus. Wir müssen uns nur einmal einen ganz normalen Mann vorstellen und ihn neben sein Auto platzieren. Aber, und da müssen wir jetzt gemeinsam durch, wir stellen ihn uns nackt vor. So, wie Gott ihn schuf, und mit dem, was der Zahnarzt und die Schönheitschirurgen von ihm übrig gelassen haben. Die Falten und Fältchen, die krummen Zehen, die ungleich hohen Schultern, die kringeligen Haare, der ganze Schwurbel und Schwabbel. Und neben ihm die klaren Linien aus Chrom, Glas und glänzendem Lack. Makellos, dynamisch, durchgestylt.
Der Mann hätte keinerlei Chance, gut auszusehen.


Selbst Brad und Angelina hätten, ungeschminkt und unretuschiert, keine verdammte Chance.


Unbewusst ist also unser Blick, mit dem wir auch auf uns selbst schauen, an unerbittlicher Optimierung geschult. Doch zusätzlich versucht ja auch noch eine ganze Horde von Optimierungslogikern, Politikern, PR-Agenten, Controllern und Coaches uns ständig davon zu überzeugen, dass gut genug nie, niemals gut genug sein kann. Sondern dass alles, wir eingeschlossen, immer leistungsfähiger und immer besser werden muss. Woher sollen wir da noch das Gefühl haben, richtig zu sein? Stimmig. Okay. Zufrieden mit uns selbst. Heiraten, Kinder bekommen, arbeiten und eine ehrbare Person sein: Das war vielleicht vor hundert Jahren ein Ziel. Heute klingt das eher wie der bedauernswerte Lebensplan eines Losers.


Wir sind darauf eingeschworen, alles zu wollen. Das Beste aus uns und unserem Leben zu machen.


Dummerweise gibt es zu jedem Besten immer noch ein Besseres, und wir stecken in der Falle. Ein paar Gramm könnten auch von der vollendetsten Hüfte runter, selbst Tiger Woods kann seinen Golfschwung noch verbessern. Eben war das neue Notebook noch unglaublich, schon ist es uns zu langsam. Kaum führen wir unser Kenzo-Top auf die Piste, schon wandern unsere Wünsche zum nächsten Designer-Teil. Anpassung und Gewöhnung nehmen notwendigerweise allem den Glanz, löschen den Traum aus dem Traummann, verwandeln unsere großartige It-Bag in eine ganz normale Tasche. Eine nie endende Jagd. Die uns durch die Shopping-Center und Discos unseres Planeten treibt. Was wir dort suchen, sind aber weder Tasche noch Geliebter, denn die besitzen wir ja bereits, sondern die Lust, die Freude, die wir zuerst mit ihnen verspürt haben. Und die wird mit jedem Modell, das die Vorgänger toppt, immer schwieriger zu erreichen.
Endlos und mit stetig wachsendem Eifer strampeln wir uns nach dem unerreichbaren Ziel des besten aller Leben ab. Und immer mehr Menschen werden darüber erschöpft und depressiv, wie jede Statistik zeigt.


Doch statt unsere Anstrengungen stets weiter und weiter zu vergrößern, können wir auch den anderen Weg gehen. Wir können unsere Ansprüche verringern - vom Besten hin zu "Gut genug".


"Ich weiß nicht, ich bin echt nicht gut in meinem neuen Job mit den Kindern. Ich wache manchmal auf und habe Angst, dass ich das alles nicht schaffe." Margret kennt ihre selbstentwertende Seite. Sie ist streng mit sich. Unerbittlich, fast perfektionistisch. Sie weint. "Angenommen, du könntest es wirklich nicht besser machen, du könntest es nur so machen, wie du es gerade machst", sage ich, "könnte das, was du tust, für deine Kinder gut genug sein?" Die Kraft der Idee von "Gut genug" liegt darin, dass "Gut genug" eine Beziehung herstellt. "Gut genug". . .Wofür? . . .Um was zu sein? . . . Um was zu erfüllen? Wenn wir danach fragen, ob etwas gut genug ist, dann orientieren wir uns an den Notwendigkeiten und Bedürfnissen. Ein einfaches Beispiel: Angenommen, wir finden uns in der Einkaufszone wieder, drei schwere Tüten links, zwei Taschen rechts, genervt, erschöpft und überstimuliert haben wir nur noch einen Gedanken - Kaffeepause! Drei Schritte, und wir könnten im nächsten Imbiss ein kaffeeähnliches Gebräu in uns hineinschütten. Ganz am anderen Ende der Shopping- Meile dagegen bereitet Luigi den besten Cappuccino der Stadt. Wie entscheiden wir uns?


Wissenschaftler unterscheiden bei solchen Entscheidungen zwei Typen: die "Maximierer" und die "Befriediger".


Maximierer würden die Socken qualmen lassen, um zu Luigi zu eilen. Maximierer wollen immer das Beste. Sie klappern alle Boutiquen ab, bis der optimale Pullover gefunden ist. Maximierer geben sich nie mit dem Zweitbesten zufrieden. Befriediger dagegen orientieren sich nicht an dem, was bestenfalls möglich wäre, sondern an dem, was sie gerade brauchen, was ihre jeweiligen Bedürfnisse erfüllt. Und das könnte auch der Cappuccino aus dem Schnellimbiss sein. Befriediger handeln viel eher nach dem Grundsatz des "Gut genug". Wissenschaftler fanden heraus, dass Maximierer unglücklicher sind als andere Menschen und eher zu Depressionen neigen. Denn die Jagd nach dem Besten führt in den sinnentleerten Gigantismus des "Guinness Book of Records". Es ist die endlose Frage nach dem längsten Schwanz. Der ja vielleicht sogar noch auffindbar ist. Aber der beste???


Das Prinzip des "Gut genug" ist dagegen ein Stückchen Weisheit. Die Erleuchteten aller Kulturen werden nicht müde zu betonen, dass wir Glück, Befreiung und Zufriedenheit nicht draußen in der Welt, sondern in unserem Inneren suchen müssen. Wenn wir beginnen, uns aus dem Blickwinkel des "Gut genug" zu betrachten, gehen wir diesen Weg. Denn "Gut genug" ist ganz allein in uns zu finden. Es ist ein Maßstab, der nur in und für uns existiert. Er macht uns unabhängig.


Donald D. Winnicott, ein englischer Kinder-Psychoanalytiker, ist so etwas wie der Schutzheilige des "Gut genug". Er schenkte Müttern die grandiose Einsicht, dass es gar keine gute Mutter gibt. Sondern immer nur eine Mutter, die gut genug ist. Und dass alle Mütter, bis auf ein paar ganz verheerende Ausnahmen - Mütter, die psychisch schwer gestört sind -, gut genug sind. Gut genug mit all ihren Schwächen, mit all ihren Macken, um ihren Kindern ausreichend Liebe und Anregung zu geben, damit sich die Kleinen entwickeln können. Und dass die angestrengt gute Mutter weder erforderlich noch erwünscht ist.


Ich habe noch keine Mutter getroffen, der nicht augenblicklich einige Tonnen "Mache ich als Mutter auch alles richtig?"-Stress von der Seele donnerten, sobald sie dachte, dass auch sie gut genug sei. Nicht Mrs. Perfect, keine Übermutter. Einfach Mutter. Gut genug.
Was für Mama gilt, gilt natürlich genauso für Väter.


Und wenn wir uns selbst betrachten, dann gilt es doch auch meistens für uns als Liebende, als Partnerin, Lehrer, Freundin. Als Lernende und Übende. Gut genug zu sein ist ein Fest für die Seele. Es ist wie Zu-Hause- Ankommen. Du atmest tief durch, die Tür fällt hinter dir ins Schloss, du hast genug getan. Du darfst du selbst sein. Es ist jener Augenblick, wenn die nette innere Stimme nach vorn tritt und sagt: "So ist es gut, das reicht so, wie es ist. Okay so!" Es ist, als würden wir uns selbst mit den Augen eines guten Freundes ansehen, der uns liebt, auch wenn er um unsere Fehler weiß.


Der milde Blick des "Gut genug" bereichert das Leben. Denn sehr selten ist etwas nur gut oder nur schlecht. Aber wir sind daran gewöhnt, nach bester Qualität zu schauen. Jede neue Fernsehshow, jedes Automodell, jeder neue Mann im Leben schwebt zwischen top oder flop. Weil aber top sehr selten ist, floppt das Leben so vor sich hin.


"Gut genug" ist auch der Vorschlag, das Leben nicht zwischen "hammergeil" und "derb scheiße" zu vergeuden. Sondern uns und dem gewöhnungsbedürftigen Neuzugang in unserem Bett eine Chance zu geben.


"Gut genug" ist also einerseits eine Strategie, um mit vertretbarem Aufwand an einen vernünftigen Kühlschrank zu kommen. Oder einen Partner zu finden, der bleiben darf. Aber wirklich kostbar ist "Gut genug" für den eigenen Seelenfrieden. Denn in unserer Seele hausen Dämonen, die "Introjekte", wie die Psychologie sie nennt. Das fiese Über-Ich, das immer unsere Kinderseele, unsere schwächste Stelle, angreift. Der unbarmherzige innere Kritiker, der nie ein gutes Haar an uns lässt. Der alles vergiftende Perfektionismus. Mamas kritische Anmerkungen, Papas schweigende Missbilligung.


Sobald diese Dämonen Macht gewinnen, finden wir normalerweise, dass wir wie ein Frosch mit Alkoholvergiftung aussehen, wir schreiben unsere Examensarbeit zum achten Mal um, und der Rock, für den wir gestern noch begeistert unser Konto überzogen haben, sieht heute aus wie ein Topflappen aus der Currybude. Kurz: Wir können uns nicht ausstehen.


Nun ist es verdammt schwer, diese inneren Stimmen zu entkräften. Sie behaupten, wirseien nicht liebenswert. Und solange wir uns daraufhin abscannen, ob wir wirklich liebenswert sind, werden wir immer etwas finden, was dagegen spricht.
Denn die "Arschloch!"-SMS" an Dieter war echt nicht liebenswert, und auf der Vernissage so viel Caipirinha in uns reinzuschütten, dass wir ins Taxi spucken mussten, auch nicht. Wir können uns immer etwas vorwerfen. Aber sobald wir uns danach bewerten, ob wir liebenswert genug sind, wird es wesentlich leichter. Liebenswert genug sind wir auch dann noch, wenn wir schüchtern wie ein Maulwurf sind und noch immer Britney Spears auf dem iPod haben. Befragen wir unseren Badezimmerspiegel danach, wer die Schönste im ganzen Land ist, müssen wir Schneewittchen sein - oder an unserem Aussehen verzweifeln.


Wenn wir uns aber fragen, ob wir hübsch genug sind, um einen Partner finden zu können, dann kann sich Verzweiflung in Begrenztheit auflösen.


"Gut genug", so werden viele einwenden, sei die Einladung zum Mittelmaß. Ein Nein zur wahren Erfüllung.
Aber das Gegenteil ist richtig. Es geht nicht darum zu verhindern, dass wir uns anstrengen und Leistungen bringen. Es geht nicht darum, entweder aktiv zu werden oder uns gut genug zu finden und dann schlaff vor uns hinzugammeln. Uns gut genug zu finden ist kein Zurückweichen vor Leistung, es ist die Voraussetzung, die Grundlage, auf der sie möglich ist. Denn unser gesamtes Selbstwertgefühl ist eine Wertung. Und nur wenn wir uns annehmen, uns "gut genug" finden, sind wir überhaupt handlungsfähig.


Kein Kunstwerk würde existieren, wenn Rembrandt, Beethoven oder John Lennon sich nicht irgendwie gut genug gefühlt hätten und ihren Werken ein inneres Okay gegeben hätten. "Gut genug" ist keine Resignation, weil wir es nicht besser schaffen können.
Sondern unser Judo-Griff gegen unser Ich-Ideal. Das Ich-Ideal sagt uns, wer wir sein sollten, um all unseren Ansprüchen zu genügen. Wenn wir unserem Ich-Ideal erlauben, uns zu beherrschen, dann senkt sich die dunkle Macht über unsere kleinen Häupter.


Wer sich dafür entscheidet, nach Lösungen zu suchen, die gut genug sind, erspart sich quälende Selbstvorwürfe, erlöst sich von endlosen Shopping-Orgien und sinnlosen Anstrengungen. "Wahrscheinlich können wir unsere Lebensqualität durch die Kontrolle unserer Erwartungen nachhaltiger beeinflussen als durch irgendwelche anderen Maßnahmen", fasst der amerikanische Psychologe Prof. Barry Schwartz seine Auswertung der Erkenntnisse der psychologischen Glücks- und Entscheidungsforschung zusammen.


Doch nicht nur der Verstand und die Psycho-Innung empfehlen regelmäßig, "Gut genug" anzuwenden.


Auch unser blauer Planet ist dafür. Durch unsere maßlose Gier und das durchgeknallte Wettrennen um das immer Bessere haben wir ihn an den Rand des Öko- Kollapses gebracht. Wenn wir jeder Menschenmutter zugestehen, "gut genug" zu sein, dann auch Mutter Erde. Wir brauchen sie nicht perfekt zu machen. Auch die Evolution sucht nicht den Besten aus, sondern den, der am besten an seine Umwelt angepasst ist - nicht perfekt, aber gut genug zum Überleben. Es spricht überwältigend viel dafür, dass wir im Streben nach Mehr und Besserem nicht überleben werden. Denn auch das Leben ist nicht immer gut. Aber doch immer überwältigend gut genug.